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legung dieſer Worte iſt eben keine„Anführung einer Thatſache,“ ſondern entweder ein wirkliches oder ein abſichtliches Mißverſtändniß, das zurückzuweiſen oder aufzudecken jener unzweifelhaft berechtigt iſt; nur kommt es darauf an, ob das in parlamentariſcher oder unparlamen⸗ tariſcher Weiſe geſchieht. Gleichviel, welcher von beiden Fällen hier vorliegen mag, Herr Hofmann iſt ſofort zu einer Entſchuldigung be⸗ reit, indem er artig erklärt:„Ich habe durchaus nicht die Bemerkung in dem Sinne gemacht, hier dem Herrn Abg. Braun nur nahe zu treten; wenn es aber dennoch geſchehen ſein ſollte, ſo kann ich nur ſagen: es iſt mir leid!“ Und zum Ueberfluß gibt er Dr. Braun noch weitere Revanche, indem er ſich von ihm, den er eines Mißver⸗ ſtändniſſes geziehen, jetzt zweimal einen Irrthum nachweiſen läßt, den er in Betreff des franzöſiſchen Handelsvertrages begangen.
Herr von Oheimb endlich iſt der Cabinetsminiſter und Bundes⸗ commiſſar von Lippe⸗Detmold, zugleich der Abgeordnete für das Fürſtenthum, weshalb er nicht am Tiſch der Bundescommiſſare, ſon⸗ dern unmittelbar davor unter den Mitgliedern der Rechten des Hauſes ſitzt. Von ihm läßt ſich nur ſagen, daß er im Staatsdienſt auch bereits grau und etwas kahl geworden, ſonſt aber noch eine hohe, musculöſe Geſtalt mit ſtattlichem Schnauzbart und ziemlich unge⸗ furchter Stirne iſt. Auch Herr von Oheimb hatte bereits ein Ren⸗ contre zu beſtehen, nämlich mit dem Abgeordneten für den 5. Berliner Wahlkreis, Herrn Franz Duncker, worin dieſer aber entſchieden unterlag. Herr Franz Duncker iſt bekanntlich der Verleger der „Volkszeitung“ und hat auch ſeine gegenwärtigen Collegen mit einem„Parlaments⸗Almanach“ bedacht. Er ſitzt auf der äußerſten Linken in einer Reihe mit Waldeck und den beiden Wiggers und ſchon ſein Aeußeres beurkundet den Demokraten comme il faut, nämlich ſo zu ſagen eine geniale Burſchikoſität. Wie es ſeinen 45 Jahren zukommt, ſind ſeine Bewegungen noch raſch und lebendig, Haupt⸗ und Barthaar dagegen unter den Anſtrengungen der praktiſchen Po⸗ litik einerſeits und des Verlagsbuchhandels andrerſeits ſchon ſtark ergraut. Das Haar wallt in langen, dichten Locken nieder, und auch der auf die Bruſt fallende grauröthliche Bart iſt mächtig und ge⸗ kräuſelt, der Kopf überhaupt ausdrucksvoll und geradezu ſchön. Dieſer Kopf läßt Herrn Duncker, wenn er ſitzt, weit bedeutender erſcheinen, als er wirklich iſt; ſobald er ſich erhebt, tritt in der ganzen Figur ein entſchiedenes Mißverhältniß hervor, denn der Rumpf iſt gegen das Haupt zu kurz, die Bruſt zu ſchmal und der Unterkörper noch ſchmäler, ſo daß das Piedeſtal unter ſeiner Laſt zu ſchwanken ſcheint. Herr Franz Duncker betrachtet ſich als gebornen Vertreter des eigentlichen Volkes, nämlich der großen Durchſchnittsmaſſe: in ſeinem Verlage erſcheint das„Organ für Jedermann“; er iſt Vor⸗ ſitzender des großen Berliner Handwerkervereins; noch in der letz⸗ ten Wahlverſammlung zum Reichstag verſicherte er feierlichſt,„das Volk nicht verlaſſen zu wollen,“ und das dankbare Volk verſchaffte ihm demzufolge den Sieg über ſeinen Gegencandidaten, General Herwarth von Bittenfeld. Auch im gegenwärtigen Parlament erhob ſich Herr Franz Duncker ſchon in der 3. Sitzung für die große, hei⸗ lige Sache des Volkes, indem er beantragte— die Wahl des Herrn von Oheimb zu beanſtanden. Er hatte nämlich grauſige Entdeckun⸗ gen gemacht über Wahlbeeinfluſſungen, Wahlbeſtechungen und Stimm⸗ zettelfälſchungen, die zu Gunſten des Herrn von Oheimb geſchehen ſein ſollten und die er jetzt mit tiefer Indignation vor dem Hauſe entfaltete. Leider fehlten ihm für dieſe Schauerthaten alle poſitiven Beweiſe, er hatte nur Gerüchte und theilweis anonyme Denuncia⸗ tionen. Dennoch willfahrte das Haus ſeinem Verlangen und be⸗ ſchloß eine nochmalige Prüfung der Wahl. In der 7. Sitzung kam die Angelegenheit zum Austrage. Die betreffende Abtheilung be⸗ antragte auch jetzt die Gültigkeitserklärung der Wahl, denn die vor⸗ gebrachten Beſchwerden waren ihr theils ſehr nebenſächlich und un⸗ erhärtlich erſchienen, theils hatten ſie nicht erwieſen werden können. Vergebens beſchwor Herr Franz Duncker die Verſammlung, die Wahl noch ferner zu beanſtanden,„ſonſt vernichte ſie die Wahlfreiheit und das Geheimniß der Wahl, ſonſt lege ſie die Axt an die Wurzel ihrer eigenen Exiſtenz“:— das Haus ſchien das nicht glauben zu wollen, nicht begreifen zu können, zumal nachdem es Herrn von Oheimb ſelbſt gehört hatte. Während es ſonſt gebräuchlich iſt, daß bei der Wahl⸗ prüfung der betreffende Abgeordnete ſich entfernt, blieb Herr von Oheimb ruhig im Saale und verlangte ſogar nach Herrn Duncker das Wort. Er vertheidigte ſich ſelber oder, beſſer geſagt, er ver⸗ theidigte ſeine Wähler, den Charakter ſeiner Landsleute und den der
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beſchuldigten Lippeſchen Beamten. Er ſprach ruhig und klar, ruhiger
und klarer als Herr Duncker, aber mit nicht minderer Indignation, indem er nachwies, daß jene Beſchuldigungen theils unwahr, theils ſogar unmöglich ſeien, daß ſie auf„bodenloſen“ Denunciationen be⸗ ruhten, hervorgerufen durch die öffentlichen Aufforderungen des ſo⸗ genannten demokratiſchen Central-⸗Wahl⸗Comittees, dem eben auch Herr Duncker angehöre; der Aufforderung,„überall nachzuſpüren, ob Beeinfluſſungen der Wahl durch die Beamten oder andere Un⸗ regelmäßigkeiten vorgekommen ſeien;“ daß die Denuncianten auch bei den kühnſten Behauptungen nichts zu riskiren hätten, an den Ver⸗ dächtigten aber immer etwas hängen bleiben werde. Herr von Oheimbs Rede und Auftreten, die beide von Geradſinnigkeit über⸗ haupt und von einem guten Gewiſſen für den beſonderen Fall zeug⸗ ten, machte auf das Haus einen durchſchlagenden Eindruck, und es erkannte mit großer Majorität, darunter auch die meiſten Liberalen, ſeine Wahl für gültig an. Herr Franz Duncker wollte die„boden⸗ loſe Denunciation“ auf ſich perſönlich beziehen, wurde aber von dem Präſidenten mit der Verſicherung beruhigt, daß ſie nach ſeiner Auf⸗ faſſung nur der Sache gegolten habe, indem Herr von Oheimb un⸗ möglich einen ſeiner Collegen für einen„bodenloſen Denuncianten“ halten könne. Um noch einmal auf Herrn Duncker zurückzukommen, ſo weiß man nicht, ob er größer als Politiker oder als Buch⸗ händler iſt. Seine Collegen, die Buchhändler, halten ihn mehr für einen Politiker, und die Politiker ſollen ihn mehr für einen Buch⸗ händler halten. 1
Unter den neu eingetretenen Mitgliedern befindet ſich der ſieg⸗ reiche Führer der Elbarmee, GeneralHerwarth von Bittenfeld. Die Hauptſtadt der preußiſchen Monarchie, die Stadt der Intelligenz zog ihm den Buchhändler Franz Duncker vor, und ſo kam er erſt bei einer Nachwahl in der Provinz ins Parlament, wo mit ſeinem Eintritt
nunmehr die ſämmtlichen großen Feldherren des letzten Krieges und,
mit Hinzurechnung der beiden Miniſter Roon und Bismarck, die „Sechs Donatare der Nation“ ſitzen. Der General hat ſeinen Platz auf der vorderſten Bank der Rechten, nimmt ihn aber ſelten ein, vielmehr ſteht er gewöhnlich im Gange zwiſchen dem rechten Centrum und der Bank der Bundescommiſſare. Hier ſteht er ſtill und ruhig, die Hand auf den Degen geſtützt oder auch die Arme loſe herunter⸗ hängend. Er iſt eine ſchlanke, greiſe, aber noch ungebeugte Geſtalt mit kleinem Kopf, dünnem, grauen Haar, gleichfarbigem Schnurrbart und grauen, milden Augen. Stille Sanftmuth und anſpruchsloſe Milde iſt der Ausdruck ſeines Geſichtes, der ſich faſt immer treu bleibt; auch bei den ſtürmiſchſten Debatten, inmitten der größten Unruhe und ausgelaſſenſten Heiterkeit bewahrt er ſeine ernſte, auf⸗ merkſame Haltung.
Mitten auf der äußerſten Rechten hat auch ein anderer Militär ſeinen Platz und auch er ſteht meiſt aufrecht da. Es iſt der Frei⸗ herr von der Goltz, Oberſt vom 15. Infanterieregiment, jetzt Abgeordneter für den Wahlkreis Minden⸗Lübbecke. Der Orden pour le mérite, welchen er unter dem Halſe trägt, zeugt von ſeiner Bravour, die er ſchou 1864 in Schleswig und neuerdings bei Kiſſin⸗ gen bewies. Von gedrungenem, breitſchultrigem Wuchs mit hoher gewölbter Bruſt und einem runden, vollen, friſchgerötheten Geſicht, ſieht er mindeſtens zehn Jahre jünger aus, als er wahrſcheinlich zählt, denn ohne den millitäriſchen Rang, welchen er bekleidet, könnte man ihn kaum für einen angehenden Vierziger halten. Auch er ſpielt meiſt den ſtummen, aufmerkſamen Zuſchauer und Zuhörer, ſtimmt jedoch häufig aus vollem Herzen in ein auf der Rechten oder Linken ausbrechendes Gelächter ein.
Wenn ſich bei gewiſſen Abſtimmungen auch das geſammte Haus wie ein Mann erhebt, bleiben doch faſt immer einige Bänke hart⸗ näckig ſitzen, als ob die Verhandlungen ſie gar nichts angingen, in ihrer Unterhaltung oder bei ihrer Lectüre verharrend. Es ſind die Polen und die Dänen. Dieſe, nur zwei Mann ſtark, nehmen die vorletzte Bank der äußerſten Rechten ein; während jene, etwa 10 bis 12 an der Zahl, auf der zweiten, dritten und vierten Bank der äußer⸗ ſten Linken ſitzen. Beide Gruppen betrachten ſich als Fremde in dieſem Saal; ſie ſind hier nur widerwillig und halb gezwungen er⸗ ſchienen; ihre Anweſenheit iſt weiter nichts als eine Demonſtration zur ſogenannten däniſchen und polniſchen Frage, eine Proteſtation gegen die deutſche Nation überhaupt und den Norddeutſchen Bund insbeſondere. Nur an einem Tage erſchienen auch ſie auf dem Kampf⸗ platz der Tribüne, aber zu ihrem Schaden: ſie wurden ſo völlig be⸗


