Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
434
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mittelbare Nähe dieſes Menſchen reizte meine Nerven zu ſehr, und ſchon wollte ich aufſtehen und mich entfernen, als einige Phraſen der Unterhaltung, die ich zu hören gezwungen war, mich unwiderſtehlich an meinen Platz feſſelten.

Und ſo wird Deine Mutter gleichfalls nach Turin ziehen? fragte der Begleiter des Cavaliere.

Wahrſcheinlich in einigen Monaten, erwiderte jener.

Und wird ſie mit Dir beim Obriſten wohnen?

Nein, das würde nicht gehen; ſie wird eine Wohnung in dem Hauſe, welches ich mir in der Straße Dora groſſa gekauft habe, be⸗

iehen.... 1Ein Haus, Du? Menſch, Du träumſt?

Ja ſo, Freundchen! ich habe ſeit einigen Jahren eine ſchnellere Carriere gemacht, als wenn ich in den Bureaux des Mi⸗ niſteriums verkommen wäre!....

Ich ſehe, daß der Obriſt....

Ja, der Obriſt hat für mich nur eine ſchlechte Eigenſchaft....

Und die wäre?

Eine eiſerne Geſundheit! wahrhaftig, der Menſch kann noch zwanzig Jahre leben und der Geier ſoll mich regieren ſo viel iſt ſeine Erbſchaft doch nicht werth, daß ich mein ganzes Leben hindurch ſeinen unterthänigſten Diener ſpiele! Deshalb habe ich bei Zeiten angefangen,.... ihn zu beerben, und wenn es mir zu toll wird, laß' ich den alten Narren ſitzen...

Iſt er denn wirklich ſo närriſch wie man ſagt?

Ach, was, närriſch! Er iſt ein vermaledeiter Briccone.

Ein plötzliches heftiges Geränſch in der Richtung des Sprechen⸗ den veranlaßte mich den Kopf herumzudrehen! Ich ſtieß einen Ruf des Erſtaunens aus! Der Cavaliere ſchien faſt gänzlich unter einem Journale vergraben, denn die großen Blätter derPerſeve⸗ ranza bedeckten ſein Geſicht, von dem ich einige Blutstropfen rinnen ſah..... Ein Mann, den ich vorhin kaum bemerkt, der Zeitungs⸗ leſer in der Ecke ſtand mit zornſprühenden Augen und bebender Lippe nahe dem Tiſche, an welchem der Cavaliere ſaß, dem jener, wahrſcheinlich von einem heftigen Zorn ergriffen, das Journal, wel⸗ ches er gerade las, an den Kopf geworfen hatte. Sicherlich war es der Halter mit meſſingener Schraube, welcher den Cavaliere leicht geſtreift hatte.

Elender Hallunke! rief der Unbekannte,Dein Wohlthäter, der Dich von Armuth und Elend errettet, ein Briccone!....

Der Cavaliere war aufgeſprungen und dem Fremden entgegen⸗ getreten. Doch plötzlich wurde er kreideblaß, trat einen Schritt zu⸗ rück und ſtammelte:Camillo... Du hier.. Du?...

Ja, ich! rief der Major der BerſaglieriDu wirſt mir die Schmähungen gegen meinen Vater mit Deinem Blute be⸗ zahlen!

Doch Salviati hatte ſich ſchon wieder gefaßt, er ſetzte ſich ruhig nieder und ſagte mit ironiſcher Stimme:

Ich werde den Wirth bitten, Sie aus dem Locale zu entfernen, lieber Herr! Sie ſcheinen ſtark ſoupirt zu haben!

Du wirſt mir Genugthuung geben, Elender.... rief der Baron, A d ganzen Körper vor Wuth zitternd.... Ihnen! erwiderte Salviati, hämiſch lachend,einem

weggejagten Officiere wahrhaftig nicht!....

Herr! rief einer derſelben,wiſſen Sie, wo Sie ſind, glauben Sie ſich in einer Schenke am Hafen zu befinden?

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Der Verſtand kam mir wieder, und vor allem wollte ich den üblen Eindruck verſcheuchen, welchen mein Thun auf dieſe Herren hervorgebracht hatte, denn ich begriff, daß alle ſich zu Gunſten des

bei ſeinen ei von Antipat

Cavaliere erklären würden. 1 nicht fin Meine Herren! rief ichhaben Sie die Worte gehört, nachdem an welche dieſer Menſch vor wenigen Augenblicken an jenen Herrn grif uferu

richtete? Und wiſſen Sie, wer jener Herr iſt? Es iſt der Major

mmeiſ von pe⸗ Camillo Ginozzi, welchem der König Carl Albert inmitten des Schlach⸗

m Fürſten

tengetümmels bei Novara mit eigener Hand die goldene Medaille auf ſin würde.

die Bruſt heftete, der einige Stunden ſpäter ſchwerverwundet Scyon u in Gefangenſchaft gerieth und am nächſten Morgen die Viſite des ſcienen zwei Feldmarſchalls Radetzki erhielt, der ihm ſeinen eigenen Arzt ſandte, nüherten ſich! ihm die Hand drückte, und ihm wegen ſeiner Tapferkeit, von der der Offielere hatte greiſe Feldherr gehört, Glück wünſchte.*)...... Haben Sie gehört, Pla nehmen! meine Herren, was jener Menſch von einem weggejagten Officiere farderung. C geſprochen, und wiſſen Sie vielleicht.... Nichſten Morg

Doch die Officiere ließen mich nicht fortfahren alle drängten

Turin zurückr ſich um den Major und ſtreckten ihm die Hände entgegen!

überließen es

Dieſe ganze Scene hatte kaum einige Minuten gedauert, und nanten des C. der Cavaliere war immer noch nicht zu ſich gekommen, ebenſowenig Dieſes! wie ſein Freund, welcher regungslos auf dem Sopha, auf das ich ihn man übereinget geworfen, ſaß. Miajjer ſhießen

Endlich trennte ſich einer der Officiere von der allgemeinen wäre, deKamg Gruppe und näherte ſich Salviati. Wir gaben unſ

Ein Mißpverſtändniß muß hier obwalten, Signore, ſagte hatten, und es er,ich bin der Fürſt Cibo, der Bruder des Cardinale Erzbiſchofs von derſloſſen, als Piſa, bin Hauptmann im Huſarenregimente von Piacenza und Augen ſtand. gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ein jeder Cavalier ſich nur geehrt ulkdigen Offic

fühlen kann, ſeinen Degen mit dem des Barons Camillo Ginozzi zu kreuzen! 2 Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit hatte Salviati ſeine

Hodtel Feder, in Genua Lger

3 halte Sal Achfalls wir

Faſſung wiedergefunden; er ſtand auf, trocknete ſich die we igen Bluts⸗Sind tropfen, die von ſeiner Stirn rannen, und mit faſt ruhiger Stimme Drpen Ainah

ſagte er:-- 13 15 Auf Ihre Verantwortlichkeit denn, Fürſt in einer Viertel⸗ Yun

ſtunde werde ich dem Herrn Baron meinen Secundanten ſchicken!,

Was jenen Menſchen betrifft, er deutete mit dem Finger auf michſo weiß ich noch nicht, was ich mit ihm anfangen ſoll. Er iſt einer jener vielen Deutſchen, die ſich ſeit einiger Zeit in Italien, man weiß nicht warum? herumtreiben und ich muß erſt genauere Erkundigungen über ihn einziehen. Der Streich war mit einer tiefen Perfidie geführt und ganz geeignet, mir die Sympathie der Anweſenden zu entziehen. Es war erſt eine kurze Zeit nach der letzten Revolution von Mailand ver⸗ floſſen, der Groll gegen die Deutſchen wuchs von Tag zu Tag, und die gereizte Volksſtimmung war nur allzu geneigt, in jedem reiſenden Deutſchen einen verkappten öſterreichiſchen Agenten zu ſehen. Doch ich parirte ihn gleich, indem ich ſehr ruhig antwortete: Sie haben mich viele Monate im Hauſe des Obriſten Ginozzi täglich geſehen und ſind noch nicht über micheim Klaren? Das macht Ihrem Scharfſinne wenig Ehre ich wußte gleich, mit wem ich es zu thun hatte!! Uebrigens kann Ihnen der Marquis Palavicini, deſſen Gaſt ich in Pegli bin wie ich der des Obriſten in Turin war, über mich die beſte Auskunft geben!

Der durch ganz Italien ſo hoch geachtete Name des Marquis 1 ſen eſ Na verſchloß dem Cavaliere den Mund, und ehe er den Salon verließ, ich unt ie mußte er noch ſehen, wie Fürſt Cibo auf mich zukam und hören, wie im

er mir ſagte: ei un Mein Herr, ſollte es der Fall ſein, daß Sie wenige Bekannte den. E in Genua hätten und zu dem wahrſcheinlichen Rencontre mit jenem Herrn Secundanten bedürfen, ſo ſtehen meine hier anweſenden Freunde übrü und ich zu Ihrer Dispoſition. Phungt

eunde. nergie

III.

Ich kann eigentlich noch heute nicht begreifen, wie der Cavaliere nun ſchon zum zweiten Male ſo viel ich wußte ſich zu einer dritten Perſon und faſt öffentlich auf ſolch eine rohe Art über den Obriſten Ginozzi zu äußern wagte, denn er war ein ungemein ſcharfſinniger Menſch und mußte doch faſt mit Beſtimmtheit vorausſehen, daß ſelbſt

*) Hiſtoriſch.