Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
422
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die Enten in der Dämmerung vertrauteinfallen. Erfahrung und Geſchicklichkeit erzielen da zuweilen den beſten Erfolg auf belebtem, unterhaltendem Striche. Das Ohr des in der Schießhütte oder durch Gehölz verborgenen Schützen vernimmt erwartungsvoll hier die hohen Fiſteltöne der Flügelſchläge langſam niederſtreichender, dort die brauſende Muſik pfeilſchnell einfallender Enten auf den Tümpeln oder Sumpfplätzen, deren matt vom Abend⸗ oder Früh⸗ himmel beſchienener Spiegel der Erfahrene wo möglich immer mit gutem Wind und gegen Abend oder Morgen in ſeine Front nimmt, um nicht gewittert von den gutwindenden Enten und be⸗ günſtigt durch den Lichtſchimmer, oft mit dem erſten Schuſſe eine draſtiſche Wirkung unter die vertraut eingefallenen Waſchweiberge⸗ ſellſchaften von Stock⸗, Pfeif⸗ und Spießenten anzubringen, und mit einem raſch darauf folgenden eine Nachleſe im aufſtehenden Volke zu halten.

DerHinſtrich oder der Zug nach Süden gibt dem Freunde der Natur auch manche rächende Jagd an den Feinden der lieblichen Sänger und anderen nützlichen Kleingeflügels an die Hand. Der Uhu, auf der Stange an derKrähenhütte angefeſſelt, muß den Popanz bilden für alle Tagvögel, von denen der intelligente Jagd⸗ freund aber angeſichts der Errungenſchaften einer neueren Thier⸗ kunde, die von der handwerksmäßigen Jägerei ſo verfolgten nützlichen Krähen und andere Rabenvögel vor den wüſten Falken wohl zu ſchonen verſtehen wird. Manchen ſogenanntenedlen Falken erreicht dann auf demFallbaum oder aus der Luft im rächenden Hagel der verdiente Lohn für die Unbilden, die er den Sommer hindurch an ſo vielen unſchuldigen Familien aller erdenklichen Vögel⸗ arten verübt hat. Mit Genugthuung verſendet der jede Beute be⸗ nutzende Waidmann ſtatt der berüchtigten nimrodiſchenFänge⸗Liefe⸗ rungen die friſchen Exemplare oder dieBälge ſeltener Räuber, das Muſeumsherz eines Conſervators oder Stubenzoologen damit zu beglücken.

Wenn nicht ſchon früher, ſo entdeckt gewiß nachträglich noch das aufmerkſame Jägerauge den friſchausgeführten(aufgeraum⸗ ten) undeingemooſten(mit Mooslager verſehenen) Winterbau, wo MeiſterGrimmbart ſeine fetteSchwarte(Haut) vom Herbſte her zum Faulbette getragen. Der Dachsfinder hat Ferien, denn die Nachtſuche auf den Dachs iſt vorüber; Dachsgabel undHaube (Fangſack) hängen jetzt beurlaubt in der Kammer, da der Fette vom October her immer mehr Einſiedler und Schläfer geworden und den Bau jetzt nur noch äußerſt ſelten verläßt. Aber der Dächſel ver⸗ richtet wohl jetzt noch hin und wieder ſeine oft ſchweren, bisweilen aber auch ergiebigen Dienſte beim Graben, leider! ſo müſſen wir vorurtheilsloſen Jagdfreunden geſtehen nicht im Intereſſe der Wald⸗ und Feldeultur. Denn der Dachs verdient aus dem ſeitherigen un⸗ bedingten Banne erlöſt zu werden, worin Jäger und mancher Forſt⸗ mann ihn gethan haben. Er iſt ſchuldlos, wie der Igel, an allen Waldſamenräubereien; aber er iſt der Vertilger ſo unzählig vieler ſchädlicher Kerfe, wie der Engerlinge und anderer Inſectenlarven. Für ſeinen erdichteten Schaden an Waldſaaten und für den wirk⸗ lichen an den Weintrauben geſegneter Rebengegenden muß der Harm⸗ loſe ſeine Schwarte hergeben, aber wahrlich nicht zum Ruhme unſeres Waidwerkes!

Jetztiſt's im Walde laut geworden: denn deſſen winterliches Kleid, der Schnee, kracht unter unſeren Tritten vom Froſte. Auf Aſt und Zweig bereift, ſtehen Buche und Ciche, und die Matronen Fichten und Tannen haben ihre Schlafhauben über den Kronen und ihre weißen Mäntel über den ſchlaffen, ſchläfrigen Gliedern. Oede ſtöhnt der Nordwind durch den verlaſſenen kahlen Forſt, und troſtlos dehnen ſich Haiden und Felder. Das ſind des Fuchſes ſchlimme Tage. Auf einſamem Felde liegt derverwitterte(mit einer Ma⸗ terie von beſonderem, dem Fuchſe angenehmen Geruche beſtrichene) und mit Spreu und Schnee überſiebte(eingefütterte)Schwa⸗ nenhals(eiſerne Falle),fängiſch geſtellt mit dem appetit⸗ lichenStellbrocken an derAbzugsſchnur, welche an der Stellung oder an dem zum Stellen der Falle angebrachten Mecha⸗ nismus befeſtigt iſt. Schon iſt der hungernde Reinecke auf demPaß durchs Vorholz getrabt, derAnkirrung oder auch denWitterungsbrocken(Lockbrocken) auf dem Wege zum Eiſen zu lieb, an denen er ſich bereits zwei liebe lange Tage den Appetit ge⸗ waltig gereizt hat. Wie ungenirtnimmt er die vom Jäger neu hingeworfene Witterungsbrockenauf, und wie ein ganz anderer

wird der Hinſchlotternde mit einemmale vor demLagerplatz, worin jetzt ſtatt der ſeitherigen Spreu und der Kirrung das Eiſen fängiſch geſtellt liegt. Wohl nimmt ſein ſchiefes Mongolengeſicht den Stell⸗ brocken wahr, ebenſowohl wittert aber auch ſeine Räubernaſe das Eiſen unter der Spreu und dem Schnee. Begehrend ſitzt er wie ein Hündchen davor, lüſterner und ungeduldig umkreiſt er es in immer engeren Bogen, aber ſtets in ehrerbietiger Entfernung von den Bü⸗ geln der Falle. Nun ſitzt er wieder auf den Keulen. Die Schlau⸗ heit und Vorſicht hat das erſte Stadium der Lüſternheit überwunden. Aber der ſüßduftende Brocken weckt aufs neue den Dränger und Treiber Hunger, der den Verſuchten in ein höheres Stadium der Be⸗ gierde bringt und ihn in neuen Bogen um das Eiſen jagt. Jetzt werden die nächſten Brocken mit der Pfote innerhalb des Bereichs der Bügel behutſam hervorgeholt und verſchlungen der Genuß mit dem obligaten Belecken der Schnauze erzeugt einen neuen, mäch⸗ tigen Antrieb, unter deſſen Gewalt ſich der höchſte Grad der Diebs⸗ begierde entwickelt und den aller Vorſicht Baaren, wie Berauſchten mit einem wahren Salto mortale auf den Brocken an der Stellung fahren läßt, deren Losſchnellen ihm die berühmte Eiſenkrauſe um den Hals zaubert. Dies iſt die gnädigſte Strafe für den Vagabunden. Eine größere Züchtigung erfahren gewöhnlich die vorſichtigeren Diplomaten unter den Füchſen, wenn ſie über dem Verſuche, den Stellbrocken mit der Pfote zu langen, an dieſem Diebsgliede von den zuſchlagenden Bügeln gefaßt werden. Da ſitzt unſer Erzgauner, im aufgeriſſenen Rachen und dem falſchen Blicke Zorn und Wuth über die Ueberliſtung, im zurückgelegtenGehör aber auch nicht minder einen Anflug von Spitzbuben⸗Ergebung bekundend, in das mächtige eiſerne Geſchick, das ihn in der hellen offenen Welt an den Pranger geſtellt. Ob er wohl Gewiſſensbiſſe fühlt über all das unſägliche Elend, das er das Jahr hindurch in ſo vielen Haushaltungen von Thieren aus allen Claſſen gebracht hat? Ob ihm wohl ſeine Schand⸗ thaten in Wald und Feld einfallen, und die Erinnerung daran eine Spur von Reue vor den Richterſtuhl ſeines Gewiſſens bringt? Ich bezweifle es, obgleich ich nicht in ſeine Spitzbubenſeele ſehen kann, und auch dieſe Fragen nicht näher unterſuchen will. Aber ſo viel weiß ich, daß der Gefangene des andern Morgens bei Ankunft des Jägers wie ein ertappter Hauptſünder ausſieht; ſo viel behaupte ich mit Recht, daß der Miſſethäter mit einer gewiſſen Siegesfreude vom Waidmann im Eiſen begrüßt wird. Der ſchlaue Waldſchleicher, der den Kampf der Liſt und Klugheit mit dem Menſchengeſchlechte fortwährend ſo zäh und oft herausfordernd beſteht, er bildet, überliſtet von der Kunſt des Jägers, eben, wie überall auf der kleinen Jagd, die Haupt⸗ trophäe des Waidwerks.

Wie der Schnee Wald und Feld, Berg und Thal, ſo hat das Eis Bach und Fluß und See bekleidet. DerSteig oderAusſteig und der Bau des Fiſchotters wird ausgemacht. Zuweilen wit⸗ tert den kleinen Bau am Ufer der daraufgearbeitete Hühnerhund und zeigt dem Herrn denſelben durch Vorſtehen an; der verrutſchte Steig am Rain oder einer Sandbank hingegen verräth ſich dem Jäger ſchon augenfällig genug, auch ohne Hilfe des Hundes. Hat Hektor den Schlupfwinkel, worin der Otter bei Tage gewöhnlich ſchläft, gefunden, ſo iſt man des Inſaſſen leicht habhaft. Der Aus⸗ gang der kurzen Röhre, welche unter Waſſer mündet, wird dann ent⸗ wederverreiſert(mit Reiſern verſtopft), und dieRobbe des Süß⸗ waſſers vom Lande ausgegraben; oder man treibt den Otter von der Landſeite her in ein vor die Röhrevorgelegtes Sackgarn, das man beim Herausfahren des Otters mittelſt einerZugleine zuzieht. Auch fängt man den Ausbeuter der Gewäſſer mit größeren Otter⸗ garnen oder denWathen, zwei Netze mit Säcken, welche man räumlich gegeneinander in den Bach ſo mittelſt Bleigeſenken und hölzernenFurcheln oderHefteln(Pflöcken) vorlegt, daß die Röhre des Otters hierdurch in die Mitte kommt. Der von oben am Uferrege undflüchtig gemachte Otter fährt nun in einen der Säcke und wird, um ſeinDurchſchneiden(Durchbeißen) durchs Garn zu verhindern, raſch in demſelben ans Ufer gezogen, wo ſeiner Freibeuterei durch ſtarke Schläge auf den Vorderkopf ein Ende gemacht wird. Kennt man blos den Steig des Fiſchdiebes, ſo legt man ein verwittertesTellereiſen an einer ebenfalls verwitterten Kette gut am Ufereingeheftelt(angepflöckt), unter das ſeichte Waſſer in den Sand am Ende des Steiges. Geht der Otter aus dem Waſſer auf den Steig ans Land, oder kommt er vom Lande her im Steig zum Waſſer heruntergerutſcht, ſo geräth er nicht ſelten auf

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