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„Auch iſt es nicht als Obriſt, ſondern als Vater, daß ich Sie
bitte, dem Major zu verzeihen... in einem Worte, Baron, Ihr Sohn
iſt verheirathet!“
„Verheirathet!“ ſtotterte der Baron, und die Ader ſchwoll dick auf ſeiner Stirn.„Verheirathet? Königliche Hoheit ſcherzen!“
„Nicht im geringſten, er iſt ſeit vier Jahren heimlich mit der Gräfin Peretti vermählt!“
Der Baron ward todtenbleich...
„Der Gräfin Peretti,“.. ſtammelte er... Schurken.“
Die hohe Stirn des Prinzen legte ſich in Falten.
„Herr Obriſt,“ ſagte er,„vergeſſen Sie nicht, daß wir nicht mehr im Mittelalter leben und daß wir Chriſten ſind. Die Schuld des Grafen Peretti hat nichts mit ſeinen Kindern zu thun!— Die Baroneſſe Ginozzi, Ihre Schwiegertochter, iſt eine würdige Frau,— ich gebe Ihnen mein prinzliches Wort zum Pfande...“
Der Baron hatte ſich gefaßt. Er verbeugte ſich und ſagte ziem⸗ lich gelaſſen:
„Vorhin ſchon hatte ich Ew. königlichen Hoheit mitgetheilt, daß
„der Tochter jenes
ich mir die Freiheit nähme, hohe Einmiſchung in die Pflichten des
Kriegsminiſters nicht zu billigen, aber noch weniger kann ich ſie in meine Familienverhältniſſe dulden.“ Der Prinz ſah ihn einige Augenblicke ſcharf an.
„Und was wollen Sie denn thun?“ fragte er.„Die Ehe iſt
gäültig und ſeit drei Jahren ſind Sie Großvater!“...
„Ew. königliche Hoheit erlauben mir, Ihnen nicht zu ant⸗ worten!“
„Gehen Sie, Baron,“ fuhr der Prinz fort,„und vergeſſen Sie
nie, daß Ihr König und deſſen Bruder Sie um Vergebung für Ihren
Sohn gebeten haben!“ Der Obriſt verneigte ſich kalt und verließ das Palais. Als er nach Hauſe kam, ließ er ſeinen Sohn zu ſich rufen. Dieſer, welcher
gerade den Dienſt im Schloſſe zu übernehmen im Begriff war, ſtand
in voller Uniform, als er zu ſeinem Vater eintrat, auf ſeiner Bruſt glä zte das Officierkreuz des Ordens des heiligen Mauritius und Lazarus neben der goldenen Medaille für militäriſche Tapferkeit,
welche die Könige von Sardinien nur auf dem Schiachtfelde ertheilen. Elendes der Familie Ginozzi.
Die Details der Scene, welche im Cabinete des Barons vor⸗ ging, hat niemand erfahren; man weiß nur, daß der Vater den
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V todtenbleich.
Sohn, welcher ihm entſchieden verweigerte, ſich von ſeiner Gemahlin und ſeinem Kinde zu trennen... geſchlagen hat. Als der Major das Zimmer ſeines Vaters verließ, war er
Schon im Vorzimmer riß er ſich die Epauletten von den Schul⸗ tern, die Orden von der Bruſt, zog ſeinen Degen und zerbrach ihn mit dem Fuße!!— 4
An demſelben Tage ſchrieb er an den König:
„Die ehrenwerthe Uniform der piemonteſiſchen Armee iſt auf meinen Schultern geſchändet worden. Ein Mann— es iſt mein Vater, Sire— hat einem Officier Ew. Majeſtät die ſchrecklichſte Beleidigung zugefügt, die ein Mann dem andern anthun kann. Als Sohn muß ich mich unter die unverdiente Züchtigung meines Vaters fügen und kann nur Gott als Richter zwiſchen ihm und mir aner⸗ kennen;— jedoch, da ich als Officier für die mir zugefügte Belei⸗ digung keine Genugthuung fordern kann, ſo bitte ich Ew. Majeſtät, meinen Namen aus der Liſte der Armee ſtreichen zu laſſen und aller⸗ gnädigſt die Auszeichnungen, welche die Huld meines Königs mir zu⸗ erkannt, zurückzunehmen.“
Und der Major war trotz Bitten und Zureden des Herzogs von Genua ſeinem Vorſatze treu geblieben und hatte nie wieder eine Uniform angezogen. Nachdem er endlich ſeinen Abſchied erhalten, hatte er ſich auf eine kleine Beſitzung, welche er nahe bei Ponte Decimo beſaß, mit Frau und Kind zurückgezogen und war ſeit einigen Jahren von niemandem mehr geſehen worden. Das Haus ſeines Vaters hatte er nie mehr betreten.
Dieſe Ereigniſſe hatten ſich ſeit ungefähr vier Jahren zuge⸗ tragen, als wie ich weiter oben erzählte, ich nach Turin kam und im Hauſe des Barons einen ſehr gaſtfreundlichen Empfang fand. Na⸗ türlich ahnte ich lange Zeit nichts von dem häuslichem Drama, welches Vater und Sohn auf eine ſo furchtbare Weiſe und für alle Zeit getrennt, und ſah in dem Baron eben nur einen alten mürriſchen Herrn, der alles in ſeinem Hauſe militäriſch behandelte, aber auch dabei ausgezeichnete Eigenſchaften beſaß, z. B. die, den Sohn ſeines alten Freundes mit einer wirklich liebenswürdigen Zuvorkommenheit aufgenommen zu haben. Erſt nach und nach erfuhr ich in den Krei⸗ ſen, in die ich eingeführt wurde, und wo ich mir leicht Bekannte und Freunde meines Alters verſchaffte, die ganze Geſchichte des häuslichen
(Fortſetzung folgt.)
Die deutſche Jagd in ihren Fahreszeiten.
Von Oberförſter Adolf Miüller.
I. Die Winterjagd.
Mancher Gang— wenig Fang! Obgleich dies Motto eigent⸗ lich für die Sommer⸗ wie für die Winterjagd in unſeren deutſchen Gauen paßt, ſo gilt es vorzugsweiſe doch der letzteren. Ja, mancher Gang, mancher beſchwerliche, gewöhnliche Kraft und Sinne ermüdende und entmuthigende— welcher erfahrene, ſturm⸗ und wettergeprüfte Waidmann hätte das Herbe, was die Deoiſe für den jeweilig bezüg⸗ lichen Augenblick hat, nicht ſchon zum öfteren empfunden? Aber der wahre Jagdfreund, der deutſche Jäger, der ſinnig mit der Mutter Natur verwachſene Menſch, marktet ebenſowenig mit dem ironiſchen Nachſatz unſeres Wahlſpruchs, als er ſeine Gänge nach ihrer Zahl und ihrem unmittelbaren praktiſchen Erfolge bemißt und abwägt. Dazu läßt ihn der ewige Zauber, der ſeine Seele mit dem erfriſchenden Zuge aus dem Borne der Unmittelbarkeit erquickt, nicht kommen: alle Mühen, alle Enttäuſchungen, ſie entnüchtern nicht das gehodene, nach dem lebendig⸗poetiſchen Austauſche mit der Natur verlangende Jägerherz. Sein friſcher Sinn rettet ſich aus dem trockenen Alltagsleben in den lieblichen Rauſch, den ihm hier der weite freie Pian des Feldes und der Haide, dort der mächtige Odem des geheimnißvollen, prächtigen Waldes bereitet. Das iſt die Art und Weiſe des deutſchen Jägers: denn vorzugsweiſe ſein Gemüth verſenkt ſich gerne in jenen Zauber der Naturpoeſie; es nur hat ſeine Jagd mit jenem romantiſchen Hauche belebt, es nur allein hat ſeine poetiſch draſtiſche, unter allen Völkern der Erde einzig in ihrer Art daſtehende Waidmannsſprache erfunden.
Darum, geneigter Leſer, hältſt du wohl gerne mit mir im Geiſte eine kleine Rundſchau der Winterjagd, wenn anders du der Mann biſt, der die Jagd in ihrer innigen Wechſelwirkung mit der ſinnigen Naturbetrachtung als edle Beſchäftigung des Gebildeten betrachtet!
Der ſtille Herbſt iſt vorüber und hat uns den vielfach wechſeln⸗ den, wetterwendiſchen November gebracht. Auf ſeinen ſturmgepeitſchten Luftwogen iſt mit den Kranichen,
„Die fernhin nach des Südens Wärme
In traulichem Geſchwader ziehn.“ auch die beliebte Waldſchnepfe in den Vor⸗ und Feldhölzern ange⸗ kommen. Unſer bedächtiger, vorſichtiger deutſcher Hühnerhund führt uns auf der„Suche“ zu mancher„Waldhexe“ heran, die eigenthüm⸗ lich gluckſend nahe vor uns aufſteht, weil ſie ſich in ihrem einträg⸗ lichen Bohrgeſchäft auf Würmer oder in ihrer Kerflarvenjagd unter der Laubdecke des Bodens ungern ſtören läßt. Ingleichen bringen uns ſtille Abende die„ſtumm Streichende“ auf dem Abendſtriche an Waldrändern bei ſumpfigen Wieſen und Feldern wie flüchtige Schat⸗ tenbilder zum Schuß, der aber viel kunſtgeübter angebracht ſein will, als auf unſere balzenden, langſam ſtreichenden Langſchnabel im Frühjahre.— Gute Flugſchützen— dieſe dii majorum gentium des Waid werkes— theilen wohl in dieſer Zeit des Federwild⸗Striches ihre Gänge. Bald gilt der Anſtand der Schnepfe, bald der Ente an Sumpf, Teich und See. Beſonders ergiebig wird die Jagd auf letztere, wenn das gefräßige Volk an Lieblingsplätzen mit Hafer oder Ei yeln„angepoſcht“(angelockt) wird, oder wenn der aufmerkſame Waidmann natürliche Weideplätze im Walde auskundſchaftet, woſelbſt
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