Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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darüber zu meinem größten Bedauern Neſt und Brut ein. Ich hätte es gern verhindert, aber es ging beim beſten Willen nicht. Der Durchbau war der

Art, doß ſogar auch ein zweites Neſt, welches die Alten nach Verlauf von

vier Wochen in Angriff genommen, zerſtört werden mußte. Die klugen Thier⸗ chen mieden nach ſolchen bittern Erfahrungen nun ganz die Tenne und ſiedel⸗ ten ſich auf dem Bodenraume unterm Dachſtuhle an. Hier blieben ſie während der Brütezeit ungeſtört. Sobald jedoch die Zeit kam, daß die Jungen geätzt werden mußten, erregte deren Geſchrei die Aufmerkſamkeit der Katze und verloren war auch die dritte Brut.

Auf der Tenne war inzwiſchen der Bau vollendet. Das Schwalben⸗ paar ließ ſich wieder unten im Hauſe ſehen, blieb aber längere Zeit hindurch noch unthätig und ſaß oft ſtundenlang, dem Anſchein nach ganz betrübt und ſorgenvoll auf den Pflöcken und Nägeln der Hausflur. Ueberlegten Mann und Frau vielleicht, was nun zu thun? Eines Tages iſt jedoch ein Entſchluß gefaßt; mit großer Emſigkeit geht's an die Arbeit und nicht lange ſo iſt der Neubau vollendet. Ich freute mich ſehr darüber, daß die traulichen Thiere nach langer Unglückszeit ſich wieder ſicher und heimiſch fühlen konnten. Doch war über den mancherlei Mißgeſchicken die Jahreszeit ſo weit vorgerückt, daß kaum zu hoffen ſtand, die jungen Schwälbchen würden noch zur großen Herbſt⸗ reiſe geſchickt werden; denn in der Nachbarſchaft tummelte ſich die letzte Brut bereits mit den Alten luſtig im Freien herum und ſtärkte die Schwingen für den anſtrengenden Zug. Eines Tages kamen meine Buben in die Stube geſtürmt:Vater, komm mal geſchwind heraus, wir haben das ganze Haus voller Schwalben! Buben übertreiben leicht; es waren jedoch drei fremde Schwalbenpaare augenblicklich da, die regelmäßig aus und einflogen. Es iſt bekannt, daß die Schwalben bei ihrer ſonſt friedlichen Natur ohne harten, blutigen Kampf keine fremde Schwalben in dem Hauſe ihrer Niederlaſſung dulden. Hier aber zeigte ſich zu meinem größten Erſtaunen, daß die Ein⸗ dringlinge nicht nur geduldet wurden, ſondern daß es ihnen ſogar geſtattet war, mit füttern helfen zu dürfen,Nun, das kann helfen, ſagten meine Buben, und es half. Die Jungen wurden früh genug fertig und konnten die große Reiſe mit machen. Miſche.

Am Morgen nach der Weihnachtsbeſcheerung. Zu dem Bilde auf S. 205.

Es geht doch nichts über das beutſche Weihnachtsfeſt! Nicht als ob unſer Volk in tieferer Weiſe die hohe Bedeutung deſſelben erkannt und den heiligen Gegenſtand der Freude deſſelben ergriffen hätte, nicht als ob die uns eigenthümliche Weiſe, es zu feiern, die allein berechtigte wäre, das iſt es nicht, aber ein Abglanz der kindlichen Freude über die Geburt des Heilandes, die einſt die Hirten auf dem Felde von Bethlehem erfüllte, hat ſich doch am reinſten und ſchönſten in der deutſchen Sitte erhalten. Wie könnten ſonſt Jung und Alt mit ſo gleichem Gefühl daſſelbe erwarten und feiern! Wie könnte es ſonſt vorkommen, daß auch alte Leute in ihrem einſamen Käm⸗ merlein, vom Elternhaus entfernte junge Leute auf der Stube des einen oder andern Freundes, Eheleute, die keine Kinder haben, u. a., die friſche, grüne Tanne mit dem Lichterglanz, der an das ewige Licht erinnert, herrichteten und ſich daran erfreuten!

Vor allem aber iſt es ein Feſt für die Kinder. Mit welcher Ungeduld ſie Wochenlang vorher die Tage bis Weihnachten zählen! Und iſt es endlich da,

Ach! wie unendlich lang iſt heut' der Tag! Die Kinder zählen jeden Glockenſchlag. heißt es dann, bis der erſehnte Moment näher und näher rückt: Horch! hörſt Du's kniſtern? und ſie athmen kaum. Gewiß, das Chriſtkind bringt den Tannenbaum! Er breunt! Er brennt! Es fällt ins Kämmerlein Durchs kleine Schlüſſelloch ein heller Schein.

Endlich ertönt das Glöckchen, und ſie dürfen hinein in den ſo lange ge⸗ heimnißvoll verſchloſſenen Raum. Wer wollte nun weiter ſchildern, was wir jedes Jahr aufs neue erlebten, erſt an uns ſelbſt, und jetzt in und mit unſern Kindern!

Eines iſt aber doch noch ſchöner! meint mein altkluges Töchter⸗ chen, wenn wir von dem kommenden Weihnachtsfeſte ſprechen.Und das wöre?Nun der Morgen nach der Beſcheerung. Ich hätte faſt geglaubt

zu hören:Die Zeit vor Weihnachten? das wäre aber doch gar zu klug ge⸗ weſen die gegebene Antwort war auch nicht ganz kindlich mehr, wie denn

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Kinder oft über ihr Alter hinausdenken, und doch auch nicht eben unkindlich,

jedenfalls nicht gerade unrichtig.

Sieh Dir einmal darauf unſer Bild an, liebe Leſerin, kann es ein reineres, völligeres Glück, eine ſtillere, innigere Freude geben, als ſie dadmen ſo vollen⸗ deten Ausdruck gefunden haben?.

Welch ein freundliches, heiteres Stübchen! Würzig duftet es von dem halb geplünderten Tannenbaum mit den heruntergebrannten Lichtern, unter dem noch einige der Geſchenke prangen und von dem das auf den Zehen ſtehende Mädchen einen ſüßen Raub loszulöſen eifrig bemüht iſt. Die Arbeit ruhet heute Großmütterchen ſitzt behaglich in ihrem altmodiſchen Lehnſtuhle und lieſt im Geſangbuche, aber über ihre Brille hinweg ſchaut ſie mit ihren klugen Augen doch auf alles, was um ſie herum vorgeht. Ob ſie auch wohl ſehen kann, was der kleine Burſch am Fenſter thut? Der hat wohl den Ruf der hungrigen Sperlinge vernommen:

An das Fenſter klopft es: pick! pick!

Macht mir doch auf einen Augenblick! und es darum ſo weit geöffnet und ihnen das offene Händchen mit den Brot⸗ krümchen entgegengeſtreckt. Du feierſt heute erſt recht Weihnachten, mein trautes Bürſchlein! Geſtern Abend iſt Dir beſcheert worden, und jetzt läſſeſt Du die ſo ſehnlich gewünſchte Trommel ruhig zu Großmütterchens Füßen ſtehen und eileſt, ſelbſt zu ſchenken und zu beſcheeren von Deinem Ueberfluſſe.

Und das kleine Mädchen? Sie ſchaut wohl auch halb ſeitwärts hinaus zu dem geöffneten Fenſter halb ſchielt ſie vielleicht zur Großmama hinüber, ob die auch gewahr wird, was ſie thut aber ſie tritt keinen Schritt näher zu dem Fenſter, durch das die ſchöne, friſche Winterluft erquickend in das warme Stübchen dringä.

Nun, was hältſt Du von dem jungen Fräulein da, meine geehrte, älteſte Schweſter? fragt ſchelmiſch altklug mein Junge, während er mit meinem Töchterchen das Bild nachdenklich betrachtet.

Ach! der dumme Junge! antwortet ſie klug ausweichend,der wird ſich nur erkälten, und paß nur auf, fügt ſie hinzu, von dem Bilde, als ob es lebe, ganz hingenommen,die Vögel kommen doch nicht herab zu ihm.

R.

Räthſel.

J.

Ich kann, was ſchön iſt, häßlich machen, Doch auch was häßlich, ſchön.

Mich mögen Kinder oft mit Lachen, Oft nur mit Grauſen ſehn, Auch muß ich fette Nahrung geben Der luſt'gen Vogelbrut.

Doch wird geſchont mein junges Leben, So wächſt mir bald der Muth;

Ich lege ſelbſt wohl Flügel an,

Und ſchwinge mich, ſo weit ich kann.

II.

Mein erſtes hat einen Fuß und kein Bein; Mein zweites zwei Beine nebſt zwei Füßen, Und kriecht das zweite ins erſte hinein, Kannſt du's als Ganzes dreiſt begrüßen.

Auflöſung des Räthſels in No. 12. Erlkönig.

Inhalt: Fröhliche Weihnachten.(Schluß). Nov. v. A. Wellmer. Der Invalide. Gedicht von Herm. Lingg. Mit Illuſtr. Naturgeſch. Weihnachtswanderungen.(Schluß). Von H. Wagner. Mecklenb. Ori⸗ ginale.(Schluß). Von Ed. Hobein. Die Reichspoſtmeiſter deutſcher Nation. Skizzen aus dem Germaniſchen Muſeum. I. Die Straf⸗ und Folterwerkzeuge. Von Dr. A. v. Eye. Am Familientiſche.

Zur gefälligen Beachtung.

Mit dieſer Nummer ſchließt das laufende Quartal.

Das neue Quartal wird ſich ſeinem Vorgänger in jeder Beziehung würdig anreihen.

Novelle unſeres Mitarbeiters Georg Hiltl:

Wir erſuchen unſere Leſer, ihr Abonnement baldigſt erneuern zu wollen.

Wir beginnen daſſelbe mit einer größeren

Das Geheimniß des Fürſtenhauſes. Nr. 14 wird außerdem einen höchſt intereſſanten Beitrag enthalten, auf den wir jetzt ſchon hinweiſen wollen:

Ein Diner beim Fürſten Putbus. Ueberhaupt liegt eine Fülle der intereſſanteſten Beiträge und beſonders ſchöner Illuſtrationen zum Aödrucke bereit. 4

Leipzig, Ende December 1866.

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Redackion und Verlagshandlung des Daheim. 3 3

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.

Unter Verantwortlichleit von A. Alaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Teipzig 1

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- Verlag der Vaheim⸗Expedition von Delhagen Klaſing in Bielefeld und Verlin. Druck von Ziſcher a Wittig in Leipzig.

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