Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
196
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Das Wort hat noch niemand aus dieſem Munde gehört. J. C. Strant weiß ſelber kaum, wie er mit einem Mal dazu kommt.

Die ſechs Ladenjünglinge ſtehen mit offnem Munde und ſtarren Augen da.

Und Elſe? o, die glüht jetzt wie eine junge Purpurroſe; aus dem überſeligen, kleinen Herzen iſt alles Blut in das wirbelnde Köpfchen geſtiegen!

Dorrchen ſchneidet die wunderlichſten Geſichter und kneipt den runden, hübſchen Arm ſeiner kleinen Frau faſt braun und blau. Das gute Dorrchen weiß ſeine Freude nicht beſſer auszudrücken.

Aber Stina verſteht dieſe kräftige Zeichenſprache ſehr wenig, ſie klopft Dorrchen nachdrücklich auf die Finger und ſagt:Ich glaube, Du unausſtehſicher Mann ſteckſt auch mit in den Heimlichkeiten das werde ich Dir nie vergeſſen!

Dorrchen lacht über ſein ganzes ehrliches Geſicht und nickt ohne Aufhören nach dem Comptoirfenſter:Stina, merkeſt Du noch nichts?

Und jetzt eilen Onkel Tob und Elſe, Haud in Hand, nach der Comptoirthür. J. C. Strant und Tante Roſaura, Dorr, Dorrchen Stina gehen hinterher.

Dieſen günſtigen Moment benutzten die Jünglinge, um ſich in aller Geſchwindigkeit von dem Kern der Papierhüllen zu überzeugen, die bis jetzt gleich den geheimnißvollen, ſibylliniſchen Büchern ver⸗

ſchloſſen auf den Pfefferkuchen ruhten, von dem KettenhundeReſpect

bewacht. Ach! da gibt's vergnügte Geſichter in ſechs verſchiedenen Facons zu ſehen das allervergnügteſte macht aber dochdas Kind, da es ſeinen blanken Dukaten in die Weſtentaſche ſchiebt! Solch vergnügtes Geſicht im Superlativ können aber auch nur ſo wunder⸗ hübſche Gedanken machen, wie ſie im Nu durch den Kopfdes Kindes ſpringen!Noch heute Abend bringe ich meinem lieben Mütterchen, ddie es ſich ſo ſauer werden läßt, um mir Kleider in der Lehrzeit zu ſchaffen, das viele Geld! denkt er;wie die ſich freuen wird!

. Sollte jemand in dieſem Augenblicke Luſt haben, zu behaupten: Das Haus J. C. Strant u. Comp. iſt nicht ſolide und nobel! wehe ihm, er hätte es mit ſechs vergnügten Jünglingen des Hauſes zugleich zu thun!

In aller Geſchwindigkeit ſechs Griffe nach den roth und gelb carrirten Taſchentüchern: echt oſtindiſche Seide ja, Tante Roſaura kauft keine ſchlechte Waare ei, ſogar geſäumt! ſucht uns zehn Meilen in der Runde eine ſo famoſe Geſchäftstante, die das für dieDiener thun würde pah! Ihr findet keine!

Mit luſtig geſchwenkten, neuen Taſchentüchern eilen auch die Jünglinge auf das Comptoir zu.

Onkel Tob hat inzwiſchen die Thür leiſe aufgeſchloſſen da ruht Walter in dem Lehnſtuhle, den brennenden Kopf auf die Hand geſtützt; er athmet tief und ſchwer!

Die ſelige, kleine Elſe muß ſich an den Thürpfoſten lehnen, ſo ſchwindelt ihr das Köpfchen vor Glück und wieder ſpringen ihr die hellen Thränen aus den Augen!

Onkel Tob legt ſeine zitternde Hand auf Walters Schulter, er lacht, mit einem feuchten Schimmer im Auge, in gar ſeltſamen Tönen:Er iſt eingeſchlafen wahrhaftig ein liebenswürdiger Bräutigam!

Das macht mein heißer Grog und die grimmige Kälte auf der weiten Reiſe, ſagt das ehrliche Dorrchen beſchönigendder arme Junge war ausgefroren, wie ein Schiffszwieback am Nordpol, und ich hab's gut gemeint, als ich den Grog braute!

Walter macht die Augen weit auf und ſchaut ſich verwirrt und vom Lichtglanze des Weihnachtsbaums geblendet um da fällt ſein Blick auf Elſe, die am Thürpfoſten lehnt, das glühende Geſichtchen von Thränen überſtrömt, die Hände feſt gegen das Herz gepreßt Meine meine Elſe ich bin alſo nicht mehr in Italien? bin heimgekehrt? Elſe, Elſe, biſt Du es wirklich?

Schluchzend ſinkt Elſe in ſeine Arme.

Ihre Thränen fließen zuſammen, wie an jenem Weihnachts⸗ abende, da der ſtolze Walter verzweiflungsvoll in die Fremde ging.

Walter, nun laſſe ich Dich nicht wieder fort!

Ich geh' auch nicht wieder, Elſe, ich habe fern von Dir zu viel gelitten aber noch mehr hier in dieſem Stübchen im Traume. Weg mit der ſtolzen Kunſt ohne Liebe! Onkel Strant, laß mich jetzt als Lehrling in Dein Geſchäft treten ſchicke mich nicht wieder fort!

Wunderbar! J. C. Strant ſchüttelt energiſch den Kopf vielleicht hat er in der Geſchwindigkeit ein kleines Rechenexempel zum Abſchluß gebrachtLehrling? Unſinn! Maler bleiben ſtiller Compagnon

Und Schwiegerſohn von J. C. Strant, Mäuslein u. Compe⸗ 9 fügt Onkel Tob, zugleich lachend und weinend, hinzu.

Plötzlich erhebt ſich ein wunderliches Getöſe vor der Comptoir⸗ thür, Gläſer klingen, Stimmen räuſpern ſich, Füße ſchurren und in hellſter Fiſtel ſchrillt es:Das hochverehrliche Brautpaar unſeres Hauſes, Fräulein Eliſabeth Strant und Herr Walter Lorenz ſollen leben hoch!

Hoch! jubelt ein neunſtimmiger Chor nach.

Abermals hoch und zum dritten Mal hoch!

Das ſind die Ladenjünglinge wie tapfer ſie ihre neuen Tücher ſchwenken! und Stina, Dorr und Dorrchen.

Und jetzt treten Elſe und Walter, Hand in Hand, aus dem Comptoir in das ſtrahlende Weihnachtszimmer.

Könntet Ihr alle doch in dieſem Augenblicke das ſchöne, glückliche Brautpaar ſehen beſchreiben kann ich's Euch wahrhaftig nicht, wie ſehr, ſehr glücklich ſie ſind!

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Nein, eine ſo fröhliche Weihnachtsgeſellſchaft gibt's gewiß in der ganzen Stadt, vielleicht ſogar auf der ganzen Welt nicht zum zweiten Mal, als heute Abend in der großen Wohnſtube bei J. C. Strant verſammelt iſt!

Selbſt derMeiſter kömmt gar nicht mehr aus den Verſuchen zum Lachen heraus. Unter denDienern geht ſogar das Geflüſter, er habe zwei Mal wirklich und zum dritten Mal beinahe gelacht.

Nur auf Tante Roſauras Geſicht liegt noch ein Schatten. Ihr freundliches Herz fühlt einen kleinen Stich, wenn ſie ihre geliebten Kätzchen anſchaut und dabei denkt, daß der Walter, der ſie in ihrer Kunſt ſo bitter gekränkt hat, nun doch ein großer Maler ge⸗ worden iſt.

Auch dieſer Schatten ſoll ſchwinden, ehe die Weihnachtslichter erlöſchen. Elſe hat ihrem Walter etwas ins Ohr geflüſtert. Lächelnd geht Walter zu Tante Roſaura: Verehrungswürdigſtes Tantchen, morgen müſſen Sie mir zeigen, was Sie in meiner Abweſenheit gemalt haben. Ach! dort ſind ja Ihre ſpielenden Kätzchen, haben Sie inzwiſchen mehr ſolche Genrebilder aus dem Thierleben componirt?

Eitel lachender Sonnenſchein iſt Tante Roſauras Geſicht geworden! Triumphirend ſchaut ſie zu Onkel Tob hinauf, der den Weihnachtsbaum mit neuen Lichten beſteckt, dieſer Blick ſpricht deutlicher, als tauſend Worte:Haſt Du's gehört, alter Spötter? dieſer herß Maler weiß Kätzchen von Seekälbern beſſer zu unter⸗ ſcheiden, als gewiſſe Leute!?.

Glückliche Tante Roſaura!

Elſe und Walter ſind in eine Fenſterniſche getreten. Ihre Hände ſchlingen ſich in einander. So ſchauen ſie hinauf zu dem blinkenden Weihnachtshimmel.

Meine Elſe, wie wunderbar gut hat der liebe Gott noch alles für uns gefügt!

Ja, Walter, unſer ganzes Leben lang wollen wir dankbar ſein für dieſe fröhlichen, geſegneten Weihnachten!

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