Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
156
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unſern Dienſt ſein.Es iſt kaum ein Jahr alt, rief der Eiſen⸗ händler und theilte nun die Biographie Hanſels mit,wenn Sie es zum ſchweren Dienſt brauchen, zerreißen Sie es. Ein Soldat ward abgeſchickt, den Thierarzt oder Kurſchmied zu holen, auf deſſen Ausſpruch es ankommen ſollte. Sobald er erſchienen war, führte der marmorherzige Trainſoldat den bedrohten Hansl ſeinem Richter entgegen. Die Familie des Eiſenhändlers, ſämmtliche Nachbarn und verſchiedene Neugierige umringten die Gruppe. Der Thierarzt packte Hansls Schnauze und öffnete ſie trotz des Widerſtrebens des kleinen, verwöhnten Vierfüßlers ſehr kunſtgerecht. Er unterſuchte die Zähne

und ſonſtige Merkmale, welche das Alter eines Pferdes beſtimmen. Geſpannten Blickes, mit gefalteten Händen, die Lippen halb geöffnet,

umſtanden die Mitglieder der Familie den Arzt, das Pferdchen und

den Trainſoldaten, für die armen Leute waren die Minuten, welche bis

zum Ausſpruch des Arztes vergingen, eine Ewigkeit. Endlich ließ der Sachverſtändige das Pferd los. können Sie nicht brauchen, es iſt höchſtens ein Jahr alt, und den ſchweren Dienſt würde es nicht aushalten.Dann führen Sie es gleich wieder in den Stall, ſagte Hauptmann Cruſius. Als die Preußen die Höhen von Chlum genommen hatten, kann der Jubel nicht größer geweſen ſein, als der, in den die Freunde und Eigenthümer des befreiten Pferdes ausbrachen. Hansl wurde umringt, geſtreichelt, geküßt und im Triumphe zum Stall geführt. Die Kinder ſprangen voll Freude umher, und der Eiſenhändler hätte, glaub ich, in dieſem Augenblicke ſein ganzes Haus zur Dispoſition geſtellt. Wir alle gingen hocherfreut in die Druckerei zurück, wo inzwiſchen die nöthige Anzahl von Exemplaren der Proclamation fertig geworden war. Es war nur ein Pferd, wie geſagt, aber durch ſeine Befreiung waren Menſchen glücklich gemacht, die ſchon in der ernſten Zeit mancherlei verloren hatten, und ſie erſahen aufs neue, daß man ihnen in humaner Weiſe entgegenkam, ſonſt hätte wohl niemand die Wegführung des Pferdchens hindern können.

Unſer Schulmeiſter hatte ſich glänzend aus der Affaire gezogen.

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Nein, ſagte er,das Thier

das Pferd des Eiſenhändlers angab.

Waren ſeine Arbeiten auch gerade keine Muſterſtücke der Typographie, ſo genügten ſie doch vollkommen den Anforderungen. Sie waren deutlich, lesbar und das trug, wie ſchon berichtet, gute Früchte. Die Druckerei machte ein treffliches Geſchäft in der geſchäftsloſen Zeit, und die Augen der Setzerlehrlinge glänzten gewaltig, als das ſchöne, blanke Geld auf den Tiſch gezählt wurde, ſeit langer Zeit hatte man in Chrudim nicht ſo viel Silber auf einer Stelle beiſammen geſehen; der Schulmeiſter wurde belobt; er lächelte wichtig, während er ſich die Hände in einer Zinnſchüſſel wuſch und dabei eine Miene, eine Geberde annahm, wie etwa Guſtav III. von Schweden, als er nach dem Siege in der furchtbaren Seeſchlacht von Swenſkaſund ſeine vom Pulverdampf geſchwärzten Finger in der ſilbernen Schüſſel reinigte.

Die Ballen voll gedruckter Bekanntmachungen waren gepackt, die Pferde an unſere Wagen geſchirrt, wir ſtiegen ein; noch ein Mal umringten der Eiſenhändler und die Seinen dankend den Wagen, dann hieß esVorwärts! und von den luſtig trabenden Gensdarmen begleitet, rollten wir über die Brücke hinaus nach Pardubitz; hinter

uns her trabte der Trainſoldat ein requirirtes, dreijähriges Pferd mit

ſich führend, welches die Gensdarmen als Aequivalent für den ge⸗

retteten Hansl mitgenommen hatten, nachdem den Eigenthümern die

Beſcheinigung für ihren Anſpruch auf Schadloshaltung ausgefertigt worden war. Das Beſte aher war, daß der Trainſoldat ein Pferd mit ſich führte, welches dem Verräther des armen Hanſels gehörte. Der ſchlimme Nachbar hatte ſein Eigenthum retten wollen, indem er Seine Tücke wor ihm übel vergolten worden, denn die Entſchädigung ſeitens der böhmiſchen Landesverwaltung dürfte wohl noch eine Zeitlang auf ſich warten laſſen.

Es war halb ſieben Uhr Abends, als wir Pardubitz vor uns ſahen. Ein Wagen paſſirte die Landſtraße, er kam dicht an uns vor⸗ über. Zwei öſterreichiſche hohe Officiere und ein preußiſcher ſaßen darin. Der eine dieſer Herren war Feldmarſchalllieutenant von Gablenz, der zum zweiten Male vergeblich in das Hauptquartier des Königs gekommen war, um Friedensunterhandlungen anzuknüpfen.

Das Mieſenkabel.

Von Hermann Wagner.

Das ſo ſturm⸗ und kriegsbewegte Jahr 1866, das in der Ge⸗ ſchichte des neunzehnten Jahrhunderts eine ganz beſonders hervor⸗ ragende Stelle einnehmen wird, hat auch die Vollendung eines ſchon lange erſtrebten und faſt für unmöglich gehaltenen Werkes des Friedens erlebt, deſſen Folgen für den Weltverkehr und die Wiſſen⸗ ſchaft ſich bis jetzt noch garnicht abſehen laſſen; wir meinen: die Legung des Telegraphenkabels zwiſchen Europa und Amerika.

Nachdem im Anfange der fünfziger Jahre mehrere Telegraphen⸗ taue glücklich durch verſchiedene Meerestheile gelegt worden waren:

durch den Kanal, das Mittelmeer, das rothe Meer und andere, faßte.

man ſowohl in Amerika als in England lebhaft die Idee auf, die alte und die neue Welt ebenfalls durch ein Leitungskabel zu ver⸗ binden. Es verſprach gar zu viele Vortheile, wenn man die Gedanken mit Blitzesſchnelle durch den atlantiſchen Ocean, von einem Ufer des⸗ ſelben zum andern, ſpazieren laſſen könnte, und da nicht bloß die Wiſſenſchaft und die Politik ſich Nutzen daraus verſprach, ſondern ganz beſonders der Handel mit Sicherheit auf pecuniären Gewinn dabei rechnete, ſo bildeten ſich alſobald eine amerikaniſche und eine engliſche Actiengeſellſchaft zum Legen eines atlantiſchen Kabels, die ſich nach kurzer Zeit zu einer gemeinſchaftlichen Compagnie vereinigten. Ein Hauptleiter des Unternehmens war der Amerikaner Cyrus Field.

Drei Mal machte man Verſuche mit dem Legen eines ſolchen Telegraphenkabels durch den 400 deutſche Meilen breiten atlantiſchen Ocean, von Irland nach Newfoundland, drei Mal hatte man Unglück dabei und büßte Millionen von Thalern ein zum vierten Male endlich gelang es.

Die erſte Legung unternahmen 1857 die Schiffe Niagara und Agamemnon. Schon wenige Meilen von der iriſchen Küſte ver⸗

wickelte ſich das Kabel in den Apparat, über den es abrollte und riß.

Nachdem man an der Küſte wiederum angeknüpft, fuhr man zum zweiten Male ab, kam mehrere hundert engliſche Meilen(4 engliſche Seemeilen ſind eine deutſche) in See bis zu einer Stelle, an welcher

der Ocean von 2400 Fuß Tiefe plötzlich auf 10,000 Fuß Tiefe kluftartig abfällt, alſo ziemlich um die Höhe der Alpen tiefer wird. Hier ſteigerte ſich die Schnelligkeit des Abrollens und Sinkens des Taues ſo plötzlich, daß das Kabel abermals riß und die Schiffe un⸗ verrichteter Sache nach Hauſe zurückkehren mußten.

Im folgenden Jahre, 1858, rückten dieſelben Schiffe mit neuen Kabelvorräthen aus, verſuchten anfänglich auch wieder von Irland an die Legung, da aber bei 290 Seemeilen Entfernung das Tau abermals riß, änderte man den Plan dahin, daß beide Schiffe mit ihren Vorräthen zuerſt die Mitte des Oceans aufſuchten, dort die Enden der beiden Kabelſtücke, die auf beide Schiffe vertheilt waren, verbanden und nun den Weg nach den entgegengeſetzten Ufern nahmen. Sie langten glücklich in Newfoundland und Irland an, und zu allge⸗ meiner Befriedigung begann ſofort der Depeſchenwechſel zwiſchen Amerika und Europa mittelſt des auf dem Boden des Oceans ruhen⸗ den Kabels. Allein die Freude dauerte nicht lange. Die Signale wurden von Tag zu Tag undeutlicher, und nach kaum einem Monat verſagten ſie gänzlich. Das Kabel mußte irgendwelche Verletzungen erlitten haben, durch welche das Seewaſſer zu den leitenden Kupfer⸗ drähten gelangte und ſo den electriſchen Strom vernichtete.

Mehrere Jahre brachte man damit zu, den Urſachen nachzu⸗ ſpüren, welche das Mißlingen des Unternehmens herbeigeführt hatten. Dann rüſtete man ſich zu einem neuen Verſuche. Das größte aller Schiffe, die je gebaut wurden, der Great Eaſtern, ward zu dieſem Behufe gemiethet, nahm die ganze Länge des neuen Hauptkabels an Bord und verließ am 23. Juli 1865 Irland. Das Rieſenſchiff hatte 1200 Seemeilen(300 deutſche) Kabel glücklich abrollen laſſen, es wa nur noch zwiſchen 6 700 Seemeilen von Newfoundland entfernt, ariß das Kabel wiederum, und die Verſuche, das verſunkene Ende aus einer Tiefaugon mehr als zwei Seemeilen heraufzuſiſchen, miß⸗ largen. Masi Umkehr gezwungen und fing ſofort mit der Anfertigun kuen Kabels an, das 1866 gelegtwerden ſollte. 7 Das neue Kabel iſt zwei Mal ſo dick als das zuerſt 1858 gelegte.