Jahrgang 
01-12 (1867)
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Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.

Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 18 Sgr. zu beziehen. Kann im Wege des Buchhandels auch in Monatsheften bezogen werden.

III. Jahrgang.

Iusgegeben um J7. November 1866. Der Jahrgung läuſt vom October 1866 bis dahin 1867.

Die Wittwe Lautenſpihl.

Novelle von George Heſekiel. 2*

Wenn man von der vornehmen kaiſerlichen und geiſtlichen Stadt Quedlinburg, die mit ihrem hohen Schloß, ihren ſchönen Thürmen und den alten Warten im Mauerkranz gar lieblich zwiſchen ihren bunten Blumenfeldern liegt, denn Quedlinburg treibt ſchwunghaften Großhandel mit Blumenſamen den ſchön bewaldeten Felſenklippen des Unterharzes zuwandert, dann ſtößt man in der Nähe der phan⸗ taſtiſchen Gebilde der Teufelsmauer auf ein ſchon tief in die Erde ein⸗ geſunkenes, ſteinernes Kreuz.

Das Steinkreuz iſt dicht mit grüngrauen Flechten bedeckt; hat es jemals eine Inſchrift gehabt, ſo hat die Hand der Zeit dieſelbe längſt verwiſcht, kein Menſchenkind weiß mehr, was an dieſer Stätte einſt geſchehen; wahrſcheinlich wurde hier eine blutige That verübt, zu deren Gedächtniß das Kreuz aufgerichtet ward, jetzt ſchwanken nur die ſtummen Glocken der blauen Campanula daneben, Gras iſt dar⸗ über gewachſen, und der Morgenwind, der leiſe rauſchend durch die Halme des Haferfeldes geht, ſpricht eine Sprache, die nicht Jedermann verſteht.

Jedermann aber weiß, daß der nur wenig befahrene Weg, der bei dem ſteinsuzen Kreuz von der Straße abgeht, zu dem rothen Hofe führt. Verfölgen wir dieſen Pfad durch den Hohlweg, ſo ſehen wir nach einer guten halben Stunde zwei Gehöfte an dem Saume eines ſchönen Laubholzes vor uns liegen; das Dorf, zu welchem ſie gehören, verſteckt ſich hinter dem Gehölz, und nur den ſtumpfen, ſteinernen Thurm der Kirche entdeckt das ſuchende Auge zwiſchen den ragenden Baumwipfeln.

Der rothe Hof iſt ein reiches Gut, weniger durch den Umfang, als durch die Fruchtbarkeit ſeiner Flur, bei der Breitirung wurden die Aecker ſämmtlich als Boden erſter Claſſe angeſprochen, und wäre das ganze Gut in einer Hand, ſo hätte der Beſitzer ſicherlich die Ein⸗ künfte eines Rittergutes.

Wir ſehen aber zwei Gehöfte vor uns liegen, beide an der

ſchmalen Fahrſtraße, einander gegenüber, und die Straße theilt die

Flur des rothen Hofes in zwei ziemlich gleiche Hälften.

mand, alt genug ſehen beide aus, und ähnlich ſind ſie einander, wie Zwillingsbrüder, zuweilen wenigſtens, einander ähnlich ſind.

Beide ſind mit Feldſteinen ziemlich hoch ummauert; innerhalb der Mauern, die von zwei Thoren, von denen eins nach der Straße, das andere nach den Feldern ſich öffnet, durchbrochen ſind, liegen um einen geräumigen Hof neben dem einſtöckigen Wohnhaus Ställe und Scheuern gar wohl erhalten, und in der Mitte, zwiſchen dem Pfuhl und dem Miſthaufen, thront auf dem einzelnen Pfeiler der ſtarkbeſetzte Taubenſchlag. An der mit einem Weinſpalier bekleideten Hauswand aber führt ein ſauberer, von weißen Steinplatten gebildeter Weg entlang.

So iſt's im alten Hof, wie im neuen, alles in einem, wie in dem andern, bis auf den Raubvogel, der, zur Warnung für ſeinesgleichen, hüben wie drüben, mit weitausgeſpreiztem Fluge an den Thorflügel genagelt iſt.

Wie geſagt, die beiden Höfe ſehen ſich ähnlich wie Zwillings⸗ brüder, und doch würde ein ſcharfes Auge gleich beim erſten Einblick allerlei Unterſchiede wahrgenommen haben.

Im alten Hofe glänzten dem Eintretenden blanke Fenſterſcheiben entgegen, im neuen waren alle Fenſter bis auf eins durch Läden ge⸗ ſchloſſen; im alten Hofe ſah man vor der Hausthüre eine Laube über der Steinbank, im neuen fehlte ſogar die Steinbank, und wer ins Innere beider Wohnhäuſer geblickt, der hätte der Unterſchiede noch viele gefunden, Unterſchiede, die ſämmtlich zu Gunſten des alten Hofs ſprachen.

Der alte Hof galt in der That auch für den vornehmeren von beiden. Der ganze rothe Hof war einſt ein Erbe, vor undenklichen Zeiten aber ſchon war er getheilt; der neue Hof war durch Erbgang in fremde Hände gekommen, der alte aber ein Eigenthum in der Fa⸗ milie der urſprünglichen Beſitzer geblieben. So ſagte man wenigſtens im Dorfe, und nachweislich war auch der alte Hof ſeit länger als

hundert Jahren ein Eigen der Lautenſpihle; das aber gab ihm in den

Das Gehöft zu unſerer Linken heißt der neue, das zur Rechten

der alte Hof; wie viel älter der alte Hof iſt, als der neue, weiß nie⸗

Augen der Leute eine vornehmere Stellung. Dieſer Umſtand würde indeſſen doch die obenerwähnten Unter⸗ ſchiede nicht erklären; mit denſelben hatte es vielmehr folgende Be⸗