Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
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wandtniß; auf dem alten Hofe wirthſchaftete die Beſitzerin, die Wittwe Lautenſpihl ſelbſt, während die Familie Stadelmann in Quedlinburg, welcher der neue Hof zuſtand, denſelben durch einen Verwalter bewirth⸗ ſchaften ließ. Es war aber die Abweſenheit der Hausfrau viel mehr, als die Abweſenheit der Herrſchaft, welche ſo manchen Umſtand zu 1 Gunſten des alten Hofs ſprechen ließ; bewirthſchaftet nämlich wurde der neue Hof genau ebenſogut, wie der alte, denn der Verwalter Lu⸗ dolf Käsmark verſtand ſeine Sache wie einer, war anch kein bloßer V Miethling, ſondern nah genug gevettert mit dem Beſitzer, dem reichen Stadelmann, der den Titel eines königlichen Commiſſionsrathes hatte.

Wir haben unſern Leſern den Namen des Verwalters im neuen Hofe zwar pflichtſchuldigſt genannt, im ganzen Gebiet des rothen Hofes und im Dorfe aber nannte ihn kein Menſch bei ſeinem Namen, dort hieß er bei dem Geſindeder Verwalter, bei den andern aber, groß und klein,der Vetter. Der Verwalter war nämlich nicht nur ein Vetter der Stadelmanns im neuen, ſondern auch ein Vetter der Lau⸗ tenſpihls im alten Hofe. Die Wittwe Lautenſpihl war eine geborene Chriſtiane Käsmark undander Geſchwiſterkind mit dem Verwalter, wie man in dortiger Gegend ſagt, ein Verwandtſchaftsgrad, welchen wir genauer darzulegen nicht unternehmen.

Wir führen unſere Leſer in den alten Hof.

Es iſt ein ziemlich kalter Wintertag des vergangenen Jahres, ein Sonntag Nachmittag. Der Wind pfiff eiſig aus den Schluchten des Harzgebirges hernieder in das offene Land und fegte den dünnen Schnee an der Teufelsmauer zuſammen bis nach Gernrode hinüber; der bleiche, winterliche Sonnenſtrahl blickte ſchüchtern wie ein Bettler durch die hellen Scheiben in die ſchmucke, behaglich erwärmte Stube der Wittwe Lautenſpihl, in welcher alles blitzblank und ſauber war, von den glänzenden Schlöſſern an der Nußbaumcommode an bis zu dem feinen weißen Sande herab, mit welchen die Diele beſtreut war.

Am Tiſch ſaß die Herrin vom alten Hof, die verwittwete Frau Chriſtiane Lautenſpihl, geborene Käsmark, und las in einer kleinen, ſehr abgegriffenen Bibel mit vielen gewiß ſehr wohlgemeinten, aber zuweilen entſetzlich mißlungenen Bildern darin. Die Wittwe hatte dieſe Bibel ſehr lieb, denn ſie hatte ſie unzählige Male aus dem väterlichen Hauſe in die Schule aund wieder zurückgetragen, und wenn ſie auch noch eine viel ſchönere dort im Nußbaumſchranke hatte, ſie 8 las am liebſten das Wort Gottes in ihrer Schulbibel.

Eine Wittwe, die am Sonntag Nachmittag in ihrer verſchliſſenen Schulbibel lieſt, da denlt jeder zunächſt an ein altes Mütterchen, aber hier hat er ſich geirrt, denn es iſt eine junge Wittfrau, die am Tiſche ſitzt, und der arme, blaſſe Winterſonnenſtrahl beleuchtet matt,

aber freundlich, ihr hellbraunes Haar, das glatt geſcheitelt ſchlicht um V ein zierliches Köpfchen liegt. Aus großen, klugen blauen Augen blickt die junge Frau in das heilige Buch, die vollen kirſchrothen Lippen bewegen

ſich leiſe, denn ſie hat die Gewohnheit, halb laut zu leſen, die vollen Wangen ſind leicht geröthet, und die Hände, denen man wohl anſieht, daß ſie bei der Arbeit nicht geſchont werden, ſind doch ſauber und 4. rundlich. Frau Chriſtiane war reicher Leute Kind, und als ſie in ihrem achtzehnten Jahre, dem Befehl ihres Vaters gehorſam, den greiſen Lautenſpihl vom alten Hofe heirathete, da kamen ein Paar große Vermögen zuſammen, wie man ſagt. Die Chriſtiane galt von Jugend auf für eine, die eine glückliche Hand hat, abſonderlich bei dem lieben Vieh, das zeigte ſich ſchon früh in ihrem älterlichen Hauſe, denn der Vater trieb eine ſchwunghafte Schweinezucht, und bewährte ſich auch nachher auf dem alten Hofe. Als der alte Lautenſpihl, nach⸗ dem er das junge Weib kaum zweiJahre gehabt, in Folge eines jählingen Trunkes ſtarb, da ſagten die Leute wieder:Nein, was die Chriſtiane für eine glückliche Hand hat! Das ſagten aber abſonderlich die, welche meinten, ſie hätten's nun frei und könnten ſich bewerben um die glückliche Hand und alles, was mit derſelben zu bekommen war. Das hatten ſie freilich frei, ſich um die Wittwe zu bewerben, aber ſonſt hatten ſie ſich verrechnet, denn Frau Chriſtiane ging allen Bewerbungen gar geſchickt aus dem Wege und ſchien gar nicht geneigt,

ſich zum zweiten Male in den Stand der heiligen Ehe zu begeben. Der alte Lautenſpihl muß es doch arg mit ihr getrieben haben, daß ſie ein ſolchesWider gegen die Ehe hat! ſagte der reiche Bierbrauer Fuchs, als er ſich ſeinen Korb geholt, höchſt verdrieß⸗ lich zu ſeinem Freunde Heu, als ſie im bunten Lamm in Quedlin⸗ burg hinter der Flaſche ſaßen, und dieſer war, wie immer ganz der Anſicht ſeines Spezials. Was nun der Bierbrauer Fuchs und der Brannt⸗

verſchiedenen anderen Dingen ausgeſtattet, eine Wirthſchaft oder eine

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weinbrenner Heu ſagten, das galt für unumſtößliche Wahrheit in V einem weiten Kreiſe, denn beide waren reiche Leute. Es widerſprach ihnen alſo auch in dieſem Punkte niemand, außer der gutmüthigen alten Demoiſelle Anne Schmitz, welche meinte, Frau Chriſtiane habe mit ihrem lieben ſeligen Lautenſpihl wohl in einer zu glücklichen Ehe gelebt und ihn zu grauſam geliebt, als daß ſie ſich nach einem Erſatz ſo bald ſchon umſehen thun könnte.

Allerdings war der ſelige Lautenſpihl, abgeſehen von einer leich⸗ ten Neigung zu hohem Spiel und einer ſtarken zu ſchweren Getränken, ſoweit ein ganz hablicher Mann geweſen, nur daß er faſt fünfzig Jahr älter war, als ſein junges Weib.

Die Wittwe klappte ihre kleine Bibel zu, trug ſie in den Schrank und ſetzte ſich mit ihrem Strickzeug in einen großen, lederbeſchlagenen Stuhl, der, mit Rücklehnen, Backen, Armlehnen, Trittbrett und noch

Stube für ſich zu bilden ſchien. Sie ſaß da aber nicht allein, denn. auf einem Schemel am Ofen hatte ſchon lange derVetter ge⸗ ſeſſen, der Verwalter vom neuen Hof, und hatte ſchweigend ſeine Sonntagspfeife mit dem ſilberbeſchlagenen Maſerkopf geraucht.

Der Vetter war ein baumlanger Kerl mit entſetzlich breiten Schultern, gewaltigen Gliedmaaßen, wettergebräuntem, aber ganz

Kraushaar dick umrahmt erſchien, in welchem unter derbgezeichneten. Brauen und langen Wimpern halb verſteckt zwei helle, graue Augen wie auf der Wache ſtanden, zuweilen recht liſtig lugend, meiſt aber gleichgültig blicend. Der knappe grüne Jagdrock und die langen, bis auf die halben Oberſchenkel heraufgezogenen Waſſerſtiefeln bildeten eine recht kleidſame Tracht für den Vetter.

Man hatte zu Zeiten ziemlich verfänglich von der Wittwe Lautenſpihl und dem Vetter geredet; damit iſt man bekanntlich in kleinſtädtiſchen und ländlichen Kreiſen ziemlich raſch bei der Hand. Man wußte ja, daß der Vetter, ſchon als Chriſtiane noch ein ganz junges Ding war, ſich viel mit ihr abgegeben, hatte er ihr doch einſt bei ihren Schularbeiten geholfen und war immer in ihres Vaters Hauſe, der freilich ſein Vetter war, geweſen. Man wollte auch wiſſen, der Vetter ſei der Chriſtiane ihr erſter Freier geweſen, ſei aber, noch ehe er zur Garde nach Berlin kam, von dem reichen Vetter ziemlich unfreundlich abgewieſen und als ein Habenichts, trotz der Vetterſchaft, gründlich ausgeputzt worden. Die Leute wiſſen eben

gutmüthigem Geſicht, das von dem dichten, blonden Bart und dem hellem

oft viel mehr, als wirklich geſchehen, hatte aber der Vetter um die Chriſtiane einſt wirklich geworben, dann hatte wenigſtens die Ab⸗ weiſung ſeiner Liebe keinen Abbruch gethan, denn als der Vetter von Berlin zurückkam, da war er mit ſeiner ſchönen Baſe, die unter⸗ deſſen den alten Lautenſpihl geheirathet hatte, ebenſo gut Freund wie vorher, abſonderlich nachdem er von der Stadelmannſchen Familie auf den einen Hof als Verwalter geſetzt worden war. Hier erzeigte ſich Ludolf Käsmark der Chriſtiane in alle Wege als ein ſtets dienſtwilliger Vetter, Nachbar und Freund. Als der alte Lauten⸗ ſpihl geſtorben war, dachten viele, die Wittwe werde nun den Vetter heirathen, denn daß er einen Stein im Brette bei ihr hatte und etwas voraus vor allen andern, das war ein offenkundig Ge⸗ heimniß. Der Vetter durfte es wagen, ſo bei Gelegenheit den Arm um ihre ſchlanke Taille zu legen, was ſich gewiß kein anderer heraus⸗ nahm, auch hatte er ſie an ihrem Geburtstage öfter ſchon vor allen Leuten beim Kopf genommen und ſie tüchtig abgeküf Das war bei den Lebzeiten des alten Lautenſpihl, der ſich gegen den Vetter eiferſüchtig zeigte, oft genug geſchehen, und ie Wittwenſchaft anderte nichts daran, aber als ein Freier um die glückliche Hand ſeiner Baſe war derſelbe nicht aufgetreten. Das aber war ſo bekannt, daß die verſchiedenen Freier um die glückliche Hand der Wittwe vertrauens⸗ voll zu ihm kamen und ſich von ihm die Neujahrswünſche, mit welchen ſie das Herz der reichen Hofbeſitzerin zu beſtürmen dachten, reim⸗ weiſe anfertigen ließen, was er gewiß nicht gethan haben würde, wenn er ſelbſt Abſichten gehabt hätte.

Der Vetter war nämlich in der ganzen Gegend berühmt wegen ſeiner Kunſt, Wünſche zu reimen, Hochzeitscarmina und Gevatterbriefe in Verſen anzufertigen und dieſelben in ſauberſter Abſchrift mit wunderbaren, krauſen Schnörkeln und bunten Malereien zu verſehen. Er reimte keinen Glückwunſch für Liebende, Kinder, Eltern ꝛc., ohne den Anker der Hoffnung, das rothe Herz der Liebe und das Kreuz des Glaubens über die Abſchrift zu malen. Gereimte Liebeſ ſieee

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. 8. 1 verſah der Vetter mit einem Kranz von Herzen, die entweder vor

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dig pfffige junge

durch die vielen worden war im Hilfe des Vette der abgewieſenen Nachdem! und unſerer Hel alten Hofs zurüch Weile ſchon in ei Ofen ſiten. Di Vetters entſprech verlegen und hal Gewiſſen hat, Die Wüdwe La hin, aber auch ein rechter Eſel Da der T Hand auf ſeine langen Manne Vetter, und noc ganz genau um) ſein, dann will Der Vette daß Chriſtiane Arm nehmen ihm doch ſo we das blühende augenblicklich u ſchmolzen, aber wiſſen, von den wenn ſie ſo bat Es kann verzagt,was wieder, wies Kunde, dotn Nachricht von die Zunge ab die Argen, daran merkte ihrem Willen; hier jetzt au ſtleite Va pilen wem Fber. 5 Die d raſch,ih 1 apitän, we Seht

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