Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
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Reminiscenzen aus der Hochſommerzeit. III. proclamationen und Requiſitionen.

Von Georg Hiltl.

Die Donner der Schlacht von Königgrätz waren verhallt. Die beſiegte Armee befand ſich auf der Flucht. Aber die Bewohner des Chrudimer Kreiſes ſetzten den Kampf gegen die Sieger noch im Stillen fort. Dieſer Feldzug richtete ſich zunächſt gegen die Feld⸗ telegraphen der preußiſchen Armee, von deren Nutzen und trefflicher Organiſation wir ja den Leſern des Daheim ſchon erzählt haben. Häufig genug fand man die Stangen zerknickt, die Drähte durchſchnitten, das Patrouilliren nützte nur wenig, denn im Dunkel der Nacht ver⸗ übte man meiſt ſolche Attentate. Es muß bemerkt werden, daß dieſe Angriffe nicht allgemein auf der Strecke in Böhmen ſtattfanden, welche mit Feldtelegraphenleitung verſehen war, es iſt daher wohl anzu⸗ nehmen, daß doch nur ein geringerer Theil der Bevölkerung ſich zu ſolchen Schritten hinreißen ließ.

Allein für die Thäter bedurfte es der Warnung. Die preu⸗ ßiſchen Commandos waren ſehr ſchonend aufgetreten, und das legte man ihnen vielleicht als Schwäche aus. Demnach erging der Befehl, eine Bekanntmachung zu veröffentlichen, welche den Zerſtörer eines Telegraphendrahtes mit dem Tode durch die Kugel bei ſeiner Ergreifung bedrohte. Zugleich wollte aber der König ein Wort der Milde, ein Wort der Beruhigung zu den eingeſchüchterten Bewohnern ſprechen, ihnen ſagen, wie er nur gekommen ſei, um ſeine Waffen gegen den Feind auf dem Schlachtfelde zu kehren, und daß er nicht im entfernteſten daran denke, die Einrichtungen oder Rechte der Einwohner Böhmens anzutaſten, ſondern vielmehr hoffe, auch ihnen durch die Siege ſeiner Armee beſſere Zuſtände ſchaffen zu können.

Dieſe beiden Proclamationen ſollten durch Anſchlag und größt⸗ mögliche Vertheilung dem Publikum bekannt werden. Es handelte ſich um den Druck der Anſprachen; wo befand ſich eine Druckerei? in Pardubitz nicht, man läßt alles für den Kreis in Chrudim drucken. Alſo ging es am 8. Juli nach Chrudim. Die Beſorgung dieſer An⸗ gelegenheit gehörte in das Reſſort der Feldpolizei, welche dem Haupt⸗ quartiere des Königs beigegeben war. Polizeihauptmann Cruſius aus Berlin, der ſpäter auch ſehr wirkſam und glücklich in Brünn die Stelle des Polizeidirectors bis zum Friedensſchluſſe verwaltete, war mit der Ausführung des Befehls beauftragt. Für Berichterſtatter mußte der Vorgang intereſſant ſein, und ſo war ich denn ſehr erfreut, die Fahrt mitmachen zu können. Als wir zum Thore von Pardubitz hinausrollten, umgaben uns Maſſen von Infanterie, welche ihre Grüße in den Wagen riefen. Vier Feldgensdarmen vorauf, raſſelte unſer Wagen über die Chauſſee. In anderthalb Stunden fuhren wir über die Brücke von Chrudim. Am Ende derſelben hielt der Wagen, wir ſtiegen aus. Hauptmann Cruſius recognoscirte zunächſt das Terrain. Man konnte nicht wiſſen, ob die Einwohner nicht alles Mögliche anwenden würden, dem Drucke Hinderniſſe zu bereiten. Sie hatten verwundert auf die neuen, ihnen unbekannten Uniformen der Gensdarmen geblickt, deren weiße, mit ſchwarzen Adlern gezierte Binden den Trägern einen ganz abſonderlichen Charakter zu verleihen ſchienen. Als Hauptmann Cru⸗ ſius fragte, wo die Druckerei ſei, wies man ihn in das zunächſt dem Ende der Brücke gelegene Haus, wir waren keine fünf Schritte von dem geſuchten Orte entfernt. Nun verbreitete ſich wie ein Lauffeuer das Gerücht von einer geheimnißvollen Miſſion gegen die Chrudimer Druckerei. Wie es entſtand? das entzieht ſich der Forſchung, aber in, ſo bewegten Zeiten ſind Gerüchte ſchnell genug da, und daß ſie eben ſo ſchnell Glauben finden, auch wenn ſie noch ſo unſinnig ſind, iſt ebenfalls be⸗

kannt. Als daher der Beamte in das Haus trat, öffnete ſich der Laden eines Eiſenwaarenhändlers, welcher der Druckerei gegenüberlag, und der Inhaber, ein recht ſtattlicher,ſolider Mann ſuchte mit mir ein Geſpräch anzuknüpfen, da meine Civilkleidung ihm Vertrauen einflößte.

Meine Ausſagen beruhigten ihn bald. Er theilte ſeiner Frau und den Kindern mit, daß man nur drucken laſſen, nicht arretiren wolle! Während deſſen gingen die Truppen unaufhörlich mit Train und Geſchütz verſehen durch die Straße, welche ſich gerade an dem Hauſe des Eiſenkrämers und der Druckerei hinzog.

Während ich mich noch mit dem Eiſenhändler unterhielt, kam Hauptmann Cruſius zurück. Guter Ratben tr Es war ein Sonntag, der Beſitzer der Druckerei⸗ue haft die Ohren ze⸗Gehilfen

ebenfalls, wer weiß wo, ſich beluſtigend oder kneipend. Die Procla⸗ mation mußte aber geſchafft werden. Man ſtellte alſo ein Treiben auf Drucker an. Obtun irgend ein Verräther in den Mauern Chrudims weilte, oder ob der unterdeſſen herbeigeholte preußiſche Lieutenant, welcher das Gouvernement der Stadt im gegenwärtigen Augenblicke bildete, die Spur eines druckenden Individuums aufge⸗ funden hatte, vermag ich ⸗micht zu ſagen allein es war plötzlich er⸗ mittelt, daß ein Mann in Chrudim weile, der die abweſenden Drucker von Fach ſehr gut erſetzen könne. Dieſer Mann war ein Schul⸗ meiſter, der ehedem in der Druckerei gearbeitet hatte. Allerdings hatte dieſe Thätigkeit bereits ſeit acht Jahren ſeine Kräfte nicht in An⸗ ſpruch genommen, aber er mußte genügen und zeigte ſich willig.

Der Schulmeiſter war ein kleiner, ſchmächtiger Mann mit un⸗ geheuer großen, blauen Brillengläſern auf der Naſe. Er ließ die Druckerei aufſchließen, was eine Anzahl in der Stadt gebliebener Bummler veranlaßte, vor dem Hauſe ſtehen zu bleiben, das, ſobald die Sache eingeleitet war, mit Infanteriepoſten beſetzt wurde. Der Schulmeiſter ging nun an den Setzkaſten. Die Schuellpreſſe konnte nicht benutzt werden, ſwar durch Aushängung der Walzen unbrauch⸗ bar gemacht, und wenn auch dieſes Hinderniß leicht beſeitigt werden konnte, ſo verſtand der Schulmeiſter doch nicht mit der Schnellpreſſe zu hanthieren, ſeine Ausbildung war bei der Handpreſſe ſtehen ge⸗ blieben. Er zeigte außerdem manche Unſicherheit, ob dieſelbe nur Comödie, oder ob ſie Folge der langen Nichtübung war, blieb unent⸗ ſchieden, aber das Unternehmen ſchritt ſeiner Vollendung ſchnell ent⸗ gegen durch das plötzliche Erſcheinen zweier Setzerlehrlinge, welche ganz unvermuthet, entweder durch Ausſicht auf Verdienſt oder durch den Wunſch, eine Probe ihrer Fertigkeit abzulegen, gelockt waren und ſich zur Dispoſition ſtellten. Man brachte nun die Proclamation in Satz. Zwei braungebrannte, feſte preußiſche Burſchen von der Infanterie ſtanden mit dem Gewehr beim Fuße neben dem Setzkaſten, zwei andere an der Thür der Druckerei, einer auf dem Hausflur, der ſechſte vor der Hauspforte. Hauptmann Cruſius, der polniſchen Sprache mächtig, konnte ſehr wohl eine Controlle des Satzes ausüben, obgleich in czechiſcher Sprache geſetzt wurde. Die deutſche Ueber⸗

ſetzung druckte man auf die andere Hälfte des Blattes.

So war nun der Satz der Proclamationen in vollem Gange. Der Schulmeiſter und ſeine Akolythen beendeten unter gegenſeitiger Hilfe das ſchwierige Werk. Papier war vorhanden, und man ſchob den Satz unter die Handpreſſe, deren Bengel der blaubebrillte Pädagog ſehr würdevoll handhabte. Er ſah dabei ganz wunderlich aus und preßte mit einer beſonderen Kraftanſtrengung, ſo daß es den Anſchein gewann, als wollte er dem Papiere ſeinen verlornen Sonntag ent⸗ gelten laſſen. Ich verließ die Officin und trat wieder zu meinem Eiſenhändler, vor deſſen Laden ſich verſchiedene Nachbarn eingefunden hatten, die ſämmtlich Nachricht haben und wiſſen wollten, ob es nicht bald zum Frieden ſich wende. Man konnte hier die beſten Schilde⸗ rungen über das Elend vernehmen, welches dieſe wenigen Tage den armen Leuten gebracht hatten. So fehlten dieſem alle ſeine theuer erworbenen Pferde, der andere hatte kein Stroh oder Heu mehr in den Schuppen, ein dritter bangte um ſeinen Sohn, dem vierten war das Haus niedergebrannt. Es waren nämlich viele Leute aus König⸗ grätz, Horſitz und der Umgegend nach Chrudim geflüchtet. Beſonders bangte dem einen der Männer vor einer Beſchießung von Königgrätz.

Er hatte dort in der Vorſtadt ein kleines Haus, und am fünften des Abends war nach Chrudim die Nachricht gekommen, daß die Preußen Anſtalt machten, die Feſtung zu beſchießen. Dieſe Nachricht war kein leeres Gerede, die Artillerie hatte wirklich die Stadt drei Stunden lang mit Granaten beworfen, ohne jedoch mehr als einen Verſuch zu beabſichtigen, der nur bezweckte, die Beſatzung einzuſchüchtern, denn ſchweres Belagerungsgeſchütz war noch nicht bei der Hand. Indeſſen hatten die preußiſchen Granaten doch dergeſtalt gewirkt, daß ein Theil der Parſtadt in Brand gerathen und einige Munitions⸗ karren in die geſprengt waren. Von Chrudim aus hatte man Feuerſchein bemerkt, nun war der arme Mann in ſchrecklicher Sorge. Die Feſtung blieb von allem Verkehr abgeſchnitten, da ein preußiſches

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verwundeter liege, jemanden aus dem

Da Hauptme Überwachen mußte, ward über den kl Es war in einer A hergeſtellt worden. Feldwebel ſchwer 1 waren in ſeiner ärztliche Hilfe aber, So war es denn ge ſein Lager trat, de ausſprechen zu könn der Sterbeſtunde ge ſehr ſchnell angetre innere Verblutung Der Verſtorbenen rirenden Armee ne worden. Sehr n ſeinem plötzlichen in dar Siadt ſeien Der Tod ſchloß Wunſch, welches G

Briefe oder irgend

one, fand ſich: der Nacht des dri alles Uebrige unde erfahren und ihn Die Frauen bewei ſie über die Leiche zweige, welche hin Die legten ſie auf Bruſt. Das Lich Fenſter, von drauß Truppen, und un

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Nann Jaweſen mit an ſeiner Unten; Goldreif.

Dieſem ernſ chulmeiſter und rholung erbeten em Flure des Dr. Mittagsmahl zu wictige koſt 5 aige, are mationen noch 5