Des Königs Jeldwebel.
Gar manchem unſerer Leſer wird es wie mir gehen, daß aus ſeiner Jugendzeit er ſich eines Namens lebendig erinnert, der in den jüngſtverfloſſenen Tagen zu der populärſten einem geworden. Der „kleine Roon“— der Helfer oder der Schrecken ſo vieler tauſend fleißiger oder träger Schüler— hatte auch mich einſt in das Stu— dium der Erdkunde eingeführt, der„große Roon“ darin ſpäter gefördert und auch noch unterſtützt, als ich zu ſeines Lehrers, Carl Ritters Füßen, lernend ſaß. Wenigen mag es nur bekannt ſein, daß dieſe beiden Bücher keinen Geringeren zum Verfaſſer haben, als— den Mann, der in dem Kriege dieſes Jahres durch ſein groß⸗ artiges Organiſationstalent eine ſo hervorragende Stelle eingenom⸗ men, als— Preußens Kriegsminiſter. Um ſo willkommener wird es aber gewiß allen Leſern— ſeien es frühere Schüler oder nicht— ſein, wenn wir in den nachfolgenden Zeilen über ſeinen Lebensgang aus wohlverbürgten Quellen etwas Näheres mittheilen.
Am Strande der Oſtſee, unweit der Stadt Colberg, liegt Haus Pleushagen; dort reſidirte, am Anfange unſeres Jahrhunderts, der ehemalige Officier und Rittergutsbeſitzer Heinrich von Roon, ein wackerer deutſcher Mann, deſſen niederländiſche Vorfahren einſt aus Holland nach Frankreich gewandert und, von dort— in den Tagen der Hugenottenverfolgungen vertrieben—, zuerſt nach Frankfurt a. M., ſpäter nach Preußen gekommen waren. Mehrere Kinder waren ihm durch den Tod geraubt worden; das einzig überlebende war das jüngſte, Albrecht Theodor Emil, der am 30. April 1803 geboren wurde. Gewiegt von den häufigen Stürmen, die das väterliche Haus in ſeinen Grundfeſten erbeben ließen, und in den Schlaf geſungen durch das wunderbare Brauſen des nahen Meeres, verlebte dort der Knabe, ungehemmt durch ſchädliches, frühreifes Lernen, ſeine acht erſten, glücklichen Lebensjahre. Wer weiß, ob in ſeinen damaligen kindlichen Träumen nicht ſchon das Bild einer deutſchen Seemacht ahnungsvoll auftauchte, deren Gründung ſpäter eine der großen Auf— gaben ſeines Lebens werden ſollte?
Kaum war der Knabe neun Jahr alt geworden, als ihm der Vater entriſſen wurde. Bald darauf begann auch ſeine Lernzeit, und ſehr ſchnell— wie alle ähnlich erzogenen Kinder— konnte er fertig leſen und ſchreiben. Einige Zeit danach überſiedelte Frau von Roon mit ihm zu der Großmutter, einer verwittweten Majorin von Borcke, nach dem Städtchen Altdamm bei Stettin. Aus jener Zeit ſind uns einige charakteriſtiſche Züge ſeines Lebens aufbewahrt, welche die alte Wahrheit, daß„das Kind der Vater des Mannes“ ſei, neu beſtätigen.
Es war am 3. Auguſt 1812, am Geburtstage König Friedrich Wilhelms III. Die Franzoſen vertheidigten Stettin und hielten ebenfalls Altdamm mitbeſetzt. Da öffnete die 72jährige, ehrwürdige Großmutter das Fenſter ihres Hauſes, füllte ein Glas mit perlendem Rothwein, den ſie mit ihrer letzten Baarſchaft von den Franzoſen ſelbſt erkauft, und ließ den König— ſeinen Feinden zum Trotz— mit lauter, klarer Stimme hochleben. Der neunjährige Albrecht ſtand ihr mit funkelnden Augen zur Seite und ſtimmte in den kühnen, patriotiſchen Ruf begeiſtert mit ein.— Ein anderes Mal trug die muthige Greiſin dem Knaben auf, den an das Haus ſtoßen⸗ den Garten gegen die franzöſiſchen Obſtdiebe zu vertheidigen. Das ließ ſich der kleine Mann nicht zweimal ſagen. Raſch holt er einen Beſenſtiel herbei, ſteckt ein altes Bajonett, das ſich in einem Winkel umhertrieb, darauf und patrouillirt nun ganz ſoldatenmäßig auf ſeinem Poſten hin und her— ja, ſeiner Wachſamkeit war es zu dan⸗ ken, daß nahende Diebe mehrmals die Flucht ergriffen. 4
Aber noch andere Beweiſe ſeiner Unerſchrockenheit und Keck⸗ heit gab der Knabe. Mochte er ſchon es für unmöglich halten, daß ſeine Landsleute, die preußiſchen Soldaten, auf ihn ſchießen wür⸗ den: ein Beweis von Muth war esni
„wo es knallte“— ja, einmal entkam er nur um ein Haar einer ſein Leben ernſtlich bedrphenden⸗ Gefahr. Eine Bombe crepirte dicht vor ſeinen Füßen— ihn traf jedoch nur ein kleiner Granatſplitter, der ihn unbedeutend verletzte. Der Knabe aber
auckto nicht— in ſainon Myoyn fſa..S⸗
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nerhin, daß er ſtets da war,
Zeit— ganz ſtolz berichtete er ſein Abenteuer den um das verwegene Bürſchlein doch etwas beſorgten Frauen.
Zu ſeinem großen Schmerze ward die herrliche, alte Großmutter, deren Wort und Wandel nachhaltig bildend auf den Enkel ge⸗ wirkt hat, bald darauf ein Opfer ihres hochherzigen, patriotiſchen Sinnes. Ganz allein in ihrem Hauſe zurückgeblieben, um„nach dem Rechten zu ſehen,“ ſank ſie in kurzer Zeit— erſchöpft durch die Strapazen und die ihr das Herz brechende Noth des Vaterlan⸗ des— auf ein kurzes Krankenlager: als ihr Heimatort endlich capitulirte und die Ihrigen in das halbzerſtörte Haus kamen, lag ſie bereits im Schoß der Erde.
Drei weitere große Jahre waren vergangen, gewiß nicht, ohne in des lebendigen Knaben empfänglichem Gemüthe tiefe Spuren zurückgelaſſen zu haben. Da übergab eines Tages ſeine Mutter ihn dem Schutze des braven Schirrmeiſters, der die alte, gebrechliche, gelbe Poſtkutſche führte— fröhlich ſprang ihr Sohn hinein, nachdem er ſie herzlich umarmt, und vorwärts ging es nach Culm, einem neuen, wichtigen Abſchnitte ſeines Lebens entgegen. Auf alle Weiſe
gefördert durch den noch lebenden General a. D., W. v. Chappuis,
damals Compagniechef im dortigen Cadettenhauſe, that er die erſten Schritte auf der kriegeriſchen Bahn, die ſeine Lebensbahn ſein ſollte. Im Jahre 1818 ward er überraſchend früh in das Berliner Ca⸗ dettenhaus verſetzt; 1821, am 9. Jannar, trat er als Secondelieute⸗ nant in die Armee, zunächſt in das 14. Infanterieregiment, das in Königsberg in der Neumark ſeine Garniſon hatte. 3
Das Lieutenantsleben war für Roon eine ernſte, ſchwere Zeit. Nach längerer Gemüthskrankheit ſtarb ihm ſeine Mutter— das elterliche Beſitzthum, Haus Pleushagen, war ſchon früher unvortheil⸗ haft verkauft worden— das Vermögen war dabei faſt ganz einge⸗ büßt— an eine Zulage zu dem Lieutenantsgehalte, das bekanntlich zum Wohlleben nicht gerade normirt iſt, war gar nicht zu denken. Das ſtörte indes den ſtrebſamen Sinn des jungen Mannes ganz und gar nicht; mit wenigem von jeher zufrieden, hatte er nur ein Ziel vor Augen: nach allen Richtungen hin ſeinen Geiſt auszu⸗ bilden und ſeine Kenntniſſe in jeder Weiſe zu erweitern. Das lenkte die Aufmerkſamkeit ſeiner Oberen, insbeſondere des kriegsgelehrten und geiſtreichen Generals von Müffling, der damals das 7. Armee⸗ corps commandirte, auf ihn; und im Herbſte 1824 wurde der junge Mann zur Kriegsſchule, der jetzigen Kriegsakademie, einer Art Hoch⸗ ſchule für den Officierſtand, einberufen. Das waren drei reiche, glückliche Jahre. Welch ein Genuß, immer weiter in die Schätze des Wiſſens einzudringen, ſie ſich immer mehr zu eigen zu machen! Außer den eigentlichen Wiſſenſchaften ſeines Berufes ſtudirte er mit beſonderer Liebe Geographie und Geſchichte unter Carl Ritters und Raumers Leitung. Und als er bald, nach vollendetem Triennium, als Erzieher nnd Lehrer zum Berliner Cadettenhauſe berufen ward, erkor er ſich die Geographie zum Lebensſtudium. Sein großer Mei⸗ ſter, Carl Ritter, der damals als Studiendirector des Cadettencorps fungirte, hatte die Erdkunde zur ſelbſtändigen Wiſſenſchaft erhoben, und was er grundlegend geſchaffen und in tiefgelehrter Weiſe aus⸗ gebildet, das wollte Roon populariſiren und pädagogiſch für die ver⸗ ſchiedenen Stufen des Unterrichts verwerthen. So entſtanden im Jahre 1832 ſeine„Grundzüge der Erd⸗, Völker⸗ und Staatenkunde,“ die von Ritter ſelbſt in die gelehrte Welt einge⸗ führt wurden. Auf Veranlaſſung des Miniſteriums folgte, zwei Jahre ſpäter, der Leitfaden für Schulen,„die Anfangsgründe der Erdkunde,“ eben jener obenerwähnte„kleine Roon“. Das erſtere Werk, das er mit einem ungewöhnlich zähen Fleiße in 7—8 Mo⸗ naten vollendet hatte, erſchien ſpäter in zweiter Auflage als dreibän⸗ diges Werk und wurde auch als ſolches noch mehrfach wieder aufge⸗ legt. Ebenſo lag es ihm auf den verſchiedenen Stationen ſeines Lebens ob, das kleinere Werk, das Auflage auf Auflage erlebte, immer neu zu bearbeiten, bis er, durch ſeine Berufung zum Kriegsminiſter, dieſe Arbeit ſeinem Sohne zu übertragen genöthigt war*).
*) Außer dieſen zwei berühmteſten und bekannteſten Werken gab er im
Jahre 1837 eine„Militäriſche Länderbeſchreihnna von Enrona“ und 1839
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