Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
75
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bei denen das Haul gerbeſſerungen einführen Szu belehren, hüben nu ud Röthlich wie ein ſtil⸗

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J, den Deuker, denn ſett ju en bieten dal.

Jo, dat will ik dohn, verſicherte mein Freund Röthlich und ſetzte ſich.

Un de, ſtellte er mich vor,dat is en Bokhännler.

Sau, en Bokbinner, ſagte Honnerwiehm.

Nei, en Bokhännler, verbeſſerte mein Freund Röthlich.

Sau, ſagte Honnerwiehm, dem der Unterſchied nicht ganz klar zu ſein ſchien,denn ſett ju ook en bieten dal.

Jo, dat will ik dohn, erwiderte ich, ſetzte mich und fuhr fort zu ſchweigen.

Ich habe ſchon geſagt, daß Honnerwiehm ein Prachtexemplar

von einem Bauer war. Aber noch mehr, er war ein Biedermann, Bie⸗

dermann als Menſch und Weber. In ſeiner Eigenſchaft als Menſch hatte er die Abſicht, uns mit Pfannkuchen und dicker Milch zu rega⸗ liren, welche Güte mein Freund Röthlich nur ſchwer abwenden konnte, denn der Grund, daß wir erſt vor 1 ½ Stunde zu Mittag gegeſſen hätten, wollte Honnerwiehm ſehr wenig plauſibel vorkommen, als Weber hatte er ſich und ſeine vier ſchmucken Töchter bekeits vollkom⸗ men an die neuen Webſtühle gewöhnt und ſeine Stücke ſahen ſo ſäu⸗ berlich undſchier aus, daß mein Freund Röthlich mit ſehr befrie⸗ digtem Geſicht ſeine Lupe wieder einſtecken konnte.

Nur einen Fehler hatte Honnerwiehm. Er wollte nichtdrüge ſlichten und nütteweihen, auf hochdeutſch: trocken ſchlichten und tüchtig wehen. Dieſe beiden BegriffeSlichten undWeihen einem Laien klar zu machen, darauf verzichte ich von vorn herein, ſchon darum, weil ich ſelbſt nicht ganz klar darüber bin. Es genüge, zu wiſſen, daßSlichten die Bearbeitung der Kette mit einer Art Kleiſter, undWeihen das Trocknen derſelben durch Wehen vermit⸗ telſt eines Gänſeflügels annähernd bedeutet.

Drüge ſlichten und nütte weihen hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlaſſen, ich halte es für eins der tiefſten Geheimniſſe rationeller Leinenfabrication, und meinem Freunde Röthlich war es vollends zur zweiten Natur geworden; wir betraten und verließen die ländliche Hütte mit dem Worte:drüge ſlichten und nütte weihen.

Nun beſtand aber eine tiefe Meinungsverſchiedenheit über die⸗ ſen Punkt zwiſchen Honnerwiehm und meinem Freunde Röthlich. Ich würde in Verlegenheit ſein, dieſe Meinungsverſchiedenheit ganz genau zu präciſiren, glaube aber nicht weit fehlzugreifen, wenn ich ſage, daß Honnerwiehm mehr der Anſchauung hinneigte:Nütte ſlichten und drüge weihen. Schwören will ich übrigens nicht darauf, nur ſoviel weiß ich, daß meinem Freunde Röthlich die Bekeh⸗ rung Honnerwiehms trotz aller freundlichen Beredtſamkeit für heute nicht gelang, daß er ſogar, als wir uns verabſchiedet hatten, etwas wiedummer Bauer zwiſchen den Zähnen murmelte.

Der erſte Weber war beſucht. Wir wandten uns dem Dorfe Heepen zu.Ich fürchte, der Menſch, zu dem wir jetzt kommen, unterbrach mein Freund Röthlich das Schweigen, in welches wir während des Marſches auf ſtaubiger Landſtraße verfallen waren,iſt ein Hallunke. Er wollte vor vier Wochen abliefern; wenn er nur nicht wieder alles verſetzt hat. Es ſcheinen unangenehme Erörterungen bevorzuſtehen, denn mein Freund Rothlich bittet mich, vor der Thüre auf ihn zu warten. Während von innen lebhafte Stimmen heraus⸗ ſchallen, habe ich Muße, mich zu überzeugen, daß das Häuschen eines der miſerabelſten iſt, die wir bis jetzt geſehen haben. Riſſige Lehm⸗ wände, holprige, feuchteDeel, zu der eine Stiege von regellos hin⸗ geworfenen Steinen führt, zerbrochene, mit Papier verklebte Scheiben, unter den Fenſtern ein Pfuyl von Jauche, der den Erdboden rings zu einem Moraſte macht, bilden das anmuthende Ganze. Kein Huhn, kein Hund, keine Katze zu ſehen; es muß ein unſäglich tlägliches Haus⸗ weſen ſein.

Nach einer Viertelſtunde kommt mein Freund mit zornig gerö⸗ thetem Geſicht zum Vorſchein.Richtig, ruft er,wie ich gedacht habe. Alles verſetzt und verſchleudert, Kette, Garn, alles. Und da⸗ bei noch immer ein freundliches Geſicht behalten, es iſt zum aus der Haut fahren!

Aber ſo laßt den ländlichen Gauner doch auf den Sparenberg ſetzen, meinte ich naiv.

Du ſprichſt, wie Du verſtehſt, antwortete mein Freund Röth⸗ lich belehrend,wir brauchen unſere Weber beſſer; da iſt nichts zu machen. 2

Q. K,.

Wir ſtreben weiter, der Kette des Teutoburger Waldes zu. In einem behäbigen Bauernhauſe, das einen wohlthuenden Gegenſatz zu dem eben beſuchten bildet, wohnt der Weber Vogelſang.

Einer unſerer beſten Weber, hat mein Freund Röthlich ge⸗ ſagt.Sein Großvater webte ſchon für unſer Haus und jetzt hat er außer zwei alten noch einen neuen Stuhl im Gang. Erſt wollte er nicht recht darauf anbeißen, aber ich denke, heute bringe ich ihn da⸗ zu, daß er auch ſtatt der letzten alten Stühle neue aufſtellt. Es iſt wahrhaftig gut, daß man wenigſtens an den beſſeren Webern ein bis⸗ chen Freude erlebt, ſonſt wär's nicht auszuhalten.

Goén Dag, Vuagelſang, wat makt de nigge Stohl?

Goën Dag, Herr Röthling, den heww wi afſlohn, erwidert Vogelſang.

Afſlohn?(Abgeſchlagen?)

Jo, wi künnt us nich domit verdrägen!

Die Sache iſt heiter. Die helle Verzweiflung ergreift meinen Freund Röthlich: Vogelſang, der hoffnungsvolle Vogelſang, der zu dem einen neuen Stuhle zwei andere bekommen ſollte, hat den einen abgeſchlagen, weil er ſich nicht damit vertragen konnte und iſt gemüth⸗ lich zu den alten Stühlen zurückgekehrt.

Mein Freund Röthlich ſteht vor einer vollendeten Thatſache und findet ſich ins Unvermeidliche. Er unterdrückt die weniger wohl⸗ wollenden Regungen ſeines Inneren und ſucht Vogelſang freundlich zu überreden und zu überzeugen, wie ſehr er gegen ſein eigenes Inte⸗ reſſe gehandelt hat. Aber Vogelſang iſt ein wohlhabender Mann; aus dem Stall ſchauen zwei Kuhhäupter auf dieDeele heraus, und daneben grunzen unterſchiedliche Schweine; er läßt ſich alſo keine Neue⸗ rungen oktroyiren, und ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, ehe das Haus Röthlich das erſte Stück Leinen von dem neuen Stuhle beſehen kann.

Mein Freund Röthlich iſt Menſchenkenner. Ich habe ihm in dieſer Eigenſchaft meine Anerkennung nicht verſagen können und muß ihn auch heute im Hauſe Vogelſangs als ſolchen bewundern. Wie liebenswürdig und freundlich, als ob er ſich ſeit Wochen nicht geär⸗ gert hätte, erkundigt er ſich zuerſt nach Frau und Kindern, als ob er deshalb drei Stunden Weges hergekommen wäre, wie lobend ſpricht er ſich im allgemeinen aus über die Leiſtungen der erwachſenen Töch⸗ ter dort am Webſtuhl, welch tiefes Verſtändniß entfaltet er für die Geheimniſſe der Landwirthſchaft und Viehzucht! Zuletzt wird ſelbſt der verſchloſſenſte Bauer mittheilſam, und ſo hinten herum lockt er ihn auf den Leim des neuen Webſtuhls.

Wenn wir auf unſeren Gangen hungrig und durſtig geworden ſind, ſo hat mein Freund Röthlich ein einfaches, aber ſicheres Mittel, uns zu einer Stärkung zu verhelfen, ohne direct zu fordern, was bei den Bauern für höchſt unanſtändig gelten würde. Er kneipt dem jüng⸗ ſten Kinde freundlich die Wangen, leiſtet ihm jene kleinen Dienſte, welche der junge Werther Lotte ihrem kleinen Bruder leiſten ſah, lobt ſeine Schönheit auf die unverſchämteſte Weiſe, ſpricht die Vermuthung aus, das Kind könne unmöglich alt werden, weil es gar zu klug aus den Augen ſehe, nimmt es auf den Arm, wenn es nur einige Sicherheit gegen unangenehme Zufälle bietet, kurz, ge⸗ berdet ſich mit der Liebenswürdigkeit eines Erbonkels, und es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß die geſchmeichelte Mutter ſtill verſchwindet, um mit einem rechtſchaffenen Imbis wiederzukehren.

Wir haben noch zwei Häuſer zu beſuchen, eins am Abhange ver Bergkette, eins der Lippiſchen Grenze zu. Im erſten treffen wir den Mann nicht zu Hauſe. Er iſt mit denKäuen(Kühen) auf dem Felde. Die Frau treffen wir webend, und mein Freund Röthlich freut ſich zu hören, daß der Mann am Freitag in die Stadt kommen und abliefern ſolle. Die Frau iſt die erſte, welche die Wohlthaten der neuen Stühle zu würdigen weiß und gern anerkennt, daß der Ver⸗ dienſt dadurch um die Hälfte geſteigert werden könne. Wir hinter⸗ laſſen einen Gruß für den Mann, und erreichen nach anderthalb Stunden das letzte Haus, hart an der Grenze. Es ſcheint das ärm⸗ lichſte von allen zu ſein. Bellend fährt uns ein biſſiger Köter nach den Beinen, das Hühnervolk erhebt einen Mordſcandal, und aus der Stube ſchlagt uns trotz des heißen Sommers eine drückende Ofen⸗ hitze entgegen. In dem niedrigen Zimmer ſitzt ein eisgraues Mütter⸗ chen ſtrickend neben der Wiege eines kleinen Kindes. 6 zu ſehen; das Haus leer, unverwahrt, es mag auch ſelten jemand in dieſe Gegend kommen, und zu ſtehlen iſt nicht viel. Das Mütter⸗ chen ſecht uns theilnahmlos an, unſer Gruß bleibt unerwidert, ihr

Sonſt niemand.