Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
74
Einzelbild herunterladen

der wie der einer Schlange ſich zu winden verſtand: da liegt er ge⸗ brochen, einem vom Unwetter zerbröckelten Sandſteine gleich!

Das Gericht iſt da geweſen, hat von dem Sterbenden allerlei Auskunft verlangt, doch er iſt unfähig geweſen, ihm die geringſte zu ertheilen ſeitdem die Aerzte ihn zuletzt geſehn, iſt das Delirium eingetreten, und Fieberphantaſien nehmen dem Unglückſeligen das letzte Bewußtſein ſeiner ſelbſt. Elias hat ihn nicht verlaſſen, er hat in der Eile die Juden benachrichtigen laſſen, und ſie ſind herbeigeeilt, um die ſcheidende Seele mit ihren Gebeten zu begleiten. Auch Reb Iſaak

7

ſenden gebetet haben.

die bei dem Dahinſcheidenden beten, je leichter ſein Todeskampf ſei,

iſt anweſend; denn es iſt eine Mizwe(eine gottgefällige That), einen

Sterbenden die Gebete hören zu laſſen, die ſeine Väter ſeit Jahrtau⸗ Man ſagt, daß, je frommer und gottesfürchtiger die Juden ſind,

und die, welche in einer Gemeinde als ſehr fromm bezeichnet werden, halten es für eine Art von Pflicht, alles aufzubieten, um einer der zehn nach dem Geſetze MoſisGebetsmündigen(man wird das ſchon zu 13 Jahren) zu ſein, die um einen Sterbenden verſammelt G ſein ſollen. 1

(Fortſetzung folgt.)

Alles, was ich von meinen Landsleuten, den Ravensberger Lein⸗ webern weiß, verdanke ich meinem Freunde Röthlich. Mein Freund Röthlich iſt der Sohn eines der älteſten und bedeutendſten Bielefelder Leinenhäuſer, und was das ſagen will, iſt einem Laien ſchwer ausein⸗ anderzuſetzen. Ich glaube nicht, daß es leicht eine Gattung von Geſchäften geben wird, die ſich mit dieſen alten Bielefelder Leinen⸗ häuſern meſſen können..

Es iſt noch kein Vierteljahrhundert her, da thronten in den Pa⸗ trizierhäuſern der guten, berühmten, aber kleinen Stadt Bielefeld die Leinenkönige, zehn bis zwölf an der Zahl, als unumſchränkte Herren und Gebieter des Leinenhandels. Es war ein gar bequemes Geſchäft. Allwöchentlich dreimal an den Kauftagen ſtrömte zu den Thoren herein die Menge der Weber, wohlhabende und ärmere Bauern der Umgegend, auf dem Rücken denHolſter mit dem fertigen Linnen. Jeder Kaufherr gebot über einen Stamm von Webern, der vielleicht ſeit Generationen ſchon an das Handelshaus gewöhnt war, und kaufte er nicht, ſo kaufte der Nachbar das Stück, und ich glaube, ſelten hat ein Weber ſein Leinen wieder mit zum Thor hinausgenommen. Wartete doch in Spanien und Frankreich, in Moskau und Niſchni⸗Nowgorod der Kunde auf ſeine Waare und nahm, was er bekam, mit Dank; da war kein Stück zu fein und zu theuer, der Kaufherr kaufte es; da klapperten die blanken preußiſchen Thaler auf dem Tiſche, und hinter dieſem ſtanden die alten, jovialen Herren, große, tüchtige Kaufleute von altem Schrot und Korn, kannten jeden Weber bei Namen und ſprachen Platt, Jöllenbecker⸗, Schildeſcher⸗, Heepener⸗ und Lippiſches Platt, daß es eine Art hatte, mit einem jeglichen in ſeiner Zunge. Ja, das war ein Stück Patriarchenleben und ein Stück Welthandel zugleich in Bielefeld, aber es iſt ſchon lange her. Jetzt hat der Bielefelder Leinenhandel und mit ihm jene alten Häuſer in neue Bah⸗ inlenken müſſen, aber die Erinnerung an die alte Herrlichkeit, Tradition früherer Herrſchaft und Größe hat ſich in ihnen

erhalten. Auf den dunklen Böden manches der alten, hohen Häuſer liegen in langen, verſtaubten Reihen die Geſchäftsfolianten von hun⸗ dert Jahren und mehr, und wenn jetzt ein Sohn von der Webeſchule heimkommt, und der Alte erzählt ihm vom Großvater und was der für Marotten gehabt, und vom Urgroßonkel, der in Rußland auf der Reiſe geſtorben, ſo ſchlägt dieſer Sohn wohl die ſtaubigen Haupt⸗ bücher von Anno 1795 oder 1806 nach, und was er darin lieſt, das gleicht für ihn der mondumglänzten Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält

die vo

und ſehnſüchtig denkt er:

Wunderbare Märchenwelt, Steig auf in der alten Pracht!

Ich habe ſelbſt einmal auf einem halbdunkeln Boden in ſolch alten Folianten geleſen und weiß, daß ſich aus dem ſcharfen Duft des vergilbten Papiers und aus den Wolken hundertjährigen Staubes gar ſonderbare Geſpenſter und Geſtalten erheben können, habe ſogar einmal den alten Herrn von Laer, den berühmteſten der Leinenkönige leibhaftig zu ſehen geglaubt, im großblümigen Schlafrock ſeine hollän⸗ diſche Pfeife rauchend. 4

Doch ich darf meinen Freund Röthlich nicht aus den Augen verlieren.

Gehſt Du mit Weber beſuchen? pflegte mich mein Freund

Kus allen deutſchen Gauen.

XI. Unter den Leinewebern im Ravensberger Lande.

allen deutſchen Gauen.

Weit? fragte ich entgegen.Ziemlich, war die Antwort. Diesziemlich wußte ich, bedeutete nicht unter 7 bis 8 Stunden für den Nachmittag, denn mein Freund Röthlich hat ſehr lange Beine, und ich blos kurze. Ich war aber allemal dabei.

Es war zu der Zeit, als das ganze Leinengeſchäft auf einen neuen Karren geladen werden ſollte, wie man hier zu Lande ſagt. Bisher hatten die Weber das Garn ſelbſt gekauft, meiſtens ſogar ſelbſt geſponnen, daraus Leinen gewebt nach eigenem Gutdünken und dieſes dann, wie oben angedeutet, an den Mann gebracht, waren alſo, jeder für ſich, ſelbſtſtändige Fabrikanten geweſen. Aus dieſem Grunde hauptſächlich war das Bielefelder Leinen unfähig geworden, den Markt gegen das ſchleſiſche und iriſche zu behaupten. Die Weber verarm⸗ ten, die Geſchäfte gingen zurück. Jetzt fing man die Sache anders an. Man lieferte den Webern das fertige, nach neuen Methoden ge⸗ ſponnene Garn, lehrte ſie beim Weben neue Vortheile und Kunſt⸗ griffe und ſetzte ihnen ſogar neue engliſche Stühle mit Schnellſchützen und anderen Schikanen in die Stuben.

Nun ging aber die Noth an. Der Ravensberger Bauer iſt ein wenig dickköpfig, und es war keine Kleinigkeit, die Gewohnheiten einer vielhundertjährigen Kleininduſtrie in der unbeweglichen, ſtarren und zähen Bevölkerung zu vertilgen und neue an ihre Stelle zu pflanzen. Es zeigte ſich anfangs überall Ungeſchicklichkeit, zum Theil ſogar bös⸗ willige Renitenz. So auch unter den Webern, bei denen das Haus meines Freundes Röthlich die neuen Verbeſſerungen einführen wollte, und um hier zu beſchwichtigen, dort zu belehren, hüben zu zügeln, drüben loszulaſſen, ging mein Freund Röthlich wie ein ſtill⸗ waltender Engel durch die Lande; ich mit ihm.

Ich erinnere mich mit vielem Vergnügen dieſer Gänge. In der fruchtbarſten, lachendſten Ebene Weſtfalens, am Fuße des Teuto⸗ burger Waldes, der auf einer ſeiner höchſten, im blauen Duft ver⸗ ſchwindenden Kuppe, von hier aus ſichtbar, den koloſſalen Unterbau des noch immer vergeblich der Vollendung entgegenharrenden Her⸗ mannsdenkmals trägt, liegen die wohlhabenden Ravensberger Dörfer in einem ſchönen Kranze um Bielefeld herum. In ihnen wohnt ein Theil der Weberfamilien. Aber noch weit mehr wohnen in einzellie⸗ genden, roth durch die ſie meiſtens überſchattenden Baumgruppen ſchimmernden Bauernhäuſer. Je näher der Stadt, deſto ſtädtiſcher die Kleidung der Leute, deſto unanſehnlicher das Haus; je weiter ins Land hinein, deſto ſtattlicher, bäuriſcher Haus und Hof, deſto charakte⸗ riſtiſcher Tracht und Phyſiognomie. Es würde ein Irrthum ſein, zu denken, daß ſich nur die ärmere Bevölkerung mit Weben beſchäftige. Allerdings ſind es meiſtens kleine Leute, Kötter, Heuerlinge und Tage⸗ löhner, aber auch auf ſtattlichen Höfen raſſelt der Webſtuhl, und ſelbſt der wohlhabende Bauer pflegt, wenn die Feldarbeit nicht alle Kräfte in Anſpruch nimmt, mit Töchtern und Mägden zu weben.

Da war der Bauer Honnerwiehm bei Schildeſche ein Pracht⸗g exemplar.

Goön Dag, Vatter, ſagte mein Freund Röthlich, als wir zum erſten Mal bei ihm eintraten. V

Röthlich zu fragen, denn er kannte meine Schwäche für Studienaus

Goén Dag, ook, ſagte Honnerwiehm und ſchwieg darauf. Ik bin Röthlich van Builefeld, ſagte mein Freund. 1 J, den Deuker, meinte Honnerwiehm und rückte an ſeiner

Mütze herum,is He de Suan vau'n aulen Röthling in Builefeld?

Jo, de bin ik.

leur, ſa kaar zu ſein ſchien, Jo, dat wil Gu ſchweigen.

*3h habe ſo wvon einem Bauer vrmann als Me latte er die Abſic liren, welche Güt denn der Grund hätten, wollte de Weber hatte er ſ men an die neuci berlich undſche digtem beſict ſei Nur einen o ſlichten und ni und tüchtig weher einem Laien Uar ſchon darum, we

uu wiſſen, daß Kleiſter, und,

telſt eines Gän Drüge bei mir hinterl rationeller Lein vollends zur z die ländliche wohen.

Nan beſt ſen Punkt zwi Ich würde i genau zu präc⸗ ſage, daß Hon ſlichten und d

darauf nur ſor

V rung Honnerwie I nicht gelang, de

wiedummer V Der erſte

Oexpen zu.

V unterbrach ur während des)

ein Hallunke.

vieder alles d G vevorzuſtehen, auf ihn zu wa ſchallen, habe i derniſerabelſt wäͤnde, holpr zeworſn S unter da den zu einen M kein Hund, b weſen ſein. Na⸗ thetem 3 hab e. Alle⸗ bei noch inn er Haut fa Aber mein bedu elehr teu en

ſetzen

lich ma