führt, dahinſchreiten. Er iſt noch nicht weit von der Stadt entfernt, als er unter einem Baume einen Knaben bemerkt, der gemüthlich aus ſeiner Mütze Pflaumen ißt, die er ſogleich zu verbergen ſucht, als er Mendel bemerkt.
„Holla! Claus Nitſchke—“ ruft Mendel...„Saluto te!— das Gericht iſt in Ragiwen und Du haſt Pflaumen geſtohlen? Ver⸗ dorbener Junge! ſoll ich Dich mal gleich beim Kragen packen und Dich aufs Rathhaus ſchleppen, oder willſt Du mir gutwillig die Hälfte abgeben?“
„Ich habe ſie nicht geſtohlen,“ ſagt der vom Stadtdiener als „Menſch“ Qualificirte,„ſie ſind aus meines Vaters Garten.“
„Lügner!“ ruft Mendel entrüſtet,„Rudolph und ich, wir waren geſtern in Eurem Garten, Eure Pflaumen ſind in vierzehn Tagen noch nicht reif!“...
„So?— Ihr wolltet wohl bei uns welche abſchütteln— ich werd's meinem Vater ſagen.“...
„Du wirſt mörderliche Prügel bekommen, mein lieber Claudius Nitſchke.“...
„Ich heiße nicht Claudius, ich heiße Claus, und will mit Euch gar nichts mehr zu thun haben.“...
„Pflaumen her!“... donnerte Mendel ihm zu, und ehe der andere es ſich verſah, hatte er ihm die Mütze aus der Hand geriſſen und ſich dann neben ihm niedergeſetzt.
„Ich bin nicht ſo ſchlecht wie Du, Claudius Pessimus,“ ſagte er,„komm, Du kannſt miteſſen!“
„Ich heiße nicht Claudius Peſtmuß,“ ſagte jener,„und ich ſag s meinem Vater, wenn Ihr mir Schimpfnamen gebt.“
Trotz alledem hatte er dennoch in die Mütze gegriffen und eine ganze Hand voll Pflaumen daraus genommen, die er mit großem Eifer verſchlang.
„Sehen Sie, lieber Herr Nitſchke Wohlgeboren,“ ſagte Mendel mit höhniſcher Stimme,„wohin Sie Ihre Oppoſition gegen vernünf⸗ tige Jungen geführt hat— wir haben einen Adler abzuwerfen ge⸗ habt, und Sie haben ſich Ihrer ſchlechten Eigenſchaften halber nicht dabei betheiligen dürfen— ich habe Sie nur unter das große Publi⸗ kum— plebs— wie wir Lateiner ſagen, gemiſcht geſehen, und Sie ſahen damals aus wie... nun was Sie wirklich ſind, lieber Herr Nitſchke— ein dummer Junge.“...
„Du ſollſt nicht ſchimpfen,“ rief Claus verzweifelt,„ich mach mir gar niſcht“...
„Nichts... nihil“... verbeſſerte Mendel.
„Es war was Rechtes, Euer Adlerabwerfen— mein Vater hat geſagt, ich ſoll gar nicht mehr mit Euch umgehen,— was Rechtes, Euer Adlerabwerfen... Ihr habt ihn ja gar nicht einmal abbe⸗ kommen.“
„Doch... doch“... meinte Mendel,„Du haſt nur nicht recht geſehen.“
„Beſſer als Du... ich habe alles geſehen. Heinrich hat den letzten Wurf gethan, als der Meyer ſagte: Was kann da ſein?“..
„Quid potest ibi esse!“ verdeutſchte Mendel.
„Ja! und nachher kamſt Du dran, und da riß Dir Ruben den Knüppel aus der Hand und warf nach Meyer.“...
„Wo warſt Du denn, daß Du alles ſo gut beobachtet haſt?“ fragte Mendel.
„Ich glaubte, Du hätteſt mich geſehen?“
„Ja, aber ich kann doch nicht immer ein pecus campi wie Dich im Auge behalten. Weißt Du, was pecus campi heißt?— Du wirſt wieder denken, es iſt ein Schimpfwort; das heißt auf deutſch: lieber Junge.“.
„Wo ich war?“— ſagte der geſchmeichelte Claus Nitſchke— „erſt war ich mit allen zuſammen, dann ging ich mehr nach rechts, da konnt' ich beſſer ſehen, und ich war auf fünf Schritte von Meyer, als der Knüppel geflogen kam.“
„Dann wirſt Du auch als Zeuge vernommen werden.“
„Ich... als Zeuge?“ meint Claus erſchreckt,„werd' ich da auch arretirt?“
„Verſteht ſich!“ erwidert Mendel, deſſen Schelmheit immer wieder die Oberhand gewinnt,„arretirt, und dann bekommſt Du große ſchwere Ketten an Hände und Füße, ſitzeſt bei Waſſer und Brot und wirſt täglich dreimal durchgeprügelt.“
Claus Nitſchke hat Luſt zum Weinen.... gethan,“ ſagte er mit erbärmlicher Stimme.
„Ich hab' aber nichts
„Aber Du haſt geſehn! und das genügt,“ ſagt Mendel, der ſich auf die Lippen beißen muß, um nicht zu lachen.„Armer Junge! Du thuſt mir wirklich leid... ſiehſt Du! warum haſt Du nich puniſche Kriege mit uns ſpielen wollen!— dann wärſt Du mit zun Adlerabwerfen gekommen und wäreſt jetzt nicht in der Lage.“
„Aber was ſoll ich denn anfangen?“ fragt jener, der ſelb vor Angſt nicht mehr bemerkt, daß Mendel ihm alle Pflaumen aufiß wo ſoll ich denn hin?“
„Geh nach Amerika,“ verſetzt jener kaltblütig,„da können Dich nicht mehr bekommen.“
„Nach Amerika— übers Waſſer?“ 3
„Nun, was iſt dabei? Du kannſt ja ſchwimmen.“
„Aber ich will nicht fort— ich will hier bleiben... bei meinem Vater!“
„Wie Du willſt, Claus Nitſchke, armer Junge! da, nimm Deine Mütze— die Pflaumen waren gut— adieu! ich geh nach Lobchow— adieu!“
Und Mendel entfernt ſich einige Schritte, doch Claus Nitſchke
läuft ihm nach, zerrt ihn an der Jacke, will ihn nicht laſſen
„Ich will mit,“ ruft er,„ich will mit— ich wei hin!“— und die hellen Thränen ſtehen dem armen Jungen i Augen!“ „Siehſt Du, Claus, das iſt Deine wohlverdiente Strafe,“ ſagt Mendel,„Du wollteſt uns dem Gericht überliefern, indem Du uns beim Stadtdiener verpetzt haſt, jetzt biſt Du drin... wer an⸗ dern eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein.“
„Aber wenn ich nun ſage, daß ich nichts geſehen habe.“
„Das hilft Dir alles nichts, Claus.“
„Aber wenn ich ſage, daß ich was anderes geſehen habe, als ſie alle ſagen.“
„Dann lügſt Du ja, Claus, und dann bekommſt Du nicht ein⸗ mal Waſſer zu Deinem Brote und viermal, anſtatt breimal, täglich Prügel.“
„Aber es iſt nicht wahr— ich lüge ja nicht— es iſt nicht ſo, wie ſie's alle erzählen, ich weiß es beſſer, aber mein Vater ſagt, ich ſoll ſtillſchweigen und kein dummes Zeug ſchwatzen.“
„Was ſagſt Du?— es wäre nicht ſo?... wie war es denn?“
„Nein, ich ſage es Dir auch nicht, ich hab's aber beſſer geſehen, als alle anderen, die gar nicht darauf aufgepaßt haben.“
„Du Lügner, willſt mir Geſchichten aufbinden.“
„Ich bin kein Lügner! Du ſollſt nicht ſchimpfen— und ich ſag's doch nicht.“
Mendel iſt ſeit einigen Augenblicken äußerſt aufmerkſam gewor⸗ den, ſein intelligenter Blick fixirt das Geſicht des furchtſamen Claus, und er ſagt ſich, daß dieſer zu ehrlich iſt, um ihm eine Lüge aufzu⸗ binden, wie er, Mendel, der Berliner, ſchon im Stande wäre, es zu thun.
Du es auch ſagen.“
„Ich weiß ſchon, aber ich will nicht; denn der Ruben hat mir auch ſchon geſagt, ich ſei ein dummer Junge; Ihr ſchimpft alle auf mich— und ich will's nicht ſagen.“
„Höre, Claudius Nitſchke,“ ſagt Mendel,„ich ſehe voraus, daß Du furchtbare Prügel bekommen wirſt.“
„Von wem?“
„Von mir, Du Dummkopf! geſehen?“
Ich fürchte mich vor Dir nicht! ich ſag's nicht.“
„Claus!“
„Ich ſag's doch nicht— ſie können alle glauben, Ruben habe den Juden Meyer„todtgeſchmiſſen“— ich ſags doch nicht anders.“
„Weißt Du es denn anders?“
„Ja, aber ich ſag's nicht.“
Mendel iſt mit einem Mal blaß geworden, ſein Herz ſchnürt ſich zuſammen, eine innere Ahnung ſagt ihm, daß der von ihm ſo arg
behandelte Junge vielleicht der Schlüſſel zu dem Luftſchloſſe ſei, das er ſeit zwei Tagen ſo oft erbaut und das immer wieder zuſammen⸗ geſtürzt iſt. Mendel begreift, daß er handeln müſſe,... aber wie? „Noch einmal, Claus, willſt Du mir ſagen, was Du geſehn? weißt Du?... wenn Du es mir ſagſt, ſchenk ich Dir meinen Tuſchkaſten!“ 3
„Du thuſt es nachher doch nicht.“
„Ach was!“ ſagt er endlich,„wenn Du etwas wüßteſt, würdeſt
Heraus damit, was haſt Du
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