Jahrgang 
01-12 (1867)
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gütigen, liebenswürdigen Herrn erzählen, der mit mir ganze Vormit⸗ tage verplauderte und ſich ſo gar oft beklagte, wie ihm die liebſten ſeiner Ideen durch dieſes oder Jenes verbittert wurden. Ich merkte mir das und gab mir ſo viele Mühe, wie möglich, ihm behilflich zu ſein. Einſt hatten wir einen glänzenden Erfolg! Die Glas⸗ malerei beſchäftigte ſeinen Geiſt eine ganze Zeit lang, und der Ge⸗ danke, daß Preußen gar nichts darin liefere, brachte ihn auf die Idee, auf eigene Koſten ein Atelier dafür zu errichten. Hier ging ich ihm mit Rath und That zur Hand, denn es war mein Fach, ich unter nahm Reiſen, ſetzte mich mit den größten Meiſtern unſrer Zeit auf ſein Geheiß in Verbindung, und es gelang, in Berlin ein königliches Atelier für Glasmalerei zu gründen, deſſen Probeſtück das achtzig Fuß hohe und einundzwanzig Fuß breite Fenſter der Marienkirche zu Danzig war und zu deren Director der Major im Kaiſer Franz Regimente Vogel von Falckenſtein ernannt wurde.

Und dieſes Atelier? fragte ich....

Exiſtirt immer noch, obgleich das Publicum gar keine Notiz davon nimmt. Unſer König Wilhelm, der eine ſeltene Pietät für die Schöpfungen ſeines verſtorbenen Bruders hegt, hat dieſe ſogar ſo weit getrieben, mich ſtets als Director zu laſſen, obgleich in letzter Zeit beſonders mir die Zeit fehlte, mich damit zu beſchäftigen. Das Atelier iſt in Berlin in der Neander⸗Str. Nr. 4, und das Publicum hat wirklich Unrecht, ſich ſo wenig damit zu beſchäftigen... doch das ſind Geſchmackſachen.

Und Ihre militäriſche Carriére, Excellenz?...

Ging langſam, gar langſam! als Major commandirte ich mein Bataillon 1848 in der Breiten⸗Straße und wurde an ſeiner Spitze verwundet, als ich dem vom Volk umzingelten General von Prittwitz zu Hilfe eilte... Doch laſſen wir das die Rückerinnerung thut weh, und eine Wunde, die ein Preuße von Preußenhand er⸗ hält, ſchmerzt tief!... Mein armer, armer König! was hat er in jenen Schmerzenstagen gelitten, und wie iſt er verläumdet worden! ... und ich auch! denn ſeit jenem Unglückstage datirt das düſtre Renommé, welches ſich im Geiſte des Volkes an meinen Namen heftet; doch ich bin darüber hinweg, hab' mich niemals zu vertheidigen ge⸗ ſucht, meine Pflicht gethan zu haben, und habe ſchwatzen laſſen, wie man wollte.

Excellenz, ſagte ich,ziemlich bewegt von der Rückerinnerung an jene grauſen Tage, wenn Sie ſich auch nie vertheidigt haben, was ich ganz gut begreife, ſo kann ich doch die Gelegenheit nicht vorüber⸗ gehen laſſen, Sie zu bitten, mir von jenen beiden Schüſſen zu ſprechen, die eine ſo unheilvolle Bedeutung für Preußen gehabt haben und deren Echo noch heute düſter in mancher Preußenbruſt widerhallt. Sie allein können darüber ſprechen, und wenn Sie die Güte haben, mir jetzt eine Antwort zu ertheilen, ſo...

Wozu nützt das? unterbrach mich der General mit gefurchter Stirn,es iſt thatſächlich bewieſen worden, ich ſelbſt habe die protocollariſchen Aufnahmen geleitet, daß niemand an dieſen beiden Schüſſen Schuld war, niemand, nicht einmal der Soldat und der Unter⸗ officier, aus deren Gewehren die Kugeln flogen, daß die Gewehre von ſelbſt losgegangen ſind, das eine durch den Stockſchlag eines Civiliſten, das andere durch Zufall; noch mehr, es kann kein Zweifel herrſchen nach der Unterſuchung, daß die beiden Kugeln niemanden getroffen haben

. laſſen Sie! laſſen Sie die nächſte Generation wird uns Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, es iſt ja in der Geſchichte immer ſo ge⸗ weſen, man muß ſich zu faſſen wiſſen... wie ich es gethan und verſuchen, durch ſein ganzes Leben die Tendenzlügner Lügen zu ſtrafen... Wie wohl ward mir, als ich bald nachher meine Kaiſer Franz Grenadiere ins Feuer führen konnte, ich habe immer Glück im Kriege gehabt, und die Schlacht bei Schleswig gab mir Gelegenheit, mein altes Glück auf's neue zu probiren. Nun ging das Avancement ſchnell, ich wurde Oberſtlieutenant, Oberſt und, nachdem ich eine Miſſion in der Lauſitz ausgeführt, dem Stabe des General Wrangel als Chef attachirt. So verließ ich mein liebes Franzregiment, in welchem ich fünf und dreißig Jahre ununterbrochen gedient hatte, und ich verſichere Sie, daß der Tag meines Ausſcheidens trotz meines Avancements ein gar ſchmerzlicher wurde. Lange Jahre lebte ich in der Intimität meines verehrten Chefs, eines der liebenswürdigſten alten Herren, die exiſtiren, und dem die Anekdoten, die man von ihm erzählt, von denen natür⸗ lich die meiſten erfunden ſind, den größten Spaß machen; ging mit ihm zu den großen Cavalleriemanövern nach Rußland, wo es uns beiden nicht entging, daß dieſe unerhörte Truppenconc ing noch

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ganz etwas anderes verberge, was der bald darauf ausbrechende Krimmkrieg auch gezeigt hat. Von dort gingen wir nach Conſtanti⸗ nopel, wurden vom Sultan in beſonderer Audienz empfangen und beendeten dieſe ſo intereſſante Reiſe, indem wir den griechiſchen Archi⸗ pelagus und Italien beſuchten. Sie wiſſen, wie die Jahre bis zum Schleswig⸗Holſteiniſchen Kriege vergingen, und als der Feldmarſchall das Obercommando in dieſem Kriege erhielt, wurde ich zum Chef des Generalſtabes der alliirten Armee ernannt und blieb es bis nach dem ſiegreichen Sturme auf die Düppeler⸗Schanzen. Ich hatte den Plan gemacht, den Uebergang nach Alſen auszuführen, als vom General⸗ ſtabe ein zweiter Plan aus Berlin kam, der eine Landung auf Fühnen als Ziel der nächſtfolgenden Operationen bezeichnete. Ich hielt es für meine Pflicht, meine Anſicht, daß Alſen der nächſte Punkt unſrer Angriffe ſein müſſe, zu vertheidigen, ich forderte, daß man unaufhör⸗ lich in Jütland vordringe, um durch den Beſitz des Feſtlandes den Feind zum Frieden zu zwingen und zog es vor, meinem Collegen Moltke meine Stellung als Chef des Generalſtabes zu übergeben, als meine Meinung zu ändern, zumal da ich wußte, in welch' gute Hände ich ſie legte. Ich wurde zum Gouverneur von Jütland ernannt; doch der Wille des Königs beſtimmte, daß mein Plan zur Ausführung käme, Alſen wurde genommen und der bald darauf folgende Friede brachte mir neue Grade und Ehrenbezeugungen. Jetzt glaubte ich mein Leben beſchloſſen, meine Carriere beendet, der Ehrgeiz meines ganzen Lebens war erfüllt, denn um meinen Hals prangte derſelbe Orden pour le mérite, der den meines Vaters einſt ſchmückte und den zu erlangen mein einziger Wunſch war, ich glaubte, daß ich jetzt einen ruhigen Lebensabend im Kreiſe der Meinen verbringen könne, ich ſchmeichelte mir, daß mein Leben ein ſo accidentirtes wie wenig andere geweſen; da geſchah, das Unmöglichgeglaubte... ich habe in den letzten zwei Monaten mehr gelebt, möchte ich ſagen, als in meinem ganzen verfloſſenen Leben.

Ja, ſagte ich,der Wunſch eines jeden Officiers iſt ja, ein⸗ mal in ſeinem Leben als Höchſtcommandirender dem Feinde gegen⸗ über zu ſtehen, und Excellenz müſſen in Ihrer hohen Stellung dieſen Wunſch mehr als einmal gehegt haben.

Gewiß, aber ich ſagte es Ihnen ja ſchon, beim erſten Kanonenſchuß fängt mein Glück an! Alles war bei der Main⸗ armee improviſirt, ſelbſt der Obercommandant, und dieſe Im⸗ proviſation iſt die beſte Antwort, die man den Feinden der Regierung geben kann, wenn ſie behaupten, daß dieſer Krieg gegen Süddeutſch⸗ land ſchon ſeit lange vorbereitet geweſen ſei. Eine preußiſche Armee, die ſich vorbereitet hat, ſieht wahrhaftig anders aus, wie die, deren Commando ich übernahm. Mir fehlte, mir fehlte alles, was eine Armee in Campagne braucht; aber was ich in Ueberfluß hatte, war Bravour meiner Soldaten, Hingebung und Einſicht der Officiere und eine Intelligenz und Energie der Führer, die unter mir befehligten, wie ich ſelbſt nicht zu finden erwartete. Armee ſoll mir einmal eine Diviſion Goeben aufweiſen.. haftig, es gibt keine zweite!

Des alten Herrn Wangen glühten und jugendliches Feuer ſprühte aus ſeinen Augen. Es war ein Anblick der des Mannes, welcher, ſeit ſeiner Kindheit faſt Soldat, den Traum ſeines ganzen Lebens in ſeinem ſiebenzigſten Jahre ſich realiſiren ſieht, und ſo vollſtändig, wie er es vielleicht nie gedacht; es war ein Anblick, den meine Feder unfähig iſt, wiederzugeben.

Sie wollen wiſſen, wie ich es gemacht habe, um dieſe unerhör⸗ ten Erfolge zu erreichen? fuhr er fort.Ich habe meinen Truppen alles zugetraut, das iſt das ganze Geheimniß! Wie ein Keil habe ich mich zwiſchen die beiden feindlichen Armeen geſchoben und habe ſo auf beiden Seiten gedrückt, daß ſie auseinandergeſprengt ſind.

So handelte Bonaparte,... unterbrach ich,als er ſeine gleichfalls improviſirte Armee zwiſchen die Oeſterreicher und Piemon⸗ teſen ſchob und ſie einzeln ſchlug...

Ja, man hat es mir geſagt, und der Vergleich paßt, aber ich habe nicht daran gedacht! zu viel Ehre für mich, daß man mich mit dem großen Kriegsherrn vergleicht, aber ich war gezwungen, zu handeln, wie ich es that... es ging nicht anders, die unglückliche Affaire bei Langenſalza hat mich während der Concentration überraſcht... freilich, daſſelbe Reſultat hätte ohne ſo vieles unnützes Blutvergiéßen erzielt werden können; aber es mußte ſein! In meiner Lage hatte ein Tag eine Bedeu von der vielleicht das Schickſal des

. wahr⸗

Eine andere