Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
36
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ich Euch noch ſagen, daß, was ich auch hören werde und was auch meine Antwort darauf ſein wird, meine Liebe und Achtung wird für Euch immer dieſelbe bleiben, das wollt' ich Euch ſagen, Tante Rahel, nun redet, wenn Ihr wollt!

Lin Händedruck war Rahels Antwort, ſie richtete ſich auf, und als wenn Abraham gar nicht im Zimmer wäre, ſagte ſie, indem ſie ſich an ihren Neffen wandte:

Kaum wirſt Du Dich Deines Vaters entſinnen können, Ruben! Es war ein großes Ereigniß für dieſe Kille, als es hieß, daß ein Karaiter, welcher von der Frankfurter Meſſe kam, hier über Schabbes bleiben würde. Die Jüden hier nahmen ihn ſo freundlich auf, wie ſie mit jedem Verwandten unſeres Volkes thun, und am Schabbesnachmittage ſaßen ſie in der Wohnung des Lehrers traulich beiſammen, und Dein Vater erzählte unſeren Leuten, wie in ſeiner Heimat das Wort Gottes gelehrt und ausgeübt würde. Gottes Wege ſind wunderbar, mein Sohn! Am Nachmittage noch war Dein Vater ein ſtarker und ein geſunder Mann, der die Güte und die Allbarmherzigkeit ſeines Gottes pries, am ſelben Abende lag er auf dem Krankenbett, von dem er ſich nicht mehr erheben ſollte. Ein vom nächſten Dorfe kommender, beladener Heuwagen hatte den Un⸗ vorſichtigen erfaßt, und die Räder ihm beide Beine zerbrochen.... Lange Monate lag der Unglückliche auf ſeinem Schmerzenslager und weinte und jammerte über ſeine Heimat und das geliebte Weib, das er mit ſeinem Kinde dort gelaſſen, und von dem keine Nachricht zu ihm gelangte, obgleich der Rabbiner Brief auf Brief dorthin geſchrie⸗ ben. Da kam eines Tages ein Fremder mit einem Kinde in die Kille und fragte nach Joſeph ben Iſachar, dem Karaiten, und als man ihn zum Lager des Kranken führte, ſchrie dieſer laut auf vor Freude und nahm Dich in die Arme und küßte und benſchte Dich. Jedoch, als der erſte Freudenausbruch vorüber war, wandte er ſich zu Deinem Begleiter und ſagte: Bruder, wo iſt mein Weib? Da ſenkte jener den Kopf und ſprach: Bruder, die Koſaken haben Deine Wirthſchaft verheert Dein Haus liegt in Aſche Dein Weib Sarah iſt bei ihren Vätern! Da verhüllte Dein Vater ſein Haupt und ſprach einen ganzen Tag lang kein Wort endlich jedoch ließ er Dich wiederum zu ſich kommen und benſchte Dich von neuem. Dann wandte er ſich zu ſeinem Bruder, der ihn keinen Augenblick verlaſſen hatte, und ſagte: David, Sohn meines Vaters Iſachar, neige Dein Haupt, daß ich Dich ſegne! Und David weinte und jammerte und rief: Bruder! Bruder.... willſt Du mich auch ver⸗ laſſen! Dein Vater hörte jedoch das Klagen nicht und ſprach: In zwei Tagen oder in vieren werde ich bei meiner Sarah und bei mei⸗ nen Vätern ſein und werde ihnen erzählen von Deiner treuen, brü⸗ derlichen Liebe! Und von da ab ſprach er kein Wort mehr! Und am nächſten Freitag Nachmittag, da ſtanden zehn Männer aus der Kille um Deines Vaters Bett und beteten.... und einer von ihnen, Meier, näherte ſich einem anderen und ſagte: Es wird werden Schabbes, und wir werden nit können gehen in die Schul! Das hörte Dein Vater, Ruben, obgleich es Meier ganz leiſe geſprochen, lächelte und ſagte: Habt keine Furcht, Reb Meier, Ihr werdet kön⸗ nen gehen in die Schul'!! Und die Männer beteten fort und David ſaß an ſeinem Bett und weinte leiſe; da ging die Sonne unter, der Abend ward finſter und immer finſterer der heilige Schabbes hatte begonnen. Da erhob ſich Joſeph ben Iſachar plötz⸗ lich und ſagte mit vernehmlicher Stimme: Ihr Jüden, meine Brü⸗ der, iſt der Tag des Herrn angebrochen? Und Reb Abraham, der dort ſitzt, antwortete: Der Tag des Herrn hat begonnen. Da richtete ſich Dein Vater noch höher auf und rief: Höre, Israel, der Herr, Dein Gott, iſt ein einiger Gott!... Dann fuhr er plötzlich zuſammen ſeine Seele war bei ſeiner Sarah!!!

Rahel ſchwieg einige Augenblicke ſie begriff, daß ſie dem Sohne Zeit laſſen müſſe, um die Rührung, welche ſich ſeiner beim Anhören der Erzählung von ſeines Vaters Ende ſicherlich bemächti⸗ gen würde, in ſeinem Herzen zu bewältigen. Doch Ruben täuſchte ihre Erwartung mit hellem, klarem Blicke ſchaute er zu ihr auf, mit ruhiger feſter Stimme ſagte er: Ich wußte, daß mein Vater als ein guter, frommer Jüd ge⸗ ſtorben iſt, und Gott, der Allgütige, hat ihm gegeben ä große Gnad ſo zu ſterben, indem er Bruder und Kind bei ſich hatte! Was hatte er auf der Welt noch weiter zu thun? Leiden und klagen um ſein verlorenes Glück? Mein Vater muß ein frommer, gottgefälliger

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Jüd geweſen ſein, daß der Herr ihn ſo ſchnell von ſeiner Qual erlöſt, mit der Seele meiner Mutter vereinigt und daß das Wiederſehen jener beiden Seelen, die ſich auf Erden ſo ſehr geliebt, am aus⸗ erwählten Tage Gottes, am heiligen Schabbes, ſtattfand! Möge der Ewige gelobt ſei ſein Name mir einen Tod wie meinem Vater bereiten!

Rahel hatte ihr bleiches Haupt in ihre Hände fallen laſſen; ihre Bruſt wallte auf und ab, und nur mit Mühe unterdrückte ſie das Schluchzen, das ſie zu erſticken ſchien....

Gott... Gott, murmelte ſie...wirſt Du nicht haben Erbarmen mit mir? Vierzehn Jahre erwarte ich Deine Gnade, und immer noch irrt die Seele meines Davids allein in den himmliſchen Gefilden... vierzehn Jahre... o Gott, was habe ich für Sünden verbrochen, daß Du mich nit willſt laſſen eingehen in Gnaden zu Dir, zu meinem David...

Rebekka... Eure Tochter Rebekka! verſetzte die ernſte Stimme Abrahams.

Als wenn ſie ein elektriſcher Schlag getroffen, zuckte die Arme bei dieſen Worten zuſammen...

Ja... ja! ſtotterte ſie...Ihr habt Recht, Abraham... ich bin eine ſchlechte Mutter, ich denk' an mich allein nicht an mein Kind; ich muß ja leben für ſie ich darf ja nicht ans Sterben denken mein Kind ſteht ja allein auf der Welt.

Tante Rahel, unterbrach ſie plötzlich Ruben mit faſt feier⸗ lichem Tone,als mein Vater ſtarb, dankte er Gott, er vertraute feſt auf die Liebe ſeines Bruders für ſeinen Sohn, er wußte, daß Gott der Allbarmherzige der Vater der Waiſen iſt Tante Rahel, glaubt Ihr weniger feſt an Gottes Allgüte, wie mein Vater oder.... oder habt Ihr weniger Vertrauen zu mir, als mein Vater zu ſeinem Bruder?

Rahel ſah ihn mild lächelnd an.Ich vertraue Dir, Ruben, ſagte ſie,....aber Du biſt ſo jung,.... und Rebekka...

Wiederum unterbrach ſie Klopfen an der Thür ihres Gemaches, und auf ihr Hereinrufen traten noch zwei alte Juden und Meier bei ihr ein. Der älteſte von ihnen, nachdem alle drei ihr einenGut Schabbes geboten, ging auf ſie zu, und indem er ſeine Hand gegen ſie aufhob, ſagte er:

Rahel, wir kommen im Namen der Kille zu Dir, der Kille, deren Vorſteher ich bin und ſchon vor einer Stunde wären wir gekommen, wenn Abraham uns nicht gebeten hätte, vorerſt allein zu Dir zu kommen und Dich auf das vorzubereiten, was wir Dir zu ſagen haben. Jetzt mußt Du es wiſſen, Rahel, jetzt ſag uns Deine Antwort!

Ich weiß nicht,... was Ihr wollt, ſtotterte die Geängſtigte, ich..

Wir wollen wiſſen, wer Du ſein willſt, Rahel, unterbrach der andere,wer biſt Du? Eine Wittwe in Iſrael, und Deine Schweſtern werden mit Dir trauern eine geſchiedene Frau, wie es das Geſetz vorſchreibt, und Deine Brüder werden Dich be⸗ dauern! Wer biſt Du in der Gemeinde? oder was willſt Du ſein? Sprich, damit wir es wiſſen!

Eine plötzliche Veränderung war in der bleichen Frau vorge⸗ gangen es war nicht mehr die halbgeknickte Pflanze, die traurig und öde verdorrte nicht mehr die ſchwache, hilfloſe Mutter, deren Stimme ſich in Thränen verhüllte, wenn der Name ihrer Tochter aus⸗ geſprochen wurde nein, es war ein ernſtes, ſtarkes Weib, das ſich jetzt von ihrem Sitze mit Würde erhob, es war ein feſter Blick, der ſich jetzt auf die vier Juden heftete, und ihre Stimme klang feierlich und faſt ohne Zeichen innerer Bewegung!

Ihr Männer, ſagte ſie,es ſtehet geſchrieben, daß man die Aelteſten ſeiner Gemeinde achten und ehren ſoll und ich hab' es gethan. Es ſtehet aber auch geſchrieben: Wehe denen, die Wittwen und Waiſen betrüben und das thut Ihr, und heut am heiligen Tage des Herrn ruf' ich den Allmächtigen zum Richter zwiſchen Euch und mir auf. Ich will Euch noch einmal eine Antwort geben, und es wird dieſelbe ſein, die ich Euch gebe ſeit zehn Jahren, und die ich Euch werd' geben, ſo lang Gott im Himmel mir wird laſſen ein Herz, um zu fühlen, und einen Geiſt, um meine Gefühle zu be⸗ greifen!! 9

Beſinn Dich, Rahel, ſagte der Aelteſte,ſprich nicht im Zorn Worte, die Du wirſt bereuen... nimm Dir Zeit wir wollen Dich nicht quälen....

Nein, rief Rahel,nein! Und wenn ich nur eine Minute