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„ Abraham beugt das Haupt, und ein Seufzer entringt ſich ſeiner Bruſt.
„Ihr habt recht gedacht, Rahel,“ ſagte er endlich,„ich hab' immer geſchwiegen; denn ich konnte weder Euch vertheidigen, noch verurtheilen— aber ebenſo, wie es iſt geweſen bisher meine Pflicht, zu ſchweigen, iſt es geworden jetzt meine Pflicht, zu ſprechen, und Gott, der Herr, hat uns vorgeſchrieben, zu thun immer unſere Pflicht! Ich werde ſprechen, Rahel, nur bitte ich Euch, nit zu vergeſſen, daß, wenn Ihr auch bisher in Eurem Leben nur für Euch gedacht und gehandelt habt, wie es Euch recht ſchien, ſo müßt Ihr jetzt an Eure Tochter, an Eure Rebekka, denken und Eure eigenen Gefühle ihrem Glücke opfern!“
Die Glut iſt von den Wangen Rahels gewichen, aus ihren halb⸗ geſchloſſenen Augen perlt eine Thräne— zuſammengebeugt iſt ſie wieder auf ihren Sitz zurückgefallen, und mit zitternder Stimme ant⸗ wortet ſie:
„Ihr habt Recht, Abraham!— das muß ich und das will ich!“
„Nun, dann müßt Ihr Euch mit Eurem Bruder Iſaak ausſöh⸗ nen!“— verſetzt Abraham entſchieden—„und müßt die Gelegen⸗ heit, wo die Kinder hier ſind, nicht vorübergehen laſſen— denn ſolche Gelegenheit findet ſich nicht wieder.“
„Ihr wißt, von welch einer Bedingung er dieſe Verſöhnung abhängig macht!“ ſagte Rahel.
„Ja, und Ihr habt Unrecht, dieſe einfache Bedingung nicht anzunehmen. Vor wenigen Tagen hat mir Reb Iſaak noch ſelbſt geſagt: Als meine Schweſter Rahel aus meinem Hauſe ging und wider meinen Willen David ben Iſachar, den Karaiten, heirathete, hab ich geſagt: Ich fluche meiner Schweſter nicht, aber ich werde meine Lippen verfluchen, wenn ſie je wieder ein Wort mit der ſprechen, die unſere heilige Religion verleugnet und ſich einem Manne zum Weibe gegeben hat, der ſie nicht ausübt, wie es hat gethan ihr Vater und ihres Vaters Vater! Und Reb Iſaac hat gehalten ſein Wort; ſo lange Ihr ſeid geweſen verheirathet mit David ben Iſachar, dem Karaiten, hat er nichts gewollt hören von Euch, noch von Eurem Manne, noch von Eurem Kinde, und keiner von uns, wo ſind geweſen Eure und Eurer Miſchpoche(Familie) Freunde, hat geredt ein Wort zu Euren Gunſten mit Eurem Bruder; da wir haben gefunden, daß er hat gehabt Recht, und jeder von uns gethan haben würde ein Gleiches. Doch als iſt gekommen der Tag, Rahel, wo iſt geweſen für Euch ein ſchrecklicher— ich hab' es mit Euch gefühlt, Rahel, Ihr könnt’s mir glauben,— als verſchwunden iſt Euer Mann, haben die Jüden alle vergeſſen, was Ihr habt gethan, und die Männer haben Euch beklagt, und die Frauen haben geweint um Euch, und Reb Iſaak hat geſeſſen Tage und Wochen und hat getrauert um die trauernde Seele von ſeines Vaters Tochter. Und als waren vergangen Jahre, und es iſt geweſen ſo klar wie Gottes Sonnenlicht, daß David ben Jſachar iſt gelaufen davon und wahrſcheinlich zurück in ſein Land, wo ſie ſagen, iſt gelegen von hier viele tauſend Meilen, ſind wir gegan⸗ gen zu Reb Iſaak und haben gefragt: Und nun, Reb Iſaak? wollt Ihr wieder ſein Bruder zu Eurer Schweſter Rahel? Und hat ge⸗ antwortet Reb Iſaak: Ich bin geweſen immer ein Bruder zu meiner Schweſter Rahel, aber ich hab' gethan einen Schwur beim Namen Gottes des Allmächtigen und hab' geſagt: So lange Rahel iſt die Frau von David, dem Karaiten, mögen ſein verflucht meine Lippen, wenn ſie reden ein Wort mit meiner Schweſter— und ich kann nicht brechen den Schwur, den ich hab' gethan im Namen Gottes des All⸗ mächtigen!“
„Und als wir haben gehört dieſe Worte, ſind wir gegangen zum Rabbiner Rabbi Simon, wo iſt geweſen ein guter und gottesfürchti⸗ ger Jüd, und haben ihn gefragt, was wir nun ſollen thun. Rabbi Simon iſt geweſen ein weiſer Mann und hat geantwortet: Es ſteht geſchrieben im Buche, wo haben geſammelt unſre Väter die Weisheit der großen Rabbiner, daß, ehe man thut einen Schwur, ſoll man denken daran ſieben Tage und abermals ſieben Tage— und wenn man daran gedacht hat nochmals ſieben Tage und thut den Schwur, ſo ſoll man ihn halten ſein Lebenlang! Reb Iſaak hat geſchworen, er muß halten ſeinen Schwur!“
„Und wir haben geklagt und geſagt: Rabbi, Ihr ſeid ein weiſer Mann,— wißt Ihr gar kein Mittel, um ſowohl Reb Iſaak, als auch Rahel zu helfen? Da hat nachgedacht Rabbi Simon eine ganze Stunde,— dann hat er geſagt: Der Gott Iſraels iſt ein all⸗
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weiſer Gott,— mein Geiſt hat zu ihm gebetet, und er hat mir ge⸗ zeigt einen ganz einfachen Weg zur Verſöhnung! Da David ben Iſachar nun volle vier Jahre iſt verſchwunden, ſoll Rahel kommen zu mir und ſagen: Rabbi, mein Mann hat mich verlaſſen, Rabbi, ſcheide mich von meinem Manne. Und dann ſoll ſie gehen zum Ge⸗ richte der Gojim und ſoll ſagen dieſelben Worte, und werde ich mich verwenden und in weniger denn ſechs Monaten wird ſie nit mehr ſein die Frau von David ben Iſachar, und der Schwur Reb Iſaaks wird werden gelöſcht aus dem großen Buche, in dem Gott— boruch hu— zeichnet auf alle die Schwüre der Kinder ſeines Volkes!“
„Und wir ſind gelaufen zu Reb Iſaak und haben's ihm geſagt, und er hat aufgeſetzt ſein Käppchen und geſprochen ein Dankgebet und hat geſagt: Am Tage der Scheidung werd' ich benſchen meine Schweſter Rahel, und ihre Tochter Rebekka wird ſein meine Tochter.“
„Da ſind wir gelaufen zu Euch, Rahel, und haben uns mit Euch freuen wollen— doch Ihr habt unſerer Freude bald ein Ende ge⸗ macht, denn Ihr habt geantwortet: Ich werde mich von meinem David nicht ſcheiden laſſen!“
Abraham ſeufzte tief auf.
„Und ſeitdem ſind verfloſſen zehn Jahre, und alle Jahre am Erif Jaum Kippur(Rüſttag des Verſöhnungstages, oder gewöhnlich lange Nacht genannt) ſind wir gekommen jedesmal wieder— haben Euch geſagt dieſelben Worte und haben von Euch bekommen jedes Mal dieſelbe Antwort.“
Während dieſer ganzen langen Rede hatte Rahel faſt mit ge⸗ ſchloſſenen Augen dageſeſſen, und nur der herbe Schmerzensausdruck ihres Geſichtes bezeugte, daß ſie aufmerkſam zuhöre.
Auch Ruben hatte kein Wort der ganzen Erzählung verloren, und nach und nach war jener freundliche, faſt glückſelige Ausdruck, den ſein Geſicht zeigte, als er vorher ſeiner Tante den Schleier von ſeinen Zukunftsplänen ein wenig lüftete, gänzlich verſchwunden. Es war wiederum jener bittere Zug voller Verachtung und Entmuthigung, der um ſeine Lippen ſchwebte und aus ſeinen Augen leuchtete; und wenn er geſprochen hätte, wären es ſicherlich ebenſo herbe, faſt verzweifelte Worte geweſen, wie die, welche er am Nachmittag ſeiner Couſine auf der Straße ſagte, als Meier beide auf ſo unerwartete Weiſe unter⸗ brach. Sein Blick ſchien ſich ſogar mit Scheu ſeiner Tante zuzu⸗ wenden, als wenn er fürchtete, daß die Antwort, welche dieſelbe gebe, nur noch mehr die Gefühle, die in ſeiner Bruſt hauſten, ſchmerzhaft erregen würde.
Dieſe ſchlug endlich die Augen auf, und zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen wandte ſie ſich an ihn, anſtatt Abraham direct zu antworten.
„Ruben,“ ſagte ſie mit anfangs matter Stimme, welche jedoch, je länger ſie ſprach, ihren vollſtändigen Wohllaut wieder annahm, „Ruben, komm, ſetze Dich zu mir! Mein Unglück hat lange Jahre deſto ſchmerzhafter an meiner Seele genagt, weil ich hatte niemanden, der es gefühlt hat mit mir, niemanden, der zu meiner trauernden Seele geſprochen hätte Worte des Troſtes, indem er mir gelaſſen hätte all meinen Schmerz und all mein Leid; der mir geſagt hätte: Traure, Rahel, und weine! Gottes Hand ruht ſchwer auf Dir; doch Gottes Hand iſt eine Vaterhand— Du haſt Recht, Rahel, zu handeln, wie Du thuſt, Recht zu weinen und zu trauern; aber auch Recht, die einzige Liebe Deines Lebens nicht zu ſchmähen und ſie vor Deiner eigenen Seele nicht zu erniedrigen. Das war ſchrecklich für mich, Ruben,— vierzehn Jahre lang ohne Freund, ohne Vertrauten zu leiden, das iſt furchtbar, Ruben! Jetzt glaube ich, daß es anders wird; denn Du biſt ein Mann, Ruben— ich habe es aus Deinen Worten von vorhin gehört, jetzt ſollſt Du derjenige ſein, der mich richtet, denn nicht mehr Reb Iſaak, mein Bruder, iſt das Haupt meiner Familie, ſondern Du biſt es, mein Ruben, da unſere Väter ſo geboten haben, daß die Frau keine andere Familie haben ſoll, als die des Mannes, dem ſie ſich zum Weib gegeben hat. Du ſollſt mich richten, Ruben, Du und kein anderer,— komm, ſetze Dich zu mir.“—
Ruben hatte die ihm dargebotene Hand ſeiner Tante ergriffen und ſich faſt willenlos zu ihr hinziehen laſſen, es war mit einem Male wie ein Schleier vor ſeine Augen gekommen, und dieſelben hatten ſich, er wußte ſelbſt nicht warnm, mit Thränen gefüllt.
„Tante Rahel,“ ſagte er mit unſicherer Stimme,„ich liebe und acht Euch zu ſehr, um Euer Richter zu ſein, doch Ihr wollt's, und ich
muß Euch gehorchen! Doch bevor Ihr Euren Mund aufthut, will
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