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Denkschrift über die Stellung der Landesuniversität und ihrer Professoren im hessischen Staatswesen / Gustav Krüger
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tümliche Kuffaſſung bei den übrigen Beamten hervorgerufene eiferſüchtige Betrachtung der dem profeſſor zuerkannten beſonderen Wertſchätzung iſt menſchlich verſtändlich, aber in der Sache nicht begründet. Sie wird leider auch durch die Regierung genährt, ſofern dieſe auch bei der Univerſität den ſogenannten Reſſortſtandpunkt zur Anwendung bringt, ſo daß ſich jene eiferſüchtige Betrachtung auch bei den einzelnen Miniſterial⸗ abteilungen im Intereſſe der ihnen unterſtellten Verwaltungszweige kund gibt. Dieſer Uebung gegenüber kann nicht genug betont werden, daß Verwaltung und Juſtiz, Unterrichts⸗ und Medizinalweſen, ja überhaupt alle 5weige des öffentlichen Lebens ein gemein⸗ ſames Intereſſe an der Landesuniverſität haben, und daß Unterſtützungen, Vergünſtigungen und Ehrungen, die der Landesuniverſität und ihren profeſſoren zuteil werden, ledig⸗ lich nach der im Weſen und in der beſonderen HKufgabe der Univerſitäten begründeten Wertſchätzung bemeſſen werden dürfen.

Wie ſich die Verhältniſſe verſchoben haben, läßt ſich vielleicht am beſten an einer Keußerlichkeit verdeutlichen, die doch mit dem Weſen der Sache in enger Verbindung ſteht. Von jeher war der Citel Profeſſor ein Ehrentitel, in dem ſich das Weſen des Standes ſpiegelte. Die profeſſoren der wieder erneuerten Straßburger Univerſität wußten, was ſie taten, als ſie erklärten, an ihrer Amtsbezeichnung feſthalten und ſogenannte Charakteri⸗ ſierungen ablehnen zu wollen. Dieſen idealen und allein richtigen Stand⸗ punkt aufrecht zu halten, iſt den profeſſoren durch die Entwickelung in den letzten Jahrzehnten erſchwert, ja nahezu unmöglich gemacht worden. Von Jahr zu Jahr hat die Entwertung des profeſſortitels zugenommen. Dabei iſt nicht in erſter Linie an die Verleihung des Titels an verdiente Männer der wiſſenſchaft und Vertreter der freien Künſte als beſondere perſönliche Ehrung zu denken; eine ſolche Ehrung ehrt den Titel und iſt aus der Sache zu begründen. Die Entwertung liegt vielmehr in der ſchematiſchen, mit dem Kufſteigen in eine höhere Gehaltsklaſſe verbundenen Verleihung des Charakters als Profeſſor an die Oberlehrer. Es hat zu einer völligen Verkehrung der Sachlage geführt, daß dadurch der Schein erweckt wird, als ſtünden Weſen und eigentümliche Aufgaben des Ober⸗ lehrerſtandes in beſonders naher Beziehung zu Weſen und Aufgaben des Profeſſorenſtandes. Die Verwiſchung aber dieſes Weſensunterſchiedes hat