Jahrgang 
14-26 (1877)
Einzelbild herunterladen

Der Gatte verfügt über das ganze Vermögen ſeiner Frau. Er kann ſie ſogar verkaufen, wenn er durch Noth hart gedrückt iſt, aber es geſchieht äußerſt ſelten, daß er von dieſer Beſtimmung des japa⸗ neſiſchen Geſetzes Vortheil zieht, die nur für die extremſten Fälle gilt, wo in Folge großen Elends der Verkauf für die Gattin gewiſſermaßen zur Wohlthat wird. Er kann ſie auch wegen einer Anzahl von Gründen verſtoßen. Eine geſchiedene Gattin darf ihre Kinder nicht mit ſich nehmen, ſelten aber erfolgt eine Scheidung, wenn Kinder vorhanden ſind. Die Frau verläßt die Familie ihres Gatten, kehrt zu ihrer eigenen zurück, und es iſt ihr erlaubt, wieder zu heirathen, wenn ſich die Gelegenheit dazu findet, was aber nicht häufig vorkommt.

Die eheliche Gemeinſchaft, die in unſerer Geſellſchaft eine ſo hohe Wichtigkeit hat, beſitzt in Japan nur eine ſehr beſchränkte Bedeu⸗ tung. Dort wird Alles von der Frau erwartet, nichts vom Manne; für die Erſtere iſt die Ehe ein Band, das ſelbſt der Tod kaum löſen kann; für den Letzteren eine Gemeinſchaft, der er nur ſo lange an⸗ zugehören braucht, als er ſelber es wünſcht.

Da eine deſpotiſche Regierung keine tüchtige und frühzeitige Er⸗ ziehung und deshalb auch keine Erzieherinnen erfordert, iſt die Japaneſin nur ein gefügiges Werkzeug und eine beſcheidene und ge⸗

N N

* h 33 d

I S

2 3 M AK 893 S AGAANANA J S Nee e ehe⸗ NM A A 8 UW NV

2 G 68

47 e, etA NW Q 3 5

5 4 9 MN W.

horſame Dienerin des Mannes. Der Schwerpunkt für die Familie liegt in Japan nicht im Hauſe, ſondern im Vater. Eines von denHundert Geſetzen des Landes ſagt:

Jeder Unterthan muß bereit ſein, für den Kaiſer all⸗ ſeine Kraft, Einſicht und ſein Eigenthum hinzugeben; ebenſo jedes Kind für ſeine Eltern und jeder Zögling für feinen Meiſter; und zwar weil er dem Kaiſer ſeine Nahrung ſchuldet, wie den Eltern ſeine phyſiſche Exiſtenz und dem Meiſter Unterricht, und das Leben nicht möglich iſt ohne dieſe drei Wohlthaten. Auf ein ſolches Prinzip gegründet iſt die väterliche Gewalt unbegrenzt. Als das ſchwerſte aller Verbrechen gilt in Japan die Vernachläſſigung der kindlichen Pflichten, und zur Ehre der Bevölkerung muß geſagt werden, es iſt dort auch das ſeltenſte. Früher konnte der Vater ſeine Töchter verkaufen, wenn ſie dagegen keine Einwendungen machten, und dieſe Ergebenheit wurde in populären Erzählungen als das ſchönſte Beiſpiel kindlicher Tugend geprieſen. Ein neuerliches Dekret des Mikado aber hat dieſe Einrichtung aufgehoben. Noch immer hat indeß der Vater die Macht, ſeine Kinder zum Tode zu verurtheilen, und es fehlt nicht an dergleichen empörenden Exekutionen, die aber wohl der Einfluß der abendländiſchen Civiliſation ebenfalls bald beſeitigen wird.

1

ee

dI

J NS V (

6

Lager rumäniſcher Truppen bei Widdin.(S. 515.)

Mannigfaltiges.

Der Staarmatz des Königs. Der erſte König von Bayern, Maximilian Joſeph, bekannt als einer der beſten volksfreundlichen Regenten, war auch ein eifriger Thierfreund und hatte in dem Luſtſchloſſe Nymphenburg zu ſeinem Privatvergnügen eine ſtaltliche Menagerie ein⸗ richten laſſen, die nebſt manchen ſeltenen Thieren auch eine Menge wohl⸗ dreſſirter Papageien und Staare enthielt. Nach dem am 12. Oktober 1825 erfolgten Tode des Königs wurde die Menaggerie verkauft, und zwar brachte man die Thiere, unter einem großen Zudrang von Kaufluſtigen, einzeln zum Aufgebot. Als die Papageien und Staare unter den Ham⸗ mer kamen und zum Theil zu bedeutenden Preiſen verkauft wurden, ſah man ſich genöthigt, einen alten ruppigen Staarmatz, der ſtill und melan⸗

choliſch auf ſeiner Stange ſaß, vorläufig zurückzuſetzen, weil Niemand auf den unſcheinbaren Vogel bieten wollte. Etwa eine halbe Stunde nachher, während die Auktion im beſten Fortgang war, wurden die Anweſenden durch eine ſeltſame klagende Stimme überraſcht, die mit unſäglich trau⸗ rigem und rührendem Ausdruck rief:Max Joſephl Lieber Vater Max! Es entſtand plötzlich eine Todtenſlille in der Verſammlung. Alle Diejenigen, welche den vielgeliebten Monarchen perſönlich gekannt hatten.

(Nachdruck verboten.)

fühlten ſich ſeltſam erſchüttert. Und die klagenden Laute wurden wieder und wieder gehört.Es iſt der alte ruppige Staarmatz! rief da ein aufmerkſamer Beobachter, und er hatte wirklich Recht. Da kam ein wah⸗ rer Sturm von Enthuſiasmus über das verſammelte Publikum.Den Staar wieder her! Den Staar wieder her! rief man und begann mit einem Eifer zu bieten, bis zuletzt ein reicher Gaſtwirth für einen enor⸗ men Preis den armen melancholiſchen Vogel erſtand. Kurzum, der alte ruppige Staarmatz, den anfänglich Niemand für einen halben Gulden haben wollte, brachte ſchließlich mehr Geld ein, als alle Papageien und die übrigen ſeltenen Vögel zuſammen genommen. F. L. Iſaak Newton. Die meiſten Geſchichtchen über die außerordent⸗ liche Zerſtreutheit des großen brittiſchen Gelehrten Iſaak Newton ſind all⸗ gemein bekannt, von Folgendem aber kann dies nicht geſagt werden: Newton war einſt in die Löſung einer wichtigen Aufgabe vertieft und wünſchte auf ſeinem Zimmer ganz allein zu ſein. Seine Haushälterin war jedoch beſorgt, daß er ſich zu lange des Eſſens enthalten möchte und ſchickte deshalb ein Mädchen aus der Küche nach Newton's Zimmer mit der Weiſung, dort auf dem Oken ein Ei zu kochen und darauf zu dringen,

1