Jahrgang 
14-26 (1877)
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510 Illuſtrirte Ch

ronik der Zeit.

ein feines Lächeln um den geiſtreichen Mund des Weimarer Orga⸗ niſten. Wie der kunſtverſtändige Volumier hatte auch er ſofort des Mannes Bedeutung erkannt, der das Auditorium ſo keck durch einige mit graziöſer Leichtigkeit hingeworfene Paſſagen zu verblüffen wußte: Marchand war ein tüchtiger Techniker, aber kein Muſiker. Dies ward ihm ſofort aus der Art und Weiſe klar, wie Marchand das nette und gefällige Thema benützt hatte. Er, der große Meiſter der Kompoſition, wußte es vollkommen zu würdigen, was man aus dieſem Thema mit Geiſt und Verſtändniß hätte machen können, und wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, gerade hiedurch den Franzoſen zu ſchlagen, denn dies Be⸗ wußtſein hegte Bach mit Zuverſicht von ſich ſelbſt: an Kunſtfertig⸗ keit und Technik ſtand er hinter Marchand nicht zurück, an muſi⸗ kaliſchem Genie und Verſtändniß aber, an Gedankenreichthum und Fähigkeit der Wiedergabe ſeines ſeeliſchen Empfindens, mit einem Worte, als Muſiker überſtrahlte er weit den kecken Mann, der ſich den größten Virtuoſen der Welt nannte. Deshalb belebte ſtolze Siegesfreude ſein Antlitz, als auf einen Wink des Königs Volumier auf das Podium ſchritt und verkündete, daß das Kon⸗ zert⸗Programm inſofern eine Abänderung erleiden werde, als ein zufällig angekommener deutſcher Klaviervirtuoſe, Herr Johann Sebaſtian Bach aus Weimar, die Ehre haben werde, in einer freien Phantaſie eine Probe ſeiner Kunſtfertigkeit abzulegen.

Ein Murmeln der Verwunderung ging durch die Verſamm⸗ lung; Niemand hatte je etwas von einem Virtuoſen Bach gehört, Allen war der Name des großen Meiſters unbekannt. Marchand's Mund aber verzog ſich zu einem ſpöttiſchen Lächeln und ſeine

motives der zuerſt gehörten Händel'ſchen Ouvertüre, erſt leiſe und ſchüchtern, dann immer deutkicher und mächtiger werdend, bis es endlich, wie nach einem ſiegreichen Ringkampfe, feſt und ſicher in den Vordergrund trat. Nur einzelne Töne der franzöſiſchen Chan⸗ ſonnette zuckten noch wie die letzten Sterbeſeufzer eines Niederge⸗ ſchmetterten durch Almira's Siegesgeſang, dann verſtummten auch dieſe Anklänge und ſtolz erbrauste einzig und allein die göttlich ſchöne Melodie des unſterblichen Meiſters Händel durch den Raum, mit donnernden Klängen den Sieg verkündend den Sieg der deutſchen Kunſt über die welſche Anmaßung.

Mit einem mächtigen Schlußakkorde endigte Bach ſein Spiel und erhob ſich. Da war es, wie wenn die Verſammlung von einem Zauber befreit worden wäre, der ſie zum Stillſchweigen verurtheilt hätte: ein Sturm des Beifalls brach los, wie er in dieſen Räumen noch nicht gehört worden war. Man hatte den deutſchen Virtuoſen verſtanden, und Alles beeilte ſich daher, den Triumph der deutſchen Kunſt mitzufeiern. Allen voran klatſchte der König ſelbſt wie raſend ſeinen Beifall mit denſelben ge⸗ waltigen Händen, mit welchen der rieſenſtarke Fürſt in Spanien wilde Stiere niedergeſchmettert hatte und mit denen er im Stande war, Hufeiſen und Thalerſtücke wie Glas zu zerbrechen. Und der verſammelte Hof und die übrigen Anweſenden blieben hinter dem Könige wahrlich nicht zurück. Einer ſuchte den Anderen im Spen⸗ den ſeines Beifalls zu überbieten, ſogar die Damen nahmen Theil an dem allgemeinen Jubel und klatſchten, daß die Handſchuhe platzten.

Nur Einer, der unglückſelige Marchand,der größte Klavier⸗ virtuoſe der Welt, hatte keine Beifallsſpenden für denpauvre

Mienen nahmen faſt den Ausdruck des Mitleids mit dem Unglück⸗ lichen an, der ſomal à propos es wagen konnte, unmittelbar nach ihm ſich hören laſſen zu wollen.Un virtuose allemand? ſprach er halblaut in bedauerndem Tone zu ſeiner Umgebung pauvre jeune homme!

Unterdeſſen hatte Bach ſich erhoben und betrat jetzt ſicheren Schrittes das Podium, auf welchem das Klavier ſtand. Ohne durch die auf ihm ruhenden Blicke nur im Geringſten beunruhigt zu werden, verbeugte er ſich tief vor dem Königspaare und nahm dann ſeinen Platz an dem Inſtrumente ein. Marchand aber machte ſeine Umgebung achfeeewens auf die einfache ſchwarze Kleidung Bach's aufmerkſam.

Jetzt begann Bach mit einem kräftigen, vollen Akkorde ein Präludium in der nur ihm eigenen meiſterhaften Art, ernſt und ſchwer, mächtig und gediegen, ſo gänzlich verſchieden von dem kurz vorher von Marchand gehörten, daß unwillkürlich Alles in eine feierliche Stimmung verſetzt wurde. Es war ein in Tönen ge⸗ maltes Bild des deutſchen Volkscharakters, würdig und edel wie dieſer, gegenübergeſtellt dem durch Marchand's muſikaliſche Ein⸗ leitung mit ihren gaukelnden Paſſagen, Trillern und Sprüngen verſinnbildlichten franzöſiſchen Volkscharakter, es war die Gefühls⸗ tiefe gegenübergeſtellt der herzloſen Leichtlebigkeit, der Geiſt gegen⸗ über der Phraſe.

Staunend, in lautloſem Schweigen lauſchten die Zuhörer den herrlichen und gewaltigen Phantaſieen des deutſchen Meiſters. Alles, ſogar der Laie, wurde durch die würdige Größe dieſer Kunſt über⸗ wältigt, Alles verſtand die Bedeutung des vorgeführten Tongemäl⸗ des. Auf's Tiefſte ergriffen und zugleich auf's Höchſte geſpannt auf die Weiterentwickelung des begonnenen muſikaliſchen Baues wagte Niemand durch einen Beifallsruf die feierliche Stille zu unterbrechen, als der deutſche Künſtler ſein Präludium geendet hatte. Aber das tiefe, faſt andächtige Schweigen ſagte Bach mehr als der lauteſte Beifallslärm, wie tief er mit ſeinem Spiele die Bemnäther ergriffen habe. tur Marchand wurde durch das Unter⸗ bleiben jeglichen Beifalls getäuſcht und konnte zu ſeiner großen Befriedigung annehmen,le jeu ennuyant du maitre d'école habe nicht angeſprochen. Unter der Maske des Mitleids ſeine innerliche Freude verbergend, zuckte er bedeutungsvoll die Achſeln und ſprach zu ſeinen ihn umgebenden Freunden und Bewunderern gewendet wieder ſein früherespauvre jeune homme!

. Jetzt, nach kaum minutenlanger Pauſe, begann Bach von nernen V pirlte kin Thema zum Erſtaunen Aller, beſon⸗ ers Marchand s, daſſelbe Thema, welches den Grundgedanken des Jiand wnerbe, gebilde hatte.*) Dieſes variirte er ſodann, Maiche ds Spic aihahmend. mehrfach in gelungenſter Weiſe, auch dh ihr miuglei Belehenheit geboten ward, zu zeigen, daß vuh irh in Wiſter der Tochuit ſei und mit einer gewiſſen Kuſt ſich Sch gkeiten zu ſtürzen und dieſelben ſiegreich zu 3 bewältigen verſtehe. Endlich aber, in der letzten Variation, ver⸗ hainen die erſtaunten Zuhörer plößzlich mitten durch die luſtige

e des franzöſiſchen Liedes die herrlichen Töne des Haupt⸗

Hiſtoriſch.

maitre d' cole; leichenblaß ſaß er auf ſeinem Stuhle, ein ge⸗ ſchlagener Mann, eine gefallene Größe. Doch er war ein Mann von Welt und durfte ſich den Zorn, der ihn verzehrte, nicht an⸗ merken laſſen, und ebenſo wenig durfte er zugeſtehen, daß der deutſche Künſtler ihn übertroffen habe. Wie der König und andere Anweſende begab er ſich deshalb hin zu Bach und ſprach ihm ſeine Anerkennung über ſein Spiel aus. Seine innerliche Wuth ließ ihn jedoch hiebei den Mißgriff begehen, in einem herablaſſenden Tone, etwa wie der Meiſter einem Lehrjungen gegenüber zu reden, und außerdem beging er den Fehler, von einem guten Ein⸗ ſtudiren der vorgetragenen Variationen zu ſprechen, und fügte bei, daß Bach, wenn er fortfahre, fleißig zu ſein, es noch zu etwas bringen könne in der Welt.

Bach zog bei dieſem ſeltſamen Komplimente ſeine buſchigen Augenbrauen in die Höhe.Mit Verlaub, Herr, erwiederte er,ich glaube, ich habe es ſchon zu etwas gebracht; im Uebrigen waren die Variationen über ein Thema, das ich heute zum erſten Male hörte, ſelbſtverſtändlich nicht einſtudirt, ſondern improviſirt!

Marchand lächelte:O, Sie hab' ganz reckt, ſo zu ſag', rade⸗ brechte er,mais pardounez ce n'est pas possible!

Dies griff Bach in ſeiner Ehre als Mann und Künſtler an. Mit ernſten Worten hielt er ſeine Behauptung aufrecht und lud daher, was er ſpäter erſt zu thun beabſichtigte, direkt den an⸗ maßenden Franzoſen ein, ihm beliebige muſikaliſche Themen zur freien Behandlung als Phantaſie aufzugeben, unter der Bedingung jedoch, daß Marchand ſich bereit erkläre, in gleicher Weiſe die Auf⸗ gaben zu löſen, die er ſelbſt ihm ſtellen wolle.

Bach hatte dies in etwas erregtem Tone und ſo laut zu Marchand geſprochen, daß Friedrich Auguſt, der in der Nähe ſich befand, jedes Wort hatte verſtehen können. Er trat zu den beiden Künſtlern heran und forderte nun auch ſeinerſeits Marchand auf, den angebotenen Wettkampf anzunehmen.

Der Franzoſe ſchrak leicht zuſammen. Bach ſelbſt gegenüber hatte er Miene machen können, das gefährliche Anerbieten mit ſouveräner Geringſchätzung abzuweiſen; dem Verlangen des Königs aber mußte er wie ſehr es auch ſeiner Abſicht widerſtrebte entſprechen. Gewandt verbarg er jedoch das ihm verurſachte Miß⸗ behagen und erklärte, ſich ceremoniös verbeugend, ſeine Bereitwillig⸗ keit, dem Befehle des Königs zu gehorchen.

Gut gut! rief da Friedrich Auguſt vergnügt,ſo haltet euch Beide bereit, morgen Abend den edlen Wettkampf auszufechten. Meine Befehle hierüber werden euch noch zugehen. Jetzt aber, Volumier, fuhr er ſodann zu ſeinem neben Bach ſtehenden Kapell⸗ meiſter gewendet fort,laſſe er weiter muſiciren!

Mit dieſen Worten trat er zu ſeinem Platze zurück und das Konzert nahm ſeinen Fortgang.

Im Laufe des nächſtfolgenden Morgens erhielt der mit Un⸗ geduld harrende Bach ſowohl, als auch der dem bevorſtehenden muſikaliſchen Turniere mit etwas weniger Kampfbegier entgegen⸗ ſehende Marchand eine Einladung zu einer am gleichen Abend im Hauſe des Staats⸗ und Kabinetsminiſters, Generalfeldmarſchall