Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Nacht vom Mittwoch zum Gründonnerstag ein Viertel auf zwei Uhr des Morgens verſchied Herr v. Vinache, ein Italiener und Ge⸗ fangener in der Baſtille, im dritten Zimmer des Thurmes La Ber⸗ taudière und in Gegenwart des Stockmeiſters La Boutonière und des Korporals Michel Hirlanque. Sobald er todt war, meldeten es ſeine Wächter dem Herrn Gouverneur, welcher ſogleich aufſtand und ſich in das Zimmer des verſtorbenen Herrn v. Vinache begab, der ſich ſelbſt entleibt hatte, indem er ſich am Halſe, gleich unter dem Kinne, eine große breite Wunde geſchnitten. Aller Beiſtand und ſchleuniger Verband waren nicht im Stande, ihn zu retten.

Im Laufe des Tages wurde der Polizeiminiſter benachrichtigt, der bei der Meldung durchaus keine Verwunderung zeigte, da er wohl am beſten Beſcheid über den richtigen Zuſammenhang wußte. Herr d'Argenſon verfügte ſich alsbald perſönlich in die Baſtille, beſichtigte den Leichnam und befahl, ohne Gründe dafür anzugeben, daß derſelbe alsStephan Durand, ſechzig Jahre alt, begraben wer⸗ den ſolle. Stephan Vinache war aber nur achtunddreißig Jahre alt, als er den Tod erleiden mußte.

Das Regiſter des Lieutenants du Jonca berichtet über das Be⸗ gräbniß:

Sonnabend den 22. März. Gegen ſechs Uhr des Abends hat man den Herrn v. Vinache unter dem Namen Stephan Durand auf dem Kirchhofe St. Paul zur Erde beſtattet. Bevor man ihn in den Sarg legte, kam noch denſelben Sonnabend um vier Uhr Nachmittags Herr d'Argenſon noch einmal in die Baſtille, um die Leiche zu rekognosziren.

Auf ſolche Weiſe lebte und ſtarb der Magier Stephan Vinache, deſſen merkwürdige Schickſale freilich nicht ſo berühmt geworden ſind, wie die ſeines Vorgängers im Kerker, des Mannes mit der eiſer⸗ nen Maske.

Bemerkenswerth iſt es, daß die Wittwe des Neapolitaners nach deſſen Tode in den ungeſtörten Beſitz des ſehr bedeutenden Nachlaſſes geſetzt wurde. Sie behielt die Landgüter und Häuſer, die Juwelen und Kapitalien kurz Alles, was ihr Mann beim Kippen und Wippen verdient hatte. Später vermählte ſie ſich mit einem vor⸗ nehmen Edelmann, der ſich in ihre Schönheit und vielleicht mehr noch in ihre Geldſäcke verliebte.

Durch die zu Protokoll genommenen Ausſagen des Münz⸗ fälſchers Vinache, des Graveurs Schulz und des Mechanikers Thuriat waren die Bankiers Samuel Bernard, Menager ꝛc. allem Anſchein nach arg kompromittirt worden. Doch wurde gar nichts gegen dieſe Börſenfürſten unternommen. Die heikle Angelegenheit wurde einfach todt geſchwiegen.

Die Wahrſcheinlichkeit ſpricht ſogar dafür, daß die franzöſiſche Finanzverwaltung bei den Goldfälſchungen des Neapolitaners ins⸗ geheim betheiligt war. Der geldfreſſende ſpaniſche Erbfolgekrieg hatte die Steuerkraft des Landes auf's Aeußerſte erſchöpft, ſo daß die Regierung wegen Beſchaffung der erforderlichen Geldmittel fort⸗ während ſich in Verlegenheit befand, aus welcher ſie oft durch die Hilfe Samuel Bernard's und anderer Finanzmänner geriſſen wer⸗ den mußte. Schon früher hatte ſich Ludwig XIV. durch Münz⸗ reduktionen zu helfen verſucht. Es mag ja wohl ſein, daß der Magier Stephan Vinache nur eine vorgeſchobene Marionette war, deſſen eigenthümliches Treiben von der Regierung durch geheime Fäden gelenkt wurde, die durch die Hände der geſchäftskundigen klugen Bankiers Samuel Bernard, Menager ꝛc. liefen. Als der Skandal zu groß wurde, der Unwille der öffentlichen Meinung zu energiſch ſich auszuſprechen anfing, da ließ man ihn fallen und die Baſtille verſchlang ihr Opfer.

Geſundheitszuſtände in der guten alten Zeit. 85 Kulturwiſſenſchaftliche Skizze von Ludwig Heimann. CRachdruck verboten.)

ür die Jahrhunderte des Mittelalters fehlen uns die genauen ſtatiſtiſchen Angaben über Sterben und Leben der Bevölkerung, wie ſie heute mit ſo vielem Fleiß angefertigt werden, und alle uns aus jener Zeit hier⸗ über überkommenen Ziffernnachweiſe ſind immer nur mit großer Vorſicht aufzunehmen, ſo daß wir das Verhältniß zwiſchen Urſache und Wirkung nicht in beſtimmten Zahlen angeben können; dennoch wird eine Schilderung der Dinge, welche auf das geſundheitliche Leben und die Mortalität unſerer Vorfahren von Einfluß waren, auch für uns von Intereſſe ſein. Die nächſte Umgebung des Menſchen, der Raum, in dem wir wohnen, die Straße, in der wir uns bewegen, die Luft, die wir einathmen, dies ſind die Fragen, mit denen ſich die Geſund⸗ heitslehre in erſter Reihe zu befaſſen hat, und der Vergleich nach dieſer Seite hin zwiſchen den verſchiedenen Jahrhunderten wird gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Geſchichte der Kulturentwick⸗ lung eines Volkes liefern. Zunächſt wollen wir alſo ſehen, welches äußere Bild unſere alten deutſchen Städte und Straßen bieten. Im zwölften Jahrhundert begannen die Städte, die im Laufe der Zeit mit Dörfern, Anſiedelungen unterhalb von Klöſtern, Pfalzen und Burgen allmählig entſtanden waren, ſich ihres altbäueriſchen Ge⸗ wandes zu entkleiden. Die Aecker, Weinberge und Gärten im Mauer⸗ bezirke verſchwanden, die meiſten Plätze wurden bebaut, in jeden Winkel drang das gewerbliche Leben ein. An eine regelmäßige Straßen⸗ anlage war nun freilich nicht zu denken. Die großen Höfe des Adels und der Klöſter, die Stifte und Pfalzen behaupteten ihren alten Platz und nahmen den größten Raum ein, dazwiſchen drängten ſich die Hütten der Handwerker, die Waarenlager der Großhändler und die Verkaufsſtände der Krämer. Die Straßen wurden eng und winkelig, wie der Zufall es ergab, und man war keineswegs darauf bedacht, auch nur den größten Unbequemlichkeiten vorzubeugen. Da ſich das Bürgerhaus weder in der Breite, noch in der Tiefe recht ausbreiten konnte, ſo fing man frühzeitig an, mehrere Stock⸗ werke über einander zu bauen. Und damit begnügte man ſich nicht. Man rückte das erſte, nicht ſelten auch das zweite Stockwerk meh⸗ rere Fuß weit über das Parterre hinaus, dadurch gewann man Zimmerraum(Gaden) nach der Straße zu Solche Uebergehänge benahmen den an ſich engen Straßen vollends Licht und Luft. Da⸗ neben beſtand ſeit den Kreuzzügen die aus dem Morgenlande ſtam⸗ mende Sitte, die Häuſer mit weit vorſpringenden Erkern zu verſehen. Ferner legten die Handwerker und Krämer ihre Verkaufsſtände un⸗ mittelbar vor der Hausthür an und überbauten ſie mit einem Dache. Man nannte dieſe Vorbauten Schoppen, Vorkräme oder Lauben. Lange Kellerhälſe ſtreckten ſich weit auf die Straße hin⸗

aus und verſperrten den Weg. Ja, es war nichts Ungewöhnliches, daß man die Schweineſtälle unmittelbar an die Hausthüre baute. Dazu waren die Häuſer größentheils aus Holz errichtet. Erſt in Folge der häufigen großen Feuersbrünſte, welche durch alle dieſe Umſtände ſehr begünſtigt wurden, erbaute man ſpäter Steinhäuſer.

Wie nun einerſeits Beſchränktheit, Unregelmäßigkeit und Flüch⸗ tigkeit der Bauten, ſo iſt ferner auch Lichtmangel und Schmutz ein charakteriſtiſches Merkmal der mittelalterlichen Stadt. Daß die engen, winkeligen, überbauten Straßen nur ſelten einem Sonnen⸗ ſtrahle den Zutritt geſtatteten, iſt zu denken; verſetzt man ſich dazu noch in die engen Häuſer mit den kleinen, niedrigen, durch Vorkräme verſperrten Fenſter, ſo fühlt man ſich ſelbſt beim hellſten Sonnenſchein von gruftartigem Dunkel und Modergeruch umgeben, ſo daß man faſt meinen ſollte, es hätte die Bevölkerung unter dieſen Lebens⸗ bedingungen phyſiſch ganz und gar verkommen müſſen. Vor ſolcher Verkümmerung aber wurden die Bürger dadurch bewahrt, daß ſie durch Neigung und Beſchäftigung vielfach über die Enge des Straßen⸗ lebens hinausgetrieben wurden. Der Kaufmann ſetzte ſich zu Pferde und zog von Stadt zu Stadt, und die daheim blieben, Weib und Kind, Arm und Neich, brachten einen großen Theil ihrer Zeit mit ländlichen Beſchäftigungen zu. In den Weinbergen, auf den Aeckern ſetzte der Bürger bis zum Ende des Mittelalters, ja bis in die neuere Zeit hinein, einen Theil des uralten deutſchen Bauernlebens fort, und mit den Erzeugniſſen ſeiner Fluren zugleich trug er die friſche Landluft in ſeine engen Behauſungen hinein. Dazu kam eine allgemein verbreitete Gartenliebhaberei. Als die Gärten in der Stadt verbaut worden waren, legte man andere vor den Thoren an, oder wenn die Stadt plötzlich bedeutend erweitert wurde, blieb die Neuſtadt vorzugsweiſe den Gärten gewidmet. Die unverlöſchliche Liebe des Städters zum Landbau bewirkte auch, daß die Straßen oft einen ſehr ländlichen Anſtrich erhielten. Die Zäune, welche die noch nicht bebauten Stellen abgrenzten, die Schlupfwinkel zwiſchen den Häuſern, die Baumgruppen und Raſenplätze um die Kirchen, Raſenſtreifen, wo es anging, ſelbſt vor den Häuſern, vor Allem die ungepflaſterten, tiefgleiſigen Straßen laſſen erkennen, daß die alten Städte noch ganz das Ausſehen unſerer Dörfer hatten.

Das Idylliſche, das hierin zu liegen ſcheint, verſchwindet frei⸗ lich gänzlich, wenn man hört, in welchen Zuſtand die Straßen und freien Plätze bei Regenwetter geriethen. In Frankfurt a. M. mach⸗ ten die Geiſtlichen einiger Stifte noch im vierzehnten Jahrhundert unter ſich aus, daß ſie zur Feier gewiſſer Feſte nur dann im Dome erſcheinen wollten, wennder Schmutz der Straßen es erlaubte. Ja ſogar noch hundert Jahre ſpäter bedienten ſich die Rathsherren daſelbſt hölzerner Schuhe, wenn ſie bei ſchlechtem Wetter auf

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