Jahrgang 
14-26 (1877)
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468 Illuſtrirte Chronik der Zeit.

ewie ehrenvoll Ihr Antrag für mich iſt, daß ich Ihren 4 redlichen Charakter zu ſchätzen weiß; aber meine Hand iſt nicht mehr frei, ich habe mich geſtern mit Max Tannberg verlobt. Die Sprecherin erhob ſich bei dieſen Worten zum Zeichen, daß ſie der ihr ohnehin peinlichen Unterredung damit ein Ende machen wolle.

Der blaſſe, hagere Mann, deſſen Augen erwartungsvoll auf ihrem Antlitz geruht hatten, blieb aber auf ſeinem Stuhle ſitzen; es ſchien ihm die Kraft zu fehlen, ſich jetzt ſchon zu entfernen. Auf ſeinem ſcharf geſchnittenen Geſicht prägte ſich die bitterſte Enttäu⸗

Gewonnen und verſpielt. 2 82 Erzählung von Ludwig Habicht.

8 3 Ze eien Sie überzeugt, daß ich es vollkommen erkenne, ſchung und Beſtürzung aus. 2

(Nachdruck verboten.) Er wollte ſprechen und zögerte doch, als bemühe er ſich erſt, die paſſenden Ausdrücke zu ſuchen.

Das junge bildſchöne Mädchen konnte ſich eines Gefühles des Mitleids nicht erwehren. Für ein feinfühlendes Gemüth iſt es im⸗ merhin ſehr ſchmerzlich, den ſüßen Traum eines Anderen zu zer⸗ ſtören, wenn man auch nichts dazu gethan hat, ihn zu erzeugen...

Ottilie Becker war die Tochter eines höheren Beamten; ſie hatte eine höchſt ſorgfältige Erziehung erhalten, aber als der Vater ſtarb, ſtand ſie plötzlich arm und hilflos allein in der Welt. Die in ſolchen Lebenslagen ſich faſt ausſchließlich bietende Zuflucht, Gou⸗ vernante zu werden, mochte Ottilie nicht ergreifen; ſie hatte trotz

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Leibnitz im Zirkel der Königin Sophie

ihrer ſechzehn Jahre ſchon zu viel von dem Gouvernanten⸗Elend ge⸗ ſehen und gehört, und ſo bewarb ſie ſich um eine Telegraphiſtinnen⸗ ſtelle, die ſie auch erhielt. Bald hatte ſie durch ihre Kenntniſſe, ihren Pflichteifer, trotz ihrer großen Jugend, ſich hervorgethan, und ihr liebenswürdiges, harmloſes Weſen wußte ſogar den Neid ihrer Colleginnen zu entwaffnen. Durch eine derſelben, mit der ſie ſich näher befreundete, hatte ſie zwei Buchhalter kennen gelernt, die ſich zugleich um ihre Gunſt bewarben.

Hermann Hartung war der Aeltere von den beiden Freunden; er konnte beinahe dreißig Jahre zählen und in ſeiner Erſcheinung, ſeinem ganzen Auftreten den Kaufmann nicht verleugnen. Er war mit Leib und Seele ſeinem Berufe zugethan und ſchien wirklich nichts weiter als ein bloßer Zahlenmenſch zu ſein. Selbſt ſeine Perſönlichkeit hatte etwas Eckiges und Steifes, und ſogar in ſeinen Ausdrücken bewegte er ſich gern mit größter Nüchternheit.

Wie ganz anders war dagegen der junge Max Tannberg! Der hübſche, ſchlank gewachſene Mann mit dem feinen klugen Geſicht

Charlotte von Preußen.(S. 479.)

und den feurigen blitzenden Augen riß Alle mit ſich fort und wußte Jeden zu bezaubern. Kein Wunder, daß Ottilie an ihn ihr Herz verlor und Hermann Hartung leer ausging. Letzterer hatte ſich heute endlich nach langem Zögern und Schwanken entſchloſſen, dem jungen ſchönen Mädchen Herz und Hand anzubieten, und nun mußte er die ſchmierzliche Erfahrung machen, daß ihm Max zuvor⸗ gekommen war.

Laſſen Sie uns Freunde bleiben, begann Ottilie, der die tiefe Ergriffenheit Hartung's nicht entging; ſie hätte ihm ein ſolch' tiefes Empfinden gar nicht zugetraut und nie geglaubt, daß ihn das Zer⸗ ſtören ſeiner Hoffnung ſo gewaltig erſchüttern würde, wie es doch der Fall zu ſein ſchien.Ich achte Sie ſehr hoch und werde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie mir und Max auch ferner Ihre treue Freundſchaft bewahren. Nicht wahr, ich darf darauf rechnen? und ſie ſtreckte ihm ihre feine zierliche Hand entgegen.

Hartung zögerte, ihre Rechte zu ergreifen; er fürchtete, damit die letzte Herrſchaft über ſich ſelbſt zu verlieren, wenn er dieſe Hand

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