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Illuſtrirte Chronit der Zeit. 463
Ein reges Leben und Treiben herrſchte in dieſer Straße, in die Muͤßiggänger täglich ſich einfanden, um an den Schau⸗ ern auf den breiten Trottoirs auf und nieder zu promeniren, Vorübergehenden zu begaffen und ſich ſelbſt begaffen zu laſſen.
Vor einem dieſer Schaufenſter ſtand eine dicht gedrängte Gruppe,
mußte etwas Beſonderes ſein, was ihre Aufmerkſamkeit erregte.
Auch Wittich trat hinzu, es war das Schaufenſter des Hof⸗ uweliers, und in dieſem Schaufenſter lag auf einem Sammtkiſſen ein Brillantendiadem von wunderbarer Schönheit.
Der Kommiſſär heftete den Blick ſinnend auf die blitzenden Steine, er hörte die Bemerkungen kaum, die in ſeiner Umgebung laut wurden, nur mechaniſch betrachtete er das Diadem, ſeine Ge⸗ danken waren mit anderen Dingen beſchäftigt.
Er wollte eben ſeinen Weg fortſetzen, als eine Hand ſich auf ſeine Schulter legte, haſtig wandte er ſich um, der Polizeirath ſtand vor ihm.
„Alſo habe ich mich nicht getäuſcht,“ ſagte der Letztere erfreut, während er ihm die Hand reichte,„ich zweifelte anfangs, ob Sie es ſeien, nun iſt es mir lieb, daß ich ſo bald Sie getroffen habe. In Ihrer Wohnung war ich bereits, man ſagte mir, Sie ſeien ausgegangen, in Ihrem Bureau fand ich Sie auch nicht—“
„Wann ſind Sie angekommen?“ fragte Wittich raſch.
„Heute Morgen mit dem Frühzuge. Mein erſter Gang galt dem Juſtizrath Feldern, von ihm erfuhr ich die Entdeckungen, die Sie gemacht haben.“
„Und in Wien haben Sie nichts entdeckt?“
„Keine Spur!“
„Man hat Sie in den April geſchickt,“ nickte der Kommiſſär. „Mir wird der Zuſammenhang immer klarer, nur auf die eine Frage, wo dieſer Woldemar Kramer geſucht werden muß, finde ich noch keine Antwort. Ich vermuthe faſt, daß er hier in dieſer Stadt iſt, und haben wir erſt den Sekretarius hinter Schloß und Riegel, ſo denke ich, werden wir auch den Anderen finden.“
„Den Sekretär Becker?“ fragte der Rath überraſcht.
„Denſelben! Ich wittere in ihm einen flüchtigen Zuchthäusler, der ſchon ſeit Jahren verfolgt wird, aber ich kann ihm augenblick⸗ lich noch nichts anhaben. Hoffentlich werde ich bis morgen die nöthigen Beweiſe erhalten, dann zögere ich keinen Augenblick länger mit der Verhaftung. Sie haben doch die Photographie und den Schatzgräber⸗Vertrag mitgebracht?“
„Natürlich; ich beſitze überdies noch andere Papiere, die uns von Nutzen ſein können.“
„Welche?“
„Genaue Aufzeichnungen über die Vergangenheit Kramer's und eine ſehr ausführliche Beſchreibung der Brillanten, die damals der ruſſiſchen Fürſtin geſtohlen worden und dann in den Beſitz des er⸗ mordeten Freimuth übergegangen ſind; es wäre möglich, daß einige von dieſen Brillanten wieder aufgefunden würden.“
Der Kommiſſär blieb ſtehen.
„Haben Sie das Diadem in dem Schaufenſter unſeres Hof⸗ juweliers geſehen?“ fragte er lebhaft.
„Nur flüchtig—“
„Kommen Sie, wir wollen es uns einmal näher betrachten.“
„Sie glauben doch nicht—“
„Sicher iſt ſicher,“ ſagte Wittich raſch,„es wäre ja möglich, daß einige dieſer Brillanten ſich in dem Diadem befinden. Der Schmuck macht Aufſehen, und dieſes Aufſehen rechtfertigt unſere Nachforſchungen. Der Juwelier wird auf Grund Ihrer Beſchrei⸗ bung ein ſicheres Gutachten abgeben können, und Sie werden mir darin beiſtimmen, daß wir nichts außer Acht laſſen dürfen, was uns auf eine Spur führen kann.“
Er hatte, während er das ſagte, bereits den Rückweg zum Laden des Juweliers angetreten, der Polizeirath folgte ihm, und ſchon nach wenigen Minuten ſtanden ſie dem höflichen Juwelier gegenüber.
„Sie werden mich kennen,“ nahm der Kommiſſär das Wort, „und wenn ich auch augenblicklich nicht in Uniform bin, ſo bitte ich darum doch, meinen Beſuch als einen amtlichen aufzunehmen.“
Der Juwelier verbeugte ſich.
„Sind wieder einmak Brillanten geſtohlen worden, vor deren Ankauf ich gewarnt werden ſoll?“ fragte er ſcherzend.
„Neuerdings nicht, es handelt ſich um einen älteren Diebſtahl, an den ich bei dem Anblick dieſes prachtvollen Diadems erinnert
achſelzuckend,„ich erhielt das Diadem von einer Dame zur Um⸗ änderung, die Pracht der ſeltenen Steine bewog mich, den Schmuck in das Schaufenſter zu legen.“
„Als Aushängeſchild, nicht wahr?“ ſcherzte Wittich.
„Nun ja, weshalb ſollte ich es leugnen! Seitdem es da liegt, iſt mein Schaufenſter belagert, und es waren ſchon viele Damen im Laden, um es in der Nähe zu betrachten. Es iſt ein fürſtliches Diadem—“
„Und eben deshalb vermuthen wir, daß es Steine enthält, die einer Fürſtin geſtohlen wurden!“
„Unmöglich!“
„Weshalb? Wäre es das erſte Mal, daß geſtohlene Brillanten in neuer Faſſung wieder aufgetaucht ſind? Es mögen jetzt vier Jahre verſtrichen ſein, daß einer ruſſiſchen Fürſtin ein Diamant⸗ ſchmuck von unſchätzbarem Werthe geſtohlen wurde— erinnern Sie ſich dieſes Ereigniſſes noch?“
„Dunkel,“ erwiederte der Juwelier,„der Fall wurde allerdings zur Kenntniß gebracht, wir ſollten darauf achten, ob und von wem uns Brillanten zum Kauf angeboten wurden, aber eine nähere Be⸗ ſchreibung der Steine war dieſer Aufforderung nicht beigefügt.“ „Und würde eine ſolche Beſchreibung Ihnen genügen, um die entwendeten Steine mit Sicherheit zu erkennen?“
„Gewiß, Herr Kommiſſär! Jeder Brillant, der ſich nur in etwas durch ſeine Größe oder ſeine Schönheit auszeichnet, erhält, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, in der Schleiferei ſein genaues Signalement, jeder hat ein beſonderes Kennzeichen, wenn es auch nur unter der Lupe ſichtbar wird.“
„Nun denn,“ ſagte der Rath, während er dem Juwelier ein Schriftſtück überreichte,„haben Sie die Güte, dieſes Verzeichniß zu prüfen und uns alsdann Ihre Anſicht mitzutheilen. Sollten wir uns in unſerer Vermuthung geirrt haben, ſo müſſen wir um Ent⸗ ſchuldigung bitten, es knüpfen an dieſe Diamanten ſich mehrere Verbrechen.“
Der Juwelier las das Verzeichniß ſehr aufmerkſam, aber er war noch nicht weit gekommen, als er mit verſtörtem Blick auf⸗ ſchaute. „Sie haben ſich nicht geirrt,“ ſagte er mit zitternder Stimme, „die größten und ſchönſten Steine in dem Diadem finde ich hier mit peinlicher Genauigkeit beſchrieben.“
„Ah, und wem gehört der Schmuck?“ fragte der Kommiſſär, in deſſen Augen es triumphirend aufblitzte.
Der Juwelier ſchüttelte das Haupt und gab das Verzeichniß zurück. „Ich weiß nicht, ob Sie nun eine Spur gefunden haben, die Sie weiter verfolgen können,“ ſagte er,„und mir iſt es, offen geſtan⸗ den, ſehr unangenehm, daß ich in die Sache mit verwickelt werde, man weiß ja, wie die Damen ſind, Madame Ackermann wird mir das nichk vergeſſen.“
„Ackermann?“ fragte Wittich überraſcht.
„Herr Ackermann hat den Schmuck ſeiner Gemahlin geſchenkt, und Madame übertrug mir eine kleine Aenderung an dem Diadem—“
„Beſteht der Schmuck nur aus dieſem Diadem?“ fragte der Rath haſtig.
„O nein, Broſche, Ohrringe und Armband hat Madame Acker⸗ mann zurückbehalten.“
„Könnten Sie dieſe nicht auch auf einige Stunden ſich ver⸗ ſchaffen?“.
„Zu welchem Zweck?“
„Damit wir uns überzeugen, ob auch dieſe Theile des Schmuckes geſtohlene Steine enthalten.“
„Und wenn Sie nun dieſe Ueberzeugung erhielten, was hätten Sie dadurch weiter gewonnen?“ fragte der Juwelier.„Herr Acker⸗ mann wird den Schmuck gekauft haben, hier in unſerer Stadt iſt er nicht angefertigt worden.“
„Gut, ſo erfahren wir doch die Adreſſe des Juweliers, von dem er ihn gekauft hat,“ ſagte der Polizeirath ungeduldig.„Könnten Sie nicht der Dame ſagen, an den übrigen Theilen des Schmuckes ſeien nun auch einige kleine Aenderungen nöthig? Madame Acker⸗ mann würde darin nichts Befremdendes finden können.“
Der Juwelier blickte auf ſeine Uhr.
„Gut, ich will Ihren Wunſch erfüllen,“ ſagte er,„aber Sie müſſen ſich gedulden bis morgen, ich kann heute unmöglich aus dem Geſchäfte abkommen, dringende Arbeiten, die ich perſönlich beſorgen muß, nehmen mich für den ganzen Tag in Anſpruch. Morgen
wurde. Erſchrecken Sie deshalb nicht, Sie werden ganz gewiß die Steine in gutem Glauben erworben haben; aber vielleicht können Sie uns Aufſchluß darüber geben, wann, wo und von wem Sie die Brillanten gekauft haben, vorausgeſetzt, daß die Steine unter ihnen ſind, die wir ſuchen.“
Der Juwelier verrieth weder Ueberraſchung noch Beſtürzung.
„Die Brillanten ſind leider nicht mein Eigenthum,“ ſagte er
Vormittag will ich den Schmuck holen und die Steine prüfen.“ „So lange können wir immerhin warten,“ wandte Wittich ſich zu dem Rath, der ärgerlich die Stirne in Falten zog,„ich werde bis dahin auch Manches erfahren haben, was für uns wichtig iſt, gedulden wir uns alſo. Herr Hofjuwelier, ich erwarte von Ihnen ſtrengſte Verſchwiegenheit, es handelt ſich hier wirklich nicht um
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