Illuſtrirte Chronik der Zeit.
Aber Bogen würde ihm ſeine Tochter nicht gegeben haben, die reichen Leute ſind darin ſehr vorſichtig, er hat ſich gewiß nach ſeinem Schwiegerſohne erkundigt.
Und dennoch, dieſe Annonce läßt kaum bezweifeln, daß der reiche Herr ſein Haus verkaufen will und den Sekretär damit beauftragt hat. Nun, darüber werde ich bald Gewißheit haben, da ich den Makler, mit dem Becker ſich in Verbindung geſetzt hat, ſehr genau kenne.“
Er brach ab, die Thüre wurde nach kurzem Anpochen geöffnet, und derſelbe Sergeant, der bei der Verhaftung des Müllers thätig geweſen war, trat in Civilkleidung ein.
„Nun? Was bringen Sie mir?“ fragte Wittich raſch.„Haben Sie eine Entdeckung gemacht?“
„Ob es eine wichtige Entdeckung iſt, weiß ich nicht,“ erwiederte der Sergeant,„aber glauben möchte ich es. Zuerſt kam der Schließer aus dem Hauſe, ich wechſelte nur ein paar Worte mit ihm, er wird Ihnen geſagt haben, daß ich auf dem Poſten war.“
„Ja, ja, laſſen Sie nur die Einleitung beiſeite!“
„Eine Viertelſtunde ſpäter trat der bucklige Schreiber heraus, er hatte den Rockkragen in die Höhe geſchlagen und den Hut in's Geſicht gerückt, aber ich erkannte ihn gleich und folgte ihm.“
„Wohin ging er?“ fragte der Kommiſſär ungeduldig.
„Zum Stadtrath Bitterlein.“
Wittich ſah ihn befremdet an, in ſeinen Zügen ſpiegelten ſich ſtarke Zweifel.
„Stadtrath Bitterlein?“ wiederholte er. leicht Tabak gekauft haben.“
„Das nicht. Der Laden war noch offen und hell erleuchtet, ich konnte Jeden ſehen, der ſich in ihm befand, der Schreiber war in das Bureauzimmer gegangen, und ein Ladengehilfe mußte den Stadtrath rufen, der dann auch in's Bureau trat.“
„Und was thaten Sie?“
„Ich blieb vor dem Hauſe ſtehen, es hätte ja nichts genutzt, wenn ich hineingegangen wäre, von dem Geſpräch würde ich nichts erfahren haben. Ich hab' verſucht am Fenſter zu horchen, aber ich konnte kein Wort verſtehen.“
„Und wie lange blieb der Sekretär dort?“
„Ueber eine halbe Stunde, der Stadtrath begleitete ihn vor die Hausthüre; im Laden waren inzwiſchen die Gasflammen gelöſcht worden und ich ſtand in der Dunkelheit den Beiden ganz nahe. So konnte ich die letzten Worte hören.“ 3
„Wie lauteten ſie?“ fragte Wittich haſtig.
„Der Stadtrath ſagte: ‚Ich werde erſt dann wieder ruhig ſein, wenn Du die Stadt verlaſſen haſt,“ und der Schreiber erwie derte darauf: ‚die Zeit iſt noch nicht gekommen, aber Du ſollſt Dich nicht lange mehr beunruhigen? Darauf gingen ſie aus einander.“
„Und wohin ging der Sekretär jetzt?“
„In ſeine Wohnung zurück.“
Wittich ſtrich mit der Hand über die Stirne, als ob er ſeine Gedanken ſammeln wolle.
„Bitterlein— der Name klingt mir ſo bekannt,“ ſagte er, „ich muß ihn früher ſchon gehört haben.“
„Na, ja, es iſt ein ſpaſſiger Name und bei der Stadtraths⸗ wahl iſt er oft genannt worden.“
„Mag ſein, aber irgend ein anderes Ereigniß muß ihn meinem Gedächtniß eingeprägt haben. Holen Sie einmal das Steckbrief⸗ Regiſter, Buchſtabe B, dann werden wir vielleicht mehr erfahren.“
Der Sergeant ging hinaus und kehrte nach einigen Minuten mit einem großen und ſchweren Buch zurück.
Der Kommiſſär legte es vor ſich und blätterte lange darin.
„Richtig, da haben wir's!“ rief er erfreut.„Es iſt doch immer etwas werth, ein gutes Gedächtniß zu haben. Paul Bitter⸗ lein, wegen Raubmord zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt, aus dem Gefängniß ausgebrochen, ſoll nach Amerika entkommen ſein. Signalement: Statur ſchlank, hager, Haare ſchwarz, Augen braun, Naſe und Mund gewöhnlich, Kinn ſpitz, Geſichtsfarbe bleich, beſondere Kennzeichen: keine!“
„Auf den Stadtrath paßt das nicht!“ ſagte der Sergeant.
„Wer denkt denn an ihn?“ erwiederte Wittich.
„Na, und auf den Schreiber paßt es auch nicht, denn der hat ein ganz auffallendes beſonderes Kennzeichen, einen Buckel, der ſich
ſehen laſſen kann.“
„Vielleicht hat er ihn früher nicht gehabt,“ ſagte der Kom⸗ miſſär, während er den Blick noch immer auf dem Steckbrief ruhen ließ.„Seit ſeiner Flucht aus dem Gefängniß ſind viele Jahre verſtrichen—“
„Aber im Alter wächst kein Buckel mehr!“
„Zweifeln Sie an der Möglichkeit, daß man ihn künſtlich machen kann?“
„Na, er wird viel⸗
Der Sergeant zog die Brauen hoch hinauf, er konnte offen⸗ bar dem Gedankengange ſeines Vorgeſetzten ſo raſch nicht folgen.
„Das wäre ein ſchlimmer Verdacht!“ ſagte er.„Glauben Sie denn wirklich—“
„Hier iſt nicht's zu glauben, ſondern nur zu prüfen! Sie werden fortfahren, den Mann zu beobachten, Sie werden in dem Quartier, in dem er früher gewohnt hat, nochmals Erkundigungen einziehen und vor allen Dingen zu erforſchen ſuchen, ob ſein Buckel echt iſt. Wie Sie das anfangen wollen, iſt mir gleichgiltig, ſorgen Sie nur dafür, daß er nichts davon erfährt. Und dann noch Eins! Die letzten Worte, die er mit dem Stadtrath gewechſelt hat, deuten darauf hin, daß er den Vorſatz hegt, die Stadt zu verlaſſen; was alſo geſchehen ſoll, muß raſch geſchehen, damit uns der Vogel nicht entwiſcht. Verſtehen Sie mich wohl, bis jetzt iſt noch kein Beweis für die Richtigkeit meines Verdachtes gefunden, es kann ſein, daß wir uns auf einer durchaus falſchen Fährte befinden, deshalb muß die ſtrengſte Verſchwiegenheit beobachtet, aber auch die größte Energie entwickelt werden. Ich werde inzwiſchen auch nicht müßig bleiben, richten Sie nun Ihre ganze Aufmerkſamkeit auf den Buckel dieſes Mannes, iſt er falſch, dann iſt auch der ganze Mann falſch! Gute Nacht!“
Der Sergeant entfernte ſich ſchweigend, ſeine gedankenvolle Miene verrieth, daß die Mittheilungen ſeines Vorgeſetzten ihm viel zu ſchaffen machten.
Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Schmuck im Schaufenſter.
Der Kommiſſär hatte nach beendeter Nachtwache einige Stunden geſchlafen und dann ſeinen Civilanzug angelegt, um die in der vergangenen Nacht entworfenen Pläne auszuführen.
Sein erſter Gang galt dem Häuſermakler, den Dore ihm ſo genau bezeichnet hatte, daß er über die Perſon deſſelben keinen Zweifel hegen konnte. 3
Er traf ihn in ſeinem Comptoir, das zugleich ein Auskunfts⸗ bureaun war, und die unverkennbare Beſtürzung des korpulenten Mannes bewies ihm, daß er trotz der Civilkleidung ſofort erkannt worden war. 5
„Sie kommen doch nicht in amtlicher Eigenſchaft zu mir?“ fragte der Makler, während er ſich trotz ſeiner Verwirrung beeilte, ihm einen Stuhl anzubieten.—
„Dann würde ich in Uniform gekommen ſein,“ erwiederte Wittich ſcherzend.„Haben Sie denn wirklich ein ſo böſes Gewiſſen?“
„Gott bewahre, bin mir gar keiner Schuld bewußt, aber man kann ja heutigen Tages wegen einer Kleinigkeit mit der Polizei in Unannehmlichkeiten kommen.“
„Wegen einer Kleinigkeit nun doch wohl nicht!“
„Bah, wenn man einmal die Straße nicht ſauber gekehrt oder der Hund ohne Maulkorb ſich umhergetrieben hat, kann man gleich auf ein Protokoll rechnen,“ fuhr der Makler fort, während er mit dem bunt gewürfelten Tuche die naſſe Stirne trocknete,„es ſind in der Regel nur Kleinigkeiten—“
„Die Sie außerordentlich zu fürchten ſcheinen!“
„Angenehm ſind ſolche Quereleien nicht!“
„Man kann Sie ja vermeiden,“ ſagte der Kommiſſär achſel⸗ zuckend.
„Aber ich bin nicht hieher gekommen, um mit Ihnen darüber zu reden; ein Geſchäft führt mich zu Ihnen.“
„Wollen Sie ein Haus kaufen?“
„Ich nicht, aber mein Schwager.“
„Ah, ich habe eine ganze Menge ſchöner Häuſer auf der Liſte, die gar nicht theuer ſind—“
„Mein Schwager ſieht nicht auf den Preis, er verlangt ein großes herrſchaftliches Haus, elegant eingerichtet, mit Garten, Stallung und Remiſe—“
„Ah, iſt der Herr ſo reich?“ fragte der Makler überraſcht.
„Er iſt es in den letzten Jahren geworden. Als er vor etwa fünfzehn Jahren nach Rußland auswanderte, beſaß er ein ſehr beſcheidenes Vermögen, aber er war ein tüchtiger intelligenter Kauf⸗ mann, es gelang ihm, Lieferungen für die Armee zu erhalten, daneben hat er glückliche Spekulationsgeſchäfte gemacht, und nun will er ſich zur Ruhe ſetzen.“.
„Ja, ja, die Armeelieferanten!“ ſcherzte der Makler.„Die ſitzen alle in einem Fetttopf!“
„Na, mager ſind Sie bei Ihrem Geſchäft auch nicht gewor⸗ den! Alſo wie geſagt, es muß ein Haus für einen reichen Herrn ſein, der Equipagen und Pferde halten und überhaupt in den vor⸗ nehmen Kreiſen eine Rolle ſpielen will.“
„Und welche Summe hat Ihr Herr Schwager dafür aus⸗
geſetzt?“ „Einen Preis hat er nicht genannt, aber da er Millionär
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