Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronil der Zeilt.

443³

Wahrſcheinlich in ſeinem Schreibtiſch, wenn er ſie nicht

immer in der Rocktaſche trägt. Iſt er nicht ängſtlich, wenn er ſeine Wohnung verläßt? Sieht er ſtreng darauf, daß die Thüren immer geſchloſſen ſind, oder iſt er in dieſer Beziehung leichtſinnig? O nein. Wenn er Morgens ausgeht, muß in den beiden Zimmern Alles in Ordnung gebracht ſein, denn er nimmt den Schlüſſel mit, und während ſeiner Abweſenheit darf Niemand die

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Wohnung betreten.

Hat er das ſofort bei ſeinem Einzuge oder erſt ſpäter an⸗

geordnet?

Sofort!

Und was ſagt Ihre Herrſchaft dazu? Fand ſie nichts Auf⸗ fallendes darin?

Nein. Wer eine Wohnung miethet, der kann ja darin ſchalten und walten, wie es ihm beliebt.

Aber während der Abweſenheit des Sekretärs könnte in den Zimmern deſſelben Feuer ausbrechen

Für dieſen Fall hat Herr Roller einen Hauptſchlüſſel.

Schön, ſagte der Kommiſſär lächelnd,das war's, was ich wiſſen wollte. Im Nothfalle könnte man alſo hinter dem Rücken des Sekretärs eine Hausſuchung halten.

Haben Sie das wirklich vor? fragte Dore erſchreckt.Was hat der alte Mann denn verbrochen?

Das weiß ich ſelbſt noch nicht, aber ich werde es heraus⸗ bringen. Weiter, mein kluges Kind, haben Sie noch mehr entdeckt?

In den letzten Tagen hat der Sekretär Abends häufig Be⸗ ſuch gehabt.

So? Wer waren die Beſucher?

Herren, die ich nicht kannte. Einmal brachte ein Laufburſche eine ganze Menge von Briefen für den Sekretär Becker, ſie trugen alle die Adreſſe: B. Nummer 25.

Bravo! ſagte Wittich lebhaft,Sie ſind ein außerordentlich kluges Frauenzimmer. Wann ſind die Briefe gebracht worden?

Vorgeſtern Abend.

Der Kommiſſär ſchellte.

Die Zeitungen der vergangenen Woche! befahl er dem Sergeanten.

Alſo die Herren kannten Sie nicht? wandte er ſich zu dem Mädchen.

Nur einen, der heute Morgen bei dem Sekretär war und über eine Stunde bei ihm geblieben iſt. Perſönlich kenne ich auch dieſen Herrn nicht, nicht einmal ſeinen Namen, ich weiß nur, daß er ein Häuſer⸗ und Güter⸗Makler iſt.

Mehr wiſſen Sie nicht von ihm? Können Sie mir auch nicht ſagen, wo er wohnt? 4

Auch das nicht, aber ich glaube, Sie kennen ihn auch. Er iſt ein großer, ſtarker Herr mit einer fuchſigen Perrücke und einer auffallend rothen Naſe.

Mit einer lauten, groben Stimme?

Ganz recht, ſagte das Mädchen raſch,ein Menſch wie ein Elephant.

Der Sergeant brachte die Zeitungen, ſie waren nach den Nummern geordnet und geheftet.

Wittich ſuchte einige Minuten im Annoncentheil, dann las er: Ein herrſchaftliches Haus, fürſtlich eingerichtet und mit allem Komfort der Neuzeit ausgeſtattet, ſoll mit dem geſammten Inventar unter günſtigen Bedingungen verkauft werden. Nöthigenfalls werden auch Haus und Inventar getrennt verkauft. Offerten unter Br. B. Nr. 25 nimmt die Expedition zur Weiterbeſörderung an.

Der Kommiſſär ſchüttelte den Kopf, er begriff nicht, wie Becker dazu kam, ſich mit dieſem Geſchäft zu befaſſen.

Handelte er vielleicht im Auftrage ſeines Herrn? Wollte Acker⸗ mann ſein Palais verkaufen? Das war ja ganz undenkbar! Der Millionär bewohnte ja erſt ſeit Kurzem dieſes Haus, auf deſſen Ausſtattung er ſo große Summen verwendet hatte!

Hm möglich war es dennoch. Ackermann konnte ſich in gewagte Spekulationen eingelaſſen und große Verluſte gehabt haben aber dann würde er ſich doch an ſeinen Schwiegervater gewandt haben.

Wiſſen Sie nicht, ob er die Offerten beantwortet hat? fragte er nach einer geraumen Weile, aus ſeinem Sinnen emporfahrend. Hat er Briefe abgeſchickt?

Mir hat er keine zur Beſorgung übergeben.

Haben Sie auch nicht bemerkt, ob er ſeit vorgeſtern Abend welche geſchrieben hat?

Geſchrieben hat er ſehr viel, aber was, das weiß ich nicht.

Und von dem Geſpräch des Sekretärs mit dem Makler haben Sie gar nichts vernommen?

Nein, aber der Makler ſah ſehr vergnügt aus, als er das

Haus verließ, er muß alſo mit dem alten Herrn ein gutes Geſchäft gemacht haben.

Beſucht Herr Ackermann nie ſeinen Sekretär?

Ich habe ihn in unſerem Hauſe noch nicht geſehen.

Und der alte Mann lebt noch immer ſo ſolide und zurück⸗ gezogen?

Jawohl, Abends geht er niemals aus.

Trinkt er nichts?

Jeden Abend eine Flaſche Wein, dabei raucht er wie ein Türke.

Der Kommiſſär ſchritt ein paar Mal auf und ab, dann blieb er vor dem Mädchen ſtehen.

Sie wiſſen, wo Herr Ackermann wohnt? fragte er.

Natürlich, er iſt ja ſo zu ſagen unſer Nachbar.

Kennen Sie das Dienſtperſonal?

Nein.

Nicht eine einzige von den Dienſtmädchen?

Dore ſchüttelte ablehnend den Kopf.

Die Kammerjungfer hat mich einmal angeſprochen, ſagte ſie in geringſchätzendem Tone,es ſchien mir, als ob ſie mich aus⸗ horchen wolle, denn ſie brachte gleich die Rede auf den Sekretär, aber ich hab' ihr nur eine kurze Antwort gegeben.

Wirklich? erwiederte Wittich zweifelnd.Und weshalb das?

Weil ſie ein ſchnippiſches, hochmüthiges Ding iſt

Gut, ich befehle Ihnen, mit dieſem ſchnippiſchen, hochmüthigen Ding in freundſchaftlichen Verkehr zu treten, verſtanden?

Aber, Herr Kommiſſär

Sie werden das ſobald wie möglich thun! Schwer kann es Ihnen nicht fallen, Kammerzofen ſind neugierig, erzählen Sie ihr über den Sekretär, was Sie wollen, nur nichts von dem, was Sie mir geſagt haben, hören Sie?. 3

Ich muß abwarten, bis ich wieder einmal mit ihr zuſammen⸗ treffe

3Ach was, beſuchen Sie das Mädchen, ſagen Sie ihr, Sie wären damals ſchlecht gelaunt geweſen, wollten nun aber gerne ihre Fragen beantworten; der alte Mann ſei Ihnen auch ein Räthſel und ſo weiter; Sie ſollen ſehen, die Zofe kommt Ihnen mit der größten Bereitwilligkeit entgegen.

Dore blickte ſinnend vor ſich hin; daß ihr dieſer Auftrag un⸗ angenehm war, bewies der trotzige Zug, der ihre Lippen umzuckte und immer ſchärfer hervortrat.

Was ſoll ich ihr ſagen, wenn ich das verſchweigen muß, was ich Ihnen mitgetheilt habe? fragte ſe.

Na, ſagen Sie ihr, der alte Mann ſei ſehr ſolide, aber er gefalle Ihnen trotzdem nicht, weshalb, das wüßten Sie ſelbſt nicht, er verkehre mit Niemandem, und Sie könnten nicht begreifen, daß der reiche Herr Ackermann ihn zu ſeinem Sekretär gemacht habe. Laſſen Sie die Andeutung fallen, ob nicht vielleicht ein Geheimniß zwiſchen den Beiden beſtehe, wovon Niemand etwas erfahren dürfe, und dann hören Sie, was die Zofe darauf antwortet.

Ich thu's nicht gerne

Unſinn! Wenn Sie mit Grobheiten abgeſpeist werden, was ich aber nicht glaube, dann ſteht es Ihnen ja frei, ebenſo grob zu werden. Für heute wird es ſchon zu ſpät ſein, aber ich erwarte mit Sicherheit, daß Sie morgen den Beſuch machen werden.

Und wenn die Zofe verfängliche Fragen an mich richtet?

Pah, Sie werden nicht ſo leicht in Verlegenheit kommen, erwiederte der Kommiſſär achſelzuckend.Sie könnten, wenn eine günſtige Gelegenheit dazu ſich bietet, auch die Aeußerung fallen laſſen, Herr Ackermann habe ja vor, ſein Haus zu verkaufen, Sie hätten das von Anderen gehört und könnten es nicht recht begreifen

Aber iſt denn das wirklich der Fall?

Nur eine Vermuthung, über die ich Gewißheit haben will! Jeder andern Perſon gegenüber ſchweigen Sie, verſtanden? So, nun gehen Sie, und wenn Sie morgen Abend den Beſuch gemacht haben, kommen Sie ſofort in meine Wohnung, Sie wiſſen ja, wo ich wohne?

Ja, ich weiß es, erwiederte das Mädchen kleinlaut, indem es ſich erhob,ich will thun, was ich kann, aber ich glaube, es führt zu nichts, die Zofe ſieht ſo hochmüthig auf ein Dienſtmädchen hinunter

Die Neugier wird jedenfalls groß genug ſein, um ſie den Hochmuth vergeſſen zu laſſen, unterbrach der Beamte ſie,ich hoffe, morgen Abend einige intereſſante Neuigkeiten von Ihnen zu hören. Geben Sie Acht, ob der Makler den Sekretär wieder

beſucht, vielleicht iſt es Ihnen möglich, das Geſpräch der Beiden zu belauſchen.

Dore wollte wieder einen Einwurf machen, aber der Kommiſſär drängte ſie mit ſanfter Gewalt hinaus und ſchloß hinter ihr die Thüre, dann ſchritt er mit großen Schritten auf und nieder.