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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
Schließer.„Und ſo trotzig er anfangs auch auftrat, nachher konnte er ſeine Angſt doch nicht verbergen.“
„Er will Bedenkzeit haben,“ nickte der Kommiſſär,„acht Tage. Glauben Sie, daß er beabſichtigt, durchzubrennen?“
„Hm, dieſe Frage iſt ſchwer zu beantworten!“
„Sie haben ihn beobachtet, und ich zweifle nicht, daß Sie während Ihrer langen Dienſtzeit ſich einen gewiſſen Scharfblick erworben haben. Sprechen Sie Ihre Anſicht offen aus, wenn Sie ſich auch irren ſollten, ich werde das Richtige ſchon herausfinden.“
Der Schließer fuhr, in Nachdenken verſunken, mit der Hand immer eifriger durch ſeinen Bart.
„Na ja, es ſchien mir, als ob er ſich eine Galgenfriſt ſichern wolle,“ ſagte er,„es war wenigſtens auffallend, daß er ſo plötzlich einlenkte und die Sache zu überlegen verſprach.“
„Nun, wir werden ja ſehen, was in dieſer Woche geſchieht. Sie haben nichts Verdächtiges oder Auffallendes bemerkt?“
„Nein. Aber das Geſicht des Mannes hat mir nicht gefallen, ich müßte mich ſehr irren, wenn er nicht ſchon hinter Schloß und Riegel geſeſſen hätte.“
„Kann man das einem Menſchen anſehen?“
„Ich hab' dafür einen ſcharfen Blick. Die Luft im Gefäng⸗ niß verändert immer die Geſichtsfarbe, und dieſe Farbe behalten die Leute bis zum Tode.“
„Sollten Sie den Mann vielleicht aus früherer Zeit kennen?“
„Nein, ſein Geſicht iſt mir fremd.“
„Alſo, er verſuchte, Sie zu beſtechen und erklärte gleichwohl, der Brief ſei für ihn ungefährlich? Das ſtimmt nicht mit einander überein.“
„Hab' ich ihm auch geſagt, aber er beharrte dabei, er fürchte den Brief nicht, ein Anderer habe ihn geſchrieben, und es ſei nur von ſeiner Seite eine Dummheit geweſen, die Beförderung deſſelben zu vermitteln.“
„Und wer dieſen Anderen ſuchen wolle, müſſe eine weite Reiſe machen?“ fragte der Kommiſſär.
„So ſagte er!“
„Bah, ich glaube, er hat das nur geſagt, um uns auf eine falſche Fährte zu führen; der Schreiber muß in der Nähe ſein, und ich denke, ich werde ihn ſchon finden. Hier, nehmen Sie das für Ihre Mühe, wenn ich Ihrer ferner noch bedarf, werde ich zu Ihnen ſchicken.“
Der Schließer ſteckte das Geld, welches Wittich ihm überreicht hatte, in die Taſche und ſtand von ſeinem Sitz auf.
„Der Sekretär hat mir mit einer Anzeige gedroht,“ ſagte er, „es wäre möglich, daß er ſeine Drohung wahr machte—“
„Seien Sie deshalb unbeſorgt,“ unterbrach der Kommiſſär ihn, „ich werde, wenn dieſer Fall eintreten ſollte, Sie ſchützen.“
„Als ich das Haus verlaſſen wollte, begegnete ich einer Dienſt⸗ magd, die mich nicht eher hinausließ, bis ſie wußte, wer ich war.“
Wittich lächelte bedeutſam.
„Laſſen Sie ſich das nicht anfechten,“ ſagte er,„vielleicht ſteht die Magd in meinen Dienſten, und dann hat ſie ihre Schuldigkeit gethan. Schweigen Sie gegen Jedermann, das iſt Alles, was ich einſtweilen von Ihnen verlange.“
Dem befehlenden Wint gehorchend, entfernte der Schließer ſich, der Kommiſſär ſtützte das Haupt auf den Arm und las noch ein⸗ mal die Notizen, die er gemacht hatte.
„So weit wären wir!“ ſagte er,„es iſt nur ein kleiner Schritt vorwärts, aber dieſer Schritt kann von großer Bedeutung ſein. Wäre nur der Polizeirath Stern aus Wien ſchon zurück! Es hängt außerordentlich viel davon ab, ob die Handſchrift des Briefes identiſch iſt mit der des Schatzgräber⸗Vertrags.“
Er klappte das Notizbuch zu und heftete den Blick auf die
Thüre, die eben geöffnet wurde.
„Ein Frauenzimmer wünſcht mit dem Herrn Kommiſſär zu ſprechen,“ meldete der eintretende Sergeant.
„Nur immer herein!“
Im nächſten Augenblick ſtand Dore, die Dienſtmagd des
Rentners Roller, dem Beamten gegenüber.
„Na, das iſt hübſch, daß Sie mich einmal beſuchen,“ ſcherzte Wittich,„ich bin Ihnen ſehr dankbar dafür. Nehmen Sie Platz, lhles Kind, ich würde Ihnen gerne ein Glas Wein vorſetzen, aber—
„Ich danke,“ fiel das Mädchen ihm in's Wort, und der Klang ihrer Stimme verrieth ihre innere Erregung,„ich kann nicht lange bleiben, und wenn meine Herrſchaft wüßte, daß ich hier bin, dann könnte ich meine Siebenſachen heute noch zuſammenpacken und mir einen andern Dienſt ſuchen.“
„Den wir dann auch finden würden.“
„Herr Kommiſſär, Sie ſind grauſam. unglücklich machen—“
Sie werden mich
„Bewahre, das liegt nicht in meiner Abſicht! Wenn Ihre Herrſchaft Ihnen deshalb, daß Sie mit mir in Verbindung ſtehen, einen Vorwurf machen ſollte, dann kommen Sie nur zu mir, ich werde mit ihr reden und ihr die Sache erklären. Haben Sie mir etwas zu berichten?“
„Sehr viel ſogar!“
„Na, dann heraus damit!“.
„Vorhin war ein Schließer aus dem Gefängniſſe bei dem Sekretär,“ ſagte das Mädchen mit leiſer Stimme, nachdem es einen prüfenden Blick auf die Thüre geworfen hatte,„er iſt ziemlich lange bei ihm geblieben.“
„Haben Sie vielleicht gehört, was die Beiden mit einander verhandelten?“ fragte Wittich. 4
„Nein, ich hatte keine Gelegenhéit dazu. Der Schließer hat mich, Gott ſei Dank, nicht erkannt, aber ich kenne ihn und kann Ihnen ſeinen Namen nennen.“
„Es iſt nicht nöthig,“ erwiederte der Kommiſſär,„ich weiß das Alles ſchon—“
„Und wer hat es Ihnen geſagt?“ fragte das Mädchen erſtaunt.
„Das iſt mein Geheimniß, aber hüten Sie ſich wohl, dem Sekretär das zu verrathen! Wenn Sie mit dieſem Manne gemein⸗ ſchaftliche Sache machten, ſo könnten Sie in eine ſehr unangenehme Geſchichte verwickelt werden.“
„Weshalb drohen Sie mir?“
„Um Sie zu warnen!“
„Das iſt unnöthig, Herr Kommiſſär, ich habe genug an der bitteren Erfahrung, die ich machen mußte.“
„Sie werden wohl thun, dieſe Erfahrung nicht zu vergeſſen,“ erwiederte Wittich ernſt.„Haben Sie keine weitere Entdeckung gemacht?“
„Doch,“ nickte Dore.„Als der Schließer hinaus war, erinnerte ich mich, daß der Sekretär noch kein Trinkwaſſer im Schlafzimmer hatte. Ich brachte es hinauf; wenn das geſchehen war, wollte ich Madame um Urlaub bitten und hieher gehen, um Ihnen meine Entdeckungen mitzutheilen. Das Schlafzimmer liegt neben der Wohn⸗ ſtube, und die Thüre zwiſchen beiden Zimmern war offen. Der Sekretär fragte, wer da ſei, ich trat in die Wohnſtube und fand den alten Herrn vor ſeinem Schreibtiſche. Meine Frage, ob er einen Befehl für mich habe, wurde verneint, darauf fragte ich ihn, ob der Gefängnißſchließer mit ihm verwandt ſei.“
„Nun? Was antwortete er darauf?“
„Er wurde verlegen, dann warf er mir die grobe Bemerkung in's Geſicht, er habe mich nicht um Erlaubniß zu fragen, ob und welche Beſuche er empfangen dürfe, ich möge mich um meine eigenen Angelegenheiten bekümmern. Nachher ſchien er ſeine Grobheit zu bereuen, er ſagte, der Schließer ſei leider ein entfernter Verwandter, und einem Verwandten könne man nicht die Thüre zeigen. Während er mit mir ſprach, war ich näher an den Schreibtiſch herangetreten, und ich ſah nun, daß auf demſelben ein ganzer Haufe von Werth⸗ papieren lag.“
Der Kommiſſär blickte überraſcht auf, geſpannte Erwartung ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen.
„Werthpapiere?“ fragte er. behaupten?“
„Ich habe ſie mit meinen eigenen Augen geſehen!“
„Kennen Sie denn Werthpapiere?“
„O gewiß, die alte Dame, bei der ich früher wohnte, beſchäf⸗ tigte ſich jeden Tag mit ihren Aktien, da habe ich ſie gründlich kennen gelernt, Madame hat mich oft genug damit gelangweilt, daß ſie mir den Werth der großen bunten Scheine erklärte.“
„Und der Sekretär beſitzt deren viele?“
„Sehr viele, ſie lagen vor ihm und bedeckten den ganzen Tiſch.“—
Wittich ſchrieb haſtig einige Zeilen in ſein Notizbuch.
„Sah er, daß Sie die Entdeckung machten?“ fragte er.
„Ich glaube es nicht, wollte es ihm auch nicht verrathen, vielleicht dachte er, ich kenne davon nichts.“
„Können Sie die Summe annähernd angeben?“
„Ich hatte nicht Zeit genug, um ſie zu zählen, aber jedenfalls waren's mehr als zehntauſend Thaler.“
„Und davon wußten Sie früher nichts?“
„Nein.“
„Vielleicht hat er die Papiere erſt kürzlich gekauft!“
„Dann müßte er in der Lotterie gewonnen, oder eine Erb⸗ ſchaft gemacht haben, denn ehe er bei uns wohnte, war er ein armer Schlucker.“
„Woher wiſſen Sie das?“
„Eine Freundin hat es mir geſagt, er ſoll früher Gedichte verkauft und manchmal nicht das trockene Brod gehabt haben.“
„Können Sie das mit Sicherheit
„Sie wiſſen auch nicht, wo er die Werthpapiere aufbewahrt?“
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