Illuſtrirte Chronik der Zeit.
„Ich erkenne die Kuhhaut, Sir,“ entgegnete Ferdinand er⸗ bittert.„Wollt Ihr leugnen, daß Ihr meines Bruders Kuh ge⸗ ſchlachtet habt?“
„Möglich, daß die Kuh einſt Eurem Bruder gehörte. Uebrigens habe ich ſie nicht geſchlachtet, ſondern erſchoſſen.“
„Nun, das kommt wohl auf Eins heraus. Das Fleiſch habt Ihr vermuthlich verſpeist?“
„Theilweiſe, der Reſt iſt eingeſalzen.“
„Und aus der Haut beabſichtigt Ihr wahrſcheinlich ein Paar Stiefeln zu machen?“
„Ein halb Dutzend Paare, wenn's Material ſo weit reicht.“
„Ich fordere Euch auf, auf der Stelle fünfunddreißig Dollars Erſatz für die unrechtmäßiger Weiſe in Beſitz genommene Kuh zu zahlen.“
„Lieber will ich hängen.“
„Nun, das könnte Euch allenfalls paſſiren, wenn die Lynch Euch über den Hals käme.“
„Sir, haltet Eure Zunge im Zaum!“ ſchrie Morris wüthend. „Ich habe die verwünſchte Kuh niedergeſchoſſen, weil ſie in mein Maisfeld einbrach, und war dazu nach den Geſetzen des Staates Wisconſin vollkommen berechtigt.“
„Könnt Ihr das beweiſen?“
G 1
„Ja.
„Wer itt denn Euer Zeuge?“
„Hier dieſer brave Burſche Pat O'Brien.“
„Ja!“ ſchrie der Irländer,„ich wilb die Bibel küſſen und mit tauſend heiligen Eiden beſchwören, daß wir das unglückliche Vieh mitten in dem geſegneten Maisfeld da erwiſchten.“
„Einer von unſeren Leuten drüben hat geſehen, daß Ihr die Kuh oben vom Fluſſe her mit einem Strick nach der Sägemühle zerrtet, alſo...“
„Das iſt verdammte Lüge!“
„Wendet Euch an den Richter, Sir!“ hob Morris höhniſch wieder an.„Jede Jury in Wisconſin ſpricht mich frei. Ich habe nur gethan, was mein Recht war.“
„Angeuommen, die Kuh wäre wirklich in Euer Maisfeld ge⸗ brochen,“ entgegnete der hartnäckige junge Seemann,„ſo hattet Ihr doch nicht das Recht, ſie zu erſchießen, denn Eure Fenzen ſind nicht gut im Stande und bei Weitem nicht ſechs Fuß hoch, wie es das Geſetz verlangt.“
„Pah, das kümmert mich nicht. Ich ſchieße alles fremde Vieh nieder, das in meine Felder bricht.“
„Ferner hattet Ihr auf keinen Fall das Recht, das Fleiſch und die Haut Euch zuzueignen.“
„Vielleicht wäre es Euch lieber geweſen, wenn ich von Eurem
Bruder hundert Dollars Schadenerſatz verlangt hätte.“ —„Vermuthe, daß Ihr Eure guten Gründe habt, keinen ſolchen blödſinnigen Anſpruch zu erheben. Da Ihr nicht gutwillig fünf⸗ unddreißig Dollars Erſatz leiſten wollt, ſo müſſen wir verſuchen, was wir auf dem Wege Rechtens gegen Euch ausrichten können. Auf Wiederſehen vor den Schranken des Gerichts, Sir!“
„O, geht zur Hölle, Sir!“ ſchrie der Nankee erbost.„Wenn Ihr Euch nicht augenblicklich fortſcheert, junger Menſch, ſo hole ich meine alte Büchſe und brenne Euch eine Kugel in den Hirnkaſten!“
„Hütet Euch vor meinem Flintenlauf!“ ſagte Ferdinand drohend, indem er ſich zum Gehen wandte.„Wenn wir in Zukunft verdächtiges Geſindel am anderen Ufer in der Nähe unſerer Kühe bemerken, ſo werden wir das Pack als Räuber behandeln.“
Damit verließ der junge Mann die Stätte, ging bis zum Strand hinab, ſprang in ſein Boot und ruderte fort.
„Ein verwünſchter Kerl!“ ſagte der Yankee, ihm nachblickend. „Hätte ihm gar nicht zugetraut, daß er die Zähne zeigen könnte. Dieſe Deutſchen drüben ſind ſo grün wie ein Tannenbaum im Winter. Da wollen ſie wirklich den Verſuch machen, mich wegen Raubes zu verklagen, mich, einen Mann, der ein Dutzend Mal mit dem Sheriff von Madiſon heißen Brandy getrunken hat. Viel einfacher wär's, wenn ſie bewaffnet herüberrückten, um mich zu be⸗ lagern. Aber vor einer ſolchen Selbſthilfe ſchrecken ſie zurück. Sie ſind zu gewiſſenhaft, das wußte ich wohl.“
„Ich auch,“ bemerkte der rothe Irländer.„Ja, Sir, es hatte keine Gefahr; wir konnten das bischen friſche Fleiſch ganz gemächlich wegholen.“
„Sehe auch nicht ein, warum ich nicht das Recht dazu haben ſollte,“ brummte Morris.„Ich bin hier der erſte Squatter und habe in der Gegend manchen fetten Hirſch geſchoſfen. Aber ſeitdem der junge Menſch mit der blauen Jacke, der eben hier war, faſt täglich mit dem Schießeiſen im Walde herumläuft und alles Gethier wegknallt, da lohnt ſich die Jagd nicht mehr. Kalkulire, ich kann's verant⸗ worten, wenn ich mich dafür ſchadlos halte und den deutſchen Tröpfen eine Kuh weghole.“
„Zur Hölle mit ihnen!“ ſchrie der Rothe.„Ich würde mit Vergnügen den todten Tannenwald drüben in Brand ſtecken, um ſie gehörig auszuräuchern!“
Der Nankee ſchaute mit glänzenden Augen ſeinen Arbeiter an.
„Das iſt ein Plan, Pat, über den ich ſelber ſchon oft nach⸗ gedacht habe,“ flüſterte er, ſich ſcheu umſehend.„Ja, auf ſolche Weiſe könnten wir das Konkurrenzgeſchäft wegblaſen. Ich würde hundert Dollars drum geben, wenn es auf eine gute Art gemacht werden könnte.“
„Für hundert Dollars ſtecke ich ſogleich den todten Wald in Brand.“
„Die Gelegenheit iſt paſſend,“ fuhr Morris fort.„Wir ſind allein hier; Eure Kameraden befinden ſich mit dem Boote flußabwärts. Da kann alſo Niemand Argwohn ſchöpfen, wenn Ihr eine kleine Streiftour nach Süden unternehmt. Es iſt ganz windſtill und alſo keine Gefahr für uns. Denn nur ein Sturmwind könnte die Flam⸗ men über den Fluß werfen. Weiter oben, wo der Strom ſich ver⸗ engt, ſind wir durch die Wieſen und die dann folgenden rollenden Prairieen geſchützt.“
„Gebt mir eine Flaſche Whiskey mit auf den Weg und zwanzig Dollars Handgeld und ich trete ſogleich den Marſch an. Um Mitter⸗ nacht mag es im todten Wald zu praſſeln anfangen. Dann kehre ich ſchleunigſt hieher zurück.“
Der Nankee nickte. Er holte die verlangte Geldſumme und eine Flaſche Branntwein. Der Irländer nahm beides in Empfang, zog ſeine Jacke an und marſchirte nach öſtlicher Richtung.
Es war ſeine Abſicht, weiter unten über den Strom zu ſetzen, an einer Stelle, wo für etwaige Paſſanten ſtets ein kleines Indianer⸗ kanoe parat lag.
Nachdem Morris einen ſolchen fluchwürdigen Plan in's Werk geſetzt hatte, ging er zum Mittageſſen.
Den Reſt des Tages und die folgende Nacht verbrachte er in ziemlicher Unruhe. Er konnte nicht ruhig ſchlafen...
Nach Mitternacht kehrte der rothe Irländer zurück.
„Brennt's gut?“ fragte der Yankee lauernd.
„Sollt's meinen, Sir!“ verſetzte Pat grinſend.„Es brennt teufelmäßig gut. Bald werden wir den Qualm riechen können, kalkulire ich!...“
2.
Als Ferdinand Severin heimgekehrt war und ſeinen Angehörigen Bericht über ſeine Sendung erſtattet hatte, erregte die ſpitzbübiſche Frechheit und Verlogenheit des Yankee⸗Nachbars die allgemeinſte Ent⸗ rüſtung. Es wurde beſchloſſen, mit einer Klage gegen ihn vor⸗ zugehen und ihm übrigens in Zukunft auf die Finger zu paſſen.
Folgenden Tages gegen zehn Uhr Vormittags bemerkte Karl Severin, als er auf dem Hofe ſtand, eine beſondere Unruhe bei den Pferden und Hunden, welche die Köpfe hängen ließen und am Boden ſchnüffelten.
Indeß er über dieſe Beobachtung nachdachte, kam ſein Bruder Ferdinand dazu und erwähnte, daß ein grauer Dunſt über dem ſüdlichen Horizonte ſich ausbreite.
„Hoffentlich bekommen wir ein tüchtiges Gewitter,“ ſetzte er hinzu.„Wir können einige gewaltige Regengüſſe brauchen nach ſo vielen trockenen Wochen.“
„Ich glaube nicht, daß Regen in Ausſicht iſt,“ antwortete der ältere Bruder.„Darauf deutet das Wetterglas durchaus nicht hin.“
„Nun, dann erklimme den Hügel und ſchaue aus nach dem ſüdlichen Horizont. Wenn dort nicht ſchwere Gewitterwolken auf⸗ ſteigen, ſo ſind meine Seemannsaugen nichts mehr werth. Außer⸗ dem verſpüre ich ſeit einiger Zeit einen eigenthümlichen dunſtigen Geruch, wie er heftigen Gewittern vorherzugehen pflegt.“
„Das iſt mir auch ſo vorgekommen,“ entgegnete Karl.„Es iſt ein eigenthümlich brenzlicher Dunſt in der Atmoſphäre.“
„Da ſieh!“ rief der Seemann nach Süden deutend.„Jetzt kann man bereits von hier aus den grauen Dunſt bemerken!“
„Da iſt Feuer im Walde!“ ſchrie Karl entſetzensbleich, nachdem er einen Augenblick aufmerkſam hingeſchaut.„Der todte Tannen⸗ wald brennt! Wenn kein Sturmwind aus Norden uns zu Hilfe kommt und die Flammen zurücktreibt, ſo haben wir in vierund⸗ zwanzig Stunden das Feuer über uns!“
„Ich meine, der Luftzug kommt aus Südweſt. Es iſt wohl möglich, daß der Wind aufſpringt und ſtärker wird.“
„Dann wehe uns!“
„Zum Glück bin ich nicht abweſend auf der Fahrt. Wenn der Waldbrand wirklich bis an den Büffelſee ſich verbreitet, ſo können wir uns mit Hab und Gut auf die Schaluppe rekten. Auf dem See ſind wir jedenfalls in Sicherheit.“
„Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte Karl gefaßter.„In dem ausgetrockneten Holze jagt das Feuer mit raſender Geſchwin⸗
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