4 26 Illuſtrirte Chronit der Zeit.
und Naturdichtungen vor ihm: Werthpapiere, beſtehend in Staats⸗ ſchuldſcheinen und ſoliden Prioritätsobligationen, und der alte Herr war damit beſchäftigt, dieſe Papiere nach ihren Nummern zu ordnen und von den letzteren ein Verzeichniß anzufertigen.
Aber ſo angenehm dieſes Geſchäft auch war, den Sekretär ſchien es doch nicht in eine heitere Stimmung zu verſetzen, ſeine Stirne blieb finſter umwölkt, und der ſcharfe, verdrießliche Zug, der die Mundwinkel umzuckte, wollte keinem Lächeln weichen.—
Tief aufathmend legte er die Feder hin, um ſeine lange Pfeife anzuzünden, dann trank er haſtig ein Glas Wein.
„Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit,“ brummte er ärgerlich, während er die Feder wieder aufnahm, um die unterbrochene Arbeit fortzuſetzen,„ich muß mich auf Alles gefaßt machen. Der Boden wankt ſchon, aber ehe er einſtürzt, bin ich über alle Berge.“
Die Rauchwolken umhüllten ſein graues Haupt immer dichter, die Feder glitt emſig über das Papier.
„Meine Ruhe wäre nicht geſtört worden, wenn ich mich in den ganzen Schwindel nicht eingelaſſen hätte,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Niemand würde an mich denken, Niemand mir nach⸗ forſchen und— na, ja, ich wäre ein Bettler geblieben, es hat eben Alles ſeine zwei Seiten.“
Ein leiſes Pochen ließ in dieſem Augenblick ſich vernehmen, erſchreckt fuhr der alte Mann von ſeinem Sitze auf.
Das Pochen wiederholte ſich, Becker legte haſtig die Werth⸗ papiere in eine Schublade des Schreibtiſches und ging zur Thüre, um ſie zu öffnen.
Beſtürzt trat er zurück, als in dem Rahmen der Thüre ein Mann in Uniform erſchien.
Er kannte dieſe Uniform, ſie wurde von allen Gefängniß⸗ ſchließern getragen.
„Was wollen Sie hier?“ fragte er mit heiſerer Stimme.„Sie werden jedenfalls ſich geirrt haben.“
„Friedrich Becker, Sekretär des Herrn Ackermann— ſind Sie dieſer Herr?“ erwiederte der Schließer, der inzwiſchen eingetreten war und die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte.
„Ja, allerdings, aber—“
„Na, dann bin ich hier recht. Ich habe eine Beſtellung an Sie.“
Der alte Mann ſtützte ſich auf ſeinen Schreibtiſch und ſah den Schließer mit einem feſten, forſchenden Blick an, er hatte ſeine Faſſung wieder gefunden; drohte ihm ſelbſt eine Gefahr, ſo wollte er ihr trotzig die Stirne bieten.
„Eine Beſtellung?“ wiederholte er in geringſchätzendem Tone. „Von wem?“
„Ich bin Schließer im Gefängniß, vielleicht wiſſen Sie das ſchon—“
„Woher ſollte ich es wiſſen?“ „Na, ich denke, meine Uniform iſt bekannt!“
„Mir nicht,“ erwiederte Becker, das Haupt zurückwerfend,„ich
bin mit Leuten Ihres Standes noch nicht in Berührung gekommen. Und nun zur Sache, wenn ich bitten darf.“
Der Schließer war ihm noch näher getreten, er ſtand dicht
vor ihm. „Der gefangene Müller ſchickt mich,“ ſagte er leiſe. „Der Müller? Wer iſt das?“ „Valentin Krumm, der den Förſter erſchoſſen hat.“ „Kenne ich nicht!“
„Hab' mir gedacht, daß Sie das ſagen würden,“ ſpottete der Schließer.„Die Freunde der Gefangenen machen es in der
Regel ſo.“
„Hat der Müller behauptet, ich ſei ſein Freund?“ fragte der
alte Mann in gereiztem Tone.
„Jawohl, und ich glaub' auch, daß Sie es geweſen ſind, wenn Sie es jetzt auch nicht mehr ſein wollen. Sie haben ihm ja das
Geld verſchafft, daß er auswandern konnte.“
Haß und Zorn blitzten aus den ſtechenden Augen des Sekretärs. „Ich war ein Narr, daß ich es that!“ ſagte er.„Ich hatte
Mitleid mit ihm, nun lohnt er mir mit Undank.“
„Konnten Sie etwas Anderes erwarten? Weshalb nahmen
Sie ſich eines Mannes an, den die Polizei verfolgte?“ cf 5 jc daß er ein Verbrech be hatte!“ „Ich wußte nicht, aß er ein Verbrechen begangen hatte!
„Sie wußten das nicht?“ fragte der Schließer mit ſchneiden⸗ dem Hohn, während er ſich auf einen Stuhl niederließ und mit
der nichts weniger als ſauberen Hand den ſtruppigen Bart kämmte. „Der Müller behauptet, Sie ſeien ſein beſter Freund, und es gebe
kein Geheimniß zwiſchen Ihnen und ihm—
„Der Müller ſoll ſich mit ſeinen Behauptungen einſalzen
laſſen!“ rief der alte Mann erbost.
„Ereifern Sie ſich nicht,“ fuhr der Schließer fort,„höcen Sie lieber, was ich Ihnen im Auftrage des Gefangenen zu berichten
habe, ich hoffe, Sie werden mich für die Mühe entſchädigen.“
„So? Das hoffen Sie?“ höhnte Becker, der die Erregung, die in ihm tobte, nicht bemeiſtern konnte.„Ich glaube, es iſt ſtreng verboten, derartige Beſtellungen zu vermitteln, wenn ich Sie an⸗ zeigte, würden Sie Ihr Amt verlieren.“
Auf den Schließer ſchienen dieſe Worte keinen beſonderen Ein⸗ druck zu machen, er lächelte ſarkaſtiſch.
„Das wäre möglich,“ ſagte er,„aber der Gefangene würde dann auch reden, und Sie hätlen den größeren Schaden davon!“
Der Sekretär zuckte zuſammen— das hatte er nicht er⸗ wartet, Valentin Krumm wollte ihn verrathen? Und was ver⸗ anlaßte ihn dazu?
„Was will der Gefangene von mir?“ fragte er.
„Er läßt Ihnen Folgendes ſagen; Der Brief, den Sie ihm gegeben haben, ſei noch in ſeinem Beſitz, er habe ihn ſo gut ver⸗ ſteckt, daß Niemand ihn finden werde, wenn er nicht freiwillig ihn herausgebe.“
„Was ſoll das?“ erwiederte der alte Mann unwirſch.„Was kümmert mich der Brief.“
„Hören Sie weiter. Er will dieſen Brief Ihnen zurückgeben, wenn Sie ſich verpflichten, etwas für ſeine Frau und ſein Kind zu thun, wollen Sie das nicht, dann iſt er entſchloſſen, den Brief dem Unterſuchungsrichter auszuliefern.“
Auf der Stirne des Sekretärs waren die Adern angeſchwollen, eine verzehrende Gluth loderte in ſeinen Augen, die vor dem forſchen⸗ den Blick des Schließers ſich ſenkten.
„Drohungen!“ ſagte er in verächtlichem Tone.„Mich wundert nur, daß er nicht verlangt, ich ſolle ihn in Freiheit ſetzen.“
„Das wäre eine Forderung, die Sie nicht erfüllen können. Der Müller iſt in Sorgen wegen ſeiner Angehörigen, Sie ſollen die Laſt ihm erleichtern, und da er die Mittel hat, Sie dazu zu zwingen, weshalb ſollte er es nicht thun!“
„Mich zu zwingen?“
„So ſagt er, und ich glaube es ihm. Ich kenne den Brief nicht, weiß nicht, was er enthält, aber gefährlich muß ſein Inhalt ſein, gefährlich für Sie, deshalb rathe ich Ihnen, auf das Verlangen des Gefangenen einzugehen.“
Der alte Mann hatte das Haupt auf den Arm geſtützt, ſein lauernder Blick ſtreifte verſtohlen das gelbe Geſicht des Schließers.
„Und was ſoll ich für die Angehörigen dieſes Mannes thun?“ fragte er.
„Das will er von Ihnen hören!“
„Er von mir? Alſo ich ſoll Vorſchläge machen?“
„Ja. Sie ſollen ihm ſagen, was Sie zu thun geſonnen ſind, um ſein Schweigen zu erkaufen. Er meint, das Beſte werde ſein wenn Sie der Frau eine gewiſſe jährliche Summe ausſetzten.“
„So, ſo, es kommt immer beſſer! Er hält mich wohl für einen reichen Mann? Was ich verdiene, das brauche ich für mich ſelbſt, er weiß das ſo gut wie ich, und deshalb finde ich ſeine Forderung unverſchämt. Sagen Sie ihm, der Baron v. Franken⸗ dorf habe ſich der Frau und des Kindes angenommen, da ſei eine weitere Unterſtützung alſo überflüſſig, er könne ihretwegen ganz unbeſorgt ſein. Und dann ſagen Sie ihm ferner, der Brief enthalte gar nichts, was mir gefährlich werden könne, und einen Verrath von ſeiner Seite fürchte ich nicht, meinetwegen möge er dem Richter ſagen, was er wolle, mir ſei das gleichgiltig.“
„Gehen Sie nicht ſo leichtfertig darüber hinweg,“ warnte der Schließer, der den Blick jetzt prüfend durch das Zimmer ſchweiſen ließ,„der Mann iſt in einer verzweifelten Stimmung, und wenn er einmal ſeine Mittheilungen gemacht hat, dann laſſen ſie ſich nicht mehr zurücknehmen.“
„Wenn er mich verleumden will, ſo kann ich ihm den Mund nicht ſtopfen,“ erwiederte Becker achſelzuckend.
„Aber der Brief!“
„Iſt ganz ungefährlich.“
„Es bringt Sie ſchon in eine ſehr unangenehme Lage, wenn ein Brief von Ihrer Hand bei einem ſolchen Verbrecher gefunden wird.“
„Ich habe ihn nicht geſchrieben.“
„Aber Sie haben ihn dem Manne übergeben, und dieſer Mann hat ihn drüben in Amerika auf die Poſt geben ſollen.“
Der Sekretär ſah ihn eine Weile ſtarr an,
„Sie ſcheinen ſich ja mit den Gefangenen ſehr angelegentlich zu unterhalten!“ ſagte er höhniſch.„Ich werde Ihre vorgeſetzte Be⸗ hörde darauf aufmerkſam machen.“ 5
„Dann haben Sie einen Feind mehr!“ erwiederte der Schließer, „und dieſer Feind könnte Ihnen ſehr unangenehm werden. Leute
wie Valentin Krumm drohen nicht, ohne Waffen zu beſitzen, das
ſollten Sie bedenken.“ „Ich verlange von Ihnen keinen Rath!“ „Sie ſollten mir dankbar ſein, daß ich ihn unaufgefordert
1 Gefangenen, ich diß dr Brief, Sie!
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