Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Darauf baute ich meine Hoffnung. An den Gutsbeſitzer ſelbſt wollte ich mich nicht wenden, er iſt ein hochmüthiger Patron, deshalb zog ich vor, von ſeinem Schwiegerſohn das Opfer zu fordern. Und da man bei den reichen Herren immer am raſcheſten zum Ziel kommt, wenn man ſich eines Vermittlers bedient, ſo ging ich zum Sekretär, um ihm die Sache vorzuſtellen.

Vorher wollt Ihr den Sekretär nicht gekannt haben? fragte der Kommiſſär, nachdem er mit dem Unterſuchungsrichter raſch einen bedeutſamen Blick gewechſelt hatte.

Nein.

Woher wußtet Ihr dann, wer der Sekretär war und wo er wohnte?

Das war ja ſehr leicht zu erfahren, und ich wußte es längſt, ich hatte früher ſchon mein Augenmerk auf den Herrn Ackermann gerichtet, er ſollte mir helfen, wenn alle Stränge riſſen. Der Sek⸗ retär war auch gleich dazu bereit, er wollte den Verſuch machen,

mir das Geld zu verſchaffen. Und Herr Ackermann iſt auch darauf⸗

eingegangen, 300 Thaler ſind ja für einen ſo reichen Herrn ein Pappenſtiel.

Und an dieſes Darlehen ſollten keine Bedingungen geknüpft worden ſein? ſagte der Kommiſſär zweifelnd.

Nur die eine, daß ich die Reiſe ſofort antreten müſſe.

Und die Beſorgung des Briefes, wie?

Wieder zuckte jenes boshafte, höhniſche Lächeln über die Lippen des Gefangenen.

Nein, erwiederte er.

Becker hat Euch dieſen Brief anvertraut?

Ich weiß nicht, welche Berechtigung Sie haben, dies zu be⸗ haupten, ſagte Valentin trotzig.Den Brief habe ich von einem Anderen erhalten, den ich nicht nennen werde, und dabei bleibe ichtz; jetzt ſuchen Sie, ſo lange Sie wollen, von mir erfahren Sie nichts weiter!

Ich bin fertig, wandte der Kommiſſär ſich zu dem Richter, was. ich erfahren wollte, das weiß ich nun, es genügt mir.

Ihr ſeid in dieſem Punkte verſtockt, wandte der Gerichtsrath ſich zu dem Gefangenen,durch ein offenes Bekenntniß könntet Ihr der Juſtiz einen großen Dienſt erzeigen und dadurch die eigene Strafe mildern. Bedenkt, daß der Baron v. Frankendorf ſich Eurer Frau und Eures Kindes angenommen hat, daß Eure Angehörigen in das tiefſte Elend kämen, wenn dieſe hochherzige Familie die Hand von ihnen abzöge, bedenkt, daß Ihr ſelbſt ein verlorener Mann ſeid, wenn die Richter nach der Strenge der Geſetze richten

Ein verlorener Mann bin ich in jedem Falle! unterbrach dex Verbrecher ihn.Ich habe meine That eingeſtanden und nehme dieſes Geſtändniß nicht zurück; was verlangt man mehr von mir? Ich habe verſprochen, den Mann, der mir den Brief gegeben hat, nicht zu nennen, mein Wort breche ich nicht.

Der Unterſuchungsrichter blätterte eine Weile in den Akten und diktirte dem Aktuar, der unermüdlich geſchrieben hatte, die Schlußſätze des Protokolls.

Habt Ihr mir nichts mehr zu ſagen? fragte er endlich.

Nein.

Der Gerichtsrath gab dem Gendarmen, der an der Thüre ſtand, einen Wink, Valentin Krumm wurde wieder gefeſſelt und in ſeine Zelle zurückgeführt.

Wir wüßten alſo jetzt, von wem er das Geld erhalten hat, ſagte der Richter;aber mit dieſem Geſtändniß läßt ſich wenig oder gar nichts anfangen.

Ich wußte es längſt, erwiederte der Kommiſſär, der in Nach⸗ denken verſunken war,aber die Gründe, die Ackermann zu dieſem Geſchenk bewogen haben ſollen, wollen mir doch nicht recht ein⸗ leuchten.

Der Gerichtsrath ſchüttelte den Kopf und rückte die Brille dichter vor ſeine Augen.

Dreihundert Thaler ſind für einen Millionär eine Bagatelle, ſagte er,ich will nicht in Zweifel ziehen, daß er ſie in einer An⸗ wandlung von guter Laune dem Manne gegeben hat, um ihm die Auswanderung zu ermöglichen.

Und der Brief?

Sie glauben doch nicht, daß Herr Ackermann

O nein, von dieſem Gedanken bin ich noch weit entfernt, ſagte der Kommiſſär, der bereits Anſtalten traf, ſich zu entfernen. Einſtweilen halte ich mein Augenmerk auf den Sekretär gerichtet, der Mann ſcheint mir eine zweideutige Rolle zu ſpielen.

Prüfen Sie ſeine Perſonalakten, Sie werden dieſelben wohl im Polizei⸗Paßbureau finden.

Der Kommiſſär fand darauf nichts zu erwiedern, er verabſchie⸗ dete ſich und ging ſofort zu dem Juſtizrath Feldern, der ihn in ſeinem Kabinet mit ſehr erſtauntem Blick empfing.

Vielleicht erinnern Sie ſich noch unſeres Zuſammentreffens

bei der Frau Rechnungsrath Freimuth, nahm er das Wort, ohne dem Juſtizrath Zeit zu einer Frage zu laſſen,ich hatte wegen des inzwiſchen verhafteten Müllers Valentin Krumm eine Frage an die Dame zu richten, Sie waren mit dem Polizeirath Stern dort, um über einen gewiſſen Woldemar Kramer Erkundigungen einzuziehen.

Ganz recht, erwiederte Feldern,kommen Sie in dieſer Angelegenheit zu mir?

Jawohl. Mir iſt der Inhalt unſeres damaligen Geſprächs nicht mehr ſo recht im Gedächtniß; irre ich nicht, ſo wird Kramer eines Verbrechens beſchuldigt.

Wenigſtens ruht auf ihm der Verdacht, daß er einen Raub⸗ mord begangen hat. Ein Schwager der Frau Freimuth wohnte in S., man behauptete allgemein, er ſei ein ſehr reicher Mann. Er war im höchſten Grade mißtrauiſch, bewohnte ein Haus allein und wurde plötzlich todt gefunden. Die ärztliche Unterſuchung konſta⸗ tirte eine Vergiftung als Todesurſache, und ein Zettel, der auf dem Schreibtiſch gefunden wurde, enthielt die Erklärung daß der alte Mann durch Nahrungsſorgen zum Selbſtmord getrieben worden ſei. Man fand denn auch in ſeinem Nachlaß weder Geld noch Werth⸗ papiere, der Mann wurde begraben und die Sache vergeſſen. Nun aber nach drei Jahren hat ein Verbrecher das Geſtändniß abgelegt, er habe in früherer Zeit einer ruſſiſchen Fürſtin einen ſehr werth⸗ vollen Brillantſchmuck geſtohlen und dieſen Schmuck dem verſtorbenen Freimuth für eine geringe Summe verkauft. Dadurch wurde man auf jenen Todesfall wieder aufmerkſam gemacht, man ſah die hinter⸗ laſſenen Bücher und Papiere des Verſtorbenen genauer durch und entdeckte nun, daß er ein reicher Mann geweſen ſein mußte. Nament⸗ lich ſoll er eine Menge von Brillanten und anderen Cdelſteinen be⸗ ſeſſen haben, und es läßt ſich unter ſolchen Umſtänden auch wohl annehmen, daß er im Beſitze von Werthpapieren und Banknoten geweſen iſt.

Und von alledem hat man bei ſeinem Tode nichts gefunden? fragte der Kommiſſär, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuge⸗ hört hatte.

Nicht das Geringſte, und deshalb mag man ſich auch wohl nicht die Mühe gegeben haben, die Bücher und Papiere einer ſtrengen Prüfung zu unterwerfen.

Und wer hat den Verdacht auf Woldemar Kramer gelenkt?

Man fand unter den Papieren Freimuth's den Entwurf eines Vertrags, in welchem Woldemar Kramer unter gewiſſen Bedingungen ſich verpflichtete, dem alten Manne einen Schatz zu entdecken. Dieſer Schatzgräber⸗Vertrag weckte den erſten Verdacht, man forſchte nach und erfuhr, daß Kramer eine Zeit lang in S. gewohnt, aber gleich nach dem Tode Freimuth's dieſe Stadt wieder verlaſſen hatte. Er mußte mit dem Verſtorbenen in Verbindung geſtanden haben, wie wäre ſonſt der Vertrag unter die Papiere Freimuth's gekommen! Zudem war dieſer Vertrag von fremder Hand entworfen, er trug nicht die Handſchrift des Verſtorbenen.

Und darauf hin hat man Nachforſchungen angeſtellt?

Allerdings, und nach meiner Anſicht iſt man dabei ſehr un⸗ vorſichtig zu Werke gegangen, man erließ von S. aus dieſe Auf⸗ forderung.

Der Kommiſſär las die Annonce und ſchüttelte den Kopf.

Und was geſchah weiter? fragte er.

Darauf hin erhielt man in S. dieſen Brief, man beantwortete ihn dahin, daß man den Schreiber aufforderte, er möge ſich in dieſer Angelegenheit an mich wenden. Der Schreiber kam auch zu mir, es war ein gewiſſer Friedrich Becker

Der Sekretär des Herrn Ackermann!

Damals war er es noch nicht, aber er ſtand im Begriff, dieſe Stelle anzunehmen. Dieſer Becker hatte offenbar auf eine große Belohnung gerechnet; als ich dieſe Erwartung nicht beſtätigte, wurde er zurückhaltend. Er behauptete, Woldemar Kramer in Wien ken⸗ nen gelernt zu haben, aber er konnte nur wenig über ihn berichten, er äußerte die Vermuthung, daß Kramer noch dort ſein werde, lehnte aber die Aufforderung, ſelbſt nach Wien zu reiſen, ab. Er hat dann ſpäter dem Polizeirath über die Reſtauration, in der er mit Kramer zuſammengetroffen ſein will, Andeutungen gemacht, die nicht ſehr genau waren.

Und der Polizeirath iſt jetzt in Wien?

Jawohl.

Haben Sie ſchon Mittheilungen von ihm erhalten?

Er hat mir einmal geſchrieben, daß es ihm noch nicht ge⸗

lungen ſei, eine Spur zu entdecken.

Der Kommiſſär lächelte ironiſch.

Sie haben alſo dieſem Becker volles Vertrauen geſchenkt? fragte er. .Volles Vertrauen? Nein! Ich habe immer vermuthet, daß er nichts weiter als eine Erpreſſung beabſichtige, er glaubte vielleicht, man werde ihn für ſeine ſehr unſicheren Nachrichten reich

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