Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 379

handlung legte einer Käuferin mehrere Stücke vor, glaubte ihr aber eines davon beſonders anpreiſen zu müſſen und that es mit den Worten: Dieſer Stoff, meine Gnädige, hält ewig, und dann können Sie noch immer einen Schlafrock daraus machen laſſen. R. Eine wahre Spielwuth war im 17. Jahrhundert unter den franzöſiſchen Damen ausgebrochen, und die vornehmſten und höchſtgeſtellten waren die eifrigſten beim Landsknechtſpiele. Da ſie ſür ihre Neigung nicht immer hinxreichend Partner fanden, ſo verfielen ſie bisweilen auf ſeltſame Ideen, um ihrer Spielwuth fröhnen zu können. Die Herzogin de la Ferté berief ihre Lieferanten, die Schlächter, Bäcker u. ſ. w. zuſammen, die mit ihr Landsknecht ſpielen mußten, wenn ſie ihre Kundſchaft behalten wollten. Einmal ſagte die Herzogin einer Freundin ganz naiv in's Ohr:Ich be⸗ trüge ſie beim Spiel, weil ſie mich bei den Aezerunngen beſtehlen! R.

Anſere

Albert Bihius(Jeremias Gotthelf). (Mit 2 Bildern auf S. 361 u. 361.)

Zu Ende der dreißiger Jahre erſchienen in der Schweiz mit dem NamenJeremias Gotthelf auf dem Titelblatte raſch nach einander mehrere friſche volksthümliche Erzählungen von ungemeiner Anſchaulichkeit und einer gewiſſen praktiſchen Tendenz und erregten bald über die Kreiſe hinaus, für welche ſie beſtimmt waren, ein großes Aufſehen, zumal wegen der in ihnen niedergelegten treu und keck nach der Natur gezeichneten Schil⸗ derungen des Volkslebens. Als Verfaſſer ergab ſich einer der volksthüm⸗ lichſten Geiſtlichen des Kantons Bern, Pfarrer Albert Bitzius zu Lützel⸗ flüh, der ſich unter jenem Pſeudonym verſteckte, der Mann, deſſen ſchlicht gemüthliche Geſichtszüge wir unſeren Leſern auf der erſten Seite dieſes Heftes vorführen. Der Lebensgang dieſes Volksſchriftſtellers war einfach und ohne ſtark anregende äußere Einflüſſe und Strömungen, ſo daß wir um ſo mehr über den reichen geiſtigen Gehalt des Verfaſſers uns wundern müſſen, welcher beinahe alle ſeine zahlreichen Schriften aus ſich ſelber ſchöpfte, gleichſamaus dem eigenen Holze ſchnitt und ihnen daher auch ein eigenes und originelles Gepräge aufdrückte. Bitzius war als der Sohn eines proteſtantiſchen Pfarrers zu Murten im Kanton Freiburg am 4. Oktober 1797 geboren und kam 1804 mit ſeinem Vater nach Utzenſtorf im Kanton Bern, wohin Jener als Pfarrer berufen worden war. Während die ge⸗ waltigen Ereigniſſe, welche draußen die Welt erſchütterten, an dem Blicke des aufgeweckten Knaben vorüberzogen, wenn die Kunde davon in ſein abgelegenes Heimathdorf gelangte, mußte er ſich praktiſch mit der Land⸗ wirthſchaft bekannt machen, da die ziemlich ausgedehnten Feldgüter der Pfründe einen weſentlichen Theil von des Pfarrers Einkommen bildeten. Damals war es, wo er jene Vorliebe für die Landwirthſchaft und jenes gründliche Verſtändniß derſelben und des Dorflebens gewann, welche in ſeinen Schriften ſo oft zu Tage treten. 1811 kam er nach Bern auf die ſogenannte Literaturſchule(Gymnaſium), nachdem er ſeither vorwiegend nur von ſeinem Vater unterrichtet worden war, und bezog 1814 dieAka⸗ demie(Univerſität) Bern, um daſelbſt Theologie zu ſtudiren. Nach Abſol⸗ virung ſeiner Studien und etzaltener Ordination wurde er ſeinem Vater als Vikar beigegeben; noch verſchiedene ſchmerzliche Lücken in ſeinem theo⸗ logiſchen Wiſſen fühlend, ging er indeß 1821 nach Göttingen, um ſeine wiſſenſchaftliche Bildung zu ergänzen, hörte hier bei mehreren Profeſſoren und ward namentlich mit Planck, Heeren und Bouterweck näher bekannt. Dieſes Göttinger Jahr zählte er zu den angenehmſten, anregendſten und lohnendſten ſeines Lebens und ſprach immer mit Begeiſterung davon. 1822 nach Utzenſtorf heimgekehrt, blieb er hier bis zum Tode ſeines Vaters, 1824, wirkte hierauf fünf Jahre lang in Herzogen⸗Buchſee und dann an der Heiligen⸗Geiſt⸗Kirche zu Bern als Vikar, um 1831 zum Vikar in Lützelflüh beſtellt zu werden, wo er dann im folgenden Jahre zum Pfarrer gewählt wurde. Hier im freundlichen, fruchtbaren Emmenthal gründete er ſich ſeinen eigenen häuslichen Herd und erwarb ſich zunächſt durch ſeine rege Fürſorge für das Volksſchul⸗ und Armenweſen ſehr große Verdienſte um die dortige Bevölkerung, wie auch deren Vertrauen.

Die ſtille, lieblich⸗idylliſche Lage dieſes Pfarrſitzes, den unſer Bild S. 364 veranſchaulicht, übte noch eine andere Wirkung auf ihn aus. In ſeinem abgeſchiedenen Aſyle erwachte in Bitzius der Gedanke, auch durch die Preſſe ſeine Landsleute für Fortſchritt und Reformen zu gewinnen. Das in Solothurn erſcheinende VolksblattPoſtheiri und derDiſteli⸗ Kalender hatten Bitzius die erſte Anregung dazu gegeben, und ſo ziemlich um dieſelbe Zeit, wo Berthold Auerbach's poetiſche Schwarzwälder Dorf⸗ geſchichten das deutſche Publikum entzückten, lauſchte die ſchweizeriſche Leſe⸗ welt Jeremias Gotthelf's kernhaften und eigenthümlichen Volksbüchern, welche, ganz aus dem Leben gegriffen und für die Volkslektüre beſtimmt, das von Zſchokke begonnene Werk fortſetzten, im Gewande einer feſſelnden Erzählung aus dem wirklichen Leben dem Volke einen Spiegel vorzuhalten und gegen das Branntweintrinken, die Prozeßwuth, die Spielſucht, den Müſſiggang, die Verlotterung in Haus⸗ und Landwirthſchaft und wider die Gleichgiltigkeit gegen Bildung und Freiheit zu Felde zu ziehen. Ein unerſchöpſlicher körniger Humor, eine leichte Erfindungs⸗ und Geſtaltungs⸗ kraft und ein echter Fonds von Peeſie erleichterten Bitzius die ſelbſtgeſtellte Aufgabe, und ermuthigt und geſpornt durch den Beifall ſeiner ſtets auf das Praktiſche gerichteten Erzählungen, entwickelte er von 1837, wo er zu ſchreiben begann, bis zu ſeinem Tode am 22. Oktober 1854 eine wahrhaft erſtaunliche Frechibardet und literariſche Thätigkeit, denn ſeine 1856 57 erſchienenen Geſammelten Werke umfaſſen zwölf enggedruckte ſtarke Bände. Nicht alle ſeine Erzählungen ſind von gleichem Werthe,Käthi die Groß⸗ mutter,Uli der Knecht undUli der Pächter aber nebſt mehreren klei⸗

Korkſohlen. Man hört ſehr oft ſagen, daß die Korkſohlen eine Erfindung der Neuzeit ſeien, dem iſt aber nicht ſo. Schon im alten Rom machte man aus dem Korke Sohlen, die man in die Schuhe legte, um die Füße, beſonders im Winter, gegen Näſſe zu ſichern; und Mädchen, welche gern größer ſcheinen wollten, als ſie waren, legten recht viel Kork unter. S.

Die vier Temperamente hat ein italieniſcher Aſtrolog aus der Art erkennen wollen, wie die Menſchen lachen. Seiner Behauptung nach lachen die Sanguiniker:Hi, hi, hi, die Choleriker:He, he, he, die Phlegmatiker:Ha, ha, ha, endlich die Melancholiker:Ho, ho, ho! Wer ſeine Umgebung in Ausbrüchen der Heiterkeit beobachten will, wird finden, daß die Theorie des Italieners etwas Wahres hat. N.

Bilder. neren Erzählungen werden ihren Platz in der deutſchen Volkserzählungs⸗ literatur behaupten..

Der Hahnentanz. (Mit Bild auf S. 365.)

Dem oberdeutſchen Bauern genügt bei feſtlichen Gelegenheiten nicht das Tanzvergnügen allein, ſondern er ſucht damit wo möglich auch noch eine andere pikante Luſtbarkeit zu verbinden, z. B. jenen Hahnentanz, den unſer Bild auf S. 365 darſtellt. Bei dieſem eigenthümlichen Tanze kann ſich ein gewandtes Paar durch ſeine Geſchicklichkeit im Emporſpringen und Aufhüpfen meiſt einen Hahn oder Hammel, zuweilen auch eine Gans oder ein Lamm ertanzen. Zu dieſem Zwecke wird auf dem öffentlichen Tanz⸗ platz im Freien ein ſtämmiger Pfahl mit einem galgenartigen Querarm angebracht und am Ende des letzteren eine Vorrichtung befeſtigt, welche der während des Walzens emporſpringende Tänzer mit ſeinem Kopfe erreichen und umſtoßen muß. Dieſe Vorrichtung beſteht in einem Brette, das entweder, nach Art einer Wagſchale, an vier Schnüren befeſtigt iſt, oder ſich, wie es unſere Abbildung zeigt, mittelſt eines Charnierbandes am Ende des Querarms befindet; auf dem Brett aber ſteht ein mit Waſſer gefülltes Gefäß, ein Glas, wohl auch ein durch einen Riemen feſtgehaltener Eimer. Von welcher Konſtruktion aber auch der Träger des Waſſer⸗ gefäſſes ſein möge, Angelpunkt und Ziel dieſes Preistanzes beruhen darin, daß die tanzenden Paare, während ſie um den Pfahl herumwalzen, das Waſſergefäß ſo oft wie möglich umwerfen, indem der Tänzer aufhüpfend mit ſeinem Kopfe von unten dagegen anſtößt. Iſt ſeine Tänzerin flink und gewandt, ſo wirkt ſie dabei nach Kräften umſichtig mit, indem ſie den Tänzer im Herannahen an den entſprechenden Punkt in der Kniekehle erfaßt und bei ſeinem Hochſprunge noch durch einen energiſchenLupf unterſtützt, um das Umſtoßen des Waſſergefäſſes zu ermöglichen. Der Hahnentanz gibt daher dem jungen Volk reiche Gelegenheit zur Darlegung von Kraft und Gewandtheit und verurſacht ungemeine Heiterkeit durch den wechſelnden Erfolg aller dieſer verſchiedenen Anſtrengungen. Auch iſt die Aufgabe, das Waſſergefäß umzuſtoßen, keineswegs leicht, denn daſſelbe ſteht mindeſtens zehn Fuß hoch und ruht auf einer ziemlich ſchmalen Fläche. Der Hahn, Hammel oder ſonſtige Preis wird demjenigen Paare zuerkannt, deſſen Tänzer das Waſſergefäß am häufigſten umgeſtoßen hat, der Tänzer aber legt ſelbſtverſtändlich den gewonnenen Preis ritterlich ſeiner Schönen zu Füßen, die ja mehr oder minder weſentlich zu der Erringung deſſelben beigetragen hat. Bei den verſchiedenen Volksfeſten, die gegenwärtig in Alt⸗Württemberg noch üblich ſind, z. B. beim Schäfer⸗ lauf zu Urach, beim Eſelswettrennen in Teinach am Jakobi⸗Feiertag, und beim Schäferlauf zu Markgröningen an St. Bartholomäi u. ſ. w., darf der Hahnentanz ebenſowenig fehlen, wie bei den oberſchwäbiſchen Kirch⸗ weihfeſten, und da, wo die Behörden nicht etwa den entſprechenden Hahn oder ſonſtigen Preis zum Beſten geben, legen die jungen Burſchen zuſammen, um ſich dergeſtalt ſelbſt die zu erringenden Preiſe zu beſchaffen.

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Wick. *(Mit Bild auf S. 368.)

Die Seefiſche der europäiſchen Meere haben großentheils nur für den Haushalt der Küſtenbewohner eine wirthſchaftliche Bedeutung, denn ſelbſt neuerdings kommt nur ein unendlich kleiner Bruchtheil der gefangenen Schollen, Steinbutten, Schellfiſche, Dorſche u. ſ. w. in's Binnenland zum Konſum. Die einzige Ausnahme davon macht die Familie der Heringe, welche auch hier eine Hauptſpeiſe der ärmeren Klaſſen ausmacht und durch ihren Fang ein für Schifffahrt und Volkswirthſchaft ſehr bedeutſames Ge⸗ werbe hervorgerufen hat. Jeder unſerer Leſer kennt den Hering, der zu uns in's Binnenland meiſt nur geſalzen oder geräuchert kommt. Seine eigentliche Heimath ſind die europäiſchen Meere der nördlichen gemäßigten und kalten Zone, vor allen die Nord⸗ und Oſtſee. Früher hielt man den Hering für einen Wanderfiſch, der nur zu gewiſſen Jahreszeiten aus den

Polarmeeren herabſchwimme, um an den Küſten von Norwegen, Däne⸗

mark, Deutſchland, Holland und Großbritannien zu laichen, neuere gründ⸗ lichere Unterſuchungen haben indeſſen dargethan, daß der Hering das ganze Jahr hindurch die Tiefen der Nord⸗ und Oſtſee bewohnt und nur zur Laich⸗ zeit aus denſelben zu jener Art von Meereshochebene emporſteigt, die ſich um die Küſten von Frankreich, Holland, Norddeutſchland, Dänemark und Großbritannien zieht und nirgends mehr als etwa 600 Fuß unter den Meeresſpiegel hinabreicht. Da nun die verſchiedenen Heringsarten that⸗ ſächlich Standfiſche der Meerestiefe ſind, ſo geht aus dem bemerkten Um⸗

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