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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 375
augenſcheinlich mißbilligte, wie denn Fräulein Eliſe dies aufgenom⸗ men, erwiederte Hugo verlegen, daß ſie wohl zu ſtolz geweſen ſei, ihm eine ſogenannte Scene zu machen, ſie habe ſich ſchweigend in das neue, lediglich freundſchaftliche Verhältniß gefügt, und er hätte ſchon geglaubt, daß er ihr wirklich gleichgiltig geworden wäre, bis er denn doch geſehen, daß ſeine Mittheilung, die geheime Ver⸗ lobung mit Thereſe Engert betreffend, Eliſe ſehr erregt habe.
„Wann machten Sie dem Fräulein dieſe Mittheilung?“ fragte der Doktor lebhaft.
„So genau weiß ich das jetzt nicht mehr, es kann vor fünf bis ſechs Wochen geweſen ſein.“.
„Und ſeit wann vermiſſen Sie das Fläſchchen mit dem Cyankali?“.
„Gefehlt hat daſſelbe vielleicht ſchon länger, aber wirklich ver⸗ mißt ward es erſt ungefähr vierzehn Tage vor dem Tode meiner armen Tante.“.
„War Fräulein Winter je in Ihrem Atelier?“
„O ja, dies geſchah öfter, beſonders anfangs, als es eröffnet wurde, intereſſirte ſie ſich für photographiſche Aufnahmen.“
„Kannte ſie den Inhalt der verſchiedenen Flaſchen und Phiolen, vor allen Dingen: wußte ſie, daß Cyankali dort auf⸗ bewahrt wurde?“
„Letzteres weiß wohl ſo ziemlich ein Jeder, übrigens meine ich, ihr geſagt zu haben, daß jene Flaſchen Cyankali enthalten, das „Arkanum unglücklich Liebendere— wie ich es genannt.“ 4
„Erinnern Sie ſich nicht genau, wann Fräulein Winter das letzte Mal in Ihrem Atelier war, und ob dies vor oder nach der Enthüllung geweſen, die Sie ihr, betreffend Ihre Verlobung, ge⸗ macht?“
Hugo ſann lange nach, dann ſchüttelte er ermattet den Kopf. „Ich weiß mich nicht darauf zu beſinnen, ich hatte damals nur einen Gedanken und der war: die Tante meiner Liebe geneigt zu machen— und dann kam all' das Schreckliche über mich— ach, ich bin ſehr unglücklich!“
Maurus Fernthal ſprach noch einige tröſtliche Worte zu dem tief Gebeugten, dann entfernte er ſich. Er hatte jetzt wohl einen Fingerzeig, der für ihn von großem Werthe war, trotzdem konnte er ſich nicht verhehlen, wie verſchwindend klein die Anhaltspunkte für eine fremde Schuld an dem Morde waren, gegenüber den einer Kette gleich an einander gereihten Beweiſen, daß ſein Klient der Mörder ſei.
Offen als Ankläger gegen Eliſe Winter aufzutreten, wäre mehr als ausſichtslos, das fühlte Fernthal. War ſie die Mörderin— dann hatte ſie auch mit ſeltener Ueberlegung und Schlauheit die That geplant, hatte nach derſelben mit faſt noch nicht dageweſener Unerſchrockenheit und Ruhe ſich benommen, ſo daß auch nicht der leiſeſte Verdacht ſie geſtreift. Einer ſolchen Gegnerin gegenüber fühlte ſich Fernthal jetzt noch völlig machtlos, ſie war ihm mehr als gewachſen.
Aber er ruhte nicht. Zuvörderſt begab er ſich, nachdem er ſich vorher überzeugt, daß Eliſe ausgegangen, in die Wallberg'ſche Wohnung.
Die alte Rieke nur war daheim und ſie ließ ihn ruhig ge⸗ währen, ſo hatte er denn auch in kürzeſter Zeit eruirt, daß die Thüre, welche aus Eliſens Zimmer in die Domeſtikenſtube führte, ganz in deyſelben Weiſe im Mittelfelde durchbohrt war, wie die⸗ jenige, die den Salon mit Hugo's Zimmer verband. Eliſe konnte alſo ganz genau wiſſen, was in dem Domeſtikenzimmer geſchah.
Auf Eliſens Schreibtiſch lagen Hefte und Bücher verſtreut umher, das Fräulein ſchien ſich mit engliſchen Sprachſtudien zu beſchaftigen, Fernthal nahm unbemerkt eines der Vokabel⸗Hefte vom Tiſche und ſteckte es zu ſich.
Der Vertheidiger ſuchte nun die ehemalige Verlobte Hugo's, Frau Lieutenant Senden, auf. Er hatte eine lange Unterredung mit der Dame, der es anfänglich ſehr peinlich war, über die alten Geſchichten zu ſprechen, über welche längſt Gras gewachſen.
Als ſie jedoch aus ſeinem Munde vernahm, daß die Freiheit, ja das Leben des Mannes auf dem Spiele ſtand, der doch einſt ihrem Herzen werth geweſen, entſchloß ſie ſich zu einer offenen Aus⸗ ſprache. So erfuhr denn Fernthal, daß die Dame durch zwei ano⸗ nyme Zuſchriffen von Hugo's Leben und Treiben damals ganz genau informirt worden war. Nun iſt ſchon geſagt worden, daß der junge Maler einen ziemlich leichten Sinn und ein empfäng⸗ liches Herz hatte. In der Nähe ſeines Ateliers wohnte in dürf⸗ tigen Verhältniſſen ein alter Muſikmeiſter, der eine ſehr hübſche
Tochter beſaß, welche Natalie hieß. Dieſe Natalie nun hatte Hugo zum Modell für ſeine büßende Magdalene gedient, welchen Umſtand
aber Hugo der Verlobten verſchwiegen, als dieſe in Begleitung ihres Vaters das fertige Bild in Augenſchein genommen, der un⸗ bekannt bleiben wollende„Warner“ hatte ſe
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ine Verdächtigungen mehr zu tragen, aber mit faſt übermenſchlicher Faſſung ſtammelte ſie:
beſonders über dieſes Verhältniß ergoſſen. Dies allein hätte den Bruch aber noch nicht veranlaßt, wenn nicht eines Tages die reiche Braut als Einlage in einem der snonymen Briefe ein Billet er⸗ halten hätte, das unverkennbar von Hugo's Hand geſchrieben, auch mit ſeinem Namen gezeichnet war. Es lautete:„Meine theure“ — der nun folgende Name war herausgeſchnitten.
„Nehmen Sie meinen herzlichſten Dank für Ihre opferfreudige Freundſchaft, beſonders aber für das Verſprechen, gegen Alle zu ſchweigen— ich vertraue Ihnen, wie ich dies kaum einem Weibe auf der Welt zu thun geneigt wäre. Aber ich bin auch dankbar, und wenn ich erſt ein reicher Mann ſein werde und da meine Braut reich iſt, werde ich es ja auch in Bälde, ohne erſt nöthig zu haben auf das Hinſcheiden meiner guten Tante zu warten, dann meine edle— werden auch ſchönere Tage für Sie anbrechen!
Ganz Ihr Hugo.“
Auf dieſen Brief hin, an deſſen Echtheit ſie nicht zweifeln konnte, hatte dann die„reiche Braut“ ihr Verlöbniß mit dem Maler Wallberg gelöst. Ihr Stolz hatte ihr verboten, die wahren Beweg⸗ gründe anzugeben, es verletzte ſie zu tief, als ein„Spekulations⸗ objekt“ angeſehen zu werden.
Nachdem Fernthal die Briefe, welche Frau Senden aufbewahrt, in der Hoffnung, den anonymen Warner doch noch zu entdecken, flüchtig mit dem von Eliſe Winter geſchriebenen Hefte verglichen und eine große Aehnlichkeit mit der allexdings ſehr verſtellten Schrift gefunden, entfernte er ſich, um die Schriftſtücke einem Sachver⸗ ſtändigen vorzulegen, vorher wollte er aber von Hugo erfragen, an welche Perſon dieſer den fraglichen Brief gerichtet. Seine Vor⸗ ausſetzung, daß Eliſe die Empfängerin geweſen, fand Beſtätigung; der junge Mann hatte ihr in den flüchtigen Zeilen für ihre Ver⸗ mittelung bei der Tante gedankt, als einer ſeiner„Nothhelfer“, der Wucherer Simon, ſich mit zwei größeren fälligen Wechſeln an die alte Dame gewendet.
Noch immer waren die Verdachtsgründe nicht ſtark genug, um offen vorgehen zu können. Der unermüdliche Vertheidiger erſann daher einen Plan und verſicherte ſich zu deſſen Ausführung der Mithilfe eines ihm befreundeten Collegen und des Polizei⸗Agenten, dem Eliſe Winter von Hugo's Verhaftung her gewiß noch bekannt ſein mußte, und dem ihr Benehmen damals ſo auffallend geweſen.
Am Abend des nächſten Tages traten die drei Herren ohne vorherige Anmeldung in das Gemach Eliſens, die bleich und abge⸗ ſpannt in ihrem Fauteuil am Schreibtiſch ſaß und in das Licht der Lampe ſtarrte, ohne nur den Kopf nach den Eintretenden um⸗ zuwenden, wahrſcheinlich hatte ſie geglaubt, Henriette habe die Thüre geöffnet.
Erſchrocken fuhr ſie daher auf, als ſie plötzlich die Männer ſich faſt gegenüber erblickte. 4
Auf ihre geſtammelte Frage, was dieſer ſpäte Beſuch bedeute, nahm Fernthal das Wort und erklärte: daß ſein Klient, gedrängt durch die flehentlichen Bitten ſeiner Braut, die ihn jetzt faſt täglich im Kerker beſuche, ein offenes Geſtändniß abgelegt habe.
Es entging Keinem, daß bei Erwähnung der Braut Hugo's die Lippen Eliſens ſich zuſammenpreßten und ihre Hände ſich zornig ballten. Sie beobachteten nun die Ueberraſchte noch ſchärfer.
„Ein offenes Bekenntniß,“ ſprach ſie darauf mit mühſamer Faſſung,„ſo hat er alſo doch den ſchrecklichen Mord begangen?“
„Sie irren ſich, Fräulein!“ erwiederte Fernthal, das bebende Mädchen fixirend.„Hugo Wallberg ſah nur, wie eine Andere den Mord verübte!“
Eliſe, die ſich erhoben, wankte und mußte ſich an der Lehne des Fauteuils halten, um nicht umzuſinken, ſie wollte etwas ent⸗ gegnen, die Worte aber drangen nicht über ihre Lippen.
„Ja, eine Andere,“ fuhr Fernthal unbarmherzig fort,„die er anfänglich geſchont, weil Dankbarkeit und Freundſchaft ihn an ſie banden, die jetzt aber preiszugeben die Nothwehr ihn zwingt!“
Eliſe hatte ſich inzwiſchen von dem erſten furchtbaren Schreck erholt.
—„Das klingt wie ein Märchen,“ ſagte ſie kopfſchüttelnd,„denn wenn Hugo Zeuge des Mordes war, dann wäre es ja ſeine Pflicht geweſen ihn zu hindern, und er hätte es ſicherlich gethan— dieſe räthſelhafte ‚Andere: müßte denn das Geſchöpf ſein, das er ſeine Braut nennt— meines Wiſſens hatte Niemand als ſie ein Intereſſe daran, die arme alte Dame zu morden.“
Doktor Fernthal blieb gleich kalt und ruhig, den Blick immer feſt auf das Mädchen gerichtet, dann ſprach er:
„Als Hugo Wallberg die Perſon, welche der Kranken nach Mitternacht den Trank kredenzte, beobachtete, da konnte er unmöglich vermuthen, daß ſtatt des gewöhnlichen Schlaftrunkes— Gift in
dem Glaſe enthalten ſei!“
Eliſe ließ ſich in den Stuhl gleiten, ihre Füße vermochten ſie nicht
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