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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
nur noch ein Zimmer ſtieß, das Hugo Wallberg bewohnte. Man mußte durch den Salon gehen, um in das Zimmer des jungen Mannes zu gelangen, da nur der Salon einen Ausgang in das ge⸗ räumige Vorzimmer hatte. Dieſes letztere, ein langer, aber nicht eben breiter Raum— daher auch oft„Korridor“ genannt— bot nun⸗ durchaus kein Verſteck. Eine fremde Perſon, die ſich zum Zweck, den Mord zu begehen, eingeſchlichen, hätte unbedingt geſehen werden müſſen.
Nun wurden die Dienſtleute vernommen. Die Ausſage der ſchluchzenden Rieke ſtimmte in allen Punkten mit derjenigen des Hausmädchens überein. Henriette hatte die Frau nach zehn Uhr, wo dieſe ſich zu Bett begeben, zum letzten Mal geſehen. Sie hatte das Lager zurecht gemacht und die üblichen Dienſte beim Auskleiden geleiſtet, dann die Nachtlampe entzündet und hierauf ſich durch den Alkoven in das Zimmer des„Fräuleins“ begeben, um hier auch Alles„zurecht“ zu machen. Fräulein Eliſe habe auf dem Sopha geſeſſen und ein Buch in der Hand gehabt, ſie habe ſie nicht ſtören wollen im Leſen und deshalb ſchweigend ihre Arbeit ver⸗ richtet. Erſt als ſie fertig geweſen und„gute Nacht“ geſagt, hätte ſie hinzugefügt, daß die Frau Räthin ſich heute ſehr angegriffen fühle und bereits im Bett liege.„Das iſt kein Wunder,“ hatte das Fräulein mit einem Seufzer erwiedert,„auch ich habe heftigen Kopf⸗ ſchmerz und werde mich bald zur Ruhe begeben, zuvor will ich aber noch einmal nach der Kranken ſehen“— damit ſei Fräulein Winter auf⸗ geſtanden, habe das Buch fortgelegt und ſei in den Alkoven gegangen.
„Zu welcher Zeit war dies ungefähr?“ fragte der Aſſeſſor.
Henriette wußte das genau, da die Uhr in der Domeſtikenſtube juſt Elf geſchlagen. Die Uhr ging jedoch eine Viertelſtunde vor. Rieke habe ſchon im Bett gelegen, ſie ſelbſt ſei auch müde geweſen und ein wenig ärgerlich, daß ſie noch auf den jungen Herrn hätte warten und aufbleiben müſſen. In einer Viertelſtunde ungefähr ſei dieſer dann gekommen, und ſie habe ihm wie ſonſt die inzwiſchen zurecht gemachte Lampe geben wollen; da habe er nach der Tante gefragt und gemeint, daß er ſie noch ſprechen wolle. Sie hatte ihm nun geſagt, daß die Räthin bereits ſchliefe und er ſie ſtören werde; ihr ſei es natürlich nicht recht geweſen, nun noch länger aufbleiben zu müſſen, denn wenn der junge Herr die Frau aufweckte, konnte ja dieſe noch leicht irgend einen Auftrag haben.
„Wo blieben Sie, während Herr Wallberg ſich in das Schlaf⸗ gemach ſeiner Tante verfügte?“
„Im Vorzimmer— die brennende Lampe hatte ich auf den Spiegeltiſch geſtellt.“
„Weshalb verfügten Sie ſich nicht in den Salon, oder ſtellten die Lampe wenigſtens dort auf den Speiſetiſch? Herr Wallberg mußte ja ſo durch den unerhellten Salon gehen und ſich erſt im Vorzimmer die Lampe holen. Das Vorzimmer hätte er aber gar nicht nothwendig ge⸗ habt zu paſſiren, da man aus dem Salon direkt in ſein Zimmer gelangt.“
Das Mädchen war ein wenig verlegen geworden und hatte dann ſchüchtern erwiedert: wie es gefürchtet, daß noch einmal wegen der heimlichen Verlobung des jungen Herrn ein Streit kommen werde. Horchen habe ſie nicht wollen, ebenſo wenig aber im Dunkeln allein im„Korridor“ bleiben— ſo habe ſie die Lampe behalten.
„Da Fräulein Winter ſtets den Nachtdienſt bei der Kranken hatte, warum fürchteten Sie geſtern, daß man Ihre Dienſte bean⸗ ſpruchen werde?“ 3
„Weil Fräulein Eliſe ſich auch leidend fühlte und ſich bereits zu Bett begeben hatte.“—
„Wußten Sie dies genau— oder ſetzten Sie es nur voraus?“
„Ich ſah durch die ſchlecht ſchließende Thüre des Domeſtiken⸗ zimmers, daß es dunkel war in Fräulein Eliſens Stube— ſonſt fällt ein Lichtſtreif auf die Diele.“
„Sonach hätte Fräulein Winter um elf Uhr— nach der Uhr im Domeſtikenzimmer— richtiger um dreiviertel nach Zehn das letzte Mal die Räthin Wallberg beſucht?“
„Gewiß.“
„Herr Hugo Wallberg wäre dann eine halbe Stunde ſpäter bei ſeiner Tante geweſen.“—
„Ja— es mochte zwiſchen einviertel und halb zwölf Uhr ſein, als Herr Hugo klopfte— er pflegt dies zu thun, wenn er den Schlüſſel zum Vorzimmer vergeſſen hat, um ſeine Tante nicht zu ſtören.“
„Kam er oft ſo ſpät nach Hauſe?“
„Nein, höchſt ſelten, und nur, wenn er in eine Geſellſchaft ge⸗ laden war.“
„War dies am Sonntag der Fall?“
„O nein, Herr Wallberg iſt ja erſt gegen zehn Uhr fort⸗ gegangen, ich wunderte mich ſelbſt, daß er bei dem Wetter, wo man nicht gern einen Hund hinausjagt, noch fortging. Der Ueber⸗ zieher war ganz naß.“ 4
„Haben Sie nicht bemerkt, ob Herr Wallberg, als er von ſeiner Tante kam und im Vorzimmer die Lampe in Empfang nahm, die Handſchuhe noch an hatte?“
„Beſtimmt könnte ich nichts darüber ſagen— doch ja, die rechte Hand war bloß.“
„Erinnern Sie ſich deſſen genau?“.
„Ganz genau, denn während Herr Hugo die Hand nach der Lampe ausſtreckte, blitzte der weiße Stein des Ringes, den er an der rechten Hand trägt.“
„Sie begaben ſich nun zur Ruhe, ohne noch einmal nach der Kranken zu ſehen?“
„Ja. Ich hörte ja, daß ſie feſt ſchlief.“
„eeinabnnen Sie kein auffälliges Geräuſch in der Nacht?“
„Nein.“
„Beſinnen Sie ſich genau— nichts, was Sie hätte darauf ſchließen laſſen, daß Fräulein Winter ſich zu der Räthin begeben?“
„Weder ich noch Rieke hörten etwas; ſonſt weckt uns öfters die Glocke der Frau Räthin; als ich um ſieben Uhr, wie gewöhn⸗ lich, in das Zimmer des Fräuleins trat, um den Ofen zu heizen, lag Fräulein Eliſe noch ſchlafend im Bett und hatte ein Tuch um den Kopf gebunden. Ich ging nun leiſe in das Schlafgemach der Frau Räthin, machte Feuer im Ofen an und da ich mich wun⸗ derte, daß Alles gar ſo ſtill ſei, trat ich an das Bett und— ach du lieber Herrgotk, auf den erſten Blick ſchon ſah ich, was paſſirt war, denn die Frau hatte die Augen ſtarr offen— es ſah zu grauſig aus! Dann machte ich Lärm, Rieke kam und das Fräulein. Herr Hugo ſchlief noch, wir mußten ihn erſt wecken. Er erſchrak auch furchtbar, da wir aber noch hofften, es könnte blos ein Schlag⸗ anfall ſein, ſo eilte der junge Herr zu Doktor Walter. Der Herr Doktor hat uns dann erſt geſagt, daß unſere arme Frau vergiftet worden iſt, aber wir können das noch immer nicht glauben, denn wer, um Gottes willen, ſollte denn ſo etwas Schändliches gethan haben, auch iſt ja Niemand in das Quartier gekommen.“
Nachdem die Köchin nochmals verhört worden, erſuchte der Aſſeſſor Fräulein Winter um eine Unterredung. Er erfuhr hier nichts weſentlich Neues, nur mußte Eliſe, gedrängt durch die Fragen des Herrn v. Schack, dieſem bekennen, daß ſie geſtern mit Hugo Wallberg eine aufregende„Scene“ gehabt, daß alle ihre Verſuche, ihn zum Aufgeben des von der Tante gemißbilligten Verhältniſſes zu bewegen, fehlgeſchlagen und ſein letztes Wort geweſen wäre: er wolle lieber ſterben als nachgeben. Damit ſei er zornig fortgeeilt.
Hugo Wallberg, bis in die kleinſten Einzelheiten über ſein Verhältniß zu der Tante, wie über ſein Verlöbniß befragt, geſtand zu, daß die erzürnte Frau ihm geſtern mit Enterbung gedroht, falls er auf ſeinem Vorſatze beharre, das arme, bei ihr jedenfalls böslich verleumdete Mädchen zu ehelichen. Befragt, ob er nicht Verdacht auf irgend eine Perſon habe, welche ein Intereſſe daran gehabt, den Mord zu begehen, mußte er dies verneinen.
Nachdem die Gerichtskommiſſion noch einige Formalitäten erfüllt hatte, verließ ſie die Wohnung der Ermordeten. Der Fall erregte ſelbſtverſtändlich ein außergewöhnliches Aufſehen, beſonders als der Sektionsbefund eine Vergiftung durch Cyankali zweifellos ergeben hatte; auch war inzwiſchen feſtgeſtellt, daß auch nicht der geringſte Raub ausgeführt worden.
Bald beſchäftigte nur Eine Frage alle Kreiſe der Geſellſchaft: Wer hatte den Mord begangen?
In erſter Linie werden derlei Fragen dahin beantwortet, daß nur derjenige der Thäter ſein könne, der irgend ein Intereſſe daran gehabt, das Daſein des Opfers zu kürzen. Da aber ein Raub hier nicht vorlag, ebenſo wenig der Mord aus einem anderen Motiv— etwa Haß oder Rache— hatte vollbracht werden können, ſo wälzte ſich der Verdacht auf Hugo Wallberg, als auf den einzigen Men⸗ ſchen, welcher einen namhaften Vortheil durch den Tod der Räthin errungen. Ein unglückliches Zuſammentreffen ſo vieler belaſtenden Momente ließ es ſelbſt einem unparteiiſchen Beurtheiler der Sach⸗ lage bald zweifellos erſcheinen, daß der leichtfinnige und ziem⸗ lich verſchuldete junge Mann, auf's Aeußerſte gereizt durch den Widerſtand der Tante gegen die Verbindung mit dem Mädchen, das er leidenſchaftlich liebte, bedroht durch die Entziehung eines be⸗ trächtlichen Vermögens, das er ſchon als das ſeine betrachten ge⸗ lernt, den furchtbaren Entſchluß gefaßt: eher die kranke Frau, als ſein Lebensglück zu opfern, und ihr darauf mit eigener Hand den tödtlichen Trank kredenzt habe.
Dazu kam, daß Hugo als Photograph ſich im Beſitz von Cyankali befand. Trotzdem zögerte man immer noch von Seite des Gerichts, zur Verhaftung des Verdächtigen zu ſchreiten. Da gab eine anonyme Denunciation, die dem Aſſeſſor v. Schack zukam, den Ausſchlag. Es wurde nämlich die Mittheilung gemacht, daß man in einer Kaſſette, welche ſich im Zimmer des jungen Mannes be⸗ finde und deren Schlüſſel nie aus ſeiner Hand käme, eine kleine Glasflaſche finden werde, die Cyankali enthalten habe. Die Flaſche ſei ſchon vor Wochen von dem Gehilſen iin Atelier vermißt wor⸗ den, damals ſei ſie halb gefüllt geweſen.


