Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

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Sreilich, freilich, aber damit bin ich der Löſung des Räthſels immer noch nicht näher gekommen. Der Förſter ſprach davon, daß der Müller in dem Walde ein geheimes Verſteck haben müſſe, ich habe anfangs auf dieſe Behauptung kein großes Gewicht gelegt, jetzt aber glaube ich daran. Nur dadurch wird mir das ſpurloſe Verſchwinden des Müllers erklärlich, er hat ſich in das Verſteck zurückgezogen, um dort abzuwarten, bis die Luft wieder rein iſt. Und wie ſollte dieſes Verſteck beſchaffen ſein? fragte Kurt in zweifelndem Tone.

Eine Höhle unter der Erde, Herr Lieutenant! Das iſt nicht ſo unglaublich, wie es klingt; ich erinnere mich aus meiner Jugend⸗ zeit, daß eine ſolche Höhle in einem Walde meiner Heimath entdeckt wurde. Die Sache erregte Aufſehen, und nähere Nachforſchungen ergaben, daß dieſe Höhle der Schlupfwinkel einiger Wilddiebe ge⸗ weſen war.

Dann waren dort die Terrainverhältniſſe vielleicht günſtiger!

Keineswegs, die Höhle befand ſich unter ebenem Boden, durch Balken und Baumſtämme wurde die Decke geſtützt und im Innern war ſie ganz wohnlich eingerichtet.

Und nehmen wir an, daß der Müller in einer ſolchen Höhle hauste, ſo drängt ſich doch die Frage auf, woher er die nöthige Nahrung nimmt, ſagte Theobald.Jedenfalls müßten ihm die Frau oder das Kind Lebensmittel bringen

Das iſt bis jetzt noch nicht geſchehen, die Beiden haben die Mühle nicht verlaſſen, wohl aber wäre es möglich, daß der Müller ſein uns unbekanntes Verſteck während der Nacht verläßt, um ſich auf dem einen oder andern Wege Lebensmittel zu verſchaffen. Ueber⸗ dies darf man wohl auch annehmen, daß er die Höhle für alle Fälle mit Proviant verſehen hat.

Der Baron ſchüttelte zweifelnd das Haupt und zündete eine neue Cigarre an.

Und was werden Sie nun thun? fragte er.

Ich muß auf meinem Poſten ausharren, bis ich das Räthſel gelöst habe. Die Mühle muß bewacht werden, und es wäre ſehr zweckmäßig, wenn die Gläubiger jetzt von ihr Beſitz nehmen woll⸗ ten, dadurch würde dem Vagabund

Das geht ſo raſch nicht, unterbrach Theobald ihn,der Subhaſtation muß ein gerichtliches Verfahren vorhergehen, von einer ſofortigen Beſitzergreifung kann nicht die Rede ſein, da das Geſetz ſie nicht geſtattet.

Ich weiß das freilich, aber unter den obwaltenden Umſtän⸗ den würde das Gericht wohl eine Ausnahme machen

Wir können das nicht beantragen, weil wir nicht Gläubiger des Müllers ſind.

3 zird ben Sie nicht die Forderung der Wittwe Freimuth ge⸗ auft?

Nein, mein Vater kann ſich nicht dazu entſchließen.

Sie äußerten damals, der Förſter habe Ihnen über eine auf⸗ gefundene Spur Andeutungen gemacht, erinnern Sie ſich derſelben noch?

Es waren ſehr unbeſtimmte Andeutungen, erwiederte der

Baron,Sie werden aus ihnen nichts entnehmen, was Sie auf

eine Fährte bringen könnte.

Dann bleibt nur noch Eins übrig.

Und das wäre?

Ein großes Treibjagen.

In dieſer Jahreszeit?

Die Jäger müßten von dem Zweck dieſer Jagd unterrichtet und angewieſen werden, nur das jagdbare Wild zu ſchießen, ich würde mich mit meinen Beamten dabei betheiligen und

Der Förſter hatte ganz denſelben Plan, ſagte Theobald, ihn unterbrechend,ich will mit meinem Vater darüber Rückſprache nehmen, aber ich glaube nicht, daß dieſes Projekt zu dem gewünſch⸗ ten Reſultat führen wird.

So haben wir wenigſtens auch das gethan, es muß Alles verſucht werden, was zur Auffindung des Verſteckes führen kann. Und es müßte raſch geſchehen, Herr Baron, es iſt mir ja nicht möglich, alle Ausgänge des Waldes zu bewachen.

Der Burſche iſt jedenfalls ſchon entwiſcht, ſagte Kurt,er wird nicht ſo dumm geweſen ſein, in dem Walde zu bleiben. Sat er ihn verlaſſen, ſo wird er auf irgend einer Bahn⸗ ſtation auftauchen, erwiederte der Kommiſſär,und ich habe nach allen Richtungen hin Depeſchen geſandt. Ich verlaſſe mich auf die Erfahrungen, die ich in meinem Amte gemacht habe, ſie haben mich ſehr ſelten irre geführt.

Er hatte ſich erhoben, in ſeinen ſcharfmarkirten Zügen ſpie⸗ gelte ſich eine feſte Entſchloſſenheit.

Es gilt jetzt, den verſchwundenen Vagabund aufzufinden, fuhr er fort,das Recht zur Verhaftung habe ich, und ich denke, in dem Verſteck werden wir auch die Beweiſe ſeiner Schuld finden.

Seiner Schuld? wiederholte Kurt.Bis jetzt fehlt noch jeder Beweis für die Ermordung des Förſters, man hat ſeine Leiche nicht gefunden

Ich ſuche ſie in dem Verſteck.

Wäre nicht immerhin noch eine andere Löſung dieſes Räth⸗ ſels möglich? Kann nicht der Förſter in plötzlicher Geiſteszerrüt⸗ tung in die Welt hinausgewandert ſein und irgendwo ſeinem Leben ein Ende gemacht haben?

Und der erſchoſſene Hund?

Er ſelbſt kann ihn erſchoſſen haben.

Dann müßte der Hund ſeinen Herrn angegriffen haben, zu⸗ dem iſt es erwieſen, daß die Kugel, mit dem das Thier getödtet worden iſt, in keine Waffe des Förſters paßt. Ueberdies aber fehlt, wenn wir die von Ihnen aufgeſtellte Möglichkeit gelten laſſen, jede Erklärung für den zweiten Schuß, der ſofort nach dem erſten ge⸗ fallen iſt. Der erſte galt dem Förſter, der zweite dem Hunde, das iſt für mich ſo klar wie das Sonnenlicht. Alſo haben Sie die Güte, mit Ihrem Herrn Vater zu reden, Herr Baron, wenn es möglich wäre, morgen ſchon das Treibjagen zu halten, ſo würde mir das ſehr angenehm ſein.

Für morgen iſt es ſchon zu ſpät. Noch Eins, Herr Kom⸗ miſſär, ehe Sie uns verlaſſen, ich wünſche über einen Punkt, der mich befremdet, Aufſchluß zu haben. Sie ſagten, der Müller habe den Sekretär Ackermann's beſucht, der Sekretär ſei dann zu ſeinem Herrn gegangen und ſpäter wieder mit dem Vagabund zuſammen⸗ getroffen. Welchen Schluß ziehen Sie daraus?

Ich vermuthe, daß der Sekretär ihm das Geld zur Beſtrei⸗ tung der Reiſekoſten verſchafft hat.

Führt das nicht zu weiteren Schlußfolgerungen?

Ganz gewiß, aber ich kann mich dieſer Sache jetzt nicht wid⸗ men, ich muß zuvor die andere erledigen, und durch die Verhaf⸗ tung des Müllers hoffe ich

Ich würde ſo lange nicht warten, vielmehr den Sekretär ſo⸗ fort in's Verhör nehmen.

Der Kommiſſär lächelte bedeutſam.

Das wäre freilich der kürzeſte und einfachſte Weg, wenn ich ihn zwingen könnte, mir die Wahrheit zu ſagen, antwortete er, aber es läßt ſich erwarten, daß er das nicht thun wird, und dann könnte das Verhör nur zur Folge haben, daß der Vagabund gewarnt und mein Plan durchkreuzt würde. Das aber muß, wie Sie gewiß zugeben, vermieden werden. Und nun erlauben Sie mir, daß ich auf meinen Poſten zurückkehre, Herr Baron.

Er entfernte ſich nach kurzem Gruß, Theobald ſchob ſeinen Arm in den des Freundes und ſchritt mit ihm langſam auf das Schloß zu.

Ich fürchte, Ihr ſeid da Alle auf dem falſchen Wege, ſagte Kurt in warnendem Tone,wäre der Müller nicht ſo ſehr herunterge⸗ kommen, ſo würdet Ihr nicht daran denken, ihm ein ſo ſchweres Verbrechen aufzubürden.

Er würde es dann auch wohl nicht begangen haben, erwiederte der Baron ironiſch.Wenn ein Verbrechen verübt worden iſt, ſo wirft man doch immer den erſten Verdacht auf Denjenigen, der aus dieſem Verbrechen einen direkten oder indirekten Vortheil ziehen kann, und es liegt doch in der Natur der Sache, daß die Ermor⸗ dung eines Förſters in erſter Reihe den Wilderern in die Schuhe geſchoben wird, wie man ja bei der Ermordung eines Zollbeamten auch zuerſt an die Schmuggler denkt.

Und was hältſt Du von dem geheimen Verſteck?

Ich will die Möglichkeit der Exiſtenz deſſelben durchaus nicht beſtreiten, aber ich glaube ebenfalls, daß der Vagabund bereits über alle Berge iſt.

Sie ſtanden im Begriff, den Park zu verlaſſen, vor ihnen lag ein Bosket, in dem ſich einige Sitze befanden.

Es war ein kühles, ſchattiges Plätzchen, Thusnelda ſaß hier oft, wenn die Schwüle des Sommers im Hauſe zu drückend wurde.

Theobald hielt den Freund zurück, deutlich vernahmen ſie die Stimme der Baroneſſe.

Ich konnte das nicht erwarten, Herr v. Pillnitz, ſagte ſie, und der Ton ihrer Stimme klang kalt und ſcharf,es muß mich um ſo mehr überraſchen, als ich mich nicht erinnern kann, Ihnen jemals zu ſolchen Worten Berechtigung gegeben zu haben.

Thusnelda, ich beſchwöre Sie, erwiederte der Rittmeiſter, aber ſie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

Ich zähle nicht zu den Damen, die auf ſogenannte Erobe⸗ rungen ſtolz ſind, fuhr ſie fort, und Kurt fühlte das Zittern der Hand Theobalds, die auf ſeinem Arme lag,im Gegentheil, Herr Rittmeiſter, Worte, wie die, welche Sie ſoeben mir geſagt haben, beleidigen mich und mehr als das, ich erblicke in ihnen eine Ver⸗ letzung des Gaſtrechts, welches in unſerem Hauſe ſtets heilig ge⸗ halten worden iſt.