Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Schlimm genug! Wenn ein Millionär ſeinen Reichthum leicht⸗ ſinnig vergeudet, ſo iſt das ein Privatvergnügen, deſſen Folgen der Betreffende ſelbſt tragen muß, aber wenn der Unbemittelte Schulden auf Schulden häuft, ſo kommen Andere dadurch zu Schaden. Und das iſt noch nicht Alles, was ich Deinem Freunde vorwerfe, Kurt, lies dieſen Brief, den ich heute Morgen aus der Reſidenz erhalten habe, ich vertraue natürlich auf Deine Verſchwiegenheit.

Der Adjutant nahm auf einer Bank Platz und entfaltete den Brief, er las anfangs haſtig, dann immer langſamer, und ſeine Stirne umdüſterte ſich mehr und mehr.

Haſt Du den Freund in der Reſidenz um Auskunft gebeten? fragte er, als er die letzte Zeile geleſen hatte.

Ja, ich hielt es für meine Pflicht, Erkundigungen einzu⸗ ziehen, Pillnitz wurde von Tag zu Tag vertrauter mit Papa und Thusnelda, die ihn ja früher ſchon in der Reſidenz kennen gelernt haben. Ich wollte wiſſen, weshalb er verſetzt worden war, nun habe ich die gewünſchte Auskunft, und Du wirſt zugeben, daß ſie auf Deinen Freund ein ſehr ſchlimmes Licht wirft.

Gedankenvoll faltete Kurt den Brief zuſammen.

Haſt Du mit Deinem Vater oder mit Thusnelda ſchon darüber geredet? fragte er.

Nein; ich kann mich nicht gut dazu verſtehen, Jemand anzu⸗ klagen, und bei Papa wäre dieſe Anklage auch nicht angebracht. Herr v. Pillnitz iſt ein ſehr angenehmer und liebenswürdiger Geſellſchafter für Denjenigen, der aber ich will nicht bitter werden, chacun a son gout!

Und wie denkt Thusnelda über ihn?

Sie iſt entzückt von ſeiner Liebenswürdigkeit und mirr ſcheint, daß er darauf Hoffnungen baut, die ich niemals billigen würde. Willſt Du mir eine Frage aufrichtig beantworten?

Gewiß, Theobald.

Hat Pillnitz nie mit ſprochen?

Kurt blickte befremdet den Freund an, auch ſeine Stirne um⸗ wölkte ſich immer finſterer.

In der erſten Zeit nach der Rückkehr Ackermann's von der Hochzeitsreiſe ließ er allerdings Aeußerungen fallen, die darauf hindeuteten, daß er der ſchönen Frau näher zu treten beabſichtigte. Durch ihren Bruder hat er dann auch ſich bei ihr einführen laſſen

Und ſeitdem iſt er faſt täglich mit ihr zuſammengetroffen, ſchaltete der Baron ein.

Woher weißt Du das?

Glaube nicht, daß ich ſpionirt habe; ſolche Dinge erfährt man ohne ſein Zuthun, es finden ſich immer Leute, die darauf ausgehen, Andere zu beobachten und ihre Beobachtungen mitzu⸗ theilen. Madame Ackermann in ihrer Equipage und Herr v. Pillnitz zu Pferde haben ſich täglich ein Rendez⸗vous gegeben und zwar auf dem Wege nach Plettenberg. Der Rittmeiſter hat die Dame begleitet und mitunter auch noch ein Stündchen in Plettenberg zugebracht.

Du urtheilſt ſehr ſtrenge, Theobald!

Und iſt dieſes Ürtheil nicht berechtigt, wenn die Zuſammen⸗ künſte ſtattfinden, ohne daß der Gatte eine Ahnung davon hat?

Madame AOckermann iſt ſehr ernſtlich erkrankt.

Ich möchte das bezweifeln, vor zwei oder drei Tagen war die junge Frau noch in Plettenberg.

Pillnitz hat ſelbſt es mir heute Mittag geſagt.

Nun, daraus wirſt Du erkennen, welchen Antheil er an Allem, was ſie betrifft, nimmt, ſagte Theobald achſelzuckend. Und nun rechne dazu, welche Erfahrungen die Damen in der Reſidenz mit ihm gemacht haben, dann wirſt Du zugeben müſſen, daß kommt er da nicht ſelbſt?

Die beiden Freunde traten in die Mitte des Weges, ſie konnten von hier aus den Platz vor dem Wohnhauſe überblicken, und in dem Offizier, der ſich jetzt aus dem Sattel ſchwang und dem her⸗ beieilenden Diener die Zügel zuwarf, erkannten ſie ſogleich den Rittmeiſter.

Bleiben wir hier, ſagte Theobald nach einer Pauſe,ich bin nicht in der Stimmung, mit ihm zuſammen zu treffen, der Brief hat dem Faß den Boden ausgeſtoßen.

Darfſt Du die Ueberzeugung hegen, daß der Inhalt dieſes Briefes auf Wahrheit beruht?

Ja, ich darf es, denn der Schreiber deſſelben iſt ein Ehren⸗ mann.Weshalb will Pillnitz die Gründe ſeiner Verſetzung nicht nennen?

Weil er ſelbſt ſie nicht kennt!

Bah, das mag ein Anderer glauben, aber bei mir kommt er dabei nicht fort. Ein Mann wie Pillnitz begnügt ſich gewiß nicht mit der Thatſache der Verſetzung, er erforſcht die Gründe, und dazu bieten ſich ihm Mittel und Wege genug.

Dir über Madame Ackermann ge⸗

Ich bitte um Verzeihung, wenn ich die Herren ſtöre, ſagte in dieſem Augenblick eine leiſe Stimme.

Der Baron wandte ſich haſtig um.

Sie ſind es, Herr Kommiſſär? fragte er überraſcht.Haben Sie eine Entdeckung gemacht

Noch nicht, Herr Baron, erwiederte der Polizeikommiſſär, und der Ton ſeiner Stimme verrieth den mühſam verhaltenen Aerger,ich ſtehe jetzt vor einem neuen Räthſel, das jedenfalls mit dem Verſchwinden des Förſters in innigem Zuſammenhang ſteht. Darf ich Sie um Erlaubniß bitten, Platz zu nehmen? Ich bin ſeit dem frühen Morgen auf der Wanderung

Wollen Sie nicht mit mir in's Schloß gehen? unterbrach Theobald ihn.Sie werden erſchöpft ſein, ein Glas Wein

Nein, ich danke, bleiben wir hier, fuhr der Beamte fort, der ſich auf einer Bank niedergelaſſen hatte,ich fühle kein Bedürfniß, etwas zu genießen, und im Schloß könnte die Dienerſchaft uns belauſchen.

Nun, wie Sie wollen, eine Cigarre werden Sie wohl nicht verſchmähen?

In der That, nein, ich danke Ihnen.

Und welches neue Räthſel haben Sie entdeckt? fragte Theo⸗ bald, nachdem der Kommiſſär die Cigarre angezündet hatte.

Ich muß etwas weit ausholen, um Ihnen die Sache ver⸗ ſtändlich zu machen. Vorgeſtern ging der Müller in die Stadt, er beſuchte dort den Sekretär des Herrn Ackermann und ging dann in ein Wirthshaus, während der Sekretär ſich zu ſeinem Herru verfügte. Später ging auch der Sekretär in das Wirthshaus, aber ich wagte nicht, ihm zu folgen, der Müller würde mich erkannt und Verrath gewittert haben. Ich hatte mir vorgenommen, in jener Nacht die Mühle zu bewachen, die Vermuthung, daß Krumm dieſelbe während der Nacht verließ, lag zu nahe, da er ja am Tage nicht ausging.

Und dieſe Annahme erwies ſich als richtig? fragte der Baron erregt.

Allerdings. Gegen zwei Uhr Morgens verließ der Müller mit Weib und Kind das Haus. Die Frau ging mit dem Kinde voraus, Valentin Krumm ſchloß die Thüre zu und folgte ihnen. Ich ließ ihn eine kurze Strecke in den Wald hinein wandern, dann erſt trat ich ihm entgegen. Sein Entſetzen über dieſe plötzliche Begegnung war ſo groß, daß er den Kopf verlor. Meine Auf⸗ forderung, ſtehen zu bleiben und meine Fragen zu beantworten, erwiederte er mit einem Stockhieb, der meinen Arm traf. Ich war darauf nicht gefaft und konnte es nicht verhindern, daß der Schuft die Flucht ergriff

Aber Sie verfolgten ihn doch?

So weit mir das möglich war. Die Dunkelheit machte die Verfolgung ſehr ſchwierig, ich hatte bald die Spur verloren, den⸗ noch durchſtreifte ich bis zum Morgen den Wald und wanderte dann zur nächſten Bahnſtation.

Sie glaubten, der Müller wolle die Flucht ergreifen?

Ich mußte das ſchon daraus ſchließen, weil ſeine Frau und

ſein Kind ihn begleitet hatten, und meine Vermuthung erwies ſich

als richtig. Die Frau und das Kind waren auf dem Bahnhofe geweſen, ſie hatten hier offenbar auf den Müller gewartet und als er nicht kam, den Rückweg angetreten. Ich wußte nun genug, auf dieſen Fluchtverſuch hin durfte ich es wagen, Krumm zu verhaften, umſomehr, als er mich angegriffen hatte. Ich ſchickte mit dem nächſten Zuge einen Boten zur Stadt und ließ einem Polizei⸗ ſergeanten befehlen, ſich unverzüglich zur Mühle zu verfügen, dort wollte ich ihn erwarten. Er fand ſich ein, wir gingen in's Haus, die Müllerin öffnete, ſie war mit dem Kinde zurückgekehrt, ihr Mann hingegen ebenſo ſpurlos wie der Förſter verſchwunden.

Er wird ſich in der Mühle verſteckt haben, ſagte Theobald, als der Kommiſſär jetzt eine Pauſe machte.

Nein, Herr Baron, wir haben jeden Winkel durchſucht, geſtern, die ganze Nacht und heute die Mühle bewacht, den Wald nach allen Richtungen hin durchſtreift, aber keine Spur gefunden.

Dann kann man nur annehmen, daß die Flucht ihm gelungen iſt! erwiederte Kurt.

Ich kann dies nicht annehmen, Herr Lieutenant, denn ich bin meiner Sache zu ſicher. Auf keiner Bahnſtation iſt er geſehen worden

Und was hat die Frau Ihnen erklärt? fragte Theobald.

Sie gibt zu, daß ihr Mann auswandern wolle, weil er der polizeilichen Ueberwachung müde und entſchloſſen ſei, drüben ein neues Leben zu beginnen. Daß er die Verbrechen, deren er ange⸗ klagt wird, begangen haben ſoll, ſtellt ſie noch immer in Abrede, und den jetzigen Aufenthaltsort ihres Mannes will ſie nicht kennen.

Und was halten Sie von der Sache? Sie haben ſich gewiß

eine Anſicht darüber gebildet.

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