Jlluſtrirte Chronil der Zeit.
mich im Stiche läßt, dann vergeſſe ich die alte Freundſchaft auch.“
„Du willſt mich verrathen?“
Wieder zuckte Valentin die Achſeln, der zornflammende Blick des Freundes ſchien keinen Eindruck auf ihn zu machen.
„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte,“ ſagte er,„ich glaube, das war auch Dein Grundſatz—“
„Was aber könnteſt Du durch dieſen Verrath gewinnen?“
„Das Wohlwollen des Unterſuchungsrichters, ſchon etwas,“ ſpottete der Müller.
„Und wenn Du das Geld haſt, wirſt Du dann abreiſen?“
„Augenblicklich.“
„Man könnte Dich verfolgen, und wenn man dann das viele Geld bei Dir fände, ſo—“
„So würde Niemand erfahren, wer es mir gegeben hat. Uebri⸗ gens werde ich ſchon dafür ſorgen, daß dieſe Gefahr mir fern bleibt, mein Weib reist mit dem Kinde zuerſt ab, ſie nimmt den größten Theil des Geldes mit und wartet in Bremen auf mich. Sollte man wirklich mich unterwegs verhaften, was ich aber nicht glaube, dann wird man nur einige Groſchen bei mir finden.“
„Und Deine Frau?“
„Wartet, bis ich komme!“
„Sie könnte lange warten müſſen.“
„Na, für dieſen Fall baue ich auf Dich, Du wirſt Dich als⸗ dann der armen Frau annehmen.“
Der alte Mann hatte die Arme auf der Bruſt gekreuzt, er blickte finſter vor ſich hin.
„Du verlangſt ſehr viel,“ ſagte er entrüſtet,„mehr, als ich Dir bewilligen kann. Du weißt, aus welchen Gründen ich Alles ver⸗ meiden muß, mit der Polizei in Berührung zu kommen, willſt Du nun von mir verlangen, daß ich ſelbſt mich unglücklich machen ſoll?“
„Ach was, davon iſt ja gar keine Rede! Welche Gefahr iſt denn für Dich dabei?“
„Die Gefahr, daß man mir nachforſcht und ſich erkundigt, was und wo ich früher geweſen bin.“
„Zum Teufel, bin ich denn ein ſo gefährlicher Verbrecher—“
„Still, die Wände könnten hier Ohren haben!“ ſagte Becker haſtig mit gedämpfter Stimme.„Ich habe die Aufforderung in der Zeitung geleſen, Valentin, und in derſelben Minute, in der ich ſie las, wußte ich auch, wo der Verſchwundene geſucht werden muß.“
„So? Na, dann gehe hin und zeige es an, kannſt dabei hun⸗ dert Thaler verdienen,“ höhnte der Müller.„Aber für Dein eigenes Leben gebe ich dann keinen Heller mehr.“
„Narrenspoſſen!“ fuhr der alte Mann achſelzuckend fort.„Ich habe keine Luſt, die Polizei auf die Fährte zu bringen.“
„Würde Dir ſelbſt auch ſchlecht bekommen! Willſt Du mir das Geld verſchaffen?“
„Ich will ſehen, was ich thun kann.“
„Es muß ſofort geſchehen.“
„Sofort? Das iſt unmöglich!“
„Unmöglich iſt nichts!“ ſpottete Valentin.„Du gehſt zu Dei⸗ ynd Herrn und bitteſt ihn unter irgend einem Vorwande um das
eld.“
„Ich werde ihn nicht zu Hauſe treffen.“
„Dann warteſt Du, bis er heimkommt.“
„Willſt Du mich zwingen?“
„Ich muß es, Paul, die glühende Kohle liegt mir auf dem Fuß. Wir wollen in dieſer Nacht noch abreiſen, alle Vorbeitungen ſind getroffen. Morgen früh mit dem erſten Zuge dampfen wir ab.“
„Ich würde noch einige Tage warten.“
„Danke für den Rath. Wir haben kein Brod mehr im Hauſe, und ich bin in der Mühle ein Gefangener.“ bg„Eben deshalb rathe ich Dir, zu warten, bis der Verdacht, der jetzt
noch auf Dir ruht—“
„Ich kann nicht warten,“ unterbrach Valentin den alten Mann in fieberhafter Erregung,„ich muß fort, ehe meine Höhle entdeckt wird. Wir werden nicht hier in den Zug ſteigen, ſondern zur nächſten Bahnſtation wandern, wo keine Seele an uns denkt. Aber ohne Geld können wir nicht reiſen, darum ſorge, daß wir's bekommen, gehe zu Deinem Herrn, ich werde hier ſo lange warten.“
„Hier warten?“ rief der alte Mann beſtürzt.„Das geht nicht an, wenn es meine Hausleute erführen, würde mir die Wohnung gekündigt.“
„Fürchteſt Du, ich könnte Deine Abweſenheit benutzen, um mich hier genauer umzuſehen?“ ſpottete der Müller.„Davon ver⸗ ſtehe ich nichts, Dietriche und ähnliche Werkzeuge führe ich nicht bei mir—“
„Du würdeſt auch nichts finden, denn ich habe nichts.“
„Na, na, mir ſcheint es doch ſo, Deine Angſt verräth Dich.
für Deine Perſon
und das wäre
Aber wie Du willſt, ich werde Dich begleiten, ein Bierhaus iſt ja in der Nähe, in dem ich Dich erwarten kann.“
So unangenehm auch dem Sekretär dieſe Begleitung war, wagte er doch nicht, gegen ſie Proteſt zu erheben, der Argwohn des Müllers war bereits geweckt, man durfte ihn nicht noch mehr reizen.
Becker war jetzt entſchloſſen, dem Freunde das Geld zu ver⸗ ſchaffen, vorausgeſetzt daß ihm ſelbſt kein Opfer dadurch auferlegt wurde. Es lag ja auch in ſeinem Intereſſe, daß dieſer Mann ſo bald wie möglich das Land verließ.
Sie bemerkten Beide nicht, daß der Kommiſſär ihnen folgte, und ſelbſt wenn ſie es geſehen hätten, würden ſie ſchwerlich Ver⸗ dacht geſchöpft haben, da der Beamte keine Uniform trug.
Der Müller trat in die Reſtauration, Becker ſetzte ſeinen Weg fort, und nach kurzem Ueberlegen ſchritt der Kommiſſär ebenfalls weiter. 7
Nicht lange darauf verſchwand Becker in dem eleganten Hauſe Ackermanns; er ſtieg die Treppe hinauf und trat in das Kabinet ſeines Herrn.
Ackermann war zu Hauſe, er ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und rechnete, unwillig über die Störung blickte er den Ein⸗ tretenden an. uaf„Was wollen Sie?“ fragte er.„Ich habe Sie nicht rufen aſſen—“
„Verzeihen Sie, ich komme mit einer Bitte zu Ihnen,“ unter⸗ brach der alte Mann ihn,„es handelt ſich nur um ein kleines Darlehen, ich rechne darauf, daß Sie es mir nicht abſchlagen werden.“
Ackermann zog die Stirne in Falten.
„Sollen denn dieſe Erpreſſungen kein Ende nehmen?“ ſagte er zornig.„Ich habe Ihre Forderungen erfüllt—“
„Es handelt ſich nicht um mich, ſondern um einen Andern!“
„Und wer iſt dieſer Andere!“
„Namen thun nichts zur Sache, nach Amerika auswandern—“
„Was kümmern mich Ihre Freunde!“
„Im Grunde genommen nichts, aber dieſer Freund iſt ein zuverläſſiger Mann, der Ihnen einen ſehr großen Dienſt leiſten kann.“
Ackermann hatte ſich erhoben, er ſchlug die Portinre zuück und warf einen forſchenden Blick in das Schlafzimmer, dann kehrte er zu ſeinem Seſſel zurück.
„Welchen Dienſt?“ fragte er.
„Der Mann ſoll einen Brief mitnehmen, in dem Woldemar Kramer der Polizei in S. mittheilt, er fühle ſich drüben ſehr wohl und wünſche zu wiſſen, weshalb man ihn ſuche. Sie werden mich verſtehen. Dieſer Brief wird drüben zur Poſt gegeben und durch denſelben die Behörde auf eine Fährte gelenkt, die Jahre lang ſie beſchäftigen kann.“
Gedankenvoll ſchnitt Ackermann mit dem Federmeſſer an ſeinen Fingernägeln.
„Und der Mann iſt wirklich zuverläſſig?“ fragte er.
„Ich bürge für ihn!“.
„Ihre Bürgſchaft hat keinen beſonderen Werth. Indeß, die Idee iſt nicht übel, ich leugne nicht, daß ſie mir gefällt.“
„Und da der Mann ganz und gar von uns abhängig iſt, ſo wird er den Auftrag gewiſſenhaft ausführen.“
„Könnte er nicht unterwegs den Brief öffnen?
„Gejeht; er thäte es, ſo würde er doch den Inhalt nicht ver⸗ ſtehen, überdies wird er ſich gerne allen Bedingungen fügen, die ich ihm ſtelle. Er will auswandern und hat nicht die Mittel, er hat mich um ein Darlehen von 300 Thalern gebeten, mit dieſer kleinen Summe gewinnen wir ihn für uns, und ich wiederhole Ihnen, daß wir uns auf ihn verlaſſen können.“
Ackermann ſchüttelte zweifelnd das Haupt, er ſchien die Be⸗ denken, die in ihm aufſtiegen, nicht beſeitigen zu können.
„Ich kann Ihren Worten nicht immer volles Vertrauen ſchen⸗ ken,“ ſagte er unwillig.„Sie haben auch behauptet, mein Schwieger⸗ vater werde mir das Kapital geben—“
„Warten Sie es ab!“
„Ich habe ſoeben einen Brief erhalten, in dem er bedauert, meinen Vorſchlag nicht annehmen zu können. Er ſchreibt mir ſogar, ſeitdem Wurzer an die Spitze des Geſchäfts getreten ſei, ſchenke er demſelben ſein ganzes Vertrauen, er müſſe jetzt den jungen Leuten unter die Arme greifen, Einer ſei ſein Sohn und der Andere der Bräutigam ſeiner Nichte.“
„Das hindert ihn doch nicht, ſeinen Sohn auch bei Ihren Unternehmungen zu betheiligen!“ ſagte Becker ärgerlich.„Ich hatte keine Ahnung von dieſer püötzlichen Verlobung und Geſchäftsüber⸗ tragung—“
ein Freund von mir will
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