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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
niſſen leider nichts machen können. Wir können ja nicht den Be⸗ weis liefern, daß dieſe Behauptung aus der Luft gegriffen iſt, und wir kennen ja auch ihren Zweck.“
„Ihren Zweck?“ unterbrach Bogen ihn.„Ich finde keinen!“
„Erinnern Sie ſich denn nicht mehr, daß ich vor einigen Tagen Ihnen ſagte, Ackermann wolle ſeinen Schwager für ſeine Unter⸗ nehmungen gewinnen? Guſtav Bogen ſoll ſich mit einem bedeutenden Kapital betheiligen, thut er's, ſo iſt dieſes Kapital für ihn verloren.“
Der alte Herr ſchüttelte das Haupt und ſeufzte tief auf.
„Ackermann iſt ein ſehr reicher Herr,“ ſagte er,„und wie man hört, ſoll er außerordentlich glänzende Geſchäfte machen.“
„Schwindel!“
„Was ſagen Sie? Wie können Sie das behaupten?“
„Ich bin in der Welt weit herum geweſen und habe Erfahrungen gemacht, Herr Bogen—“
„Ach was, verſchonen Sie mich mit Ihren Reiſeerlebniſſen—“
„Bitte ſehr, dieſe Erlebniſſe haben für mich einen hohen Werth. Ich frage Sie, wenn dieſer Herr Ackermann ſo enorm reich iſt, weshalb reflektirt er dann auf fremdes Kapital? Weshalb greift er zu ſolchen Mitteln, um dieſes Kapital zu erhalten? Wenn ich mit meinem eigenen Kapital ein Geſchäft führen kann, ſo wäre ich ein Thor, wollte ich den Gewinn mit einem Anderen theilen.“
„Scheinbar mögen Sie Recht haben, aber—“
„Ich glaube, die kommenden Ereigniſſe werden es beweiſen. Ich habe dieſem Herrn Ackermann von Anfang an kein Vertrauen geſchenkt—“
„Sollte daran nicht der Neid allein Schuld tragen?“
„Der Neid? Worauf ſollte ich denn neidiſch ſein? Auf ſeinen Reichthum? Ich bin verſtändig genug, einzuſehen, daß wir nicht Alle reich ſein können. Sie laſſen ſich blenden durch den äußeren Glanz, ich blicke tiefer.“
„Dann müßte man meinen Bruder warnen!“
„Würde er dieſer Warnung Glauben ſchenken? Er würde Be⸗ weiſe fordern, die wir nicht geben können. Man hätte ſich vor der Hochzeit nach der Vergangenheit dieſes Mannes erkundigen müſſen!“
„Das iſt geſchehen,“ ſagte der Kaufmann,„ich ſelbſt habe Erkundigungen eingezogen, und das Reſultat derſelben war in jeder Weiſe befriedigend. Ackermann beſitzt werthvolle Güter, er iſt betheiligt an mehreren Bergwerken und ſteht mit vielen Bankiers in Verbindung, von denen er ausgezeichnete Empfehlungsbriefe mit⸗ gebracht hat. Muß das Alles nicht genügen?“
„Es iſt ſchon mancher Schwindler empfohlen worden!“
„Sie wollen nun einmal an Ihrem Verdacht feſthalten,“ erwiederte Bogen ärgerlich,„und dennoch geſtehen Sie ſelbſt, daß Sie keine Beweiſe für ihn haben.“
„Die Zeit wird lehren, wer Recht hat! In Rußland kannte ich auch einmal einen ſolchen Kröſus, der das Geld mit vollen Händen zum Fenſter hinauswarf, eines ſchönen Morgens war er verduftet.“
„Laſſen Sie die ruſſiſchen Erinnerungen ruhen. War Acker⸗ mann ſelbſt bei meinem Bruder?“
„Nein, ſein Sekretär.“
„Sie kennen dieſen Mann, was mag meinen Bruder bewogen haben, ihm dieſen Poſten anzuvertrauen?“
„Becker hat mir geſagt, ſeine ſchöne Handſchrift ſei der Grund geweſen.“
„Das wäre ein ſeltſamer Grund!“
„Aber immerhin ein Grund, den man gelten laſſen kann,“ erwiederte der junge Mann.„Ich will damit keineswegs behaupten, daß dies der einzige Grund ſein müſſe, der alte Mann hat irgend ein Geheimniß, das er nicht enthüllen will, aber ob dieſes Geheimniß ſich auf Ackermann bezieht, das weiß ich nicht.“
„Halten Sie es für möglich?“
„Weshalb nicht? Indeß, die Sache kümmert mich weiter nicht, und in die Geheimniſſe Anderer mag ich mich nicht eindrängen. Wir ſind nun auf uns ſelbſt angewieſen, und ich will Ihnen nicht ver⸗ hehlen, daß die Sache noch ſchlimmer kommen kann. Ihr Herr Bruder hat gedroht, den Vertrag mit Ihnen kündigen und das Kapital zurückfordern zu wollen.“
Der Kaufmann blickte erſchreckt auf, die Gluth des Zornes loderte in ſeinen Augen auf.
„Das kann er nicht!“ rief er entrüſtet.
„Weshalb ſollte er es nicht können?“
„Guſtav iſt als Aſſocié in mein Geſchäft eingetreten, und der Vertrag lautet auf fünf Jahre.“
„Ein Vertrag kann immer gekündigt werden! Und ſelbſt wenn dieſe Kündigung nicht zuläſſig wäre, ſo würde durch ſie uns der Boden unter den Füßen weggezogen.“
„Sollte dies mein Bruder beabſichtigen?“
„Ich glaube es nicht, aber man kann nicht wiſſen, zu welchen
Schritten Ackermann ihn verleitet. Ich habe den Herrn Guts⸗ beſitzer auf die Folgen einer ſolchen Kündigung aufmerkſam gemacht und ihm ernſt in's Gewiſſen geredet, und er hat mir verſprochen, einſtweilen davon abzuſtehen, aber ob er ſein Verſprechen halten wird, das iſt eine andere Frage.“ 3
Heinrich Bogen wanderte mit großen Schritten auf und nieder, zwiſchen ſeinen Brauen zeigte ſich eine tiefe Furche.
„Er wird es nicht thun,“ ſagte er,„es kann ja auch nicht in ſeinem Intereſſe liegen, den Bruder zu ruiniren.“
„Darauf habe ich ihn ebenfalls aufmerkſam gemacht, und er ſchien auch einzuſehen, wie thöricht es iſt, ſich ſelbſt die Naſe aus dem Geſicht ſchneiden zu wollen. Aber die Gedanken eines Menſchen ſind unberechenbar, und was Ihr Bruder einmal gefaßt hat, das hält er auch mit zähem Eigenſinn feſt.“
„Genug!“ erwiederte der Kaufmann, indem er vor ſeinem Reiſenden ſtehen blieb und ihm ernſt und voll in die Augen ſchaute. „Sie kennen die Lage des Geſchäfts, Sie haben mir den Plan vor⸗ gelegt, nach dem Sie handeln würden, wenn das Geſchäft Ihrer Leitung anvertraut wäre. Glauben Sie wirklich, die Ehre der Firma dadurch retten zu können?“
„Nicht die Ehre allein, ſondern auch den größten Theil der Fonds,“ antwortete Wurzer in entſchloſſenem Tone.
Ein ſchwerer Seufzer entrang ſich den Lippen des alten Mannes.
„Ich habe Ihren Plan geprüft und finde nichts gegen ihn einzuwenden,“ fuhr er fort,„es wird Mühe und Arbeit koſten, ihn durchzuführen, aber ich weiß, Sie laſſen ſich das nicht ver⸗ drießen.“
„Nein, gewiß nicht!“
„Ich ſehe auch ein, daß meine Börſenſpekulationen mich auf den Weg zum Abgrund gebracht haben, und das werden Andere, deren Kredit wir in Anſpruch nehmen müſſen, ebenfalls wiſſen. Deshalb iſt es beſſer, ja vielleicht nothwendig, daß ich zurücktrete, damit die Leute wieder Vertrauen gewinnen und der Kredit dadurch befeſtigt wird.“
Stto Wurzer konnte ſeine Ueberraſchung über dieſen uner⸗ warteten Entſchluß nicht verhehlen, ſie ſpiegelte ſich zu deutlich in ſeinem Blick und jedem Zuge ſeines Geſichts. G
„Was ſagen Sie dazu?“ fragte Bogen.„Sprechen Sie Ihre Meinung offen aus, rathen Sie mir zu oder ab?“
Sichtbar verlegen ſpielte Wurzer mit ſeinem Lorgnon, aber er hatte dieſe Verlegenheit bald überwunden.
„Sie verlangen meine offene Meinung zu hören!“ erwiederte er,„ich will ſie Ihnen nicht vorenthalten, ſelbſt auf die Gefahr hin, Sie zu erzürnen. Daß ich unter allen Umſtänden, wie auch die Verhältniſſe ſich geſtalten mögen, auf meinem Poſten ausharren werde, ſo lange Sie ſelbſt nicht mir befehlen, ihn zu verlaſſen, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen. Ich habe allein das In⸗ tereſſe der Firma im Auge und von dieſem Standpunkte aus muß ich allerdings erklären, daß Ihr Rücktritt weſentlich zur Chren⸗ rettung beitragen würde. Stellen Sie Ihren Neffen an die Spitze, übertragen Sie ihm—“
„Nicht weiter!“ unterbrach der Kaufmann ihn.„Nur über die Nothwendigkeit meines Rücktritts habe ich Ihren Rath zu hören gewünſcht, das Uebrige iſt meine Sache. Während Sie in Pletten⸗ derg waren, hatte ich eine ſehr ernſte Unterredung mit meiner Frau und meiner Tochter. Was ich da erfuhr, überraſchte mich nicht, ich hatte früher oft daran gedacht, daß es ſo kommen würde, in der letzten Zeit glaubte ich meine letzte Hoffnung auf eine Ver⸗ bindung Theodore's mit meinem Neffen ſetzen zu müſſen. Nun, über die Unmöglichkeit der Erfüllung dieſer Hoffnung hat meine Frau mir die Augen geöffnet, und wie die Dinge jetzt liegen, habe ich keine Veranlaſſung unzufrieden zu ſein. Ich will Ihnen auch keinen Vorwurf deshalb machen, daß Sie hinter meinem Rücken—“
„Herr Bogen, ich wußte nicht—“
„Meine Frau hat Sie bereits entſchuldigt, und ſo will ich denn zu der Verlobung rückhaltlos meinen Segen geben, hoffen wir, daß mit ihr eine neue Aera für mein Haus anbricht. Wir haben nun keine Zeit mehr zu verlieren,“ fuhr Bogen fort, nachdem er dem jungen Manne die Hand gedrückt hatte,„was geſchehen ſoll, das muß ſofort geſchehen. Die Verlobung wird heute noch bekannt gemacht, ich gehe ſogleich zur Zeitungsexpedition, um die Anzeige zu veranlaſſen, in einem Cirkularſchreiben, welches ebenfalls heute noch dem Druck übergeben werden muß, theile ich unſeren Geſchäfts⸗ freunden mit, daß ich Ihnen und meinem Neſſen das Geſchäft über⸗ tragen habe. Die Leute mögen dann rathen, welche Summe mein Neffe eingelegt hat, der Reichthum ſeines Vaters verſchafft der Firma wieder Kredit, und das iſt jetzt die Hauptſache.“
„Sie aber bleiben unſer Aſſocié!“ ſagte Wurzer freudig erregt.
„Nicht doch— kein halbes Werk, das wäre vom Uebel! Ich werde hier thätig bleiben, das verſteht ſich von ſelbſt, und über die
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