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dem Tode des Kindes eine unerträgliche geworden. Der gute Mr. Wort, auf keine der geringſten Pflichten, die er als ihr Gatte und Be⸗
Eugen würde ſchön beſtürzt ſein, daß ich ſeine vorſichtigen An⸗
deutungen ſo überſetze, aber ich kann auch zuweilen zwiſchen den Worten leſen, und wenn Du ſo denkſt, wie ich, verläßt Du Dein verödetes Haus, wo Dich ja nichts zurückhält, und begibſt Dich ſo ſchnell wie möglich in meine Arme. Einmal von ihm fort, wird ſein Stolz ſchon keine Weigerung zulaſſen, wenn Du die Scheidung forderſt, und Du begleiteſt uns zunächſt nach Italien, wo wir Herbſt und Winter zubringen wollen, und dann nach unſerem lieben Alt⸗England. Ich und Lord Cowan, der übrigens ein prachtvoller Gatte, wollen alles aufbieten, Dich die abſcheulichen zehn Jahre Deiner deutſchen Knechtſchaft vergeſſen zu machen, und wenn Du mich nur ein bischen lieb haſt, küſſe ich ſchon morgen Dein holdes Geſicht. Den folgenden Tag in aller Frühe reiſen wir dann. Sollteſt Du wider Erwarten nicht kommen, würde ich mich bei Dir einſtellen, aber Du begreifſt, daß das in gewiſſer Hinſicht fatal wäre. Adieu, mein armes gefangenes Vögelchen, ſei guten Muths, die Thüren Deines Käfigs öffnen ſich, und vor Dir liegt die goldene Freiheit. In alter Liebe Deine Clara Cowan.
Wie oft hatte der Doctor bis hier geleſen und immer wieder von vorn begonnen! Gleich Orkanen ſtürmten die Gedanken durch ſeine Seele und riſſen den künſtlichen Damm, den Kälte und Verſchloſſenheit im Laufe der Jahre aufgebaut hatte, in wildem Wirbel mit ſich fort.
Und dieſe frivole Frau war die Veranlaſſung jener Hand⸗ lung geweſen, welche allerdings nach weltlichem Urtheil nicht ſtrafbar, aber von ſeinem Gewiſſen längſt als eine Verſün⸗ digung an dem Heiligthum eines reinen Herzens erkannt war, jener Handlung, die bisher wie ein finſterer Schatten zwiſchen ihm und ihr geſtanden, und die, weit entfernt zu verlöſchen, an Schuld und Bedeutung immer noch wuchs und zunahm. Jene Handlung, er ſah es jetzt deutlich, war der erſte falſche Griff geweſen, und alle ungelöſten Diſſonanzen und grellen Mißklänge ſeines Lebens reſul⸗ tirten daraus. Die geheime, drückende Schuld war nun enthüllt, ſie, die er nicht zu nennen wagte, wußte ſein ſchmachvolles Geheimniß und verachtete ihn.
Nichts glich der Bitterkeit dieſes Gedankens, und des ſtolzen Mannes Haupt beugte ſich tief, tief unter der Wucht deſſelben.
„Er liebt ja niemanden, als ſich ſelbſt!“
Es war ſchon zu finſter, um noch zu leſen, aber das Wort leuch⸗ tete in Flammenzügen und fand erneuerten Widerhall in ſeinem Herzen. An wen hatte er denn gedacht in dieſen zehn Jahren ſeiner Ehe, für wen geſorgt und gearbeitet, wenn nicht für ſeinen Ruhm? Ach, ſelbſt ſeine Pflichttreue hielt nicht Stich in dieſer dunklen Stunde, wo er an ſeine Bruſt ſchlug und an die Thaten ſeines Lebens ein Maß legte, das ſie nicht nach ihren Erfolgen, ſondern nur nach ihren Motiven ſchätzte. Wie viele der Handlungen, die ihm die Welt als Aufopferung und großes Verdienſt auslegte, erfanden ſich vor dem Forum ſeines unerbittlichen Gewiſſens leicht wie Spreu und ver⸗ mochten die Schale ſeiner Schuld nicht heraufzuziehen.
Aus dieſem düſtern Sinnen weckte ihn der Schlag der Uhr. „Eins, zwei,“ zählte er mechaniſch,— bis zehn.„Wenn ſie nun gar nicht zurückkehrte!“ Erſchrocken, als habe ein anderer geſprochen, ſah er ſich um, und für einen Augenblick ſtockte ſein Athem. Aber nein, ſie konnte nicht ſcheiden aus ihrem Hauſe, ſie konnte es nicht mit dem jener eitlen, herzloſen Frau vertauſchen, wo ihre tiefe Seele ſich nie heimiſch gefühlt hatte!
Aber welche Heimat ließ ſie denn hier zurück, wenn ſie ging? Sprach die kalte Aſche ihres häuslichen Herdes von vergangenen glückſeligen Tagen, mahnten dieſe Räume das junge Weib wie eben ſo viel ſtumme Zeugen an ſüße Erinnerungen, zeigte der große Spie⸗ gel ihr das Bild einer geliebten Gattin und beglückten Mutter, als ſie den Fuß über die Schwelle des Hauſes ſetzte? Nein, alle blieben ſie ſtumm, mußten ſie ſtumm geblieben ſein, alle wandten ſie ſich in ganz anderer Weiſe gegen ihn. Das roſige Kindergeſicht, das in dieſen Zimmern geſpielt und mit ſeinem ſonnigſten Lächeln doch nie den Weg zu ſeines Vaters Herzen gefunden hatte, ruhte durch ſeine Schuld im Grabe, und was die Mutter deſſelben betraf, ſo hatte er alles gethan, was ihr die Heimat haſſenswerth machen mußte, alles unterlaſſen, was ihr für dieſelbe ein freundliches Gefühl hätte ein⸗ flößen können. Auf keine gütige Fürſorge, auf kein theilnehmendes
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ſchützer übernommen, konnte er ſich ſtützen, nicht einmal Anſpruch auf ihre Anhänglichkeit hatte er ſich in den langen Jahren erworben. Wie er auch ſuchte und forſchte, er fand nichts, auf das er ſich berufen konnte, nichts, als den todten Buchſtaben des Geſetzes, deſſen heiligen Geiſt er mißachtet und das er durch den frivolen Beweggrund von vorn herein geſchändet hatte.
Der Zeiger der unerbittlichen Uhr rückte indes geſchäftig vor⸗ wärts, ein Licht nach dem andern erloſch an den Fenſtern, und ein Stern nach dem andern ging an dem klaren Himmelsgewölbe auf.
Und ſie kam nicht!
Der Mond, welcher jetzt wie eine große leuchtende Kugel gerade über der leicht zitternden Silberpappel ſchwamm, ſchaute in das offene Fenſter und zog geiſterhafte Lichtſtreifen durch das Zimmer. Der Doctor erhob ſich und ſchritt durch den Garten der Straße zu, welche daran vorüberführte und jetzt ſchweigend in der ſtillen Sommernacht dalag. War es eine Täuſchung ſeiner aufgeregten Sinne, oder war jener dunkle Punkt in der Ferne wirklich ein Wagen? Der Punkt wuchs und wurde größer, und jetzt unterſchied er auch deutlich das Rollen der Räder. An dem Strom von Freude, der ihn durchrieſelte, erkannte er die Größe ſeiner Angſt, ſah er zum erſtenmal, wie die holde Blume, die ſo lange unbeachtet neben ihm geblüht, ohne daß er es ahnte, in ſeinem Herzen tiefe Wurzeln geſchlagen hatte und mit ſeinen beſten Empfindungen unzertrennlich verwachſen war. Indeſſen näherte ſich der Wagen, aber anſtatt an der weit geöffneten Garten⸗ thür zu halten, pfiff der Kutſcher den Pferden ermunternd zu und fuhr vorüber.
Sie war es nicht.
Der Wechſel ſeiner Empfindungen war ſo jäh, daß er mehrere Minuten wie betäubt ſtehen blieb. Es ſchien ihm, als verdunkle ſich der glänzende Sternenhimmel und ſchwinde die Erde unter ſeinen Füßen, der Schmerz hatte ſich Bahn gebrochen zu ſeinem Herzen und traf ihn bis ins innerſte Mark ſeiner Exiſtenz.
Langſam, geſenkten Hauptes jede Minute der verrinnenden Zeit zählend, ſchritt er durch die Gänge des Gartens und wartete und lauſchte immer angſtvoller, immer troſtloſer auf jedes Geräuſch 6 mitternächtlichen Stille. Der ganze märchenhafte Duft und 8 einer Vollmondsnacht umgab ihn, aber er hatte kein Auge dafü⸗, ſah, wohin er auch blickte, nur ſie. Er ſah ſie jung, ſchön, geſchaffen um geliebt und auf dem Herzen getragen zu werden, wie keine, das Antlitz der untergehenden Sonne zugewandt, ſchutzlos und einſam.
Und dieſer Schatz von Glück war ſein! 3
Er ſah ſie noch immer mädchen⸗ und knospenhaft, ein Kind auf
dem Arm, von dem ganzen keuſchen, heiligen Mutternimbus um⸗ floſſen.
Und dieſer doppelte Schatz von Glück war ſein!
Er ſah ſie über das Bett des todtkranken Kindes gebeugt, aus dem goldenen Reichthum ihrer Liebe eine Kraft und Aufopferung ſchöpfen, in ihrer ſtillen Größe herrlicher und glänzender, wie viele Thaten, von denen die Dichter ſingen und ſagen.
Und dieſe muthige Dulderin war ſein!
Er ſah ſie, eine kinderloſe Mutter, klagelos, gütiger, theilneh⸗ mender und liebevoller denn je, ihn zuweilen mit einem erwartungs⸗ voll bittenden Blick anſchauend, den er, wie er ſich jetzt deutlich er⸗ innerte, zuerſt an ihr an jenem verhängnißvollen Abend wahr⸗ genommen.
Und dieſes Herz hatte er verloren!!
Wie zur Beſtätigung dieſer Thatſache, verkündeten die Uhren die zwölfte Stunde mit langgezogenen Schlägen.
Es blieb jetzt keine Hoffnung. Auch wenn ſie den letzten Eiſen⸗ z. kam, benutzt hatte, um dieſe Zeit mußte
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