——————
—
—
[.—
dem ſchönen Geſicht hervortrat und daſſelbe entſtellte, ſo war es in
1 dieſem Augenblick, als er erwiderte:
1
2
„Angenommen, ein ſolcher Mann exiſtirte und würde getäuſcht, wie Du ſagſt, ſo geſchähe ihm damit nur ſein Recht, und er müßte es hinnehmen, ohne Murren und Klagen.— Was weiter?“
Der ungeduldige Ausruf galt ſeinem Begleiter, der plötzlich ſtehen blieb, die Augen von den Baumwipfeln und Wolken abwandte und ihn mit einer beſorgten Miene fixirend, verlegen hervorſtieß: „Du glaubſt nicht, daß er darüber zu Grunde gehen könnte?“
Ein ſtolzes, höhniſches Lachen war die Antwort.—„Zu Grunde gehen um eines Weibes willen! Freund, Freund, die Vor⸗ ausſetzung iſt abgeſchmackt. Welcher Mann von Ernſt und Charakter, welcher Mann mit einem Beruf und Streben, welcher Mann, der überhaupt den Namen Mann verdient, ginge an ſolcher Täuſchung zu Grunde?“
Der tanzende Schatten, welchen die Blätter auf ſeine leicht ge⸗ faltete Stirn warfen, ſchien zu ſprechen:„Ich gewiß nicht!“ und ſo abwehrend, ja beinahe verächtlich war der Ausdruck ſeiner Augen, daß Eugen die ſeinigen fortwandte und murmelte:
„Schon gut, ich will Dich mit meinen Hypotheſen nicht ermüden, und da ich ſchon weiter mitgegangen, als ich anfänglich beabſichtigte, Dir hier Adieu ſagen.“
„Du begleiteſt nicß aah zu Lady Reynolds?“
„Nein, heute nicht, ich habe einen andern Beſuch vor, aber ich werde Dir entgegenkommen. Wann denkſt Du zurückzukehren?“
„Zur gewöhnlichen Zeit.“
„Gut denn, ſo erwarte ich Dich an der gewöhnlichen Stelle unter der großen Linde.“
Damit ſchüttelten ſie ſich die Hände und ſchieden, der eine, um ſich rückwärts zur ſtaubigen, ſchläfrigen Stadt zu wenden, der andere, um den Weg unter den ſchattigen Bäumen fortzuſetzen.
Wie er ſo vorwärts ſchritt, während das gedämpfte Sonnen⸗ licht goldig durch die Zweige brach, weiße Wölkchen über das ſicht⸗ bare Stückchen blauen Himmel zogen, die Wipfel der Bäume ſich
manchmal leiſe, wie im Traume hinüber und herüber beugten und ein
Eichhörnchen raſchelnd neben ihm aufſprang, ſchwand der Schatten von ſeiner Stirn, und der Ausdruck ſeines Geſichts wurde freund⸗ licher. Er dachte, wie oft er dieſen Weg gegangen war, und ein gutes, freundliches Lächeln ſtahl ſich um ſeinen Mund, als er nach⸗ zurechnen ſuchte, und die Zahlen immer noch wuchſen und wuchſen; er dachte daran, wie er zuerſt in ſeiner Eigenſchaft als Arzt zu der ſchönen Fremden gerufen, wie ſeine Kunſt und ſein Eifer dem Tode das junge Leben abgerungen, das ihm bald theurer wurde, als jedes andere. Er dachte ferner daran, wie er ſpäter als Freund und An⸗ beter ſo oft dieſen Weg zurückgelegt, wie ſie ihn jedesmal mit ihrer melodiſchen Stimme gebeten, doch ja recht bald wiederzukommen, wie ſie auch manchmal ihren Arm in den ſeinigen gelegt und ihn ein Stück⸗ chen zurückbegleitet, er dachte und dachte— und dabei leuchtete und ſtrahlte ſein Auge und das Blut färbte ſeine Wangen dunkler, wie er nun wohl bald in einer dritten Eigenſchaft den Weg zurücklegen würde, der ihn anheimelte, wie ein alter, treuer Gefährte. Gerade als er mit ſeinen Gedanken bei dieſem Punkte angelangt war, hatte er das Ende der Allee erreicht, und bevor er auf das elegante Haus, welches jetzt vor ihm lag, zuſchritt, blieb er noch einmal ſtehen und ſchaute zurück. Der Schatten der alten Bäume ſchien ſich wie der Vorhang ſeiner Vergangenheit hinter ihm zu ſchließen, vor ihm aber lag der volle, warme Sonnenſchein.
Als er an dem Gitter geklingelt, erſchien zunächſt ein großer, Neufundländer, mit glänzend ſchwarzem Haar, der, ihn freudig be⸗ grüßend, hoch ſprang und ſeine Schnauze zwiſchen die Stäbe zu zwängen ſuchte; ihm folgte auf dem Fuße eine hübſche, kleine Zofe, welche die Thür öffnete. War es Einbildung, daß ihm ihr„Bon jour, monsieur!“ der ſonſtigen freundlichen Begrüßung unähnlich klang? Nein, doch wohl nicht, denn als er ſie darauf hin anblickte, bemerkte er, daß ihre Miene trübe, ihre Augen geröthet, ihr ſonſt ſo zierlicher Anzug nachläſſiger war, und ſelbſt die Schleifen ihres Häubchens, welche die Gewohnheit hatten, luſtig zu flattern, heute ernſt und ruhig herabhingen. 3
„Iſt denn etwas geſchehen, Suſanne?“ fragte er, ſtehen blei⸗ bend und ſie mit einer Theilnahme fixirend, die das eigene Glück uns immer für die Schmerzen anderer einflößt.
„O nix, nix, Herr Doctor,“ erwiderte ſie, verlegen an ihrer
546
Schürze zupfend, aber als ſie auſſah und ſeinem theilnehm nden Blick begegnete, Hrach ſie in Thränen aus und ſchluchzte:„O'e puisque, puisque, wir ſein ſo lange hier et puisque es ſein ſo ſche
„Nein, fllſter iim ſwreichend,„da r dem Aüſchednehn
et puisque ich Braut bin, einige Woch.“ 5 „Aber mein Gott, das iſt doch rund, um zu weinen??„O nicht di „Ce n'est pas cela, monsieur le docteur,“ antwortete ſie er ter dergleichen erhabe
Der kalte Spokt ung machen, aber din ar auf den Lippen ſch
röthend,„aber ich bin troſtlos, weil Madame abreiſen will— d Koffer ſind gepackt, und wir müſſen dieſen ſchönen Ort verlaſſen.“ Abreiſen!— Wenn der helle Horizont ſich in einem Augenbl
verfinſtert und Nacht die blühende Natur bedeckt hätte, er hätte abbittenden Et heftiger erſchrecken können, als bei dem Laut dieſes Wortes.„Sie wiſſen noch „Wo iſt Mylady?“—„Im Salon.“„Noch eine Neuit „Pauyre homme“, murmelte die kleine Zofe, indem ſie die Bän.„Ja, noch eine, i der ihres Häubchens feſter knüpfte und dem Davoneilenden gutmüthi Ddie Kriſtalbvaſer
aber ſie beugte, um der igen Bewegung riche und verzweiſlungsvoll mrückwich.
„Mylady, Sie
nachſchaute. Eilig ſchritt er vorwärts über den knirſchenden Kies, an der
ſammetähnlichen Raſenplätzen und blühenden Rabatten vorüber, eilig, daß er beinahe ohne Gruß an einer jungen Dame vorbe⸗ gegangen wäre, welche mit einer Arbeit auf einer Bank ſaß und ſie bei ſeiner Annäherung erhob. „Wie, Miſſ Lucy, ſo allein?“ ſagte er, beſchämt über ſein B ſehen einen Augenblick ſtehen bleibend. „Sie werden meine Couſine im Gartenſalon finden,“ erwid
V
unfen,— iſt dem ſo! „Ja, Herr Doct „ GSie legten Ih 1 r 3 Ohut nach Ihrer G ſie, ſeine Gedanken gleichſam ergänzend, und ſah ihn dabei ſo beſorg ſaz ganz in meine h
und ängſtlich forſchend an, daß es ihm in einer andern Gemüth verfaſſung ſicher aufgefallen wäre.„Sie nannnten
So wie die Sachen ſtanden, grüßte er nur noch einmal ke feſſelten mich an ging weiter, ohne die ſchüchterne Bewegung der jungen Dame zi rtrauten Ihrts gan ſehen, welche ihm noch etwas zu ſagen beabſichtigte. Und doch hätt t nich von Deuſs es verlohnt, länger als einen Augenblick zu verweilen, denn wenn 1änte,— iſt dem ſo⸗
„Ja, lieber Doct
Anmuth und Reinheit in menſchlicher Form einen Ausdruck empfn. Ic glaube
gen, ſo war es der dieſes jungen Mädchens, wenn je äußere Schäön Nun dan 10 heit der Träger von etwas tief Innerlichem geweſen, ſo war es hia eescwele A der Fall. Unter einer Laſt blonder Locken, welche faſt zu ſchwer ſüt„Anur“ dieſ
das kleine Köpfchen und die zarte Geſtalt war, ſchauten ein Paar duu kelblaue Augen hervor, mit einem ſo ſanften, ſo hingebenden, ſti begeiſterten und doch ſo kindlichen Ausdruck, wie wir ihn nur bei den. Raphaelſchen Madonnen finden. f So wie die Sachen ſtanden, ſah ſie ängſtlich geſpannt beſorgt aus, als Dr. Steinrück mit ſchnellen Schritten die Ramp emporſtieg und in der Thür des Gartenſalons verſchwand. Auch wenn die kleine franzöſiſche Zofe es nicht verrathen, würd er an den kahlen Wänden, von denen die Gemälde, welche er ſelt hatte auswählen helfen, abgenommen und verpackt waren, an hund fehlenden Kleinigkeiten, die ein längerer Aufenthalt bedingt, und and ganzen proviſoriſchen Zimmereinrichtung geſehen haben, daß
Sie derhmng da „Wie konnten(
lange, wo nicht gänzliche Abreiſe bevorſtand. unn ihn a „Guten Tag, lieber Doctor!“ rief mit heiſerer Stimme aſl ſbent ſ nentfaltet d Papagei bei ſeinem Eintritt, und bei dieſem Klang wandte ſich ein eign aülen Eie zu ſchlanke, ſchöne, junge Frau, welche der Thür den Rücken zuwan meiner ſchnell und erſchrocken um. Nach einem minutenlangen Schwe 6 Glück ergriff er das Wort. gsi äligt von „Das nenne ich ſeine Freunde ſeltſam überraſchen, gnäd ſett in ſo err
Frau, ich verlaſſe Sie vor einigen Tagen in tiefſter Ruhe und
Sie wieder im Begriff, Ihre Häuslichkeit aufzulöſen und unſ Laih derz nu Reſidenz den Rücken zu wenden. Darf man fragen, was die Be gegen ihn aus anlaſſung dieſer ſchnellen, myſteriöſen Abreiſe iſt?“[hren tuhu. wie ſch
Die blitzenden dunklen Augen waren verlegen zu Boden 106 nnu glauben, ſenkt, aber plötzlich erhob ſie dieſelben, heftete ſie mit einem ſchnellſ d er wahr, ic Entſchluß auf ihn und erwiderte feſt:”„ifem Sie ni
„Sie haben Recht, lieber Doctor, ich könnte Ausflüchte ma tG a aenenn die Stin und Sie täuſchen, aber das wäre feige, Ihrer und meiner unwürd meelben 35 atich
Ja, ich reiſe ab und verlaſſe dieſe Stadt, wo ich erſt durch m Krankheit wider— und dann ſo lange und ſo gern mit nin
Willen feſtgehalten wurde, um nach England zurückzukehreen.“ vur
Die Blumenvaſen von Kryſtall, welche auf dem Tiſchchen ſ tle heſtige Er den, auf das er ſich mit der rechten Hand ſtützte, klirrten leiſe, a ſan ſ en, fürchterl ſein ernſtes Geſicht blieb unveränderk, und der Ton ſeiner Stim mmen. klang ſo ruhig wie immer, als er fragte: ich vic
t, allen Zurückbleibenden wo!
„Und in der wohlmeinenden Abſich Abſchied zu erleichtern, ſchwiegen Sie über Ihr Vorhaben und heimlich, ohne Lebewohl fortgehen?“ 1


