Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
525
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ſtimmungzorte be⸗ ltern au gen der Geſelſchaft dohlbekannten Vieh⸗ etſch und mehreren deren Schwei auf⸗ d zu ſchaffen. ribaldino mit dem eſchloſſen, der eben lt. Er hat nichts gutes Glück. Pe⸗ egner. Der junge er Mann mit dem

laukunſt.

geſehen, machte den Aufenthalt in der Cantoniera ihm zur unerträg⸗ lichen Qual. Giovinetta hatte ihm geſtern durch den Poſtillon in die Cantoniera hinauf berichtet, ſie werde ihm bis dort hinauf ent⸗ gegen kommen. Sie war nicht da. Darum hatte eine entſetzliche Angſt ſein Herz erfüllt. Sein geliebtes Weib war von der Tormenta überfallen worden und in ihrem wilden Aufruhr ein Opfer ihrer treuen Liebe geworden. So ſtand es klar vor ſeiner Seele. Ihr bedrohtes Leben vielleicht noch zu retten, hatte er ſich tollkühn in den fürchterlichen Schneeſturm hinaus wagen wollen, und konnte kaum durch die vernünftigen Vorſtellungen Giuſeppes zurückgehalten wer⸗ den, daß er nutzlos ſein Leben preisgeben würde; er ſollte doch an ſeine armen Kinder denken, die er ſicher zu Waiſen machen würde. Auch Padre Antonio hatte ihm ernſtlich zugeredet, und endlich hatte der Sturm ſeines leidenſchaftlich aufgeregten Gemüthes ſich etwas gelegt. Auch draußen war im Aufruhr der Tormenta eine Pauſe eingetreten. Jetzt hört man Peitſchenknall und Menſchen⸗ ſtimmen.Corpo di Baccho! tönt's wie auf einen Zauberſchlag aus der Welſchen Mund.Die Poſt! die Poſt! rufen die Deutſchen. Wie iſt es möglich, daß die durchgekommen? fragen ſich alle. Die Stubenthür öffnet ſich. Herein tritt der Wagenlenker, von feinem Schneeſtaub ganz überdeckt, und hinter ihm herwatend ein blaſſes, ſchönes Weib. Es iſt Giovinetta. Ein Freudenſchrei, und halb ohnmächtig liegt das gerettete Weib an ihres Mannes Bruſt, der ihr Geſicht mit Küſſen überdeckt. Es iſt ein ergreifendes Wieder⸗ ſehen. Aber ſeiner Freude anf dem Fuße folgt jammervolles Leid. Ein altes Ehepaar iſt in die Stube getreten, und hinter ihm im Pelzrock wohl vermummt eine gebeugte männliche Geſtalt, mit den Zeichen der größten Angſt und Aufregung. Die guten Eheleute wollen nach Urſeren hinüber, wo ihre einzige dort verheirathete Tochter auf dem Sterbebette liegt. Der Boden brennt unter ihren Füßen. Noch mehr aber dem Vermummten. Es gilt, ein vortheilhaftes Ge⸗

Bilder aus Luxemburg.

V.

Wir ſprachen von der B eſatzung Luxemburgs. Da liegt es nahe, auch über das Haus der Beſatzung, die Feſtung ein Wort zu ſagen. Auch haben wir es oben verſprochen. Ohne dieſe lo⸗ giſche Nöthigung und ohne dies Verſprechen möchten wir uns hier am liebſten in Schweigen hüllen.

Der Laie ſteht vor jeder Feſtung, wie vor einer räthſelvollen Sphinx. Wer mag ſich rühmen, Sinn und Zweck, Zuſammenhang und Ineinandergreifen eines ſv complicirten Mechanismus zu verſtehen. Vollends diesZangen⸗ und Krakelwerk, wie Goethe die Feſtung Luxemburg in einer Anwandlung von Desperation nennt, gibt dem nichtmilitäriſchen Betrachter der Räthſel übergenug auf. Auch der Schreiber dieſer Reiſebilder denkt nicht daran, die Geheimniſſe zu ent⸗ ſchleiern, die der Wunderbau birgt. Und dies weniger aus patrioti⸗ ſcher Discretion, als aus näher liegenden guten Gründen.

Aber wer, der von Land und Leuten redet, kann von der Feſtung ganz ſchweigen? Iſt ſie doch das Sorgenkind und der Zankapfel des Augenblicks. Die wenigen Striche zeichnet ein Laie für Laien.

Die hohe landſchaftliche Schönheit dieſer labyrinthiſchen Fels⸗ pruppen und Thalwindungen haben wir oben berührt. Aber bald

geeten hinter den Zügen der Natur die der Geſchichte gleich großartig u Tage. Neun Jahrhunderte, ſagten wir,

haben gearbeitet, um aus ſieſen Felſen eines der merkwürdigſten Kriegsbauwerke heraus und in ſie hineinzumeißeln. Es iſt wie ein Compendium der Feſtungs⸗ Von der Form des römiſchen Caſtells an erblickt man Thürme aus dem früheren Mittelalter, man unterſcheidet die Ma⸗ rieren der alten ſpaniſchen und franzöſiſchen Schulen, die Bauten des großen Vauban, die der Oeſterreicher, der neupreußiſchen Fortifica⸗ tonen. Kein Wunder, denn die Geſchichte liefert uns den Commen⸗ trr, daß alle bedeutenderen Nationen Mittel⸗Europas Franzoſen, Spanier, Oeſterreicher, Preußen im Laufe der Jahrhunderte die

Feſte innegehabt.

In dieſer bunten Miſchung der Bauſtile ſteht Luxemburg einzig dr. Suchen wir nun aus dem ſinnverwirrenden Durcheinander der De⸗ teils die einfache Grundform der Feſte auf. Sie zerfällt in zwei

ane werinkeriſche. Die erſte iſt die ſoge⸗

ſchäft in Reis abzuſchließen, das einen reichlichen Gewinn in Ausſicht ſtellt. Jeder Aufſchub droht dieſem Gefahr. Der Gedanke iſt ihm unerträglich, denn nur der Durſt nach Gold erfüllt ſein Gemüth.

Endlich tritt der wackere Poſtführer R. ein, der mit ſeiner Geiſtesgegenwart und Unerſchrockenheit ſchon ſo manches bedrohte Menſchenleben aus den Schreckniſſen des Berges gerettet. Das Gleiche war auch heute mit Giovinetta der Fall geweſen. Unten am Monte piottino hatte ſie die Tormenta überfallen und in wenig Augenblicken eingeſchneit. Dort hatte der Lebensretter ſie gefunden und ſchon halb erſtarrt auf einen ſeiner Poſtſchlitten zu dem Ver⸗ mummten aufgeladen. Doch dieſen kümmert kein fremdes Menſchen⸗ leben. Er denkt nur an ſein bedrohtes Geſchäft. Mit Blicken der Verzweiflung ſchaut er den eintretenden Poſtführer an und ruft:

Nun, R., geht es vorwärts? Der Sturm hat ja nachgelaſſen. Zehn Napoleons zahle ich Euch, und dem Poſtillon fünf, wenn wir noch heute nach Altdorf kommen.

Um Gotteswillen, jammert händeringend das alte Elternpaar, denkt an unſere ſterbende Tochter, und erbarmt Euch unſer. Gott wird Euch lohnen, wenn Ihr's muthig wagt!

Es iſt unmöglich, entgegnet ruhig aber beſtimmt der wohl⸗ erfahrene Poſtenführer.Die Tormenta hat die heute ausgeſchaufelte Bahn bis auf die Paßhöhe haushoch zugeweht. Wir müſſen hier bleiben und froh ſein, wenn wir in zwei Tagen vorwärts können.

O Gott, o Gott? dann iſt's zu ſpät, ruft jammervoll das alte Elternpaar.

Ja wohl, zu ſpät, dahin der ſchöne Geldgewinn, murmelte vor ſich hin der vermummte Fitz.

.... Spielende, Trinkende, Lachende, Weinende.... aber alle, dem draußen drohenden Verderben entronnen, birgt in Sicher⸗ heit das ſchützende Dach des Zufluchtshauſes.

Auguſt Feierabend.

nannte Oberſtadt, auf dem linken Ufer der Alzette, circa 900 par. Fuß über dem Meere, ca. 200 Fuß über der Thalſohle des Flüßchens gelegen. Dieſer Haupttheil findet auf drei Seiten ſeinen Schutz in den ſchroffen Thalwänden auf dem rechten Ufer der Alzette, die, von Süden nordwärts fließend, durch ihre dreimalige Laufveränderung links und rechts zwei felſige Landzungen bildet, den Bock und den Rahm. Das Feſtungscentrum alſo, die Oberſtadt, wird durch die überragenden Höhen auf der rechten Alzetteſeite gedeckt, aber auch be⸗ herrſcht. So mußten auch dieſe Punkte der Peripherie mit zahlreichen Forts, wenn auch von geringerer Stärke, beſetzt werden.

Den natürlichen Feſtungsgraben, den die Alzette um die Ober⸗ ſtadt ſchlingt, ſetzt in weſtlicher Richtung der Petrusbach fort, der in der tiefgelegenen Vorſtadt Grund in die Alzette mündet. Alſo durch die Natur Schutz von drei Seiten, den die Kunſt nur zu nutzen und zu ſtärken braucht. Die Achillesferſe der Feſte liegt im Norden und Nordweſten. Das fieht ſchon das Auge des Laien, der militäriſche Fachmann wie die geſchichtliche Erfahrung beſtätigen es. Dort hört nämlich der ſchützende Waſſergraben der Alzette und des Petrusbaches auf; der Felſen der Oberſtadt geht über in eine kahle Hochebene, über welchen die Landſtraßen nach Metz, Arlon und Diekirch führen. Hier liegt die natürliche Angriffsfront, auf der ſ. g. Front der Ebene. Ja, es ſoll ſchon ein eventueller Angriffsplan in dieſer Richtung vorliegen. Auch hat hier das Syſtem der die Feſtung umgebenden Forts(nahezu von einer Meile Umfang) eine Lücke, die, längſt erkannt und beklagt, durch die Knauſerei des weiland Bundestags offen blieb. Allerdings beſtreichen die nächſtliegenden Forts die verwundbare Stelle, aber nicht ausreichend. Indes iſt auch hier die Natur zu Hilfe gekommen. Ueberall nämlich liegt der nackte Fels zu Tage und erſchwert das Legen von Laufgräben. Außerdem birgt Luxemburg ein Minenſyſtem, ſo ausgedehnt, wie kaum eine andere Feſtung, ſo verſteckt und verzweigt, daß nur die älteſten Wallmeiſter es genau kennen.

Wir ſehen, auch dies fortificatoriſche Meiſterſtück hat ſeine Ge⸗ brechen, und die althergebrachte Sage von der Uneinnehmbarkeit iſt eben eine Sage. Siebenmal iſt die Feſte ſeit 1443 erobert worden, und auch heute, bei ſolcher Steigerung der Angriffsmittel,