Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
192
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den, da mein Brettervorrath zu Ende war, brach ich auf, legte meine Bilder wieder ins hellgrüne Sammetalbum und begab mich zur Ruhe.

Auf Flügeln des Traumes eilte ich ſchnell über Länder und Oceane nach der lieben Heimat, freute mich an dem Jubel der Kinder, die ſelig um den leuchtenden Tannenbaum tanzten, und lauſchte den Weihnachtsliedern, die wie Engelsjauchzen aus dem halbdunkeln Hinterzimmer ins Feſtgemach her⸗ übertönten. Die fire-crackers rattelten mitunter dazwiſchen wie die Stimmen neidiſcher Kobolde, aber der Jubel der Kinder verſcheuchte ſie bald, bis Tannen⸗ baum und Kinderjubel, Muſik und fire-crackers ſich in nichts auflöſten.

Das war mein letzter Weihnachtsabend in Oregon.

4 Theodor Kirchhoff. M

Epiſode aus dem Leben eines Redacteurs.

Vor einiger Zeit ließen wir die Leſer einen Blick in die Räume und in die Thätigkeit unſeres Redactionsbureaus) thun, und der Briefkaſten hat ſeitdem ſo manches Mal jene Mittheilung erweitert und fortgeſetzt. Vieles, und oft das Intereſſanteſte, entzieht ſich freilich der Veröffentlichung um ſo willkommener iſt es uns darum, aus dem Leben eines engliſchen Collegen eine Epiſode mittheilen zu können, die derſelbe in der letzten Nummer ſeines Blattes erzählt. Wir laſſen ihn faſt ganz mit ſeinen eigenen Worten reden.

An einem bitterkalten Morgen, einige Zeit vor Weihnachten, erzählt er, im J. 186, ſaß ich wie gewöhnlich an meinem Pulte. Unter den Haufen von Manuſcripzen bemerkte ich eines, auf feinſtem weißem Papier geſchrieben, in einer faſt kindiſchen Damenhand und auf Linien, die ſorgfältig hinterher aus⸗ gerieben waren. Es war eine kleine Erzählung von geringem literariſchem Werthe, aber durchhaucht von jugendlicher Reinheit und Anmuth, und jeden⸗ falls war ein Talent darin zu erkennen. Ein zierliches Briefchen lag dabei. Es lautete:

Straße, Dublin, Decbr. 186

Lieber Herr Redacteur, ich ſende Ihnen eine kleine Erzählung. Ich bin erſt 16 Jahre alt, und Papa und Mama wiſſen g arnichts von meinem Schritte, aber bitte, ſagen Sie mir, ob ſie etwas werth iſt. Ich nſche, daß ſie gedruckt wird: ich wünſche, daß ich dafür bezahlt werde. Es iſt nicht um meinetwillen, ſondern ich brauche das Geld, um meinem lieben Brü⸗ derchen ein hübſches, kleines Geburtstagsgeſchenk zu machen. Ich bin, lieber Herr Redacteur, Ihre ꝛc. Emily.

Damenbrieſe und Damenmannſkripte ſind nichts Ungewöhnliches für einen Redacteur, dennoch geſtehe ich, daß dieſe Sendung mich aufs höchſte intereſſirte und daß ich mich ſogleich daran machte, eine Antwort zu ſchreiben, die von dem geſchäftsmäßigen Stile derartiger Briefe etwas abwich. Ich ſandte allerdings das Manuſcript zurück, aber ich that es mit ſehr freundlichen Worten, indem ich die Verfaſſerin ermuthigte, ihr Talent weiter auszubilden und mancherlei Winke hinzufügte, wie ſie ſelbſt dieſe Arbeit noch umarbeiten und dadurch druckfähig machen könne. Begierig, ob ich noch etwas mehr von meiner jungen Correſpondentin hören würde, ſchickte ich das Päckchen ab. Aber niemals kam mir davon etwas wieder zu Ohren; die Verfaſſerin war augenſcheinlich zu ſchüchtern, um zu antworten; ich ſelbſt hatte bald die ganze Sache vergeſſen.

Am Weihnachtsheiligenabend ich, nach alter Gewohnheit, bei einem

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cht ſogar meinem Blatte Unrecht durch die Zurückweiſung des Manuſcriptes gethan? Ich ſuchte die Adreſſe auf und ſchrieb an die Un⸗ bekannte einige Zeilen. Ich erinnerte ſie an unſeren kurzen Verkehr vor ca. 5 Jahren, äußerte, daß ich überzeugt ſei, ihr vielverſprechendes Talent, das damals, noch unentwickelt, doch in der zurückgeſandten Erzählung hervorge⸗ treten ſei, werde ſeitdem gereift ſein, und daß ich mich ſehr freuen würde, irgend etwas zu ſehen, was ſie ſeitdem geſchrieben.

Nach einigen Tagen erhielt ich eine Antwort, mit etwas verſtellter Hand geſchrieben.Es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, hieß es darin,daß Sie ſich noch meiner erinnern, aber ich ſchreibe gar nicht mehr. Ich bin ſo glücklich, daß ich keine Zeit dazu habe. Ich habe einen vortrefflichen Mann und ein Paar allerliebſte Kinder; damals hatte ich die Feder ergriffen, um den Meinigen zu helfen, aber es iſt ihnen ſeitdem viel beſſer durch andere geholfen worden. Wenn Sie mich kennen zu lernen wünſchen, ſteht dem nichts im Wege. Achten Sie auf Ihrem Heimwege auf eine Frau, die eine Roſe in der Hand hält, Sie werden in ihr finden Ihre unbekannte Correſpondentin ꝛc.

Ich mußte über dieſes romantiſche Intermezzo meines Bureaulebens. lächeln, dachte aber nicht wieder daran, bis ich auf dem Wege nach Hauſe war. Doch vergebens ſchaute ich überall nach der Frau mit der Roſe aus, und langte etwas ärgerlich über dieſe Myſtification bei meinem Hauſe an. Aber wen ſah ich auf der Schwelle ſtehen? niemand anders alsmein liebes Weib, fröhlich und ſchelmiſch lachend, und in ihrer Hand eine Roſe!

Alles war bald erklärt, ſie hatte damals das Geld für ihren Bruder be⸗ durft, dem die Mittel fehlten, mit ihr in den Ferien zu ihren Eltern heimzu⸗ reiſen. Das hatte ich an jenem Weihnachtsabende von meinem Freunde er⸗ fahren und hatte ihrem Bruder die nöthige Summe anonym zugeſandt, ohne daß ſie es ahnte. Sie aber hatte durch obenerwähnten Brief ſogleich etwas mehr, als Vertrauen zu mir gewonnen.

Und willſt Du nicht wieder eine Erzählung fragte ich.

Ich weiß noch nicht, ſagte ſie lächelnd,einſtweilen kannſt Du unſere Geſchichte darin erzählen, wenn es Dir Vergnügen macht.

faſſerin, oder viellei

für mein Journal ſchreiben?

NRäthſel. Ein Dichterfürſt hat mich beſungen Und meinem Weſen Form verliehn. Wenn Nebelduft die Thäler füllet, Kannſt du mich ſehn die Flur durchziehn. Mein Reich iſt nicht von irdſcher Größe, Im Geiſt nur, in der Träume Welt, Denn ſchnell muß wieder ich verſchwi Wenn Morgenroth die Höhen hellt.t

Briefkaſten.

Wie gut es doch ſo mancher unſrer Leſer mit der Redaction meint! Nicht nur mit Rath⸗ ſchlägen aller Art, lobenden und tadelnden Recenſionen ꝛc. werden wir fort und fort reich⸗ lich bedacht, nein bis auf einzelne Ausdrücke erſtreckt ſich die theilnehmende Mitarbeit vieler unſerer Correſpondenten. So ſchreibt uns ein, Anonymus aus Herrenhut, der Ausdruck: erlegen, den wir von einem im Kampfe getödteten Officier gebraucht, werde

Freunde in St. Johns Woodzu Mittag. Er war ein glücklicher Familienvater, in deſſen Hauſe es mir, dem Junggeſellen, immer ganz beſonders behaglich war. Nach dem Eſſen wartete unſerer im Salon eine Ueberraſchung. Um einen glänzend erleuchteten und mit Geſchenken geſchmückten Weihnachtsbaum ſtanden die Kinder und ihre Gouvernante, die zuſammen das ganze Werk vollbracht hatten, und empfingen uns mit einem gutgeſungenen, deutſchen Weihnachtschoral.

Ueber dieſem unerwarteten Schauſpiel, hatte ich nicht gleich die Gouver⸗ nante beachtet. Sie ſah ſehr jung, faſt ſelbſt noch wie ein Kind aus. Allmählich konnte ich mich indes, ungeachtet meiner Junggeſellenvorurtheile, nicht enthalten, fie näher zu betrachten und ſie äußerſt anmuthig zu finden. Wir ſprachen miteinander, ſpielten zuſammen mit den Kindern Blindekuh, und als ſie mit denſelben das Zimmer verließ, rief ich aus:Was für eine liebenswürdige, junge Dame!Sie iſt ein ganz vortreffliches junges Mädchen, erwiderte mein Freund.Trotz ihrer Jugend unterhält ſie ihre alten, unbemittelten Eltern faſt ganz allein, und hilft gelegentlich noch ihrem Bruder, der Commis in einer Bank iſt.

Seitdem ſah ich öfters die Gouvernante, und als der nächſte Weihnachts⸗ abend herankam, waren wir ein glückliches Ehepaar!

Vier Jahre ſind vergangen; zwei reizende Kinder empfangen mich, wenn ich Abends vom Bureau heimkehre, und führen mich zu ihrer ungeduldig wartenden Mutter, und Morgens geleiten ſie mich bis zum Omnibus, wenn ich in die Stadt fahre.

Voll fröhlicher Gedanken an den glücklichen Wechſel in meinem Leben ſaß ich eines Tages im Bureau, da erinnerte mich die Handſchrift eines Briefes an meine längſtvergeſſene Correſpondentin, die mir niemals geantwortet hatte. Ich weiß nicht, warum? ich konnte den Gedanken an das zurückgeſandte Ma⸗ nuſcript nicht wieder loswerden. Hatte ich vielleicht der jugendlichen Ver⸗

*) Jahrgang I. S. 711.

Mit der nächſten Nummer ſchließt das I. Quartal. Wir Vermeidung von Unterbrechungen baldigſt erneuern zu wollen.

Briefe und Sendungen ſin

Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen* Klaſing in

Zur gefälligen Beachtung!

d zu richten an die Redaction de

nur vom Wild gebraucht. Er täuſcht ſich aber, denn wie er in Grimms Wörterbuch (III, 897) ſich überzeugen kann, kommt ſeit den älteſten Zeitenerlegen in dem von uns angewandten Sinne in unſerer Literatur vor. Um übrigens nur eines von vielen Bei⸗ ſpielen anzuführen, ſei Herder erwähnt, der ſagt:Wer den Mann erlegen konnte, iſt der erſte ſeines Stammes. Anderen unſerer Correſpondenten, wie Herrn Cand. H. B. in J. b. K.(Poſen) ſoll die Redaction verantwortlich ſein, wenn die Poſt ihm die Nummern nicht pünktlich oder gar nicht liefert. Was ſoll die Nedaction wohl damit zu thun haben? Aber auch die hieſige Expedition hat dafür keine Verantwortlich⸗ keit an das Poſtamt Ihres Ortes allein müſſen Sie die betr. Reclamation richten; das iſt dafür ganz ausſchließlich verantwortlich. Oder wir werden geberen, wie von Herrn C. R. in C., eine Auskunft zu geben über etwas, das in Nr. 50 des vor. Jahrg. geſtanden hat, weil man a ugenblicklich nicht die betr. Nummer zur Hand habe. Nun wir haben ſie jedenfalls nicht näher zur Hand, und können wirklich, um ſolcher Be⸗ quemlichkeit halber, nicht immer gleich einen Brief ſchreiben, ſo gerne wir ſonſt auch zu jedem Dienſte bereit ſind, wie man uns von vielen Seiten wird bezeugen können. Doch Weihnachten iſt nahe da ſoll nur des Angenehmen und Erheiternden gedacht werden, ſo einer reichen Weihnachtsgabe, die N. N. in Gera für einen wohlthätigen Zweck uns ge⸗ ſendet und die ſogleich weiter befördert worden iſt. Gern berichtigen wir, auf Wunſch unſers kriegeriſchen Künſtlers F. Tſchierſch, des Einſenders der Skizze vom Kirſchen⸗ eſſen(m Nr. 7), daß derſelbe nicht Musketier, ſondern Unterofficier iſt. Seine übrigen Wunſche ſollen in dieſen Tagen noch erfüllt werden. Herrn S. in K. zur Nach⸗ richt, daß wir niemals Ueberſetzungen fremder Novellen aufnehmen. Herrn R. P. in B. Endlich liegt das Koberſteinſche Werk, nach deſſen Abſchluß Sie ſo verlangend fragen, vollſtändig vor. Sie thun übrigens Unrecht, der Verlagsbuchhandlung(F. C. W. Vogel in Leipzig) wegen der Langſamkeit, mit der dieſe vierte umgearbeitete Auflage erſchienen iſt, einen Vorwurf zu machen, denn das Werk, das ſich ſo beſcheiden einen Grundriß der Geſchichte der deutſchen National⸗Literatur nennt, iſt eine ſo gründliche und gediegen wiſſenſchaftliche Literaturgeſchichte, wie wir kaum eine zweite beſitzen, und wird Ihnen eine volle Entſchädigung für das lange Warten bieten. Fr. v. R. in u. Ein Weihnachtsbild wird Ihnen die nähſte Nummer bringen.

Weihnachten.(Fortſ.) NO o. v. A. Wellmer. Ein Goeben. Mit Falcke, ures und Goebens Portraits von E. Hartmann. Mecklenburgiſche Origiſ won Ed. Hobein. Ein Hephata in Baiern. Eine Dorfgeſchichte areiz Worte. Mit Illuſtr. v. Benj. Vautier. Naturwiſſenſch. Weihnachtsne dungen in einer Großſtadt. (Fortſ.) Von H. Wagner. Am FamilientiCan

b A erſuchen unſre Abonnenten, beſonders die defpeZoſt, ihre Beſtellungen zur 3 aheim⸗Expedition.

Inhalt: Fröhliche Beſuch beim General von

s Daheim in Leipzig, Poſtſtrate Nr. 17.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipfig.

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ruck von Liſcher« Wittig in Leipzig.

Bielefeld und Berlin.

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