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ſind. Man ſieht dabei auch, wie die Kinder arbeiten. Die einen ſtricken, die anderen nähen, noch andere ſpinnen. Die ungeſchickteſten zwirnen am Zwirnrade. Die Knaben dagegen fertigen Stanitzen aus altem Papier und führen dann die Gäſte hinaus ins Freie, um ihnen zu zeigen, wie ſie mit Säge und Hacke umzugehen wiſſen, und wie ſie in eine lange Reihe geſtellt, im Umdrehen das geſpaltene Holz zu einem geregelten Holzſtoße aufrichten können. Dazwiſchen trägt ein Zögling ein Stück auf der Violine vor, ſieben oder acht ſingen zuſammen unter Violinbegleitung das ſchöne Lied:„Jeſus der Kinder⸗ freund“, und zum Schluß fehlt auch das von allen geſungene Lied: „Heil unſerem König, Heil“ gewiß nicht.
Es geht daraus ſchon hervor, wie viel die armen blödſinnigen Kinder noch lernen und leiſten können, wie die ſchlummernden Geiſtes⸗ kräfte ſich bei vielen wecken laſſen, und wie viele der vorher ſo ver⸗ ächtlich in der Schule angeſehenen Kleinen denn noch alle die anderen
Kinder nicht bloß durch Fleiß und Folgſamkeit, ſondern auch durch ihre Erkenntniß der Liebe Gottes, für die auch der Blödeſte empfäng⸗ lich iſt, durch ihr gutes Gedächtniß in der bibliſchen Geſchichte, ihre ſchöne Handſchrift, ihre ſauberen Handarbeiten zu beſchämen vermögen. Bei allen gelingt das freilich nicht in gleichem Grade. Während manche vollſtändig geheilt und für das Leben brauchbar entlaſſen werden können, werden andere bei gehöriger Anleitung und Arbeits⸗ anweiſung wohl zu der oder jener Thätigkeit geſchickt, erlangen aber doch nicht die geiſtige Freiheit, um ſich ſelbſtändig im Leben bewegen zu können. Noch andere endlich ſind nicht einmal fähig, irgend welche Arbeit zu lernen. Sie müſſen gewartet werden, wie die kleinen Kinder, obwohl unter ihnen manche über 20 Jahre alt ſind. Sie erſchweren die Aufgabe der Anſtalt am meiſten, aber Pfarrer Probſt ſagt mit Recht von ihnen:„Auch ſie ſind unſere Mitmenſchen, können am wenigſten in der Heimat gepflegt werden und verurſachen einen immer von neuem wehmüthigen Anblick; aber ſie erinnern auch am meiſten an den liebevollen Ausſpruch des Herrn: was ihr einem unter dieſen Geringſten gethan habt, das habt ihr mir gethan.“
So haben ſich in Ecksberg drei Abtheilungen in der Anſtalt ge— bildet. Die erſte, die Heilabtheilung, zählte voriges Jahr 34 Pfleg⸗ linge, meiſt die jüngeren und neueren. In der zweiten, der Be⸗ ſchäftigungsabtheilung waren damals 27.
habt. Für ſie gibt es nicht blos anderen
in Ecksberg ſelbſt Aecker, Wieſen, Gärten zur Arbeit und allerlei Handwerksſtätten, ſondern für die beſten unter ihnen iſt in einem Nachbarort eine Art Filial eröffnet, in dem ſie gemeinſam ein kleines Landgut bebauen. Fünfzehn unter ihnen konnten ſich damit ihren ganzen Unterhalt erarbeiten, und ſechs e. alten noch dazu einen kleinen Tagelohn, der für ſie aufgeſpart wir In der Pflegeabtheilung endlich waren damals 31 der elendeſte Blöden, die meiſten unter ihnen zugleich mehr oder weniger ar Epilepſie leidend. Um zu zeigen, wie groß die Fülle und Mannigfaltigkeit des Elends, aber auch die Freude am Erfolge iſt, nur noch ein Wort über ein Paar der Blöden, die in Ecksberg ihre Heimat gefunden haben. Da iſt ein Mädchen von zehn Jahren, Knabenkopf, rothe Augen, immer ſpringende Be⸗ wegungen mit wildem Geſchrei, immer unrein, ißt Bänder, Koth, Steine, eine wahre Schreckensgeſtalt. Nach ſieben Jahren iſt es ein ſchlankes, ſehr ordentliches Mädchen ohne alle jene widerlichen Ma⸗ nieren, fleißig an der Arbeit, ſtill in der Kirche, keinem mehr läſtig.— Und da ein Knabe, contract, roh, zornig, Speichelfluß, kann kein Ge⸗ ſchäft ſelbſt verrichten. Nach fünf Jahren iſt er friſch und, wenn auch noch ſteif in ſeinen Gliedern, doch fähig zur Wieſenarbeit und Zimmerthätigkeit, von ungemeiner Ausdauer und Arbeitsliebe, zuver⸗ läſſig und treu, zwar nicht zum Leſen und Schreiben, aber doch ſo weit gebracht, daß er conſirmirt werden konnte.— Ein Mädchen, faſt ſprachlos, blöde, kaun ſich nicht bewegen und nicht allein eſſen,
die Hände verkrüppelt. Sie hat in ſieben Jahren vollſtändig leſen und
ſchreiben gelernt, iſt confirmirt und wäre völlig geheilt, wenn die Hände brauchbar wären.— Und dann ein junger Menſch von ſchon ſiebenundzwanzig Jahren, wird von der Polizei als gemeingefährlich eingeliefert, blödſinnig, taubſtumm, ohne Füße und äußerſt bösartig. Er iſt ein ſo ſtiller, treuer, fleißiger Menſch geworden, daß ihn Jeder⸗ mann lieb hat. Er arbeitet im Garten, mit den Stumpfen ſeiner Füße in einem Loche ſtehend, bis er um ſich her die Arbeit vollendet hat und ein anderer Pflegling ihm dann weiter hilft.
Das iſt das Daheim der Blöden in Ecksberg. Wunderbar: wie viel Elend und wie viel Glück in dem Hauſe! Pfarrer Probſt mit ſeinem leuchtenden Auge, allen wie ein Vater lieb, hat Recht ge⸗ Es iſt nichts auf der Welt ſeliger, als von der Liebe Gottes zu ſagen und ſie zu lehren, Gott lieb zu haben.
Johannes Heſekiel.
Line Dorfgeſchichte ohne Worte.
Wer könnte ſeinen Blick wohl längere Zeit auf dem farben⸗
reichen Bilde, mit dem Benjamin Vautier dieſes Mal in unſerem Blatte einkehrt, weilen laſſen, ohne ſich verſucht zu fühlen, darin eine
ganze Geſchichte zu leſen? Eine dumpfe, unheimliche Schwüle erfüllt das Zimmer des Bauersmannes, der heute ſo vornehmen Beſuch von einem Ange⸗
ſeheneren ſeiner eigenen Lebensklaſſe und von deſſen Unterhändler
empfangen. Die Stätte eines beſcheidenen, häuslichen Glückes, das in dem erſtgeborenen Sohne Blüthen getrieben, iſt zur Stätte eines düſtern, unheimlichen Kampfes geworden. Armuth, Noth, Sorge werden von Habgier, Reichthum und Schlauheit hart angegriffen. Wie manche ſchlafloſe Nacht mag der Mann, der mit faſt hoffnungs⸗ los gekreuzten Armen daſitzt, durchwacht und durchſorgt haben? Wie iſt ſein ſchmales Geſicht ſo kummerdurchfurcht und ſein Blick ſo dumpf und verzweifelnd halb vor ſich hin zur Erde geſenkt, halb auf den Tiſch und das Geld ſtierend!— nur der feſtgeſchloſſene, feine Mund ſcheint von noch dauernder Geiſtesarbeit zu zeugen, die ſich nicht ſo raſch gefangen gibt. Aber wird er den vereinten Kräften der ener⸗ giſchen und mächtigen Gegner gewachſen ſein? Sein Gütchen iſt wohl tief verſchuldet— Mißernten und andere Heimſuchungen laſſen ihn kaum ein kärgliches, tägliches Brot genießen— der Verkauf des väterlichen Erbes, an das ſich eine reiche, lange Vergangenheit knüpft, könnte ihn raſch aus den dringendſten Verlegenheiten retten, ja ihm noch die Mittel gewähren, auszuwandern und jenſeits des Meeres ein neues Heimweſen zu gründen. Wie weiß der gewandte, jüdiſche Gütermakler ihm das alles ſo plauſibel an den Fingern herzuzählen! Und wie blinken ihm die Haufen Geldes, auf die der wohlhäbige Nachbar mit dem kleinen Finger ſeiner ungeduldig auf den Tiſch ge⸗ ſtützten Hand verlockend hinweiſt, entgegen! Lauernd ruht das Auge des reichen Mannes, der den kleinen Beſitz zur Abrundung ſeines
eines treuen Weibes.
eigenen Gutes gar zu ſehnlich wünſcht, auf den verſchloſſenen Zügen des doch ſchon halb überwundenen Bauern, der ſeiner Habgier im Wege ſteht. Welch ein ungleicher Streit!
Aber die Liebe wacht über den vielbedrängten Mann, die Liebe Durch das Geräuſch des Wortwechſels er⸗ weckt, iſt das Kind in der nahen Wiege in ſeinem Schlummer geſtört, aber balo auf dem Arme der Mutter und an ihre Bruſt ſo traut geſchmiegt, wieder eingeſchlafen; und alſo durch doppelte Liebe ge⸗ waffnet, ſteht die Mutter und das Weib da und wacht hellen Auges über ihren Mann. Warnead ruht ihre Hand auf ſeiner Schulter, und was ihr Mund nicht äußern kann, gibt ſie ihm durch die Ge⸗ berde und den Druck derſelben zu verſtehen.„Hüte Dich, hüte Dich vor der Stimme des Verſuchers!“ ruft ſie ihm wortlos und doch ſo beredt zu;„laß Dich nicht aus dem Erbe Deiner Väter treiben— traue auf Gott, der Dich noch nicht verlaſſen hat und nie verlaſſen wird! Widerſtehe der Verführung jener böſen Halsabſchneider!“ Und zugleich beherrſchen ihre milden, thränenfeuchten Augen, für die das Geld nicht da zu ſein ſcheint, die ungebetenen Gäſte, ohne Zorn, faſt ſinnend, ob ein Funke warmen Gefühles und Mitleides nicht doch in ihnen noch ſchlummert.
Wer wird den Sieg davontragen, die Liebe oder der Geiz? Unſer Bild ſchweigt darüber, ſo beredt es auch ſonſt den Moment der augenblicklichen Situation darſtellt, daß es uns beinahe dünkt, als vernähmen wir die wohlüberlegten, geſchwätzigen Worte des Unter⸗ händlers und die lauten Herzſchläge des liebenden Weibes. Es iſt freilich eine alte Geſchichte, die vor unſeren theilnehmenden Augen ſich entſpinnt, deren Ende meiſt nicht zweifelhaft iſt. Aber fromme Weibesliebe iſt eine große Macht und hat ſchon oft geſiegt über ſchlaue Berechnung und menſchliche Liſt. Warum ſollte es ihr hier unmög— lich ſein? R. K


