Theodor in der Familie Huke erblich iſt, können wir bei unſerer be⸗ kannten Gewiſſenhaftigkeit in dieſen Dingen, nicht ganz ſo genau ſagen. Das Kirchenbuch, auf das wir uns ſo gern berufen, geht nur bis auf das Jahr 1723 zurück. In dieſem Jahre nämlich ſtarb die Frau Paſtor loci, in deren Augen Kirchenbücher nur dazu da waren, um der hochehrwürdigen Frau Paſtor Papier zum Einwickeln der Spickbrüſte, zum Auskleben der Mehlkiſten und zumn ſonſtigen Haus⸗ wirthſchaftsgebrauch zu liefern. Im Jahre 1729 finden wir in dem Kirchenbuche ſchon einen Theodor Huke, als geboren einem Theodor Huke, verzeichnet.
Daß die unbequemſten Verwirrungen durch den Namen Theodor entſtehen könnnen, läßt ſich denken. Und ſie entſtanden auch reich— lich im Geſchäft J. C. Strant u. Comp., da die Hofwohnung der Hukes ſeit Menſchengedenken nie weniger als drei Träger des Namens Theodor und wenigſtens zwei Träger der Kolonialwaaren aufzuweiſen hatte.
Erſt unſerem Onkel Tob gelang es, als er vor 20 Jahren als Compagnon in die Firma eintrat, dieſe Namensverwirrungen zu beſeitigen. Zu dieſer Zeit gab es drei Hukes, die den Namen Theodor führten: der fünfundſechzigjährige Hausknecht No. 1, der vierzigjährige Hausknecht No. 2 und der ſiebenjährige Theodor Huke, Avantageur auf den Hausknechtspoſten und Gelegenheitsbote für Kleinigkeiten— Vater, Sohn und Enkel.
Onkel Tob kam, nach langem Sinnen über die durch den ſo reichlich vertretenen Namen entſtehende Verwirrung, auf folgenden Ausweg; er erfand drei Abkürzungen: Theo!— Dorr!— Dorrchen!— nach der Anciennität geordnet.
Dieſe reichten faſt zwanzig Jahre aus, bis Dorrchen herange⸗ wachſen war, Elſens Spielgefährtin Stina geheirathet hatte und nach Jahr und Tag ſelber einen allerliebſten kleinen Theodor taufen ließ. Elſe, Onkel Tob, Tante Roſaura und Urgroßvater Theo, ſtan⸗ den Gevatter. Beim Taufſchmauſe erhob ſich Onkel Tob, klopfte mit dem Meſſer gegen ſein Glas und ſprach:„Verehrte Anweſende! Wir ſind in dieſem Augenblicke ſo glücklich, den jüngſten Theodor aus dem Geſchlechte der Huke ſeine vierzehntägige Lunge probiren zu hören. Dieſe ſcheint zu den größten Hoffnungen für das Haus
J. C. Strant u. Comp. zu berechtigen. Aber er hat einen Fehler,
das iſt ſein Rufname. Der taugt durchaus nicht fürs Geſchäft, wie die Erfahrung lehrt. Ich erlaube mir daher den kleinen Theodor auf ein Drittel zu kürzen: der kleine Rich lebe hoch! hoch! hoch!“
mitleidig auf den Toaſt herab; ſie hatte ſich mit der Zeit daran ge⸗ wöhnt, auf alles, was Onkel Tob ſagte oder that, mitleidig herab⸗ zublicken. Und dann, um mich keiner Ungenauigkeit ſchuldig zu machen, jubelte auch J. C. Strant nicht mit; doch von dem verſtand ſich das ganz von ſelbſt, J. C. Strant hatte in ſeinem Leben noch nicht gejubelt, J. C. Strant konnte vor lauter Geſchäften en gros und en détail gar nicht mal ſo recht von Herzen jubeln, J. C. Straut war überhaupt nur auf die innigen Bitten ſeiner Elſe ein halbes Stündchen zum Taufſchmauſe gekommen.
Als Onkel Tob an ſein Glas klingelte, murmelte J. C. Strant: „Unſin n!“ bei Erwähnung der hoffnungsvollen Lunge: „Blödſinn!“— bei Erwähnung der„größten Hoffnungen“ ſogar: „Wahnſinn!“
Leider müſſen wir bekennen, daß dies die Lieblingsredensarten von J. C. Strant ſind— eine Stuüfenleiter ſeiner Empfindungen.
Bei den Worten:„auf ein Drittel kürzen,“ fing das Geſchäft an zu denken— bei dem Worte:„Rich!“ dachte es:„Trotz all ſeinem Unſinn— Blödſinn— Wahnſinn iſt der Compagnon doch
manchmal ganz praktiſch— es iſt von Bedeutung, bei einem einzigen Worte zwei Drittel Zeit zu erſparen— Zeit iſt Geld!—“
Kehren wir nach dieſer Abſchweifung zu dem alten Dorr zurück, der trotz ſeiner 60 Jahre noch immer in militäriſch ſtraffer Haltung vor Onkel Tob ſteht.
„Zu Befehl, junger Herr,“ ſagte alſo der alte Dorr— und fügte jetzt noch hinzu:„Die Jungen ſind auf dem Hofe und ſchnee— ballen ſich und machen einen Heidenlärm!“
„Gut, alter Dorr, das freut mich von den Jungen, hör' ich lieber, als wenn ſie ſich hinterm Ofen erumdrücken. Es geht nichts übers Schneeballen, wenn man ein Junge iſt, und der Schnee liegt ſeine zwei Fuß hoch, hab's ja auch durchgemacht.— Elſe, ſind Deine Strümpfe fertig? Schön, die ſollen meinen Jungen über Winter gut thun. So, dann wollen wir gleich mit Dorr gehen und den Weihnachtsbaum anzünden.“
Tante Roſaura nimmt von einem Seitentiſch ein Packet Hemden, Elſe zählt ein Dutzend blaue Wollenſtrümpfe in ihre Schürze, Onkel Tob bepackt ſich und Dorr mit mächtigen, geheimnißvollen Papier⸗ beuteln, und dann geht's über einen langen Corridor, durch eine große Halle, wo Faß an Faß und Kiſte an Kiſte lagert, und wo es ſo äußerſt appetitlich nach Roſinen und allerlei Gewürze duftet. Jetzt öffnet Dorr noch eine Thür, und ſie ſtehen in einer allerliebſten, kleinen Küche. Alles iſt blank in dieſer kleinen Küche: die rothen Flieſen, mit denen ſie gepflaſtert iſt, und die rothen Herdſteine— die vielen, vielen Töpfe, Kannen und Kännchen ꝛc.— Aber am blankſten iſt doch die kleine, rundliche Frau mit dem ſonnigen Geſichtchen, das durch das Feuer und den fortwährenden Kampf gegen die Rebellion im Keſſel jetzt gar wie Sonnenaufgang glüht! Das koketteſte Häubchen mit roſa Schleifen gipfelt nur ganz loſe auf dem krauſen, goldblanken Haar, und ſolch appetitliche, weiße Schürze hat ſicherlich noch niemand geſehen.
Dies blanke, roſige Perſönchen iſt niemand anders, als Frau Stina, Elſes alte Spiel⸗ und Dorrchens junge Ehepartnerin!
„Guten Abend, Stina,“ ſagt Onkel Tob,—„iſt Dein Warm⸗ bier bald fertig?“
„Schön Dank, Onkel Tob— o, bitte tauſend Mal um Ver⸗ zeihung, Herr Mäuslein. Das Warmbier iſt im Nu fertig, ich
tt laſſe nur den Zimmt und Ingwer noch ein Paar Mal aufkochen.— Alle ſtimmten jubelnd ein. Nur Tante Roſaura ſah etwas
Ihre Dienerin, Fräulein Roſaura, ich weiß die Ehre zu ſchätzen— willkommen, liebe Elſe, Du willſt ja, daß ich noch immer ſo ſage, obgleich Dorrchen meint, daß ſich das jetzt nicht mehr ſchickt! Auf Dorrchen bin ich übrigens böſe, er iſt in geheimer Sendung fort und kömmt zu der Kinderbeſcheerung nicht wieder und wollte ſogar mir, ſeiner Frau!! nicht mal ſagen, was für ein Geheimniß es iſt, denke Dir, Elſe, er ſagte: Stina, Dir ſitzt Dein Herz immer auf der Zunge und geht mit ihr gar leicht durch—“
Endlich muß das flinke Zünglein auf eine halbe Secunde Raſt machen— dieſe benutzt Tante Roſaura, um einzuſchieben:
„O, wie eng es hier iſt!“— und ſie macht ſich womöglich noch ſchmäler, um nur ja nicht mit dem dicken Onkel Tob zuſammenzuſtoßen.
„Ich dummes Ding— ich, daß ich die Herrſchaften ſo lange in meiner alten Küche ſtehen laſſe!“— ſagt Sting und läßt dabei ihren wohlgefälligſten Hausfrauenblick über die blanken Wände und Keſſel gleiten. Nun nimmt ſie den größten, himmelblauen Topf vom Nagel und gießt das duftende Warmbier hinein. Dann gehen ſie alle aus der Küche in die Stube.
(Fortſetzung folgt.)
Schweizeriſche Verkehrs- und Culturbilder. I. Unter den Kryſtallſuchern im Maderanerthal.(Schluß.) Von A. Mosengel.
„ſStrahlen,“ nenntman die Kryſtalle im Maderanerthal,„Strahl⸗ ſtecken“ die Eiſenſtange, das ſchon erwähnte Hauptwerkzeug des Kry⸗ tallſuchers, außerdem wird eine Hacke gebraucht, der„Gräbel“ und in kleiner Hammer.“ Dazu kommt noch ein Lederränzel und ein tarkes Seil, womit die ganze Ausrüſtung des Kryſtallſuchers oder
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Mit dieſem Werkzeug verſehen, begibt er ſich früh Morgens auf die Streife. Meiſtens allein, um den mit unendlicher Mühe, oft nach lange vergeblichem Suchen, glücklich entdeckten Fundort auch zu eigenem Vortheil ausbeuten zu können. Mit ſchwerem Herzen muß er ſich zuweilen doch entſchließen, andere in ſein Geheimniß ein⸗ zuweihen, will er nicht ganz auf die ſchlummernden Schätze verzichten
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