Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
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ſcheu ausgewichen. Mehrmals habe er in einem Wirthshauſe ein⸗ geſprochen, dort ein weniges gegeſſen und ſich die Jagdflaſche wieder⸗ holt mit Branntwein füllen laſſen. Dabei habe er finſter und tückiſch ausgeſehen und ſich ſo ſeltſam benommen, daß die Wirthsleute ihn für betrunken gehalten hätten. Man wollte wiſſen, daß ſeine Dienſt⸗ magd ihn heute in der Stadt geſucht und dabei geäußert habe, er ſei ſeit mehren Tagen nicht heimgekommen und habe auch die Nächte außer dem Hauſe zugebracht. Die Anweſenden waren einig, daß man Leopold von dem verdächtigen Benehmen des Jägers Nachricht geben müſſe. Ein Paar gutmüthige Burſchen erklärten ſich bereit, zu dieſem Zweck nach Birsheim zu gehen, und ein Paar andre ſchloſſen ſich ihnen an.

Der wenig betretene Weg, den ſie zu gehen hatten, führt zu⸗ nächſt über offene Ackerländereien und dann, etwa dreiviertel Stunden weit von der Stadt, durch ein kleines waldiges und buſchreiches Thal. Dieſes durchfließt ein ziemlich ſtarker Bach, über den ſich gerade da, wo er ſich zu einem nicht unbedeutenden Teiche erweitert, Eben ſind die jungen Leute in das

Füßen gebunden. die beiden anderen nach dem Teiche eilten.

Ihr erſter Gang war nach dem hohen Fußſtege, und ohne Zweifel hatte hier die Mordkugel ihr Opfer erreicht. Ein Paar Blutstropfen bezeichneten die Stelle. Weiter hinab entdeckten ſie in dem ſeichten Waſſer den Körper des Gemordeten. Da es ihnen ſchien, als bewege er ſich noch, ſo beſannen ſie ſich keinen Augen⸗ blick, eilten an das Ufer hinab, in das Waſſer hinein, das hier feſten Kiesgrund hatte, und trugen die Leiche denn das war er bereits auf das Ufer heraus. Die Kugel war ihm neben dem Auge in den Kopf gedrungen, und hatte ſie ihn nicht ſofort getödtet, ſo mußte der Sturz ins Waſſer das Werk vollendet haben. Nachdem ſie den Todten in das Gras gelegt und von ihrer Anſtrengung kurze Zeit geruht, nahmen ſie ihn abermals auf und trugen ihn nach der Stelle, wo ihre Genoſſen den gebundenen Mörder bewachten. Keil, der bis dahin trotzig geſchwiegen, ſah es, warf einen Blick unverſiegbaren Haſſes auf ſein Opfer und rief:Es iſt gut ſo. Der Hund! Blut und Leben hat er mir vergiftet. thät es nochmals! Dann ſchien ihn jedoch ein plötzlicher Schauder zu erfaſſen, er ward ſehr bleich, wandte das Geſicht ab und ſchloß die Augen.

Die jungen Leute beriethen nun raſch ihr ferneres Verfahren, und dann eilte einer fort, um die Gerichtsbehörden herbeizurufen, ein anderer begab ſich zu dem Geiſtlichen des Ortes, wohin Birsheim eingepfarrt war, damit dieſer den unglücklichen Vater benachrichtige. Die beiden andern blieben als Wächter des Todten und ſeines Mörders zurück.

Es war eine Stunde vor Sonnenuntergang, als Joſeph Welzer, der Vater, ſo eben das Haus verlaſſen hatte, um in erwartungsvoller Unruhe einen Gang auf dem Wege nach Stellbach zu machen; da ſah er den Pfarrer auf ſich zukommen. An jedem anderen Tage würde er dem alten Mann ausgewichen ſein; heute war ſein Herz zu voll. Er trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand.

Lieber Herr Welzer, ſagte der Geiſtliche nach raſchem Gruße, Sie ſollten doch ſogleich anſpannen laſſen, um Ihren Sohn zu holen. Es iſt ihm etwas widerfahren.

Der Vater erblaßte und ſah ihn ſtarr an.

Gottes Hand hat ſchon oft ſchwer auf Ihnen gelegen, mein Theurer, fuhr jener fort.Beugen Sie ſich auch diesmal ſeinem väterlichen Willen, ſo hart er Sie auch prüft.

Mein Leopold? mein Sohn? rief Welzer, von furchtbaren Sagen Sie alles! foltern Sie mich nicht!

Ahnungen durchzuckt. Was iſt begegnet?

Könnt' ich es nochmals thun, ich

Nehmen Sie die Nachricht auf, wie ſie ein Chriſt aufnehmen ſoll. Ein Unglück hat ihn betroffen. Er iſt nicht mehr am Leben. Er iſt das Opfer eines boshaften Nebenbuhlers geworden.

Wie Keulenſchläge trafen dieſe Worte auf das Herz des Vaters. Einen Augenblick verging ihm die Beſinnung, und er mußte ſich an dem Geiſtlichen halten, um nicht niederzufallen. Dann ruckte er zu⸗ ſammen, ſprach einige verwirrte Worte und zog den Geiſtlichen nach dem Hauſe.Angeſpannt! rief er den Knechten entgegen. Er ſelbſt eilte in den Stall und half in zitternder Haſt die Pferde an⸗ ſchirren. Mitten in dieſem Geſchäft brach er plötzlich ab, rannte zu dem Geiſtlichen zurück, der im Hofe ſtehen geblieben war, und fragte:Wer hat's gethan? Wie heißt er? Wo iſt er?

Er iſt bereits ergriffen und wahrſcheinlich ſchon in den Händen der Gerichte, ſagte der Pfarrer.Der Jäger Keil iſt es.

Welzer antwortete nichts. Er ballte die Hände, ſah mit flammendem Blick in die Höhe, und lief dann wieder zu den Pferden hinein. Als der Wagen herausgezogen war und angeſpannt wurde, ſchien dem unglücklichen Vater ein anderer Gedanke zu kommen. Er wandte ſich zu dem Pfarrer und ſagte:Werde ich den Menſchen auch nicht ſehen?

Der Geiſtliche erſchrack. Er wußte, daß dies ſehr wohl mög⸗ lich war und hatte nicht bedacht, welch ein Anblick es für den Vater geweſen ſein würde, den todten Sohn und ſeinen Mörder beiſammen zu finden. Er faßte ſich jedoch ſchnell und ſagte:Sie haben Recht. Es könnte ſo ſein. Es iſt beſſer, Sie bleiben hier. Laſſen Sie die Leute hinfahren. Ich will bei Ihnen bleiben, damit Sie inzwiſchen nicht allein ſind.

Laſſen Sie mich! ſagte Welzer.Kümmern Sie ſich nicht um mich! Ja, ich muß hier bleiben. Ich könnte etwas Schreckliches

thun. Fahren Sie! Holen Sie mir meinen Sohn! O mein Leopold! mein Leopold! rief er laut, kehrte ſich ab und lief ins Haus.

Der Pfarrer, welcher ſelbſt glaubte, es ſei am beſten, den an Einſamkeit gewöhnten Mann allein zu laſſen, beſtieg den Korbwagen, während er die Leute raſch von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzte, und fuhr dann mit zwei Knechten nach dem Orte der That.

Die Gerichtsperſonen waren bereits anweſend und mit vor⸗ läufiger Feſtſtellung des Thatbeſtandes beſchäftigt. Keil, der all ihren Fragen ein verſtocktes Schweigen entgegengeſetzt hatte, wurde ſo eben nach der Stadt transportirt. Der Gerichtsarzt, der eben⸗ falls gegenwärtig war, hatte die Leiche vorläufig ſchon unterſucht, die Kugel herausgezogen und dem Gerichte übergeben. Eine Menge Leute aus der Stadt ſtanden umher. Ein Theil begleitete unter Verwünſchungen den Thäter. Da wegen der einbrechenden Dunkel⸗ heit an Ort und Stelle nichts weiter vorgenommen werden konnte, auch das Nöthigſte bereits ermittelt und aufgezeichnet worden war, ſo wurde der Todte in den Korbwagen gelegt, der Pfarrer und der Arzt beſtiegen den Wagen des letzteren, und fuhren mit der Leiche nach Birsheim.

Als ſie dort angelangt waren, als Welzer ihnen entgegentrat, und in der Dunkelheit beim Schein der Lichter der Gemordete ins Haus getragen wurde, brach der ganze leidenſchaftliche Schmerz des Vaters los. Arzt und Pfarrer verſicherten ſpäter, einen Menſchen nie in einem furchtbareren Zuſtande geſehen zu haben. Allen Troſt, alle Zuſprache ſtieß er von ſich, und vergebens ſuchte man ihn von der Leiche, die auf ein Bett gelegt worden war, zu trennen. Die beiden theilnehmenden Männer verließen ihn erſt mit Tagesanbruch. Sie ſahen, daß ihre Gegenwart doch nichts nützen könne. Der Pfarrer übernahm die Sorgen der Beſtattung.

Bis dieſe ſtattfand, verließ Welzer den todten Sohn nicht und ſaß Tag und Nacht vor dem Todtenlager, zwiſchen eiſiger Erſtarrung und heftigſter Aufregung wechſelnd. Zum Begräbniſſe war ganz Stellbach herausgeſtrömt. Der Vater hatte den Sarg geleiten wollen, aber als man dieſen aufhob, ſank er ohnmächtig zuſammen. Man mußte ihn ins Bett ſchaffen, und der anweſende Arzt erklärte, daß er an dem Zuge nicht theilnehmen könne. Das Begräbniß fand ohne ihn ſtatt. Erſt nach mehreren Wochen genas er von einem hitzigen Fieber.

Die gerichtliche Unterſuchung widere den Jäger Keil, welche indes begonnen hatte, ließ keinen Zweifel an ſeiner Schuld. Ob⸗

gleich er vom erſten bis zum letzten Verhör die That beharrlich⸗

leugnete und nicht allein ſein Zuſammentreffen mit der ſchönen

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