Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
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pflaſter ertönen, öffnen ſich die Fenſterſchalter, und neugierige, ſchwarze Augen blitzen aus den Mantillen hervor. Welcher Reiter beſäße unter ſolchen Umſtänden nicht die verzeihliche Eitelkeit, ein wenig mit dem Pferde zu kokettiren! Es will nur nicht recht gehen, die Thiere ſind zu fromm. Doch ſeht! der Doctor, hinter dem Vogel reitet, bekommt es fertig. Das Pferd wird plötzlich lebendig, ſchlägt hinten und vorn aus, ſteigt kerzengrade in die Höhe und ſcheint auf den Hinter⸗ beinen gehen zu wollen. Der arme Doctor wird leichenblaß: als der Sattelknopf nicht mehr ausreicht, umklammert er krampfhaft den Hals ſeines Thieres und erwartet mit geſchloſſenen Augen ſein Schick⸗ ſal. Seine bangen Ahnungen beginnen ſich bereits zu erfüllen, und doch iſt er ſich bewußt, dem Pferde keinerlei Anlaß zu ſolchen Toll⸗ heiten gegeben zu haben. Einer der Treiber reißt endlich das Thier am Kopfe nieder, und da Vogel inzwiſchen bei Seite geritten iſt und es deſſen Stachel nicht mehr fühlt, läßt es ſich auch bald beruhigen. Der Doctor wiſcht ſich den Angſtſchweiß ab; einen Augenblick denkt er daran, zurückzubleiben, aber die Blamage wäre doch zu groß, und mit ſtoiſchem Gleichmuthe nimmt er ſogar die Neckereien der Kame⸗ raden hin..

Das nächſte Ziel iſt Laguna, die ehemalige Hauptſtadt der Inſel, circa 1 ½ Meilen von St. Cruz entfernt und 1700 Fuß über der Meeresfläche gelegen. Der an ſchroffen Abhängen und Schluchten vorbeiführende und ſteil anſteigende Weg verbietet jedes ſchnellere als Schritt reiten, ein Glück für den Doctor und einige andere Sonntags⸗ reiter, obwohl ihre Pferde noch öfter ſehr unruhig werden, ſobald Vogel in ihrer Nähe erſcheint.

Die Sonne ſteht ſchon ziemlich hoch, als die Reiſenden die Stadt erreichen, deren öde grasbewachſene Straßen und verfallene Gebäude einen triſten Eindruck machen. Nach langem Suchen finden ſie end⸗ lich einen Gaſthof, fordern jedoch vergebens ein Frühſtück. Sie kennen die ſpaniſchen Poſadas noch nicht genug, um zu wiſſen, daß man jede Mahlzeit, die man dort einzunehmen beabſichtigt, 24 Stun⸗ den vorherbeſtellen muß. Ein halbes Dutzend Waſſermelonen iſt die einzige aufzutreibende Erfriſchung ſchlechte Ausſichten für eine dreitägige Tour.

Doch Orotava mit ſeinen paradieſiſchen Gärten und der Ausſicht auf ein franzöſiſches Hotel winkt, und nach kurzer Raſt wird wieder. aufgebrochen.

Bald iſt das traurige Laguna im Rücken, und die Geſellſchaft gelangt auf das hinter ihm gelegene Plateau, von wo die Straße ebener wird und ein ſchnelleres Fortkommen geſtattet.

Die ſich hier bietende wundervolle Ausſicht bewegt die Reiſenden jedoch einen Augenblick Halt zu machen und ihre Augen an dem Pa⸗ norama zu weiden, das ſich vor ihnen ausbreitet. Laguna mit ſeinen grauen verwitterten Gebäuden, aus deren Mitte die ehrwürdige Kathedrale emporragt, liegt zu ihren Füßen. Es macht aus der Ferne nicht mehr den Eindruck der Oede und des Ruins einſtiger Größe. Umgeben von lachendem Grün üppiger Gefilde, erhöht es nur den landſchaftlichen Reiz durch den Contraſt; das Auge ruht wohlgefällig auf ſeinen dunkeln Häuſermaſſen, und die melaucholiſchen Töne der zur Meſſe rufenden Kloſterglocken, welche der milde Wind heraufträgt, ſtimmen die Gemüther nur noch empfänglicher für die Schönheiten des Bildes. Das goldige Gelb der in reicher Fülle wogenden Weizen⸗ und Maisfelder wechſelt mit dem dunklen Grün der zur Cochenillezucht dienenden Cactuspflanzungen. Hecken von wilden Roſen friedigen vie Gefilde ein, und ihre blaßrothen Blüthen bedecken wie ein Teppich das Geſträuch.

Von drei Seiten durch groteske Felsmaſſen umſſchloſſen, öffnet ſich das liebliche Thal auf das Meer, an deſſen fernem Horizonte die Inſel Graa Canaria ſich erhebt, übergoſſen von dem bläulichen Dufte der tropiſchen Atmosphäre. Auf der nach St. Cruz führenden Straße ſteigen in langſamen Zickzackgange ſchwerbeladene Kameele und Maul⸗ thiere herauf, deren phantaſtiſch gekleidete Führer auf einer Rohrpfeife das Ohr ihrer muſikliebenden Thiere ergötz Wuhrd

das Thiere ergötzen. An den Abhängen der Berge klettern wagehälſige Ziegen und ſuchen in gefährlichen Sprün⸗ gen eine wohlſchmeckende Pflanze zu erhaſchen, während der Hirt, auf einer vorſpringenden Klippe ſtehend, ſie bewacht. Ein hoher, ſpitzer Hut von braunem Filz deckt den mit reicher Fülle ſchwarzen Haares geſchmückten Kopf; ein kunſtlos von weißem Wollenzeuge gearbeiteter

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Mantel umſchließt die ſehnigen Glieder, und geſtützt auf den langen

Hirtenſtab, ſchant er ſinnend auf das romantiſe ſ 8*

Füßen, das er ſelten oder nie kelraten hat. K NX 2422 1 S.

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A 2. d, Wll zu ſeinen

4.

Die Berge ſind ſeine Heimat, die Thiere ſeine Geſpielen der Kindheit, ſeine Gefährten im ſpätern Alter. In einer Höhle, welche einſt ſeine Voreltern, die Guanchen in die Felſen gruben, hat er das Licht der Welt erblickt. Sie dient ihm als Wohnung, wenn er ſich ſelbſt einen Herd gründet, in ihrer Nähe wird einſt ſein Grab ſein. In halbwildem Zuſtande auferwachſen, kennt er kaum die Bedürfniſſe der Civiliſation. Seine Herden geben ihm Nahrung und Kleidung, und er ſehnt ſich nicht nach andern Genüſſen, als ſeine Berge ihm bieten.

Zur Linken erhebt ſich eine Kette von ſpitzen Felskegeln. An ihrer gleichmäßigen Form, an ihren ſchwarzen, ausgebrannten Kra⸗ tern, die wie drohende Schlünde ſich öffnen, kennzeichnen ſich die Vul⸗ kane. Es dringt keine Rauchſäule aus ihnen, ihre Ränder ſind von Euphorbien und baumartigen Ericeen bekränzt, das unterirdiſche Feuer im Innern ruht ſeit langer Zeit, aber die Bewohner der Inſel werden von Zeit zu Zeit durch Erderſchütterungen daran erinnert, daß das Feuer nicht ganz erloſchen iſt und ſie auf unterminirtem Boden ſtehen.

Im Weſten ragt der Pik klar und unverhüllt in den wolkenloſen Aether empor. Sein Fuß prangt im ſchönſten Smaragd eines üppi⸗ gen Baumwuchſes; ein graugelber Streifen bezeichnet die Grenze der Vegetation, während ein blendender Schneegürtel den Gipfel umlagert und im Lichte der reflectirten Sonne weithin wie ein ſtrahlendes Meteor erglänzt.

In der Ferne auf dem tiefblauen Ocean ſchimmern die weißen Segel vorüberfahrender Schiffe, die wie leuchtende Punkte am Hori⸗ zonte ſchwimmen, und in der nahen Umgebung des Hafens von St. Cruz ſchaukeln ſich hunderte von Fiſcherbooten auf dem hellgrünen Meeresſtreifen, der wie ein Kranz die Inſel umgibt und die geringere Waſſertiefe bezeichnet.

Ueber dem ganzen Gewülde lagert eine tiefe, ſonntägliche Ruhe. Der Himmel leuchtet im ſchönſten Azur, die Sonne wirft ihre erwär⸗ menden Strahlen auf die friſchſproſſende Natur, und ein milder Luft⸗ hauch führt aus dem Thale aromatiſche Düfte zu den Höhen empor, auf den unſere Reiſenden, in ſtilles Schauen verſunken, das wunder⸗ bare Schauſpiel genießen.

Doch plötzlich wird ihre idylliſche Andacht unterbrochen. Ein höchſt unerwartetes Intermezzo lenkt die Aufmerkſamkeit von dem Naturgemälde ab und in weit höherem Grade auf ihre eigenen, werthen Perſönlichkeiten.

Außer dem Pferde des Doctors hat ſich ſchon während des gan⸗ zen Rittes namentlich das Maulthier des Lieutenants Bohr auf eine auffallende Weiſe benommen und ſeinem Reiter nicht wenig Sorge gemacht. Er hat bald die Steuerbord⸗, bald die Backbordbraſſe ſcharf an den Wind geholt, um ſein Fahrzeug beſſer zu ſteuern und auf dem richtigen Curſe zu halten, allein das hat bei dem ſtörriſchen Thiere wenig geholfen. Es treibt ſtets Allotria, geht ſeitwärts, wenn es voraus ſoll, ſchlägt hinten und vorn aus, ſobald es Vogels Schimmel in Sicht bekommt, ſcheuert ſeinen Reiter gegen jeden Baumſtamm und jede Mauer, die ſich irgend in der Nähe befindet und bringt den ſchweiß⸗ kriefenden Bohr, der mit Taupferden beſſer, als mit vierbeinigen um⸗ zugehen verſteht, faſt zur Verzweiflung. Nachdem es bei dem allge⸗ meinen Halt ſeinem Herrn eine kurze Ruhe gegönnt, ſo daß deſſen Aufmerkſamkeit nicht ungetheilt ihm zugewandt ſein muß, will es das Unglück, daß ein Trupp Kameele um die Ecke des Hohlweges biegt, an deſſen Mündung ſich das Plateau ausbreitet, auf dem unſere Ma⸗ rinecavallerie Halt gemacht.

Bekanntlich ſind Pferde und Kameele Antagoniſten und verab⸗ ſcheuen ſich gegenſeitig; kaum ſteckt daher das erſte der mißgeſtalteten Thiere ſeinen Kopf aus dem Hohlwege, als unter den Pferden und Maulthieren der Reiſenden ſich eine allgemeine Unruhe kundgibt, von der ſelbſt Vogels Schimmel nicht ausgeſchloſſen bleibt, ſo daß erſterer nur an ſich ſelbſt zu denken hat.

Insbeſondere wird aber Bohrs Fahrzeug ſehr unbequem; kein Braſſen hilft; es bäumt ſich ſo plötzlich, daß nur ein energiſcher Griff nach dem Sattelknopf den Lieutenant vor dem Herunterfallen bewahrt. Dann läßt es ſich ebenſo ſchnell auf die Vorderfüße nieder, um mit ſeinem geängſtigten Reiter auf und davon zu gehen.

Böſe Beiſpiele verderben gute Sitten. Kaum hat es ſich in Galopp geſetzt, als eine gleiche Wuth ſeine vierbeinigen Kameraden erfaßt, und im Augenblicke jagen alle Seeſternianer ventre à terre büber die Fläche dahin.

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