Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
84
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Der deutſche Wald in ſeinen Jahreszeiten. I. Das Leben des Herbſtwaldes.

Von Hermann Wagner.

Hat dich der lange, heiße Sommer ermüdet und ausgedörrt, der Sommer, welcher Körper und Geiſt erſchlaffte, er, der die unheim⸗ lichen Dämonen verheerender Epidemien gebar und ſie zu tauſend⸗ köpfigen Ungeheuern großzog o Freund, ſo danke Gott, daß er ins Meer der Vergangenheit endlich hinabſtieg und dem kühlen, erfriſchen⸗ den Herbſt ſeine Herrſchaft abtrat!

Siehe, die langen, weißen Herbſtfäden ziehen am Fenſter vorbei. Komm, folge ihnen! Kann Oberon oder irgend einer ſeiner Elfen ein beſſeres Reiſegefährt finden, um durch die Luft hinauszukutſchi⸗ ren in den deutſchen Herbſtwald? Kleine Spinnen verſchiedener Art fertigen dieſe ſilberhellen Luftſchiffchen. Auf den Enden ſchwankender Zweige ſitzen die Thierchen und ſpinnen langhin die ſchneeigen Fäden, zart und fein, wie der Sonnenſtrahl. Der friſche Luftſtrom treibt den Faden weit hinaus, rollt ihn jetzt ſtellenweiſe zu lockeren Flocken gleich Flaumfedern zuſammen, dann dehnt er ihn wieder flatternd lang aus gleich weißen wehenden Friedensfahnen. Der Kampf des Som⸗ mers iſt zu Ende, der Herbſt leitet als Unterhändler die Ruhe des Winters ein. Jetzt reißt durch einen kräftigen Luftſtoß das zarte Ankertau, welches das Luftſchiffchen noch am heimatlichen Baumzweige feſthielt. Die Spinne ſitzt als Luftſchifferin auf dem Tauwerk. Hin⸗ auf und hinab und wieder hinauf ſegeln die Herbſtfäden über die ab⸗ geerntete Flur dem Walde zu. Die Spinnen beziehen ihre Winter⸗ quartiere.

Gegrüßt ſei uns der deutſche Wald im friſchen Hauche der Herbſt⸗ luft! Er duftet nach Laub, ſein Geruch ähnelt dem würzigen Heu, das der Schnitter dem Dorfe zuführt. Wie hat ſein Anſehen ſich binnen wenig Wochen geändert! Statt des hellen Maigrün des Früh⸗ lings, ſtatt der eintönigen dunkleren Färbung des Sommers hat er ein buntes Gewand angelegt. Hier vor uns am Waldſaume, an welchem der ſcharfkalte Nordoſt bei nächtlicher Weile Bäume und Ge⸗ büſche mit Reifſternchen verſilberte, haben die Birken ihr Laub in helles Grün umgewandelt. Die ſchöngezackten Blätter des Ahorn ſchrumpf⸗ ten verdrießlich zuſammen, der alte Baum gleicht einem Krauskopf, dem eine unangenehme Geſchichte durch den Kopf geht. Das Buchen⸗ laub ward heller, der Hornſtrauch färbte ſeine Zweige blutroth, ſeine Blätter ſchimmern purpurbraun; auch der Liguſter, die Brombeeren und ſtellenweiſe ſelbſt der Weißdorn theilen dieſelbe Färbung. Manche Eichen erſcheinen bereits in fahlem Braun, andere, die etwas geſchützt vorm Winde ſtanden, haben noch das volle, kräftige Grün. Der Herbſtwald gleicht einer Harlekinjacke, einem bunten Kleid aus tauſend Flecken und Flicken zuſammengeſetzt. In Nordamerika ſoll die Leb⸗ haftigkeit der Färbung, das Feuer des Gelb und Roth des Blatt⸗ werkes noch viel greller ſein als bei uns. Es iſt jedoch ſtellenweiſe auch im deutſchen Walde bunt und ſcheckig vollauf.

Jedes Blatt im Walde hatte vom Sonnenlichte während des Sommers ſich ſattgetrunken, jedes hatte Lebensluft reichlich geſpeiſt und mit ihr ſeine übrigen Stoffe gemiſcht. Das große Feſtmahl geht zur Neige, die Gäſte ſind trunken und überſättigt. Die große Illu⸗ mination wird geſchloſſen, und wie bei einem Fackelzug zum Schluß alle Fackeln zu einem gemeinſamen Lichtberg auf einen Haufen gewor⸗ fen emporlodern, ſo flammt und flackert im Herbſt der ganze Wald zu guterletzt noch einmal hoch auf, um dann zu verlöſchen.

Die Raben fliegen krächzend um die halbentblätterten Wipfel. Die Heher grüßen uns mit lautem Kreiſchen, und von Zweig zu Zweig hüpfen die Eichhörnchen. Sie halten Ernte und bereiten die Win⸗ terquartiere vor. Eicheln, Bucheckern und Haſelnüſſe ſind gut ge⸗ rathen. Sie ſtillen den geflügelten und den vierbeinigen Nußknackern nicht nur den augenblicklichen Hunger, ſie bieten ihnen auch reiche Vor⸗ räthe für die kommende arme Zeit. Die Thiere legen ihre Winter⸗ magazine an. Dort auf dem freien Platze unter der Eiche bohrt eine Krähe emſig Loch um Loch mit dem Schnabel in den weichen Boden und ſteckt Nüſſe und Eicheln hinein. Später wird ſie dieſelben wie der aufſuchen. Jene, welche von ihr verlocht ſind und nachmals ver⸗ geſſen werden, erwachſen zu neuen Bäumen. Die Naben ſind gute

Waldgärtner, die erſten Lehrmeiſter der Forſtwiſſenſchaft! Die Eich⸗ hörnchen haben ihre Speiſekammern droben auf dem Baume im tiefen

Aſtloche und im künſtlich geflochtenen Neſte. Die Haſelmäuſe bergen ihre Schätze drunten im Buſche. Sie haben im Herbſt alle Hände voll zu thun. Die Waldmäuſe leſen am Boden zuſammen, was be⸗ reits zur Erde gefallen iſt; ſie ſputen ſich, denn von fern hört man bereits das Grunzen des weißzahnigen Borſtenviehes, das der Hirt zu üppiger Maſt durchs Revier treibt.

Wie ſieht's im Gebüſch wunderlich aus! Dieſe Aeſte ſind be⸗ reits kahl, andere zur Hälfte von den Blättern entblößt, die dritten noch völlig belaubt, gelb, braun, roth oder grün. Verſchrumpftes Ahornlaub und die großen gefiederten Blätter der Edeleſche ſind von den Bäumen oben darauf gefallen und hängen unordentlich, wild und maleriſch in den Aſtgabeln umher, da einzeln, dort händevoll. Haſt du am Schluſſe eines großen Jahr⸗ oder Meßmarktes den Wirrwarr mit angeſehen, den beim Einreißen der Buden und Stände der große Marktplatz darbietet: Stangen, Bretter, Kiſten und Kaſten, Stroh und Geniſte, alles liegt durch einander, ſo, nur noch viel wilder erſcheint jetzt das Waldgebüſch. Die hellpurpurnen eckigen Früchte des Spindelbaumes, mit den hervorquellenden goldgelben Kernen ſchimmern links, rechts leuchten ſcharlachrothe Beeren der Ebereſche, weiterhin ſchwarze Trauben des Flieders, dann jene der Rainweide und des Hornſtrauches, des Schneeballen und des Geisblattes. Es ſind letzte Reſte, die noch beim Ausverkauf der Herrlichkeiten des Wal⸗ des übrig geblieben ſind. Da huſcht das kleine Gefindel von allen Seiten heran. Rothkehlchen und Droſſeln und die übrigen luſtigen Vagabunden. Sie ſuchen wohlfeile Reiſekoſt für den weiten Marſch nach dem fernen Süden, alles muß aushelfen! Glück zu, ihr geſie⸗ derten Muſikanten, daß ihr den Sprenkeln und Schlingen entgeht, welche Dorfbuben, Vogelfänger und Jäger durch den Wald hin ge⸗ ſtellt haben! Kuckuck, Nachtigall und andere zärtliche Leute brachen ſchon frühe auf, bald wird der Wald ziemlich leer ſein. Aber ſelbſt jene Vögel, die als Strich⸗ oder Standvögel auch in der ſchlimmen Zeit im Lande bleiben, ſchlagen ſich zu kleinern und größern Geſell⸗ ſchaften zuſammen. Der helle Ruf der Finken und das ſcharfe Zwit⸗ ſchern der Meißen miſcht ſich mit dem Raſcheln der dürren Blätter und dem rauhen Krächzen der Raben. Das iſt Herbſtmuſik!

Der Förſter ſchreitet mit ſeinem Hund durch die Waldung. Er ſieht den Herbſtwald mit anderen Augen an, als der Touriſt und der Maler. Er überrechnet, wie viel Klafter Holz der Forſt in dieſem Sommer von neuem erzeugt hat. Der Wald iſt ihm eine große Werk⸗ ſtatt, ein vielſeitig verzweigtes Geſchäft. Rohſtoffe lieferten drunten der Boden, droben Luft, Regen und Sonnenſchein. So und ſoviel tauſend Centner Waſſer träufelten im Laufe des Jahres aus den Wolken herab, ſo und ſoviel tauſend ſtiegen in Bäumen und Geſträuchen empor, verdunſteten wieder oder kehrten theilweiſe als Saft dahin zurück. Sie waren Träger von hunderten Centner Kohlenſäure und Salzen, die als Kohlenwaſſerverbindungen jetzt das Holzwerk dar⸗ ſtellen. Der Wald hat eine beſtimmte, nachweisbare Gewichtsmenge Kohlenſtoff gewonnen, die ſich in Einheiten als Wärme und Kraft übertragen läßt. Der Ueberſchuß der urſprünglichen Zufuhr ſtrömt im Fluſſe, der den Wald durchſchlängelt, wieder dem Allernährer Ocean zu.

Aus dem aufſteigenden Safte wurden neue Holzlagen und Rinde, neue Aeſte und Zweige, Blätter und Früchte. Der erfahrene Forſt⸗

mann überſchlägt im Herbſt, am Feierabend der Jahresarbeit, wie

viel Centner Lohe, wie viel Kubikfuß Nutzholz, wie viel Klaftern Brennholz, Schock Reißwellen, Bindholz, Stangen und Stäbe, wie viel Pfnnd Waldſamen und anderes ſein Revier glücklich erzeugt hat. Die Berechnung des Wildſtandes kommt noch hinzu. In dem einen Reviere beaufſichtigt der Mann die Laubharker, daß ſie den jungen Nachwuchs nicht ſchädigen, in einem andern ſtellt er ſelbſt Leute an, das Moos am Grunde der Bäume aufzukratzen, um die Raupen von waldverderbenden Schmetterlingen aus ihren Winterquartieren her⸗ vorzuſuchen, die ſie dort bereits bezogen haben.

Ja, der Waldboden, er ſieht im Herbſt womöglich noch wunder⸗ licher aus, als das Baumwerk und das Gebüſch. Alles niedere Ge⸗ wächs neigt ſich müde zur Erde. Die Blumen ſind abgeblüht, die