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Claus Nitſchke in den weit rauheren„ Bis dahin war alles gut abgelaufen, und obp hatte ſich Claus dennoch in dieſe Umtaufung gefu⸗
denn jener Mann, der ſo eben fortfährt, iſt der königliche Kreisphy⸗ ſikus der nächſten Kreisſtadt; nur in höchſt bedenklichen Fällen wird er zu Rathe gezogen... und nach Ragiwen iſt er geſtern und heute auf Requiſition des Bürgermeiſters gekommen.
Auf dem Markte, wo man zu dieſer Stunde gewöhnlich irgend einen der Koriphäen Mendels erblickte, ſieht man jetzt nur ſtill und ſchnell dahineilende Geſtalten, die einen ſcheuen Blick auf das Rath⸗ haus werfen— auf ein Fenſter im zweiten Stock, welches mit ſeinen ſtarken eiſernen Stangen und ſeinem Drahtgewebe, ein unheimliches Anſehen gewährt.
Der Stadtdiener ſitzt auf der Bank und raucht eine kurze Pfeife — ſein ganzes Ausſehen hat jetzt einen Anflug von Gravität, den man an ihm nicht kannte— er ſcheint ſich der Erfüllung einer ge⸗
wichtigen Miſſion bewußt, und an dem energiſchen Ausdrucke ſeines einen Auges ſieht man, daß er dieſelbe in ihrer vollen Faſſung auszu⸗ führen ſich für fähig hält.
Der Doctor Elias ſchreitet in dieſem Augenblicke über den Platz und begegnet ſeinem Bruder Eleazar, welcher in Begleitung des aus Stettin angelangten Ingenieurs im Begriff ſteht, nach Lobchow hin⸗ auszufahren.
„Wie geht es?“ fragt ihn ſein Bruder.
„Schlecht!“ antwortet dieſer, welcher begreift, daß dem Kran⸗ ken die Frage gilt, den er ſo eben verlaſſen,„ſchlechter, als geſtern...“
„Iſt Hoffnung da?...“
„Weniger, als geſtern!“
„Hm!... glaubſt Du, daß er die geſetzliche Friſt von einund⸗ zwanzig Tagen erreichen wird!“
„Ich glaube feſt— und der Kreisphyſikus iſt ganz meiner Mei⸗
nung, daß die faſt mit Beſtimmtheit zu erwartende Auflöſung viel ſcchneller ſtattfinden wird!“
3„Zum....! armer Menſch— ich bin noch gar nicht zu mir
ſelbſt gekommen... und hat das Verhör ſchon ſtattgefunden?“
„Ich glaube, erſt morgen...“
„Wo gehſt Du hin?“„willſt Du mit nach Lobchow— die Ar⸗ beiter ſind ſchon da und morgen oder übermorgen beginnt der Ablauf des Waſſers durch die Gräben. Ich habe nur den Kopf zu nichts ſeit dem Ereigniſſe. Alſo willſt Du mit? dann ſteig ein...“
„Ich kann nicht— ich muß zu Tante Rahel...“
„Wie geht es denn da? ich habe geſtern den ganzen Tag nicht
zu ihr gehen können.“ „Das kannſt Du Dir wohl denken... die arme Rebecca—.“
4„Gott wird alles zum Guten lenken,“ ſagt Eleazar mit tiefem
Seufzer,„es ſcheint, als wenn das Schickſal gerade unſere Ankunft „ erwartet hätte, um unſere Lieben zu treffen, der Vater iſt gar kein
me Menſch mehr!“
„Wie Gott will!“ erwidert der Doctor, indem er ſeinem Bru⸗
ddeer die Hand reicht!
3 Der Wagen rollt über den Marktplatz und Elias ſetzt ſeinen Weg fort, der jedoch faſt bei jedem Hauſe, bei dem er vorbeigeht, un⸗ del Lrbrochen wird: denn aus jedem Hauſe faſt kommt ein Bewohner und
die ſein Bruder an ihn gerichtet, er in Begleitung des Kreis⸗
nicht zu ſtören. Als aber Mendel und Rudolph, des eſelbe:„daß man Sohn, ihn an einen viereckigen Stein führten, ihm befa⸗
Hände gen Himmel zu heben und den Römern ewigen Haß— odideeſichte aeternum, verdeutſchte Mendel— zu ſchwören, da widerſetzte ſichritt Claus mit aller Energie, deren er fähig war. Claus Nitſchke war ein ehrlicher Pommer. Was hatten ihm die Römer zu Leide ge⸗ than, um ihnen in alle Ewigkeit Haß nachzutragen? Er kannte die Römer nicht, hatte nie etwas mit ihnen zu thun gehabt.... ja
wenn's die Claushagener Jungen geweſen wären, mit denen die Ra⸗ mi
giwener ſchon manche mörderliche Schlacht ausgefochten, und von denen einer ihn ſogar auf offenem Feldwege augefallen und ihm einen kaum zur Hälfte verzehrten Salzkuchen und zwei Aepfel entriſſen hatte, ja dann wäre es ſchon etwas anderes geweſen; aber die Römer? Nein, Claus Nitſchke verweigerte mit ſerupulöſer Gewiſſenhaftigkeit
untells alles andere. den Kart, da verhüllte er ſich das Geſicht und weinte über Euch und über
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geleſen. Letztere... ein Bild ſtummer Verzweiflung, ſtarrt faſt ge⸗ dankenlos vor ſich hin.
Kaum hat die Kranke den Doctor geſehen, als auch ſie mit bei⸗ nahe unvernehmbarer Stimme die Frage an ihn richtet, die er ſeit einer halben Stunde ſchon ſo oft beantwortet hat, wie es dem Kranken gehe.
„Nun,“ erwidert Elias mit faſt ſorgloſer Stimme,„wir ſind recht zufrieden heute mit ſeinem Zuſtande, es wird ſich ſchon machen!“
„Gewiß?... mein Sohn— iſt das auch ſicher?“
Der Doctor verſucht zu lachen...
„Ihr ſeid ſtrenger mit mir, als meine Examinatoren, Tante,“ ſagt er,„wie kann ein Menſch mit Gewißheit die Zukunft beſtimmen?“
„Gott im Himmel!“ ſeufzt die Kranke,„wie hab' ich doch ge⸗ ſündigt, um ſolche Strafe zu erleiden!“
„Nun, nun, nur nicht gleich verzweifeln!“ meint Elias, indem er den von Johanna verlaſſenen Platz einnimmt und den Puls der Kranken befühlt.
„Ihr ſeid wahrhaftig nicht vernünftig, Tante,“ ſagt er,„Ihr dürft Euch gar nicht aufregen, wenn Ihr bald wieder auf den Beinen ſein wollt, und jetzt müßt Ihr es, denn bei dieſem traurigen Ereig⸗ niſſe muß der Unglückliche nicht noch den neuen Kummer haben, Euch krank zu wiſſen...“
„Armer Ruben!“ ſeufzt Rahel...„mein armes Kind, den ich erzogen und geliebt, als wenn ich ihn unter dem Herzen getragen; den mein David hergebracht hat, hunderte von Meilen... o mein Gott, mein Gott!...“
Als Rebecca den Namen ihres Vetters hört, iſt ſie gewaltig zu⸗ ſammengezuckt, hat einen faſt verwirrten Blick auf ihre Mutter ge⸗ worfen und iſt dann wieder in ihre dumpfe Apathie zurückgeſunken.
„Ruhe, Tante, Ruhe...“ ſagt Johannas ſanfte Stimme,„Mur⸗ ren gegen Gott iſt Sünde— arge Sünde!“
„Gib mir Deine Hand, mein Sohn,“ ſagte plötzlich die Kranke, indem ſie die Hand des Doctors ergriff,„und red mir wahr, wie Du wirſt reden einſt zu Gott Deinem Herrn. Ich weiß, daß, wenn, ſo Gott will, ich werd werden geſund, die lieben Jüden aus der Kille werden kommen und mich quälen von neuem, wie ſie es haben gethan um meines Davids und ſeines Bruders Iſachar halber und werden ſagen, daß es der Finger Gottes ſei und daß Gott mich in Ruben ſtraft, wie er hat mich geſtraft in meinem David! Nu ſag Du mir, mein Sohn, wo biſt ein Mann, in den hoffen Jung und Alt; ſag Du mir, ob hat gehandelt mein Ruben recht oder unrecht; denn,“ ſetzte ſie mit faſt feierlicher Stimme hinzu,„wenn ich weiß, daß er hat gehandelt recht, dann denke ich nicht, daß Gott, boruch hu, mich ſtrafen wolle;... denn der Gedanke, mein Sohn, iſt es, der verzehrt mein Leib; wenn ich weiß, daß er hat gethan recht, dann wird ſich heben wieder mein Geiſt in die Höhe und meine Worte wer⸗ den ſein: Gelobt ſei dein Name in Ewigkeit, Du unerfonſchlicher Gott Abrahams, Iſaaks und Jacobs! Sprich, mein Sohn, und red mir Wahrheit...“
Der Doctor hat einen raſchen Blick mit ſeiner Schwägerin ge⸗ wechſelt, welche ſich Rebecca genähert hat.
„Tante Rahel,“ ſagte er,„ich will Euch eine Antwort geben, die Eurer geängſtigten Seele den Frieden wieder geben wird, und die Worte, die ich Euch ſagen werde, ſind zwar meine Worte; aber ſie geben nur die Gedanken wieder von denen, in die Ihr ſo viel Ver⸗ trauen, wie in mich, ſetzen könnt, von Eleazar und Johanna! Nein! Tante, man hat nie Recht, ſich vom Zorne hinreißen zu laſſen, ſelbſt gegen die verächtlichſten ſeiner Feinde, und doch, wir, die wir in an⸗ deren Kreiſen gelebt, eine andere Bildung genoſſen, Eleazar und ich, wir hätten vielleicht ebenſo wie Ruben gehandelt! Noch etwas will ich Euch ſagen, Tante Rahel, und das wird Euer Herz mehr erquicken, Als wir unſerem Vater den ganzen Vorgang er⸗
dann ſagte er, er, den die Juden im ganzen Lande ſeiner theit und ſeines frommen Lebenswandels halber ſo hoch
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