Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
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Es ſind Herbſtzeitloſen, der letzte Schmuck des erſterbenden Jahres.

Das Ungewöhnliche reizt zur näheren Betrachtung! Eine Blume ohne Laub, ein erſtes Aufblühen, kurz vorn dem Beginne des Winters! Beides iſt abſonderlich! Die ganze Geſtalt der Zeit⸗ loſenblüthe mahnt an die Krokosblumen im erſten Frühjahr. Letztere werden jubelnd als früheſte Boten des Lenzes begrüßt, hier die Zeitloſe erſcheint dagegen als ein verlorener Poſten.Wenn die Blu⸗ men blühen, feiern ſie ihr Hochzeitsfeſt! ſagte Vater Linné. Das Hochzeitsfeſt der Herbſtzeitloſe wird ſtets durch ein jähes Unglück, durch den tödtenden Winter unterbrochen, wie in einer Tragödie. Sie bietet ein Symbol für unglückliche Liebe.

Die fleiſchrothe Blumenkrone der Zeitloſe öffnet ſich oben in ſechs regelmäßigen Theilen, nach unten verlängert ſie ſich in eine dünne weiße Röhre, die ſich ziemlich einen Fuß tief in die Erde er⸗ ſtreckt. Im oberen Theile der Blume ſind die ſechs Staubgefäße ein⸗ geheftet, welche des Sonnenlichtes bedürfen, um den befruchtenden Pollen ausſtreuen zu können. In der Mitte ragen die Narbenſpitzen der drei fadenförmigen Griffel empor, bereit, die ausſtäubenden Zellen aufzunehmen. Tief unten im Schoß der Erde, in der umhüllenden fleiſchigen Maſſe der Zwiebel, liegen die Fruchtknoten mit den Samen⸗ knospen. Dort endigen die dünnen Griffel. Kaum haben die Nar⸗ ben die Pollenkörner empfangen, ſo beginnen letztere zu feinen Schläu⸗ chen auszuwachſen. Die Griffel ernähren ſie. Binnen zwölf Stun⸗ den ſchon gelangen die Pollenſchläuche bis zu den Samenknospen in die Zwiebel, jede Stunde ungefähr einen Zoll wachſend. Die Bil⸗ dung des Samens wird eingeleitet, dann ruht das Gewächs bis zum nächſten Frühjahr. Die Blume verwelkt; der erbeutete Schatz iſt im Schoße der Erde vergraben. Wie bei den bekannten Kalender⸗ novellen, die am liebſten an der ſpannendſten Stelle abbrechen, heißt es auch hier:Die Fortſetzung folgt im nächſten Jahre!

Die Zeitloſe ſteht in dieſer Beziehung nicht ſo vereinzelt da, als mancher wohl glauben möchte; die Nadelhölzer, der Haſelſtrauch und andere bieten ähnliche Verhältniſſe, nur fallen die Blüthen weniger ſtark in die Augen und öffnen ſich nicht zu ſo ungewöhnlicher Zeit.

Im Frühjahr treibt aus der Zwiebel der Zeitloſe ein fußlanger Stengel empor, ſchmückt ſich mit drei bis fünf breitlanzettlichen Blät⸗

tern, und die drei Fruchtknoten entwickeln ſich zu eben ſo vielen Kap⸗

ſeln, die theilweiſe mit einander zuſammenhängen.

Auf die Frage: warum die Zeitloſe gerade im Herbſt blüht

und nicht im Frühling? fehlt uns die Antwort. Ihre nächſte Ver⸗ wandte, die Alpenzeitloſe, die z. B. auf Alpenwieſen im ſüdlichen Theile des Cantons Wallis vorkommt, öffnet ihre Blüthen im Sommer und reift die Samen noch in derſelben Saiſon. Das Bulbocodium vernum, das unſerer Herbſtzeitloſe täuſchend ähnelt, blüht in Wallis bereits im Februar oder März und fructiſicirt ebenfalls in demſelben Sommer. Auch die beiden Arten Tofjeldie, ſowie die zwei Arten Germer(weiße Nießwurz), ſämmtlich Gebirgsbewohner, halten in ihrer Entwickelung den gewöhnlichen Gang.

Von den 30 Arten Colchicaceen im engeren Sinne, welche bis jetzt bekannt geworden ſind, iſt unſere Herbſtzeitloſe die einzige, welche wie ein verlorener Poſten nach den Wieſen von Mittel- und Nord⸗ deutſchland vorgeſchoben iſt. Die übrigen bewohnen das öſtliche Eu⸗ ropa und die Gebiete ums Mittelmeer. Die Herbſtzeitloſe macht den Eindruck, als ſei ſie noch ein letzter Ueberreſt aus jener vorgeſchicht⸗ lichen Zeit, in welcher die Flora unſerer Heimat den Charakter der gegenwärtigen Mittelmeerflora trug; aus jener Zeit, deren Reſte in den Braunkohlenlagern und Flötzen der Tertiärperiode vergra⸗ ben liegen. Nach Amerika hat ſich nur eine einzige Gattung dieſes Geſchlechts verirrt.

Schon der Name Colchicum, mit welchem die Botaniker die Gat⸗ tung der Zeitloſen bezeichneten, weiſt auf die eigenthümliche Beſchaf⸗ fenheit der Säfte dieſer Gewächſe hin. Das alte Kolchis in Grie⸗ chenland genoß wegen der Giftkenntniſſe ſeiner Einwohner einen eigenthümlichen Ruf. Die Rhizotomen(Wurzelgräber) und Phar⸗ mokopolen(Arzneihändler) der alten Zeit wußten ſchlimme Dinge zu erzählen von den Pflanzen dieſer Gruppe. Schon beim Ausgraben, ſo fabelten ſie dem gläubigen Publicum vor, bekämen die Wurzelgrä⸗ ber leicht Kopfſchmerz und könnten ſich gegen giftige Wirkungen ſchlim⸗ merer Art nur dadurch ſchützen, daß ſie giftwidrigen Lauch äßen und ungemiſchten Wein dazu tränken.

Die Pharmokopolen, welche ihr Weſen ganz nach Art der ſpäte⸗

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ren marktſchreieriſchen Quackſalber trieben, verſchluckten vor den Augen ihrer Käufer ſcheinbar große Gaben Nießwurzpulver(der weiße Ger⸗ mer geht unter dem Namen weiße Nießwurz). Sie wollten zeigen, daß ihre käuflichen Medicamente untrügliche Gegengifte ſeien. Zeit⸗ loſen und Nießwurz waren ein Paar Hauptmittel in der verhängniß⸗ vollen Küche der berühmten oder berüchtigten königlichen Giftmiſcher: Attalos von Pergamon und Mithridates VI. von Pon⸗ tos. Der erſtgenannte pflegte jene Kräuter eigenhändig in ſeinem Garten und, um ihre Wirkungen zu erproben, vergiftete er ſeine Freunde und Verwandte. Dem Mithridat kam es hauptſächlich dar⸗ auf an, eine Miſchung zu erfinden, die, aus hunderterlei Dingen zu⸗ ſammengebraut, ein Mittel gegen alle möglichen Gifte ſein ſollte. Eines ſeiner Recepte behielt noch alsMithridat ſogar bis in das gegenwärtige Jahrhundert hinein ſeinen gänzlich unverdienten Ruf.

Die friſche Wurzel der Zeitloſe hat einen rettigartigen Geruch, aber einen ſcharfbitteren, kratzenden Geſchmack und war ſchon bei den Alten als Hermodactyli als Arzneimittel in Gebrauch. Letztere ſtammten wahrſcheinlich von Colchicum Ritchii C. variegatum und ähnlichen Arten des Mittelmeergebietes, die aber in den Wirkungen der Zwiebel unſerer Herbſtzeitloſe ganz ähnlich ſind. Die Wurzel⸗ ſammler pflegen die Zeitloſenzwiebeln entweder im Sommer oder auch im Herbſt auszugraben. Dieſelben enthalten außer Stärke, Gummi und anderen unbedeutſamen Stoffen eine ſcharfe Säure, die ſich beim Trocknen verflüchtigt; dann einen bitteren Extractivſtoff und Col⸗ chicin. Letzteres iſt eines jener Pflanzenalkaloide, welche die neuere Chemie als die eigentlichen wirkſamen Beſtandtheile der Arznei⸗ und Giftgewächſe herzuſtellen gelehrt hat.

Der Chemiker bereitet jenes Colchicin gewöhnlich nicht aus den Zwiebeln der Zeitloſe, ſondern aus den reifen Samen der Pflanze. Es läßt ſich zwar in Form kleiner Kryſtalle gewinnen, iſt aber ſo flüchtiger Natur, daß es ſich ſchon beim Austrocknen zu zerſetzen pflegt. Es ſchmeckt bitter ſcharf, iſt dagegen nicht brennend, wie das ſonſt nahe verwandte Veratrin, bewirkt auch nicht heftiges Nießen, wie es das Letztere thut. Schon in ſehr kleinen Mengen kann es Erbrechen oder Purgiren hervorrufen, und ein halber Gran iſt bereits im Stande, den Tod herbeizuführen. In Waſſer löſt es ſich ziemlich leicht auf; mit Säuren bildet es Salze, die ebenſo bitter ſchmecken, wie das freie Colchicin.

Wegen ſeiner leichten Zerſetzbarkeit wird das Colchicin nicht vom Apotheker verwendet, ſondern nur mitunter vom Chemiker und Phy⸗ ſiologen zum Experimentiren im Laboratorium dargeſtellt. Um es zu gewinnen, deſtillirt man die zerkleinerten Samen mit Waſſer bei Zuſatz fixer Alkalien. Letztere ſetzen das Colchicin aus den ſalzar⸗ tigen Verbindungen in Freiheit, in denen es ſich bis dahin befindet. Das Deſtillat wird mit Schwefelſäure geſättigt, abgedunſtet und das ſchwefelſaure Alkaloid in Alkohol gelöſt. Aus der Löſung kryſtalli⸗ ſirt meiſt ſchon bei dem Verdunſten des Alkohol das reine Salz aus. Durch nochmaliges Deſtilliren über wäſſerigem Alkali ſcheidet man die organiſche Baſis, das Colchicin aus und reinigt es durch Recti⸗ fieation. Der Gehalt der Wurzel an wirkſamen Beſtandtheilen iſt ſehr ſchwankend und ſcheint von der Jahreszeit und der Entwickelung des Gewächſes abhängig zu ſein. Mitunter ſollen die Zeitloſenzwie⸗ beln kaum irgend eine auffallende Wirkung hervorbringen, zu anderen Zeiten dagegen wieder deſto heftiger. Dem erſteren Umſtande iſt es wahrſcheinlich nur zu verdanken, daß Zeitloſenknollen mitunter zur

Fälſchung des Salepp benutzt werden konnten, ohne gerade jedesmal

die ſchlimmſten Folgen nach ſich zu ziehen. Die Fälle, in denen die getrockneten oder friſchen Wurzeln oder auch die Samen in Subſtanz vom Arzte verordnet werden, ſind ver⸗

hältnißmäßig ſelten, meiſtentheils wied den Patienten entweder Zei

loſenwein, ein Auszug der zerquetſchten Samen oder Wurzeln mit Madeira, Malaga oder Xeres, oder Zeitloſentinctur, ein Auszug der Samen durch Spiritus, ſeltener auch, und zwar früher, Zeitloſeneſſig, ein Auszug der Wurzel durch Eſſig gegeben. Die genannten Zeitloſenpräparate wurden anfänglich für Haupt⸗ mittel gegen die Waſſerſucht gehalten, da ſie die flüſſigen Abſon⸗ derungen vermehrten, dabei freilich auch Durchfall herbeiriefen. Nachher kamen ſie in Nuf als wirkſam gegen Gicht und Rheu⸗ matismen, beſonders wenn dieſe mit heftigen Gelenkſchmerzen verbun⸗ den waren. Es trat auch in vielen Fällen nach Anwendung von

Zeitloſenpräparaten wirklich eine zeitweilige Beſſerung des Krankheits⸗ zuſtandes ein, andere Aerzte behaupteten aber, daß oft die Krank⸗