Jahrgang 
01-12 (1867)
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ohnmächtig blieben und nur den Sieg deſſelben förderten. Ich er⸗ innerte den Papſt an ſeine 1862 an mich geſchriebenen Worte:Wir ſtehen in voller Zuverſicht, daß Gott das Ungeheuer der Impietät und des Unglaubens nicht länger in Europa wird wüthen laſſen, und finden einen beſonderen Troſt in dem Gedanken, daß die edleren Ge⸗ müther und gelehrteren Männer(nobiliora ingenia et doctiores viri) aller Confeſſionen darin einig ſind, die gottloſen Anläufe der Zeit zu verabſcheuen.

Jetzt fragte mich der Papſt, ob ich länger in Rom bleiben wolle. Ich bejahte dieſe Frage, und ſprach nun klar und beſtimmt mein An⸗ liegen aus; ich ſei, ſagte ich, nach Rom gekommen, um mich vor allen Stücken mit der vatikaniſchen Bibel zu beſchäftigen, und wünſche ſeine Erlaubniß dazu, vom neuen Teſtamente auf meine Koſten eine Aus⸗ gabe gleich dem Codex Sinaiticus zu veranſtalten. Der Papſt er⸗ widerte:Aber der Codex iſt ja ſchon vom Cardinal Mai herausge⸗ geben worden. Ich:Ja, und zwar das neue Teſtament ſogar zwei Malz; aber dieſe Ausgaben ſind nur für den gewöhnlichen Gebrauch; ich dagegen will eine diplomatiſch treue, paläographiſche Ausgabe ver⸗ anſtalten, gerade um zu zeigen, daß Mai in der Hauptſache ſchon das Richtige gegeben, was man jetzt nicht überall glaubt. Der Papſt: Das muß aber ohnehin geglaubt werden; es iſt eine Sache des Glaubens(è um' affare della fede). Ich:Ja, aber man glaubt's dennoch nicht. Dagegen wird man's glauben müſſen, wenn ich den Text paläographiſch genau darſtelle; dann bleibt dem Zweifel kein Raum mehr. Der Papſt:Aber das können wir auch ſelber machen (ma potremo fare anche noi). Dieſe Antwort beſtätigte jene alte römiſche Eingenommenheit gegen den Fremdling und Nichtkatholiken, der ja eben endlich ausführen wollte, was man ſo lange in Rom ſelbſt verabſäumt hatte. Ich kann nicht leugnen, daß ſie mich ein wenig warm machte; ich entgegnete darauf:Nun, dann wird mir aber doch ohne Zweifel geſtattet ſein, die Handſchrift in allen Stellen einzuſehen, über die ich Gewißheit zu erlangen wünſche? Freundlich nickend erwiderte der Papſt:Si, si(ja, ja). Ich theilte ihm nun mit, warum mir gerade jetzt ſo viel auf die genaue Kenntniß der vatika⸗ niſchen Handſchrift ankomme; in meiner neueſten Ausgabe des neuen Teſtaments ſeien ſämmtliche Texteszeugniſſe von Wichtigkeit nieder⸗ gelegt, da ſtöre jeder Zweifel über den Vatikanus. Dabei überreichte ich ihm das Verzeichniß meiner Werke, wo auch der erſten Lieferungen des genannten neuen Werkes Erwähnung geſchieht. Der Papſt be⸗ trachtete das Verzeichniß, äußerte ſeine Verwunderung, als er beiläu⸗ fig 40 bis 50 Büchertitel verzeichnet ſah und ſagte:Aber, Sie ſind doch noch jung? Ich entgegnete:Ich bitte um Entſchuldigung; ich habe bereits fünfzig Jahre überſchritten. Darüber rief der Papſt aus:Ma che buona salute. Ich ſagte:Dieſe gute Geſundheit be⸗ weiſt mir, daß ich noch viel zu arbeiten habe; um noch viel arbeiten zu können, hat mich der Herr ſo wohl erhalten. Der Papſt bemerkte hierzu, Gregor der Große ſei faſt immer leidend geweſen und habe doch auch viel gearbeitet. Ich ließ dieſe ſchmeichelhafte Parallele auf ſich beruhen und erwiderte:Was mich anlangt, ſo will ich lieber ge⸗ ſund ſein(io preferisco stare bene) und viel arbeiten, ich halte mich an das Wort: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano (Man muß darum bitten, daß ein geſunder Geiſt in einem geſunden Leibe wohne). Zu dieſem alten, auch in die römiſche Liturgie auf⸗ genommenen Spruche citirte der Papſt ſeinerſeits das Wort des Ja⸗ cobusbriefs: Omne datum bonum et perfectum sursum est(Alle gute und vollkommene Gabe kommt von oben herab). Bald darauf verabſchiedete ich mich.

Hatte ich nun etwas erreicht oder nicht? Von einer paläogra⸗ phiſchen Prachtausgabe mochte ich immerhin abſehen müſſen, wenn ich nur durch genaue Prüfung des Originals alle Zweifel über ſeinen Text beſeitigen und überall das Richtige geben konnte. Ich kam ſchnell ins Reine darüber. Ein vortrefflicher Mann, der Cardinal Pitra, gegenwärtig das gelehrteſte Mitglied des hohen Collegiums, jetzt eben in kirchenrechtliche Quellenſtudien vertieft, verhalf mir dazu. Das beſondere Zimmer dieſes Cardinals ſelbſt wurde mir zur Dispoſition geſtellt; Antonelli ſagte darüber wörtlich:Was wir für den Cardi⸗ nal Pitra gethan haben, werden wir auch für Sie thun. Die zahlloſen

den iſt.

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.

Vacanztage die vatikaniſche Bibliothek zählt nur 99 Arbeitstage des Jahres wurden für mich aufgehoben; ſtatt täglich drei Stun⸗ den durfte ich ſechs Stunden arbeiten. Der Vatikanus ſelbſt aber ſollte zum genaueſten Studium in meine Hände gelegt werden, nur nicht zur beabſichtigten Publikation. Antonelli berichtete mir, der Papſt habe ihm auf den Vortrag meines Geſuchs geſagt:Ho ver- gogna(ich ſchäme mich). Die Maiſche Ausgabe rechtfertigt dies Gefühl ſo ſehr, daß ich nicht umhin konnte, zu entgegnen: Dieſem Gefühl muß man Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Da eben deshalb der Papſt ſelber ein Gegenſtück zum Codex Sinaiticus liefern wollte, ſo bot ich meine Beihilfe dazu an, zum Danke für die Begünſtigung meiner eigenen Arbeit.

Bald ſaß ich über der letzteren, ein ſchöner Traum war wirklich geworden. Aber die Störung blieb nicht aus. Ein jeſuitiſcher Späher wußte hohen Orts die Eiferſucht rege zu machen. Man hinterbrachte dem Papſte, ich ſei ja doch mit der Vorbereitung der Ausgabe beſchäftigt, die ſich Se. Heiligkeit ſelbſt vorbehalten. Augenblicklich ernannte der Papſt den vermeintlich rechten Mann zur Ausführung ſeines Werkes, und nur für dieſen blieb die Handſchrift zugänglich. Meine Arbeit war bis zum Johannes⸗Evangelium gediehen; wie wichtig ſie ſei zur Be⸗ ſeitigung der vorhandenen Irrthümer, war mir täglich klarer gewor⸗ den. Umſoweniger war ich zur Verzichtleiſtung aufgelegt; ich that jeden Schritt, der zum Ziele führen konnte; ich berief mich auf die mündliche Zuſage des Papſtes, ein ſolches Wort müſſe Geltung be⸗ halten. Und in der That wurde mein Zweck, wenigſtens der Haupt⸗ ſache nach, vollkommen erreicht, trotz Späher und Gegner. Was mir ſchwer auf dem Herzen lag, wie oben geſagt worden, wurde glücklich beſeitigt; alle erſehnten Aufſchlüſſe ſind gewonnen worden, und in wenig Monaten wird endlich die gelehrte Welt aus der Leipziger Preſſe eine zuverläſſige Ausgabe des vatikaniſchen neuen Teſtaments erhal⸗ ten, worauf ſie ſo lange umſonſt gewartet. Was dieſem Leipziger Buche an diplomatiſcher Ausführung, an paläographiſcher Veran⸗ ſchaulichung abgehen wird, nun das wird hoffentlich die römiſche Prachtausgabe ausgleichen. Denn der gegebene Befehl, eine mit der kaiſerlichen Ausgabe des Sinaiticus wetteifernde Veröffentlichung vom ganzen Vatikauus zu machen, iſt ſpäter beſtätigt worden. Die Typen, die ich für jene Ausgabe zum Behuf kunſtmäßiger Nachah⸗ mung des Originals anfertigen ließ, gingen bereits auf den Wunſch der Propaganda nach Rom, und damit iſt wenigſtens Eine Bedin⸗ gung zur Herſtellung des beabſichtigten Kunſtwerks erfüllt, eines Werkes, das ſchon im voraus in lateiniſchen Verſen als ein Ehren⸗ denkmal desPatronus artium bonarum Pio Nono gefeiert wor⸗ Als mich am 20. April Se. Heiligkeit mit größtem Wohl⸗ wollen zu einer Abſchiedsaudienz empfing, vermied er offenbar, das heikle Thema meiner vatikaniſchen Arbeiten zu berühren. Nachdem er mir aber ſeinen Abſchiedsſegen gegeben, unterließ ich meinerſeits nicht, mich für ſeine Publikation und zwar ohne jegliche Entſchädi⸗ gung zu ſeiner Verfügung zu ſtellen. Ich hielt ein ſolches Anerbie⸗ ten für meine Pflicht, da von mehreren Seiten meine perſönliche Wirkſamkeit dabei für nöthig erklärt worden war. Tags darauf er⸗ zählte Pio Nono einer hohen, dafür ſich intereſſirenden Dame davon und ſetzte mit Genugthuung hinzu:Bisogna dunque ch'io lo bene- dica per questo(Dafür muß ich ihm ſchon meinen Segen geben).

Auflöſung der Räthſel in Nr. 1. I. Schwefelholz(Schwefel, unterm Kolben erhitzt, ſchlägt als Schwefel⸗ blüthe an; mit Queckſilber(Merkur) verbunden, gibt er Zinnober). II. Daheim.

Inhalt: Das Weib des Karaiten(Fortſ.) Nov. v. M. Ben Aron. Reminiscenzen aus der Hochſommerzeit. I. Die Schutzengel der Verwundeten. Von G. Hitlt. Mit Illuſtr. v. Bleibtreu. Die Cholera ſeit 30 Jahren. Von Dr. Wald. Der Unbekannte von Biarritz. Von A. Mels. Ham⸗ burgs grüne Inſeln. Mit Illuſtr. von A. Mosengel. Eine Audienz bei Pio Nono. Von C. Tiſchendorf.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld

herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig

Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen* Klaſing in Bielefeld und Verlin. Druck von Liſcher* Wittig in Leipzig.

III. ahrge

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.. Die arme, äl ihr machen wird, bei ihrem Beuj zur rechten Zeit, ergrffen hat und ſ gerührter Stimme i Frau Mirjan iſt ſie die Nderlage v zubürden.