Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
28
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Neuhof, Altenwerder, Finkenwerder. Hamburg und Hannover thei⸗ len ſich in die fruchtbaren Eilande. Im Zickzack geht die Grenzlinie über das ganze Gebiet, und zwar ſo, daß auf Hamburg der größere und werthvollere Theil kommt. Wir wollen uns heute nur mit den zuletztgenannten, ſtromabwärts gelegenen Inſeln beſchäftigen, in deren friedliche Stille noch nicht das ewige Gehämmer raſtlos arbeitender Maſchinen dringt, und wo kein rauchender Fabrikſchornſtein ſeine trü⸗ ben Wolken zwiſchen uns und den blauen Himmel legt; wo man ſelbſt die Kleider noch ohne Maſchine näht und das Talglicht mit den Fingern putzt.

Glücklicherweiſe iſt es mir gelungen, in der alten Kaufmanns⸗ ſtadt einen idylliſchen Freund aufzutreiben, der wie ich, heiteren Sin⸗

nes, mit dem Skizzenbuch in der Taſche, durch das Leben wandert;

ein Schulkamerad, der einzige unter ſo vielen, den übereinſtimmende Eigenſchaften und Neigungen einen ähnlichen Weg geführt haben; dem ich auf dem Pont neuf in Paris und an der Rheinbrücke bei Köln begegnete und nun wieder vor der leider noch immer fehlenden Elbbrücke, im lieben Lande der Väter. Der erſte ſonnige Herbſtmor⸗ gen führte uns, unſerer Verabredung gemäß, am Hafen zuſammen.

Leiſe ging der Morgenwind durch den dichten Maſtenwald und das Tauwerk der Schiffe, und ließ es tönen wie Aeolsharfen, bis das Signal zur Abfahrt, die gellend dazwiſchenlärmende Schiffsglocke, das melodiſche Säuſeln verſchlang.

Das kleine Dampfboot, welches wir beſtiegen, fährt durch den ſchon erwähnten Köhlbrand nach Harburg, den Inſel⸗Archipel mitten durchſchneidend. Sobald es das breite Fahrwaſſer der Norderelbe verläßt und in den Seitenarm einbiegt, weichen die majeſtätiſchen, ſegelbeladenen Dreimaſter zurück, und wir ſehen ſie endlich nur noch am fernen Horizont wie glänzende Schwäne vorüberziehen. Dafür umſchwärmen uns immer zahlreicher die Inſelbewohner, in allerlei Böten, Kähnen,Jollen undEwern. Verwetterte Fahrzeuge mit geradeſtehendem Maſt und einem einzigen, vielfältig geflickten Segel, deſſen Farbe in allen Schattirungen ſpielt, von Hellbraun bis zum dunkelſten Violettſchwarz; das ſind die Fiſcher von Neuhof und Altenwerder, die Segel und Netze in Lohe kochen, um ihnen eine grö⸗ ßere Haltbarkeit zu geben. Dort die ſpitzer geſchnäbelten Schiſßs von denen uns eine ganze Flotte vorüberſauſt, zwei Segel führen an dem ſchräge nach hinten gerichteten Maſt, ſind MoorburgerMilch⸗ Ewer. Die Moorburger ſtreichen ihre Segel mit Oelfarbe an, bis ſie ſteif wie ein Brett ſind, und ſo roth, daß es eine wahre Freude iſt. Zu beiden Seiten tauchen die Inſeln auf, rechts Mühlenwerder, Grenzweide, Waltershof und Rugenbergen, welches Hamburg im Jahre 1858 für die Summe von 208,000 Thlr. käuflich erwarb; links Neuhof, von hohen Weidenbäumen beſchattet, hinter dem ſchützen⸗ den Deiche. Wo jetzt der Köhlbrand flutet und ebbt, ſoll einſt Neu⸗ hofs längſt verſunkene Kirche geſtanden haben.

Noch eine Viertelſtunde, und wir verließen das Dampfboot, als einzige Paſſagiere für die Kahnſtation Altenwerder. Es war gerade Ebbe und faſt der niedrigſte Waſſerſtand, ſo daß uns der Kahn nicht weit bringen konnte, ſondern etwa hundert Schritt vom Deiche ent⸗ fernt, am Steg, unſerm Schickſal überließ. Der Fährmann ſtopfte ſich eine Pfeife und betrachtete mit Theilnahme den jungfräulichen Firniß unſerer Stiefel. Er ſelbſt ſchien das Eintreten der Flut in ſeinem Boote abwarten zu wollen. DerSteg oder dieLandungsbrücke beſtand aus einer zehn Fuß breiten Schlammſchicht, von nicht genau zu berechnender Tiefe, die an beiden Seiten durch ein ſtarkes Weiden⸗ geflecht zuſammengehalten wurde.Schlamm oderSumpf ſind übrigens ſehr ungenügende Binnenlandsausdrücke für das, was wir hier vor uns hatten; es war der echteSchlick! von einer angeneh⸗ men Chokoladefarbe, weich und milde beim Hineinſteigen und unge⸗ mein anhänglich beim Wiederherausziehen der Füße. Dieſe hundert Schritte genügten, um uns für den ganzen Tag gegen kleine Terrain⸗ ſchwierigkeiten abzuhärten. Endlich waren wir oben auf dem Deiche und ſuchten durch energiſches Stampfen auf das Steinpflaſter und ſeitliches Schaben an einem alten Anker wenigſtens wieder etwasaus dem Gröbſten zu kommen, bevor wir weitergingen.

Abgeſehen von dem unvermeidlichen Schlick, der aber gerade die Inſeln ſo fruchtbar macht, iſt alles ſehr ſauber und reinlich, vorzüg⸗ lich auf Altenwerder, welches zu den wohlhabendſten gehört. Das Innere der ſtattlichen Bauernhäuſer, die rothen Milcheimer mit fun⸗ kelnden Metallbeſchlägen, die wohlgenährten Kühe, erinnern an hol⸗ ländiſche Wirthſchaft und Sitte Holländer waren es auch hier, die

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den erſten Anſiedlern die Deiche anlegten, wie im nachbarlichenAlten⸗ lande, zu Anfang des 12. Jahrhunderts. Ein kreisrunder Deich umſchließt Altenwerder; mitten darin, wie eine würzige Nuß in der harten Schale, liegen reiche Gemüſegärten und üppiges Weideland, um dieſe reihen ſich die Häuſer von etwa 2000 Einwohnern im Kranze aneinander, eng umgürtet vom Deich; und damit auch die äußere, grüne Schale der Nuß nicht fehle ſo umgibt den Deich das blühende Vorland. Ueber das ſilbergraue Strohdach der alten Häuſer hängt ein Sammetteppich von weichem Mooſe; ein Bibelſpruch, in den Thür⸗ balken geſchnitzt, bekundet den frommen Sinn des Erbauers; in den kleinen, blanken Scheiben der Giebelfenſter ſpiegelt ſich der Himmel; und ſo ſchauen ſie eben ſo freundlich über den Deich wie die blau⸗ äugigen Kinder mit rothen Backen, die auch ihr Strohdach auf dem Kopfe tragen, aber ein goldblondes, nicht ganz ſo ſtruppiges. Dunkle Eſchenkronen beſchatten die Häuſer, und ihre ſchlanken Zweige mit den gefiederten Blättern hängen dem Storch ins Neſt, der gravitätiſch auf und ab wandelt oder hinausſieht ins Vorland, wo eben ſeine kleine Nachbarin, die Schwalbe, der Möve guten Tag ſagt.

Vorland heißt alles Land, welches außerhalb des Deiches ſchutzlos den wechſelnden Einflüſſen von Flut und Ebbe, preisgege⸗ ben iſt. Die von Wind und Wellen müde gehetzten Schiffe, da liegen ſie nun auf den Rippen und ruhen aus, zur Zeit der Ebbe, bis die nächſte Flut ſie wieder flott macht.

Ringsum blüht und wuchert das üppigſte Pflanzenleben. Große Flächen ſind von breitblättrigem Huflattig bedeckt. Da ſteht der gif⸗ tige Schierling im Rohr, neben der ſchönen Waſſerviole mit lilafar⸗ bigen Blumen. Hoch überragt ſie alle der ſchlanke Schaft der Rohr⸗ kolbe, die man hierBullenpeſel nennt. Das ganze Schilffeld blüht, und die braunen Federbüſche ſchwanken und wogen durcheinan⸗ der und neigen ſich oben, wenn umen die ſteigende Flutwelle durch die zahlloſen Halme rauſcht. Doch ſo willkürlich das Schilf auch zu wachſen ſcheint, es hatzſeinen Herrn und Eigenthümer, der es beauf⸗ ſichtigt, ſchneidet und erntet, ſo gut wie der Geeſtbauer ſein Korn; dort hinten liegt der Kahn, und die Männer, die ihn mit einer keines⸗ wegs werthloſen Lavung befrachten, ſtecken knietief im Schlick und ſchneiden hr Schilf, werches alsReithrohr(Reet) vorzüglich zum Dachdecken verwendet wird.

Das iſt alles gar ſchön und erfriſchend zu ſehen, wenn man lange die dumpfe Stadtluft geathmet hat, und ſo wurde uns der Weg nicht lang. Wir umgingen die halbe Inſel und verließen dann den Deich. Noch eine Stunde Wegs durch grünes Wieſenland, wo Kühe und Pferde weideten, brachte uns an den ſchmalen Elbarm, der Alten⸗ werder von der Inſel Finkenwerder trennt.

Von einer Brücke war natürlich wieder keine Spur vorhanden. Weit und breit keine menſchliche Seele zu erſpähen, nur unabſehbare Triften, von Silberſtreifen durchzogen; denn die Flut füllte ſchon das Netz der ſich kreußenden Flußarme und Rinnen. Auch drüben der Deich ſchien öde und leer, nur ein einſames Häuschen in ziem⸗ licher Entfernung hauchte ein kräuſelndes Rauchwölkchen in den klaren Aether.

Aber mein Gefährte, der die Elbinſeln kennt, wie ſeine Taſche, wußte Rath. Mit Stentorſtimme rief er:Fährmann Butendiek! Buten diek! Anfänglich ohne Erfolg. Die Kühe ſchauten wohl verwundert auf, und die graſenden Fohlen ergriff ein paniſcher Schrecken; ſie fuhren zuſammen, warfen den Kopf in die Höhe und ſtürmten in toller Flucht ins Weite, wir aber blieben in noch größe⸗ rer Einſamkeit am Ufer Wück. Erſt unſerer vereinigten Kraft ge⸗ lang es endlich nach gewaltiger Lungenanſtrengung aus dem fernen Hauſe einen Menſchen hervorzurufen, der auf den Namen Butendiet hörte. Er kam heran, zog ſein Boot aus dem Schilfe und brachte uns bald an Finkenwerders Ufer.

Von dieſen, gewiß ſehr alten, bezeichnenden Familiennamen wie Butendiek(Außendeich) finden ſich noch manche auf den Inſeln und ſtehen im engen Zuſammenhange mit dem Lande, wie z. B. Butenop (Außen auf), Tobaben(Oben auf), Dammann. Alles dreht ſichum denDeich, der wie Ebbe und Flut zu den großen Lebensfragen V der Marſchländer gehört. Auf Finkenwerder ſind die einſilbigen Ei⸗ gennamen ſtark vertreten und theilweiſe originell genug wie Hans Loop, Claus Popp, Hein Six, Tiet oder Tietje Fock u. ſ. w.

Finkenwerder iſt wie Altenwerder ringsum eingedeicht, in der Mitte liegt die Kirche und das Schulhaus. Der ſüdliche Theil ge⸗ hört Hannover, iſtlüneburgiſch wie die Einwohner ſagen, der nörd⸗