Jahrgang 
01-12 (1867)
Seite
4
Einzelbild herunterladen

ganze Wagen voll Gold! Was geht das mich an?.. Ich bin ich!.. das will ſagen: gar nichts.. nicht ſo viel wie der Stein, den ich fortſchleudere hier mit meinem Fuß!... nicht ſo viel, wie dieſer Tropfen Waſſer, den das Mühlenrad mir eben zugeſpritzt hat!!!... Neugierig bin ich nicht, aber wiſſen möcht' ich's doch, warum Gott der Herr gelobt ſei Sein Name mich hat geſandt in die Welt wozu?

In dieſem Augenblicke hob er den Kopf auf und ſah, wie auf der entgegengeſetzten Seite der Straße ein Bauer ſich abmühte, einen gefüllten Sack auf ſeine Schulter zu laden. Der junge Mann ſchritt ſchnell über die Straße, und mit einer Muskelkraft, welche man ſeinem ſchlanken Körper kaum zugetraut hätte, hob er den Sack in die Höhe und legte ihn auf die Schultern des Bauern.

So, Hans! ſagte er,nun vorwärts!

Dank Euch, Jud' Ruben! verſetzte dieſer, der ihn erkannt hatte,das Ding iſt heute abſcheulich ſchwer, und ich hab' die ganze vorige Woche zu Bette gelegen.

Wo ſoll's denn hin? fragte Ruben.

Nach der Mühl'! antwortete Hans.

Wenn Ihr aber die ganze vorige Woche zu Bette gelegen habt, ſo könnt Ihr doch den Sack zur Mühl nicht tragen, Hans! ſagte der andere, und ehe ſich der Bauer verſah, hatte er ihm den Sack abgenommen, auf ſeine Schulter geſchwungen und ſchlug den Weg zur Mühle ein.

Ach! ſeufzte Hans auf,es ging auch wahrhaftig nicht mehr. Dank Euch, Jud' Ruben, Ihr ſeid ein braver Burſch' 12

Wozu ich gut bin? murmelte unterdeſſen der junge Mann, indem er rüſtig vorwärts ſchritt und ſeinen Monolog fortſetzte,... jetzt ſehe ich's, wozu ich gut bin!... den Bauern das Korn auf meinen Schultern nach der Mühle zu ſchleppen!... Und er lachte bitter vor ſich hin.

Um zur Mühle zu gelangen, mußte er den faſt ſchon zurück⸗ gelegten Weg noch einmal machen und hatte nicht geſehen, daß im Hausflur Iſaak Bentheims Rebekka mit rothen Augen ſtand, traurig auf die Straße hinausblickte und auf dieſe Weiſe den ganzen Vorfall zwiſchen dem Bauer und ihm beobachtet hatte. Ihre Augen folgten dem Laſtträger, und ein noch herberer Gedanke, als alle anderen, ſchien ſich ihrer plötzlich zu bemächtigen, denn ſie konnte nicht mehr an ſich halten, fing laut zu ſchluchzen an und, indem ſie ihr Geſicht in die Schürze verbarg, lehnte ſie ſich ein Bild tiefen Schmerzes an den Thürpfoſten.

Reheses konnte ſiebzehn bis achtzehn Jahre alt ſein und war im vollen Sinne des Wortes eine Schönheit zu nennen. Der orientaliſche Typus war bei ihr zu einer Vollkommenheit gelangt, die man bei den heutigen Juden nur noch ſelten findet. Sie war nicht groß, aber ſehr ſchlank, und ihr Gliederbau, obgleich in vollkommenſtem Ebeumaß, hatte zu gleicher Zeit ein Anſehen von Kraft und Stärke, welche bei ihren Glaubensgenoſſinnen ſehr ſelten iſt. Ihre Geſichts⸗ farbe war bräunlicher, als es gewöhnlich bei den nordiſchen Jüdinnen

der Fall iſt, ihre Züge regelmäßig, ſanft, in runden Linien ſich ver⸗ ſchmelzend, jedoch von Augen beleuchtet, die, wenn ſie nicht, wie jetzt,

voll Thränen waren, einen Ausdruck von Güte, Sanftmuth und

Schwärmerei hatten, wie man nicht leicht einen gleichen hätte finden können. Rebekkas Augen waren die ſchönſten Augen, welche man ſehen konnte, und erhielten einen noch größeren Reiz durch die Lang⸗ ſamkeit ihrer Bewegungen. Ein Blick Rebekkas ſchien ſich wie ein Gewicht zu erheben, fiel aber auch wie ein Gewicht ſtand, auf welchen ſie ihn richtete.

Was thuſt Du was weinſt Du Rebekkchen? fragte ein ſo eben ins Haus Eintretender, in dem wir den Achſelzuckenden von vorhin erkennen, und ohne die Antwort des jungen Mädchens ab⸗ zuwarten, fuhr er fort:Kann mir denken, warum Du weinſt hat die gute Mirjam gewiß Dich behandelt ſchlecht Dich geſchimpft, Dich geſtoßen Dich geworfen h'naus Dich geſchlagen Dich..

Und der nervöſe Menſch würde wahrſcheinlich in einem immer⸗ währenden Crescendo bis zum Mord und Todſchlag gelangt ſein, wenn Rebekka nicht ſchnell ihre Augen getrocknet und ihn unwillig unterbrochen hätte.

Ihr ſeid ein Narr und kein guter Narr! ſagte ſie mit entſchiedener Stimme,was hat Euch meine gute Tante Mirjam gethan, daß Ihr ſo etwas von ihr glauben könnt? Ich bin ge⸗ kommen, ihr zu helfen, wie mich meine Mutter geſandt, jedoch da nichts mehr zu thun iſt, da alles ſchon geordnet iſt, hat ſie mir einfach geſagt, daß für mich nichts mehr zu thun übrig ſei.... Und wenn ich ſo weichherzig bin, mich darüber zu grämen, daß ich für meinen Vetter Eleazar und Elias nichts thun kann und weine, wie kommt Ihr dazu, meine Tante anzuklagen?

Und ſie wollte, nachdem ſie dieſe Worte geſagt, die Thüre verlaſſen und hinausgehen.

Weißt Du was, Rebekkchen? ſagte Meier mit einem bös⸗ artigen Lachen,gräme Dich nicht, geh nach Haus, richt Deiner Mutter Haus ein, putz es aus, bereit einen großen Schmaus und lad Deine Vettern aus Berlin bei Euch ein, und wenn Du willſt, kannſt Du mich laden auch ein!!!

Es mußte ein arg beleidigender Sinn in dieſen Worten liegen, denn Rebekka wurde mit einem Male wie mit Blut übergoſſen, beugte jedoch, ohne ein Wort zu antworten, den Kopf und ſchritt zur Thüre hinaus..

... ſagte Meier nachdem er ſich allein ſah, mit einem noch ſtärkeren Achſelzucken wie gewöhnlich,will auch noch mitreden ä Mad, wo kann nit mal ſagen, wie ſie heißt mit ihr Vaters⸗ namen! man ſoll ſagen! iſt ſtolz, als wenn ſe wäre de Toch⸗ ter von Reb Mauſche Avrohm aus Zempelburg! Ich hob's ihr aber g'ſagt.... ſie wird daran denken!! Er öffnete die Thüre und trat bei Bentheim ein.

(Fortſetzung folgt.)

Bilder aus dem Seeleben.

Vom Corvettencapitän Werner.

Ein Ball an Bord).

Unz weifelhaft wird es einigen jüngern Leſerinnen ſo vorg ekommen an 1 3 3

Zwiſs ob ſich die Vorkehrungen für den in Ausſicht geſtellten Ball GaninSeeſtern über die Gebühr in die Länge zögen; indes

bedurf mancherlei zur Rechtfertigung anführen, das in den beſon⸗

Garerhältniſſen eines Kriegsſchiffes ſeine Begründung findet. So z. B. werden Fregatten eigentlich nicht für Ballzwecke er⸗

einige Küſtenbatterien zu vernageln und verſchiedene Befeſtigungen zu ſtürmen. auch ganz glatt von der Hand ging, zeigten, ganz brauchbar ſind, ſo verfloß doch immer ainigenn itedamlit.

und Officiere, wie Mannſchaften

holen, allein da entſtanden erſt die eigentlichen Schwierigkeiſn arkdit

auf den Gegen⸗

Wenn dies demSeeſtern und ſeinen Kameraden e

1

daß deutſche Seeleute auch für ſolche ungewohnte Landarbeidie L Wamit. ſo Als dann der Friede kam und das Schiff o B Wriff aus dem kehrte, wollte das junge Volk zwar ſchleunigſt das Verſäun, deg alten

1

n

galt, Hinderniſſe zu beſiegen, die unüberwindlich ſchienen inn helfen,

neigung unſeres Freundes Kurzſpleiß gegen das weibliche um Beſuch, N

im allgemeinen und gegen einen Ball an Bord im beſonder

Das fehlte auch noch, Sr. Majeſtät Hinterdeck durchad.

tige Polkas und Walzer zu entweihen; ja wenn es noch Ba unwilligen

allein wäre, aber auch das geheiligte Steuerbord nein, Kinder und

dentende Truppenmaſſen über einen meilenbreiten Strom zu ſetzen, tichetmdeskinder Dienſt geht zu Grunde. Und nun wohl gaman wird's

gel an thun, ſo lang nonen forträumen und die Politur ef Welt!

ude jüdi⸗ Der anderer unerhört! ſe Lieblings⸗

,

8

baut, und ihre Umwandlung in einen Tanzſalon erfordert deshalb immer eine gewiſſe Zeit. Sodann brach auch bald nach den zuletzt geſchilderten Ereigniſſen bekanntlich ja Krieg aus, und da derSee⸗ ſtern ſchleunigſt zurückbeordert wurde, mußte man den Ball vorläu⸗ fig ausſetzen. Zwar hatten die Geguer keine Kriegsſchiffe, indes gab es für das gute Schiff doch allerhand zu thun. Da waren be⸗

*) Vgl. Jahrgang 1866. S. 205.

an den Tag 1c

XN